Die 13 Aufrechten - DER SPIEGEL
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Die 13 Aufrechten

• aus DER SPIEGEL 49/1947
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lord Woolton, der Vorsitzende der Konservativen Partei Englands, ist ein passionierter Freund trockener Zahlen. Diese Neigung hat ihm die Mitgliedschaft in der Königlichen Statistischen Gesellschaft eingebracht. Dem 64jährigen ehemaligen Ernährungsminister unter Churchill fiel deshalb das Rechenexempel nicht schwer, daß die mehr als zwei Millionen Stimmen, die bei der letzten Regierungswahl 1945 der englischen Liberalen Partei zugefallen waren, zusammen mit einer Reaktivierung leicht eingeschlafener konservativer Reserven genügen müßten, um dem Sozialismus in England ein schnelles Ende zu bereiten.

Lord Teviot, der Vorsitzende der Liberalen, dem Lord Woolton im Mai einen Vorschlag zu gemeinsamem Vorgehen gegen die Labour-Partei unterbreitete, war ebenfalls kein ungeübter Rechner. Lange Jahre an verantwortlicher Stelle im britischen Schatzamt und später als Kontrolleur des königlichen Haushalts hatten ihn den Wert der Zahlen erkennen lassen. Was Lord Woolton an Ueberzeugungskraft noch fehlte, ersetzte der liberale Lord durch einen Blick auf die ständig zurückgehende Wähler- und Abgeordnetenzahl seiner Partei. Ein gemeinsames Aktionsprogramm wurde geboren.

Jahrhunderte hindurch waren Konservative und Liberale (oder Tories und Whigs, wie sie früher genannt wurden) die unbeschränkten Herrscher des britischen Parlaments gewesen und hatten sich im freien Machtkampf in der Regierung Großbritanniens und seines Empires abgelöst. Die Gründung der Arbeiterbewegung und der rasche Aufstieg der Labour-Partei hatten jedoch das Kräfteverhältnis zugunsten der etwas wendigeren und aktiveren Konservativen verschoben. Ein ständiger Stimmenrückgang hatte in den letzten Jahren die liberale Partei zu einem in England beispiellosen Abstieg geführt. 13 Abgeordnete im Unterhaus haben die schwierige Aufgabe, dort für die liberalen Ziele zu kämpfen, wo früher 200 und mehr sie vertraten.

Es fehlte nicht an kritischen Stimmen in beiden Lagern, als das Aktionsprogramm bekannt wurde. Die Notwendigkeit eines Kampfes gegen »eine weitere Periode sozialistischer Mißregierung,« von der das Programm sprach, fand Beifall. Aber das Gift des Parteiprestiges und der kühle Wind dogmatischer Differenzen verhinderte schließlich den Aufmarsch der Truppen für den Kreuzzug gegen den Sozialismus.

Einflußreiche Liberale sprachen offen von konservativen Versuchen, den schwach gewordenen Liberalismus zu annektieren. Sie warnten vor dem Zerrieben werden zwischen den konservativen und - sozialistischen Mahlsteinen. Konservative ihrerseits waren nicht bereit der zahlenmäßigen Verstärkung größere ideologische Zugeständnisse zu machen. Die Labour-Regierung beobachtete interessiert das Experiment ihrer Gegner. Bei den letzten Regierungswahlen hatten die Konservativen stillschweigend keine Kandidaten aufgestellt, wo schon Liberale Sitze innehatten. Trotzdem hegte man auf der Labour-Seite allerlei Zweifel am Zustandekommen einer gemeinsamen Rechtsfront. Die Zweifel waren berechtigt.

»Nur eine Regierung ist möglich für ein liberales England, und das ist eine liberale«, heißt es in einer amtlichen Erklärung der liberalen Partei, die jetzt herausgegeben wurde und die allen wohlgemeinten Einigungsversuchen den Todesstoß versetzt. In ihr ist die Rede von dem festen Entschluß, die Unabhängigkeit des liberalen Gedankens zu wahren. Unterzeichner der Deklaration sind Clement Davies, der Fraktionsführer der Liberalen im Unterhaus, und eine Reihe von weiteren Führern der Partei. Lord Teviots Name fehlt. Der alte Herr ist etwas traurig. Er reitet noch immer sein Fusions-Steckenpferd und erklärt: »Wenn man dem Sozialismus zuleibe rücken will, so tut man das besser auf einer Straße als auf zweien.«

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