»Die Atombombe liegt in Manhattan«
So könnten die Schlüsselsätze eines Thrillers lauten, der ein noch nie dagewesenes Verbrechen schildert: die atomare Erpressung einer Millionenstadt wie New York City.
In Wirklichkeit jedoch war diese Drohung nicht fiktiv. Sie war, im Juli 1975, tatsächlich gegen die Acht-Millionen-Stadt am Hudson River ausgesprochen worden. Der oder die Atom-Erpresser forderten damals 30 Millionen Dollar in kleinen, nicht gekennzeichneten und nicht fortlaufend numerierten Banknoten von zwölf Zweigstellen der amerikanischen Bundesbank.
Das Beunruhigendste an dem Erpresserbrief war eine Zeichnung. Sie war ausgefeilt, präzise und offenbar von jemandem angefertigt, der sich in der Kernphysik gut auskannte.
Um den Anweisungen zunächst nachzukommen, blendete das FBI in den Rundfunknachrichten eine Meldung über den Unfall eines Lkw in Vermont ein, die von dem Briefschreiber als Kontaktsignal gefordert worden war. Dann wurde, streng überwacht, an der im Brief genannten Stelle in Northampton (Massachusetts) zum Schein ein Lösegeld-Paket hinterlegt.
Nichts geschah, niemand holte es ab. Der Nuklear-Erpresser ließ nie wieder von sich hören.
Die Drohung gegen New York war nur eine von vier ähnlichen Drohungen, die in den letzten zehn Jahren gegen die Stadt erhoben wurden -einer von insgesamt 60 Fällen von Atom-Erpressung, die sich gegen amerikanische Städte und Institutionen richteten.
Noch nie war dabei wirklich eine Bombe im Spiel. Gleichwohl aber wächst die Furcht, daß Amerika eines Tages mit einem echten Fall von nuklearer Erpressung ("nuclear blackmailing") zu tun bekommen könnte.
Nach dem sogenannten Atomic Energy Act ist es Aufgabe der Bundespolizei, also des FBI, solch monströse Drohungen abzuwehren und ihre Urheber zu finden. Falls sich die Erpresser nicht nur schriftlich melden, sondern auch noch eine Zeichnung oder einen Plan beilegen, wendet sich das FBI sofort an eine unterirdische Befehlszentrale im Raum B O 111 des US-Energieministeriums in Germantown (Maryland). Dort befindet sich der Kommandoposten einer Art atomarer Feuerwehr.
Sie besteht vor allem aus Wissenschaftlern und Technikern, die normalerweise in den Kernwaffen-Labors Los Alamos (New Mexico) und Livermore in Kalifornien arbeiten. Techniker vom Testgelände nördlich von Las Vegas S.157 und Mitarbeiter der Firma EG & G, eines von der Regierung beauftragten Unternehmens mit Sitz in Massachusetts, zu dessen Spezialität Analysen der Luft und radioaktive Messungen gehören, vervollständigen die Gruppe.
Sie ist, wie bei Unterorganisationen der Regierung üblich, unter einem Kürzel bekannt. Es lautet »Nest« (Nuclear Emergency Search Team). Von 1,5 Millionen Dollar im Jahr 1974 ist der »Nest«-Etat auf inzwischen 50 Millionen Dollar 1981 angestiegen.
Aufgabe von »Nest« ist es,
* die Glaubwürdigkeit einer nuklearen Drohung zu untersuchen,
* eine primitive Kernwaffe zu orten und zu identifizieren,
* sie entweder unschädlich zu machen oder mitzuhelfen, nach ihrer Explosion die Trümmer zu beseitigen.
Außerdem wird »Nest« für andere Aufgaben eingesetzt. So halfen seine Wissenschaftler 1978, die Bruchstücke des in Nordkanada abgestürzten russischen Satelliten »Cosmos 954« zu finden, der eine Atombatterie an Bord hatte. Die Suche in dem schneebedeckten Ödland dauerte zehn Tage. Im folgenden Jahr ermittelte »Nest« das Ausströmen von Radioaktivität während des Reaktorunfalls von Three Mile Island.
In den vergangenen sechs Jahren haben sich die Mitglieder des »Nest«-Teams fünfmal auf die Suche nach Atombomben in US-Städten gemacht -- in Boston, Los Angeles, Spokane, Wilmington und San Francisco.
»Nest« geht dabei so diskret vor, daß die Organisation schon drei Jahre tätig war, bevor der Kongreß -- auf einer Geheimsitzung im März 1977 -- erstmals von ihrer Existenz erfuhr.
Die »Nest«-Mannschaft hat für diese Arbeitsweise gute Gründe. »Jede Terroristengruppe, die intelligent genug ist, eine Bombe zu bauen, wird auch intelligent genug sein, sie zu schützen«, erläutert John F. (Jack) Doyle, Programmleiter bei EG & G und »Nest«-Direktor für technische Unterstützung. »Sollte es je dazu kommen, daß wir auf den Straßen einer Stadt nach einer wirklichen Bombe suchen, können wir diesen Kerlen nicht auch noch dadurch helfen, daß wir unsere Bilder vorher in den Zeitungen veröffentlichen lassen.«
Im Sommer 1972, nach dem Blutbad bei den Olympischen Spielen in München, wurde »Nest« gegründet. Bis dahin hatte niemand in der US-Regierung ernsthaft über die Bedrohung durch organisierten internationalen Terrorismus nachgedacht, eine nukleare Variante war erst recht nicht in Betracht gezogen worden.
Washington ging davon aus, daß der finanzielle Wert sogenannten »speziellen Spaltmaterials« --Plutonium und hoch angereichertes Uran -- so ungeheuer groß sei, daß private Unternehmen, die mit diesem Material zu tun haben, einen Mißbrauch schon verhindern würden. In der Zwischenzeit jedoch hat sich gezeigt, daß die Sicherung bombenreifen Materials skandalös vernachlässigt wurde.
Obwohl es bei dem Massaker in München nicht um eine nukleare Drohung ging, hielt James Schlesinger, damals Vorsitzender der Atomic Energy Commission, anschließend zahlreiche Sondersitzungen ab. Ein Teilnehmer erinnert sich: »Schlesinger stellte eine Menge unbequemer Fragen: ''Und wenn jemand eine Bombe stehlen würde? Könnten wir sie finden? Könnte jemand Plutonium stehlen? Wenn ja, könnte man damit eine Bombe bauen?''«
Das Ergebnis war, daß plötzlich alle Mitglieder der Kommission begannen, das Problem Terrorismus und Atombombe durchzuspielen.
Von besonderem Interesse war ein Programm, das schon einige Jahre lief: die Messung radioaktiver Niederschläge und natürlicher Radioaktivität aus der Luft.
1969 kam eine Rakete der US-Luftwaffe, in Green River (Wyoming) abgeschossen und für ein Ziel in White Sands (New Mexico) bestimmt, von ihrem Kurs ab und landete in Mexiko. Die Raketenspitze enthielt Kobalt 57, eine höchst gefährliche radioaktive Substanz.
Sofort wurden Fahndungstrupps in Marsch gesetzt, die normalerweise radioaktive Strahlung aufspüren, die bei unterirdischen Atomversuchen entsteht und womöglich bis an die Erdoberfläche dringt.
Zu ihrer eigenen Überraschung wurden die Strahlungsfahnder fündig: Sie entdeckten die verirrte Raketenspitze in den Bergen Mexikos.
Wenn ein solcher Fund gelingt, so lautete demnach das Fazit von Schlesingers Beamten, könnten wir dann nicht auch eine gestohlene Bombe auf einem fahrenden Lkw ausfindig machen, S.159 in einem Haus, in einer Wohnung, in einer Garage oder sonstwo?
Heute beginnt die »Nest«-Reaktion auf einen nuklearen Erpressungsversuch in der Befehlszentrale des US-Energieministeriums in Germantown.
Dort sitzen diensthabende Offiziere rund um die Uhr und warten auf den Katastrophenalarm. Über Telephon-Standleitungen sind sie mit dem FBI und dem Geheimdienst CIA, aber auch mit dem Außenministerium und der nationalen militärischen Befehlszentrale im Pentagon verbunden.
Jeder Satz eines Erpresserbriefs und jedes noch so winzige Detail von Zeichnungen, die auf eine Bombendrohung schließen lassen, müssen von den Männern sofort auf Tonbändern und Filmen festgehalten werden. Sprachliche Genauigkeit ist dabei entscheidend, um rasch und richtig auf die technischen Daten und das Ausmaß der Gefahr schließen zu können. »Man möchte sich ja hinterher nicht fragen«, so ein Beamter, »''verdammt, hat der Kerl nun von Kernspaltungs- oder von einer Kernverschmelzungsbombe gesprochen?''«
Die Schnelligkeit der Nachrichtenübermittlung ist für die »Nest«-Leute entscheidend: Sie müssen sofort sicher sein können, ob die in einer Zeichnung beschriebene Bombe tatsächlich explodieren kann oder nicht.
Paradoxerweise lassen sich die einfachsten Zeichnungen oft am schwersten analysieren -- etwa, weil der Urheber bewußt Informationen zurückhält. Je komplizierter der Entwurf, desto leichter läßt sich sein verhängnisvoller Fehler finden -- vorausgesetzt natürlich, er enthält auch einen Fehler.
Eines der ersten analytischen Werkzeuge, die in Germantown benutzt werden, ist kurioserweise eine einfache blaue Loseblatt-Sammlung. Die vordere Hälfte enthält Wörter und Formulierungen, die sich auf Kernwaffen beziehen und in der leicht zugänglichen Literatur erschienen sind -- in Enzyklopädien, Nachschlagewerken oder in den Medien. Die hintere Hälfte dagegen enthält Formulierungen, die nur jemand kennen dürfte, der Erfahrungen in der Waffenkonstruktion besitzt.
Im Grunde verbargen sich hinter den bisherigen nuklearen Erpressungsversuchen drei Arten von Menschen: Geistesgestörte, ideologisch motivierte Terroristen oder einfach Glücksjäger.
Nach einer von der Rand Corporation Anfang letzten Jahres für die Regierung angefertigten Studie ist das potentielle Umfeld allerdings weit größer: »Terroristengruppen, die in anderen Teilen der Welt aktiv sind, könnten eine solche Aktion in den Vereinigten Staaten versuchen, um auf die amerikanische Politik Einfluß auszuüben oder die USA für frühere Maßnahmen zu bestrafen.«
Ebenso könnten Atomgegner versuchen, heißt es in dem Bericht weiter, »eine Waffe zu stehlen oder zu entführen oder in den Kontrollraum eines Reaktors einzudringen. Sie könnten so beweisen, daß dergleichen sehr wohl möglich ist. Ihre Aktion wäre eine Art von Aufhänger, mit dem die Regierung gezwungen werden könnte, die Sicherheitsvorkehrungen mehr als bisher zu verbessern.«
Drohungen, denen ein politisches Motiv zugrunde liegt, lassen sich besonders schwer einschätzen. In solchen Fällen brauchen die Terroristen selbst nicht in Erscheinung zu treten, sie müssen nur abwarten, ob ihre Forderungen erfüllt werden.
Noch undurchdringlicher aber ist das Problem des sozial entfremdeten, »verrückten« Genies. Obwohl es, wie mehrere College-Studenten bewiesen haben, durchaus möglich ist, eine Zeichnung von einer funktionierenden Bombe anzufertigen, steht ihr tatsächlicher Zusammenbau doch auf einem anderen Blatt.
Er erfordert Sachkenntnis im Umgang mit hochexplosiven Sprengstoffen, die gewichtsmäßig richtige Anordnung des spaltfähigen Materials, von Explosionsvorrichtungen und Elektromechanismen, die kompliziert und obendrein gefährlich sind. »Es gibt weit mehr Möglichkeiten, das Ganze zu vermasseln, als es richtig zu machen«, sagt Jack Doyle von »Nest«.
Das eigentliche »Nest«-Hauptquartier befindet sich auf dem Testgelände S.161 des US-Energieministeriums in Las Vegas. Dieses Gelände wurde gewählt, weil viele der von »Nest« benutzten Detektoren und viele Wissenschaftler und Techniker, die für den Einsatz dieser Geräte ausgebildet wurden, dort stationiert sind.
Das Gelände bietet »Nest« zudem noch weitere Vorteile. Las Vegas besitzt eine der größten charterbaren Jet-Flotten der Welt. Überdies ist sein Flughafen McCarran fast nie wegen Schlechtwetterbedingungen gesperrt.
»Nest« unterhält eine weitere große Anlage auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews außerhalb von Washington sowie zusätzliches Gerät und Personal in Los Alamos, Livermore und in den Sandia Laboratories in Albuquerque (US-Staat New Mexico).
In jedem dieser Stützpunkte liegen Geräte zur Bombenfahndung fertig verpackt in speziellen Kisten. Außerdem stehen stets zwei Düsenmaschinen vom Typ King Air 100 bereit, um eine Vorhut von Las Vegas oder Andrews oder auch von beiden Orten in eine bedrohte Stadt zu fliegen.
Die Zusammensetzung dieser Vorhut unterscheidet sich je nach Art der Drohung. Generell aber sind zwei oder drei Wissenschaftler, ein Kommunikationsexperte und ein ranghohes »Nest«-Mitglied wie Jack Doyle dabei. Überdies stellt die US-Luftwaffe C-141-Transportmaschinen zur Verfügung, um das imposante Aufgebot an Personal und Gerät von Las Vegas oder den Laboratorien auf den nächstgelegenen Militärflugplatz einer erpreßten Metropole einzufliegen.
Den besten Einblick in das Arsenal von »Nest« vermittelt ein höhlenartiges gelbes Gebäude, das an den McCarran Airport in Las Vegas grenzt.
Hier befindet sich, in stoßsicheren Glasfaserkisten vom Fußboden bis zur Decke aufgestapelt, das Kernstück der »Nest«-Ausrüstung. Seine Vielfalt ist verwirrend: Reihenweise sind hier Strahlungsdetektoren gestapelt, die beispielsweise in Lkw oder in Postautos verborgen werden könnten, um Kernmaterial in einem vorbeifahrenden Wagen ausfindig zu machen.
Griffbereit in Regalen liegen tragbare »Nest«-Detektoren, die von »Nest«-Technikern durch ein überfülltes Bürohaus oder über eine belebte Straße in der Stadt getragen werden können. Hier auch türmen sich ramponierte Koffer, Aktentaschen mit touristischen Aufklebern, Lunchpakete, Kosmetik- und Kamerakoffer, in denen Geigerzähler und Jod-Natrium-Spürgeräte versteckt sind.
Selbst die jüngsten James-Bond-Vorrichtungen von »Nest« sind hier zu sehen -- Detektoren, nicht größer als ein Tabaksbeutel. Ein »Nest«-Mann kann solch ein Miniaturgerät mühelos in seine Westentasche stecken und damit durch eine Flughafenhalle schlendern -- Zeitung lesend, während er über einen winzigen Plastikknopf im Ohr auf das verräterische Summen einer radioaktiven Quelle horcht.
Noch beeindruckender ist die Zusatzausrüstung der Bombendetektive: Tarnanzüge beispielsweise, die es den »Nest«-Technikern ermöglichen, sich jeder Umgebung anzupassen, elektrische Instrumente, Bohrer, Speziallampen und Unterwassergeräte, mit denen »Nest« einer atomaren Waffe theoretisch überall habhaft werden kann.
Exotische Werkzeuge, die nicht zur reichhaltigen Standardausrüstung zählen, im Notfall aber gebraucht würden, um eine Bombe zu entschärfen, können von den »Nest«-Technikern an Ort und Stelle selbst gebaut werden. Zu diesem Zweck steht ein Container zur Verfügung, S.163 in dem sich eine Drehbank, Schweißgeräte und Präzisionsschleifmaschinen befinden.
In einem nahe gelegenen Hangar auf dem McCarran-Flughafen steht ein »Nest«-Hubschrauber vom Typ H-500. Er wurde gewählt, weil Vierblatt-Hubschrauber wesentlich geräuschärmer und daher unauffälliger sind als Hubschrauber mit zwei Rotorblättern.
Hinter dem Hangar parkt eine Lkw-Flotte mit Spürgeräten, die weit präziser sind als die in den flugfertigen Kisten. Überdies unterhält »Nest« eine graphische Abteilung, die diese Lkw jederzeit in Lieferwagen etwa des Joe''s Pizza Palace in Yakima (Washington) oder der Handwäscherei Wong Fen in Galveston (Texas) verwandeln kann.
Doch alle diese Vorkehrungen können jene ungeheuren Schwierigkeiten nicht vermindern, die sich bei der Suche nach einem primitiven Atomsprengsatz in einer dichtbebauten Stadt auftürmen.
Verräterische Strahlenteilchen, die von einer Bombe stammen, müssen zunächst den Schirm eines der Detektoren treffen. Jede Großstadt aber ist ein Dschungel natürlicher Abschirmvorrichtungen, die solche Teilchen förmlich schlucken.
Überdies sind Städte voll irreführender Signale, ausgestrahlt von schwach radioaktiven Farbstoffen: etwa in bestimmten Badezimmerkacheln, dem für Magen-Röntgenaufnahmen verwendeten Barium oder gar dem Radium auf den Zifferblätern alter Armbanduhren. Sie alle können auf den »Nest«-Empfangsgeräten Fehlalarm auslösen.
Ein Suchprogramm, ob nun auf dem Lande oder in der Stadt, verläuft grundsätzlich gleich. »Wir arbeiten nicht wie Bluthunde, die eine Spur verfolgen«, erklärt der »Nest«-Begründer Mahlon ("Ink") Gates, ein pensionierter Brigadegeneral. »Wir arbeiten vielmehr in konzentrischen Kreisen, die von einem Zentrum ausgehen.« Ausgangspunkt ist die Stelle, die das Team als den wahrscheinlichsten Standort der Bombe bestimmt.
So fahren Dutzende getarnter Wagen, in denen sich Detektoren und »Nest«-Leute verbergen, durch die Straßen einer Stadt. Sobald die Detektoren etwas anzeigen, rücken Wagen mit verfeinerten Geräten an, um die Art der radioaktiven Quelle zu bestimmen. Dann erscheinen »Nest«-Fahnder mit ihren unauffälligen Lunchpaketen oder Aktentaschen, um die Bombe aufzuspüren. Sie arbeiten dabei mit FBI-Agenten zusammen, weil nur wenige mit Schußwaffen vertraut sind; außerdem wären sie im Ernstfall viel zu sehr mit ihren Instrumenten beschäftigt.
Trotz des hochentwickelten Geräteparks und des geschulten Personals weiß niemand, wie gut »Nest« tatsächlich ist. Aber niemand ist auch sonderlich erpicht, das zu erfahren.
Das letztemal wurde »Nest« bei einer Erpressungsdrohung im Januar 1979 eingesetzt, als ein verärgerter Angestellter 150 Pfund leicht angereicherten Urans aus einem Kraftwerk in Wilmington (North Carolina) stahl.
Ein gewisser David Dale versuchte, von General Electric 100 000 Dollar einfach dafür zu erpressen, daß er nicht öffentlich enthüllte, wie mühelos er das radioaktive Material hatte entwenden können.
»Nest« fand das fehlende Uran nicht, das in einem Feld versteckt war, bis das FBI den Dieb schnappte. Die »Nest«-Chefs waren damals jedoch zuversichtlich, daß sie das Material in den nächsten 48 Stunden gefunden hätten.
Besonders beunruhigend an dem Wilmington-Fall war, »daß er eine echte Eskalation darstellte«, wie Jack Doyle von »Nest« rückblickend befindet. Es war das erste Mal, daß ein Erpresser tatsächlich an nukleares Material herangekommen war.
»Es begann mit schriftlichen Drohungen, die praktisch jeder Grundlage entbehrten«, berichte Doyle. »Dann kamen Briefe, bei denen die Leute wirklich ihre Hausaufgaben gemacht und verdammt glaubwürdiges Material präsentiert hatten. Als nächstes dann hatten wir mit einigen Vorfällen zu tun, bei denen wirklich Material entwendet wurde. Die Müllabfuhr hatte einige selbstgebastelte Plutonium-239-Container auf einer Deponie gefunden --Nachbildungen, die denjenigen Transportbehältern ähnlich sahen, die von Regierungsstellen benutzt werden. Dann kam Wilmington. Und was folgt nun als nächster Schritt? Daran mag ich gar nicht denken.«
Sollte es je zu einem echten Bombenalarm kommen, werden Doyle und seine Leute den letzten und gefährlichsten Teil ihrer Aufgabe lösen müssen -- etwas, dem sie sich noch nie gegenübergestellt sahen: die Entschärfung einer Atombombe.
Über diesen Teil ihrer Arbeit aber sprechen sie am wenigsten. »Das ist«, so Gates, »die heikelste und gefährlichste Phase der ganzen Operation. All unsere Techniken sind geheim, und wir möchten nicht, daß der Kerl von diesen Techniken und unseren Fähigkeiten Wind bekommt.«
Die letzte »Nest«-Entschärfungsübung, »Sundog«, fand im Juni 1980 in New Mexico statt. Getestet wurde dabei auch, wie man konventionelle Sprengfallen unschädlich macht, die etwa von einer Terroristengruppe im Umkreis einer primitiven A-Bombe gelegt werden könnten.
Die von »Nest« entwickelten Techniken könnten solche Atomsprengkörper beispielsweise verpuffen lassen, wobei wahrscheinlich eine gewisse Menge Radioaktivität in die Atmosphäre dringen würde. Daher arbeiten Forscher gegenwärtig an der Entwicklung von Vermiculit-Schutzhüllen, an denen radioaktive Teilchen haften bleiben.
Inzwischen jedoch »lernen wir alles, was wir über diese atomare Büchse der Pandora und die Möglichkeiten ihrer Entschärfung nur lernen können«, versichert »Nest«-General Gates, der für den Realfall Hilfe aus dem Weißen Haus in Washington erwartet. »Wir werden dann dem Präsidenten berichten und ihn entscheiden lassen. Dafür wird er schließlich ja bezahlt.«
S.157Apparate zum Aufspüren radioaktiver Quellen, fahrbarerLabor-Zylinder zur Analyse strahlender Teilchen.*S.1611978 auf der Suche nach den Trümmern des Sowjet-Satelliten »Cosmos954«.*S.163"Nest«-Direktor Doyle (r.) auf Strahlungssuche nach demReaktorunfall Harrisburg.*