»Die Angst schleicht sich in alle Köpfe«
Pieper, 49, betreut seit 1988 traumatisierte Opfer von Gewalttaten. Nach dem Mord an einer Lehrerin in Meißen (1999) arbeitete er zwei Jahre lang mit den betroffenen Pädagogen und Jugendlichen. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Können Sie aus Ihrer Arbeit nach dem Racheakt in Meißen abschätzen, welche Folgen der Amoklauf in Erfurt langfristig haben wird?
Pieper: In Deutschland, ja in Europa hat es ein solches Massaker noch nicht gegeben, so was geschah immer nur weit weg - in Amerika. Die Amoktat wird nicht nur die Lehrer in Erfurt beschäftigen. Sie wird in sämtlichen Kollegien des Landes Kreise ziehen, sich in alle Köpfe schleichen. Viele Pädagogen werden mehr und mehr massive Ängste bekommen und damit immer verkrampfter vor die Klassen treten.
SPIEGEL: Wie äußert sich diese Angst?
Pieper: Die Lehrer in Meißen haben mir berichtet, wie schwer es ihnen gefallen ist, sich wieder vor die Schüler zu stellen und nicht gleich in jedem einen potenziellen Mörder zu sehen. Diese Angst wird sich angesichts der 17 Opfer von Erfurt vielfach potenzieren.
SPIEGEL: Wie waren die Reaktionen der Schüler?
Pieper: Ähnlich. Sie klagten lange über eine sehr starke Angespanntheit, über Konzentrationsschwierigkeiten in der Schule. Doch die Ängste gingen auch weit über die Schule hinaus, etwa bei Fahrten in Bussen oder Bahnen. Sobald ein Unbekannter den Wagen betrat, begann unwillkürlich die Phantasie zu arbeiten: Der richtet hier gleich ein Massaker an.
SPIEGEL: Lassen diese Ängste irgendwann nach?
Pieper: Ich habe in Meißen zwei Jahre lang vor allem die Schwersttraumatisierten betreut. Die waren anfangs praktisch nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Inzwischen sind sie wieder so weit, dass Schule wieder Realität ist und nicht nur gespielt wird - es wird wieder Unterricht erteilt und erlebt.
SPIEGEL: Wie stabil ist diese psychische Verfassung?
Pieper: Die Ereignisse von Erfurt werden bestimmt wieder die alten Wunden aufreißen. Ich habe in Meißen vor allem bei den Lehrern erlebt, dass schon kleinste Ereignisse genügten, sie auf 180 zu bringen.
SPIEGEL: Kommt zu der Angst auch das Gefühl, womöglich als Pädagoge versagt zu haben?
Pieper: Da muss man mehrere Dinge unterscheiden. Der Schüler, der in Erfurt mordete, wurde von der Schule verwiesen - aber dennoch kann niemand damit rechnen, dass dadurch ein solches Maß an Gewalt ausgelöst wird. Diese Hemmschwelle kann nur überwinden, wer einen psychischen Defekt hat oder unter Drogen steht ...
SPIEGEL: ... aber der Schüler hat die Tat geplant, die Waffen besorgt. Warum fällt so jemand an einer Schule nicht auf?
Pieper: Die Kritik daran, dass Schüler, die so erkennbar unter Stress stehen, in unserem Schulsystem nicht auffallen, ist sicher berechtigt. Da wird man umdenken müssen. Die Lehrer werden sich mehr Zeit nehmen müssen, die Schüler auf ihre emotionalen Probleme anzusprechen und ihnen so Entlastungsmöglichkeiten zu bieten. Das wird zunehmend wichtiger - und es funktioniert, wie wir am Beispiel Meißen im Nachhinein gesehen haben.
SPIEGEL: Wie sah das praktisch aus?
Pieper: Nach dem Mord wurden so genannte Klassenlehrerstunden angeboten, in denen nicht gepaukt werden musste. Da wurde einfach mit den Schülern über ihre Situation gesprochen. Leider hielt das gerade mal vier Wochen.
SPIEGEL: Warum?
Pieper: Es ist eingeschlafen, weil Lehrpläne zu erfüllen sind, der Stoff durchgearbeitet werden muss. Die Freiräume für solche Gespräche müssen geschaffen werden, denn nur so können auch Beobachtungen von Schülern einbezogen werden, kann reagiert werden, wenn Schüler sagen: Der hier fällt mir auf, mit dem stimmt was nicht. Dafür muss Zeit sein - und es muss auch erwünscht sein.
SPIEGEL: Ist das nicht der Fall?
Pieper: In den meisten Schulen, besonders den Gymnasien, ist es nicht erwünscht. Viele Lehrer sagen, das sei nicht ihre Aufgabe, sie könnten nicht die verkorkste Erziehung in den Elternhäusern korrigieren. Andere wollen es gern machen, ihnen fehlen aber die Möglichkeiten dazu.
SPIEGEL: Helfen Kriseninterventionsteams weiter, wie sie jetzt in Bayern aufgebaut werden?
Pieper: Ja, sicher. Aber auch die Länder, die das nicht wollen, brauchen ein breites Netz von Psychologen, die mit traumatisierten Lehrern und Schülern umgehen können. Nur: In jüngster Zeit halten sich immer mehr traumatherapeutisch Ungeschulte für geeignet.
INTERVIEW: IRINA REPKE