»Die Arbeit wird wichtiger«
SPIEGEL: Sie gelten als einer der erfolgreichsten Spionagechefs des Kalten Kriegs. Entzieht das Ende des Konflikts Ihrer Spezies nunmehr den Wirkungsboden?
WOLF: Kaum. Natürlich gibt es jetzt große Veränderungen und neue Bedingungen für die Tätigkeit der Nachrichtendienste. Die Politik der Entspannung setzt sich weiter fort. Aber um Rückschläge zu vermeiden, braucht man Kontrollmechanismen.
SPIEGEL: Die Vernichtung von Raketen oder das Basteln an nuklearen Anlagen läßt sich auch durch Satelliten überwachen.
WOLF: Aber damit läßt sich nur feststellen, was geschehen ist oder was passieren könnte - nicht aber, was in den Stäben und Regierungen geplant wird, welche Entwicklungen in den Forschungslabors laufen oder ob ein Staatsstreich bevorsteht, der die ganze Situation verändern kann.
SPIEGEL: Die endgültige Entscheidung Saddam Husseins zum Angriff auf Kuweit war durch Spionagesatelliten also nicht zu erkunden?
WOLF: Es gibt auch sehr viele andere Beispiele dafür, wo so mächtige Dienste wie die CIA oder der BND überrascht wurden. Aber sowenig ich die Möglichkeiten der Geheimdienste überschätze - sie werden für lange Zeit immer noch das einzige Mittel sein, um in besonders sensiblen Fragen die notwendigen Informationen zu beschaffen. Entgegen landläufigen Vorstellungen glaube ich, daß die Arbeit der Geheimdienste da noch wichtiger wird.
SPIEGEL: Bei der CIA gibt es Planspiele, sich auch auf Industriespionage zu verlegen.
WOLF: Dazu braucht man nicht unbedingt einen Geheimdienst. Aber sicherlich wird sie auch eine Rolle spielen. Es sind ja immer Sprünge in der wissenschaftlichtechnischen Revolution möglich, die streng geheimgehalten werden und sehr schnell von militärischer Relevanz sein, die Kräfteverhältnisse verändern können. Man denke nur an SDI.
SPIEGEL: Da reklamieren Sie gern für die Kundschafter jedweder Provenienz eine Art Friedensdienst.
WOLF: Keiner darf glauben, er könne irgend etwas Schlimmes vorbereiten, ohne daß der anderen Seite dieses Projekt bekannt wird. Das ist für die Erhaltung des Friedens von ungeheurer Bedeutung.
SPIEGEL: Sind die Gegner von gestern denn heute zu Absprachen über gemeinsame Aktionsfelder bereit?
WOLF: Es gibt Ansätze bei der Terrorismusbekämpfung. Man muß versuchen, Regeln zu schaffen für eine Kooperation auch gegeneinander gerichteter Geheimdienste sowie für den Informationsaustausch auf bestimmten sensiblen Gebieten. Vielleicht wären einige Ex-Geheimdienstchefs prädestiniert, sich mal zusammenzusetzen und darüber nachzudenken.
SPIEGEL: Da dürfte es Dienste geben, die sich in solche Absprachen kaum einbinden lassen.
WOLF: Natürlich erscheint das irreal. Aber wer hätte nach dem ersten Treffen zwischen Reagan und Gorbatschow erwartet, was nun an Entspannung zwischen Ost und West verwirklicht wurde? Das muß auch bei den Nachrichtendiensten möglich werden.