Die Atom-Pandora - DER SPIEGEL
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RAKETEN-POLITIK Die Atom-Pandora

• aus DER SPIEGEL 16/1957
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In der Nacht vom Montag zum Dienstag der letzten Woche bellte der Sprecher von Radio Moskau eine fürchterliche Drohung gegen die Deutschen ins Mikrophon. Er behauptete, Bundeskanzler Adenauer verlange »mit zunehmender Dringlichkeit«, daß die Bundeswehr mit Atomwaffen ausgerüstet werde, und fuhr dann fort- »Aber angesichts der Bevölkerungsdichte in Deutschland könnte das deutsche Volk zugrunde gehen, denn die kleinsten Atomgeschosse haben eine größere Sprengkraft als über tausend Bomben des zweiten Weltkrieges.«

Die Radiobotschaft an die Deutschen war auf den gleichen Ton abgestimmt, mit dem der Kreml seit knapp vier Wochen die kleinen Völker Westeuropas zu erschrecken versucht:

- Am 21. März drohte Bulganin in einem Brief an Norwegens Ministerpräsidenten Gerhardsen den Norwegern mit vernichtenden Wasserstoffbomben - Schlägen gegen die Nato-Stützpunkte auf ihrem Gebiet.

- Acht Tage später war Dänemark an der

Reihe. Am Abend des 29. März überreichte der Kopenhagener Sowjetbotschafter Slawin dem dänischen Ministerpräsidenten Hansen einen Brief Bulganins, dessen Ton noch schärfer war als der des Briefes an Gerhardsen. »Es käme einem wahren Selbstmord gleich«, hieß es darin, »wenn Dänemark im Falle eines Atom-Krieges die Errichtung fremder (Nato-)Stützpunkte dulden würde.«

- Gleichzeitig wurde den Schweden eine

- freilich weniger amtliche - Warnung zuteil. Das geschah in Form eines Artikels im Organ der sowjetischen Armee »Krasnaja Swesda«. Das Blatt brandmarkte schwedische Generale und Politiker als »Faschisten«, die für Schweden eine Atomrüstung fordern.

- Sieben Tage nach dem Brief an den

Dänen Hansen verlegten die sowjetischen Schimpfkanoniere ihr Feuer von Skandinavien nach Westeuropa. In gesonderten Sendungen attackierte die Rundfunkstation Moskau am 5. April die Niederlande, die deutsche Bundesrepublik und England. Das Schwergewicht lag dabei zunächst auf Holland. Mit schrecklicher Akribie beschrieb der Sprecher, wie eine über dem hölländischen Nato-Stützpunkt Soesterberg abgeworfene Wasserstoffbombe zugleich die vier Städte Amsterdam, Den Haag, Utrecht und Amersfoort ausradieren würde.

- Am 8. April schließlich drohte Radio Moskau auch den Spaniern. Die Verwandlung Spaniens in einen amerikanischen Atom-Stützpunkt beschwöre für das Land furchtbare Gefahren herauf, sagte der Sprecher.

Die sowjetische Drohoffensive ist offenbar darauf angelegt, die Länder Westeuropas davon abzuschrecken, sich von der Nato - genauer gesagt: von den Vereinigten Staaten - mit Atom-Raketen ausrüsten zu lassen.

Freilich sind die Sowjets an der Neigung der westeuropäischen Staaten, Atom-Fernwaffen einzuführen, keineswegs unschuldig. Denn die sowjetischen Anstrengungen auf diesem Gebiet sind durchaus nicht nur gegen amerikanische, sondern auch gegen westeuropäische Ziele gerichtet (siehe Karte), und überdies waren es die Sowjets selbst, die das Thema der Umrüstung auf Atom-Raketen mit Aplomb in der europäischen Öffentlichkeit aktuell machten.

Das geschah am 5. November vorigen Jahres. Am Abend dieses Tages - zwölf Stunden zuvor waren britische und französische Streitkräfte auf ägyptischem Boden nahe dem Suez-Kanal gelandet - übergab der sowjetische Botschafter dem damaligen britischen Ministerpräsidenten Eden einen Brief Bulganins.

Darin drohte der sowjetische Regierungschef in zwielichtiger Weise mit einem sowjetischen Atomraketen-Angriff auf England. »Wie wäre die Lage Englands«, fragte Bulganin, »wenn es selber von stärkeren Staaten überfallen würde, die über sämtliche Arten moderner Vernichtungswaffen verfügen? Solchen Ländern wäre es ja heutzutage möglich, von der Entsendung von See- und Luftstreitkräften zur Küste Englands abzusehen und andere Mittel, zum Beispiel die Raketentechnik, einzusetzen.«

Als das britische Kabinett über diesen Brief Bulganins beriet, mag den führenden Männern Englands das Einmaleins der modernen Strategie und Politik klargeworden sein: Wer die Atomdrohung eines Gegners nicht mit einer eigenen Atomdrohung beantworten kann, ist dem Diktat des Gegners hilflos ausgeliefert.

Was immer damals die letzten Gründe für Englands Verzicht auf das Suez-Abenteuer gewesen sein mögen, eine ausschlaggebende Rolle spielte dabei sicher, daß England nicht in der Lage war, Bulganins versteckte Drohung mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Und so gewiß England für seine inzwischen angekündigte Umrüstung auf Atomraketen auch wirtschaftliche Gründe hat, so sicher ist es, daß die demütigende Situation des 5. November den letzten Anstoß zu dem britischen Umrüstungs-Entschluß gab.

Unter seinem jungen Verteidigungsminister Duncan Sandys beschloß England, seine Heeresverbände abzurüsten und die Rüstung mit aller Energie auf Atom-Fernwaffen umzustellen.

Der britische Entschluß droht, wie die Debatten in den westeuropäischen Parlamenten zeigten, die Nato zu sprengen. Fast alle Länder Westeuropas sind schon aus ökonomischen Gründen der Versuchung ausgesetzt, künftig auf konventionelle Waffen zu verzichten und sich den billigeren Schutz durch Drohung - durch Atomraketen also - zuzulegen.

Es mag noch Jahre dauern, bis jeder kleine westeuropäische Staat mit Atomraketen ausgerüstet ist, aber diese Entwicklung ist im Gange. England machte den Anfang, und Bundeskanzler Adenauer sagte dazu: Dies sei eine Entwicklung, die nicht aufgehalten werden könne, wenn nicht ein allgemeines Abkommen über die kontrollierte Begrenzung der Waffen erzielt werde, und keine Nation könne hier beiseitestehen und bloß zusehen. Eine Zersplitterung der Nato in einen Haufen atomgerüsteter Nationalstaaten wäre für die Sowjet-Union keineswegs so vorteilhaft, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

Ziel der sowjetischen Europa-Politik ist - wie aus Bulganins Brief an den dänischen Ministerpräsidenten Hansen hervorgeht - ein »kollektives Sicherheitssystem« auf der Basis der gegenwärtigen europäischen Grenzen, das heißt unter Beibehaltung der Teilung Deutschlands in zwei Staaten.

Bis zur Stunde kann die Sowjet-Union noch hoffen, ein europäisches Sicherheitsabkommen in praktisch zweiseitigen Verhandlungen mit den USA zu erreichen, denn nur sie - die Sowjet-Union und die USA - verfügen über, Raketen mit Atomköpfen, über die Waffe also, mit der allein heute noch politische Entscheidungen erzwungen werden können. Allerdings zeigte die sowjetische Raketendrohung gegen England am 5. November, daß diese Drohung nur dann wirklich ein politisches Mittel ist, solange der Bedrohte nicht über das Instrument der Gegendrohung verfügt, mit anderen Worten: nicht in der Lage ist, auf Raketen mit Raketen zu antworten.

Im Hintergrund die deutsche Frage

Eben diese wichtigste Voraussetzung für die Anwendung der Raketendrohung für politische Zwecke ist nunmehr in Gefahr. Die Sowjets haben mit ihrem Bulganin-Brief an Eden die Büchse einer Atom-Pandora geöffnet, in der Fürchterliches enthalten ist: die Vision eines Europas, in dem jeder kleine Staat mit Atomraketen ausgerüstet ist und mithin unter Hinweis auf diese Waffen und deren Wirkung sich jeder politischen Pression widersetzen kann.

Nur ein europäisches Sicherheitssystem könnte diese Entwicklung aufhalten, und tatsächlich sah es im vergangenen Jahr - vor den Aufständen in Polen und Ungarn - so aus, als ob die beiden Atom-Großherren der Welt, Washington und Moskau, sich auf eine europäische Zone verminderter Rüstung einigen könnten, in der es keine Atomwaffen gibt. Mit seiner Politik der Gewalttätigkeit - gegen England angedroht und in Ungarn verwirklicht - hat der Kreml diese Chance zumindest stark vermindert.

Statt nun das Gespräch mit den USA wiederaufzunehmen, versucht die Sowjet-Union jetzt, die europäischen Kleinstaaten in ein System der Sicherheit zu scheuchen, wie man es sich im Kreml wünscht.

In seinem Brief an Ministerpräsident Hansen fragte Bulganin: »Wäre es nicht von Nutzen, wenn Dänemark, statt sein Schicksal mit dem einer einzelnen Militärgruppe zu verbinden, eine Lösung des Sicherheitsproblems suchen würde, beispielsweise auf dem Wege internationaler Garantien für die Unabhängigkeit und Integrität der Territorien, bis ein wirksames kollektives Sicherheitssystem errichtet werden kann?«

Mit der Offerte eines europäischen Sicherheitssystems aber ist die Debatte über Europa wieder dort angelangt, wo sie schon seit Jahren steht: bei der Frage nämlich, ob das Sicherheitssystem auf Grund der gegenwärtigen Machtverteilung, also unter Beibehaltung der Teilung Deutschlands, zustande kommen soll oder ob die Sowjets beim Aufbau dieses Sicherheitssystems ihren Satelliten eine relative Freiheit zurückgeben und mithin auch den Deutschen die Wiedervereinigung gestatten sollen.

Sowjet-Premier Bulganin

Kann man mit Raketen Politik machen?

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