Die Berliner Schreibtafel - DER SPIEGEL
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Die Berliner Schreibtafel

• aus DER SPIEGEL 32/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

»Jeder muß diese Mauer gesehen haben«, hatte der amerikanische Justizminister Robert Kennedy gemahnt, »um ihre ganze Bedeutung verstehen zu können.« Das war am 22. Februar 1962, 193 Tage nach dem Bau der Berliner Mauer. Im Jahr 20 ihrer Existenz erscheint den West-Berlinern deren Bedeutung gewandelt, die Bedrohung verringert. Jeden Tag das Betonband vor Augen, haben sie gelernt, darüber hinwegzugucken. Die allermeisten haben sich mit dem Schreckenswall von einst arrangiert. In seinem Schatten zechen sie, baden, joggen oder grillen Würstchen. Oder sie benutzen ihn als Spruch- und Sprücheband. Was einst sprachlos machte, wird zur Schreibtafel, zur Echowand.

Lange habe es gedauert, sinniert der Essayist Klaus Hartung ("Ein etwas länger anhaltender Blick auf Vorhandenes"), bis die Kommentare des Volkes von den Klo-Wänden auf die Mauer kamen: »Die Mauer spricht, von ihr hallt zurück, was die Menschen beschäftigt.« Die klirrenden Politparolen der sechziger und siebziger Jahre werden langsam von den soften, bitteren, hintersinnigen Sprüchen der achtziger Jahre verdrängt: Die Mauer als Seelenspiegel einer unnormalen Stadt.

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