UMWELT / AUTOABGASE Dickes Ei
Westdeutschlands zerstrittene Parteien haben einen gemeinsamen feind entdeckt: das Blei.
In einem »Gesetz zur Verminderung von Luftverunreinigungen durch Ottokraftstoffe für Kraftfahrzeugmotore« sollen die Benzinhersteller gezwungen werden, den Benzin-Bleigehalt in zwei Etappen zu reduzieren: Anfang nächsten Jahres dürfen in einem Liter Sprit nur 0,40 Gramm Blei (heutiger Durchschnitt: 0,44 Gramm) enthalten sein, ab 1. Januar 1976 nur noch 0,15 Gramm.
Der in erster Lesung beratene Gesetzesentwurf bereitet den Benzin-Bossen tiefes Unbehagen. Während er für die BP-Manager »ein dickes Ei« ist, sieht die Esso in Hamburg in ihm »mehr eine politische Entscheidung«, mit der die Parteien »ein schnelles Ergebnis im Kampf gegen die Umweltverschmutzung vorweisen wollen«.
»Daß Blei gefährlich ist, wird nicht bestritten«, meint Chevron-Sprecher Hans-Henning Kunckel, »ob Kohlenmonoxid aber nicht viel schlimmer ist, weiß noch niemand.
Tatsächlich nehmen sich die 7000 Tonnen Blei, mit denen jährlich 14 Millionen Kraftfahrzeuge Westdeutschlands Straßen verpesten, gegenüber den acht Millionen Tonnen Kohlenmonoxid, 1,2 Millionen Tonnen Kohlenwasserstoff und 12 000 Tonnen Schwefelteilehen der Auspuffgase vergleichsweise bescheiden aus.
Die Benzinbosse fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt, denn durch die in Deutschland übliche Besteuerung nach Hubraum wurden sie gezwungen, für die hochverdichteten Motoren bleihaltigen Kraftstoff zu produzieren. Bleizusätze sind bei den heute verwendeten Motoren notwendig, um den Motor »klopffest« zu machen.
Ohne den Metallzusatz würde das gefährliche »Motor-Klingeln« die Ma schien binnen kurzer Zeit verschleißen. Die hohen Oktanzahlen des in Deutschland verwendeten Treibstoffes (93 his 95 für Normalbenzin und 100 für Superbenzin) werden seit Jahrzehnten durch Blei-Additive der chemischen Industrie erreicht.
Das von der Bundesregierung verlangte bleiarme Benzin ist von den Mineralölindustrien nur durch aufwendige Raffinerieumbauten zu erzielen. Fachleute schätzen die Investitionskosten auf rund 1,5 Milliarden Mark. Mithin würde sich der Sprit um etwa zwei Pfennig pro Liter verteuern.
Trotz der kostspieligen Umstellung halten es Experten wie der Shell-Diplomingenieur Werner Dabelstein nicht für möglich, die gegenwärtigen Oktanzahlen zu erreichen. Dabelstein: »Nach dem derzeitigen Stand der Technik ist es unwahrscheinlich, daß innerhalb dieses Jahrzehnts Verarbeitungsverfahren zur Verfügung stehen werden, welche die Herstellung unverbleiten Kraftstoffs mit einer Oktanzahl von 100 in ausreichender Menge zu tragbaren Kosten ermöglichen würden« Für Deutschlands Autofahrer hätte dies zur Folge, daß die heute von den Fließbändern rollenden Pkw in einigen Jahren nur noch Schrottwert besäßen.
Der Ruf nach bleifreiem Benzin ertönte in Deutschland zum erstenmal. als die amerikanische Regierung den Automobilwerken sogenannte katalytische Nachverbrenner vorschrieb. Diese Aggregate haben die Aufgabe, aus den Benzinabgasen vor allem daß gefährliche Kohlenmonoxid und unverbrauchtes Benzin durch Nachverbrennung unschädlich zu machen. Die Katalysatoren funktionieren allerdings nur, wenn bleifreies Benzin verwendet wird.
Die amerikanische Automobilindustrie hat sich bereits darauf eingestellt und produziert seit Jahresbeginn nur noch Motoren, die auch mit 91-Oktan-Benzin einwandfrei arbeiten.
Freilich haben es US-Konstrukteure leichter als ihre deutschen Kollegen, die Motoren auf bleifreien Sprit zu trimmen. Denn bei dem großen Hubraum amerikanischer Straßenkreuzer konnte die Zylinder-Kompression herabgesetzt werden, ohne die PS-Leistung spürbar zu senken.
Um beim Kampf gegen die Autoabgase ähnlich günstige Voraussetzungen wie in den USA zu schaffen, plädieren Branchenexperten in Westdeutschland für eine Änderung der jetzigen Pkw-Besteuerung. BP-Pressesprecher Dr. Jochen Stachow: »Wenn der Bundestag nicht schnellstens die Hubraumsteuer abschafft, sehen wir schwarz.«