AUTO-REIFEN Die Biester
In der Münchner Reifenfabrik »Metzeler Kautschuk AG« läuft zur Zeit manches andersrum. Im Werk II an der Ridlerstraße etwa versucht Tag für Tag ein Arbeitsteam hinter verschlossenen Türen, an die zweihundert frisch produzierte Reifen der obersten Preisklasse »in extrem kurzer Zeit wieder zu zerstören« (Entwicklungschef Friedrich Haas).
Unter Aufsicht eines Notars und eines Experten aus dem Konkurrenzunternehmen »Semperit« werden die Reifen übergroßen Belastungen und Hochgeschwindigkeiten bis zu 250 Stundenkilometern ausgesetzt. Aber, so Generalbevollmächtigter Gerd R. Wiedemeyer: »Die Biester sind nicht kaputtzukriegen.«
Im Alltag auf der Straße freilich sollen die sorgfältig nachgebauten Biester -- bestimmte Stahlgürtelreifen der Serie »Metzeler Monza Steel« -- einst allzuschnell kaputtgegangen sein und zu ebenso rätselhaften wie folgenschweren Unfällen geführt haben.
Die Staatsanwaltschaft München II hat jedenfalls zwölf Musterunfälle aus der ganzen Bundesrepublik mit insgesamt sieben Toten und 21 Verletzten überprüft und erhebt nun gegen die für Herstellung und Vertrieb des Reifens Verantwortlichen Anklage -- wegen des Verdachts fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung.
Die Strafverfolger, die ihre in drei Jahren zusammengetragenen Erkenntnisse in einer Anklageschrift von 146 Seiten niedergeschrieben haben, lasten dem damaligen Konstrukteur Toni Liebherr, 45 (heute bei Metzeler zuständig für den Vertrieb von Lizenzen für Gummiartikel), sowie seinem mittlerweile pensionierten Entwicklungschef Hermann Hellwage, 70, an, sie hätten seinerzeit »Reifentypen für die Produktion freigegeben, die nicht die erforderliche Standfestigkeit aufgewiesen haben, um im Fahrbetrieb zu bestehen«.
Dem ehemaligen Besitzer der Münchner Fabrik, dem Frankfurter Unternehmer Willy Kaus (SPIEGEL 13/1974), sowie dessen kaufmännischem Vertriebsleiter Friedrich Bertram, 70 (inzwischen in Pension), wird zur Last gelegt, sie hätten die mangelhaften Reifen nicht aus dem Vertrieb genommen und auch nicht rechtzeitig von den Händlern und Konsumenten zurückgezogen.
Insgesamt wurden von den umstrittenen Pneus der Serie »Monza Steel« -- in der Metzeler-Reklame als »einer der besten Reifen der Welt« gepriesen -- 266 000 Stück verkauft. Nachdem Anfang letzten Jahres bei Metzeler ein Staatsanwalt erschienen war, entschloß sich die Firma, mittlerweile in den Besitz des Chemie-Konzerns Bayer Leverkusen übergegangen, freilich doch zum Rückruf.
Der Flop bescherte etwa tausend Autofahrern einen Gratis-Reifenwechsel und Metzeler Zusatzkosten »von ein paar Millionen« (Haas). Mehr als solche Extraausgaben schlugen für das Unternehmen (8930 Beschäftigte, 440 Millionen Mark Jahresumsatz), das 1975 mit 25 Millionen Mark Zuschuß der Konzernmutter Bayer gepäppelt werden mußte, die dem öffentlichen Getöse (Münchens »Abendzeitung": »Achtung Autofahrer: Gefahr durch »Todes-Reifen"") folgende Umsatzeinbuße zu Buche. Haas: »Das Reifengeschäft war praktisch tot.« Vom bevorstehenden Prozeß droht den Münchnern, die auf dem Pkw-Markt ohnehin nur einen Umsatzanteil von sieben Prozent, bei den Motorrädern aber immerhin 60 Prozent haben, noch Ärgeres. Haas: »Das wird eine Katastrophe.«
Die Bayer-Manager sorgen sich insbesondere, daß der normale Konsument nicht zwischen der alten »Metzeler AG«, die nach wie vor dem angeschuldigten Unternehmer Willy Kaus gehört, aber keine Gummiwaren mehr herstellt, und der völlig reorganisierten »Metzeler Kautschuk AG«, die seit April 1974 einem anderen Management untersteht, unterscheiden könne -- und den lädierten Ruf des Markennamens unbesehen der jetzigen Bayer-Firma anlastet.
Von derlei Befürchtungen und firmengeschichtlichen Besonderheiten ließ sich freilich der federführende Staatsanwalt Eckhart Jaggy nicht beeindrucken. Als Sonderdezernent der Staatsanwaltschaft München II für Leichenfreigaben hei Verkehrsdelikten war er seinerzeit eher zufällig auf die verdächtigen Reifen gestoßen.
Bei der Überprüfung des Unfalls eines BMW 2800 im Juli 1973 auf der Autobahn München -- Richtung Garmisch war er stutzig geworden. Der Wagen war nach Zeugenaussagen bei hoher Geschwindigkeit plötzlich in einer Dampf- und Staubwolke verschwunden und am Waldrand zerschellt. Der Fahrer Paul Paechnatz, 38, und seine zwei Kinder fanden den Tod. Polizisten stießen nahe der Unfallstelle auf ein 1,35 Meter langes Gummistück -- die abgelöste Lauffläche des rechten Hinterreifens vorn Typ »Monza Steel«.
Der Murnauer Anwalt und ADAC-Syndikus Hellmuth Reif, der die Witwe von Paechnatz vertritt, hielt das Ermittlungsverfahren nach Kräften im Gange: »Das geht doch nicht, daß der grüne Rasen alles zudeckt.«
Genau dies aber hatten die unmittelbar wie die mittelbar von dem Verfahren Betroffenen ursprünglich eigentlich vor. Bei Metzeler in München war man »richtiggebend sauer«, als der emsige Staatsanwalt kurz vor Ostern drei Fachgutachten vorlegte und vor einem Monat auch die Anklageschrift.
Einer der vier Anwälte der Beschuldigten, darunter der Berliner Ordinarius Professor Hermann Blei (der seinerzeit dem Nürnberger Photohändler Porst in Sachen Landesverrat beistand), sagt es unverhohlen: »Wir wollten die ganze Prozeßgeschichte jetzt schon totmachen und nicht erst in der dritten Instanz vor dem Bundesgerichtshof.«
Zu einer juristischen Materialschlacht ist das Verfahren schon im jetzigen Vorstadium geworden. Den drei Fachgutachten des Staatsanwalts können die Verteidiger schon »mehrere Lastwagenladungen« eigener Expertisen entgegenhalten:
* Gegen einen Vergleichstest zwischen 30 Monza-Steel-Reifen mit entsprechenden Michelin-Typen bieten die Beschuldigten einen Gegentest mit genau entgegengesetzten Ergebnissen.
* Gegen das Argument der Strafverfolger, das Schadbild einer sich lösenden Lauffläche sei für den inkriminierten Reifen typisch, setzt Metzeler die Auffassung, auch Unterdruck und Überlastung können bei Stahlgürtelreifen jeglichen Fabrikats zu derlei Folgen führen.
* Das Ergebnis des dritten Gutachtens, wonach der Gürtel des Hochleistungsreifens einfach zu breit gewesen sei, will Metzeler schließlich mit dem derzeit laufenden Test im Werk II entkräften.
Das Münchner Firmenmanagement, das für Gutachten und Spezialtests schon weit über eine Viertelmillion Mark aufgewendet hat, denkt vorsorglich auch schon an die möglichen Folgen eines Strafverfahrens -- die teilweise schon jetzt erhobenen Haftungsansprüche der Geschädigten.
Diese Forderungen freilich, so weit haben die Rechtsexperten von Metzeler die Familienverhältnisse der Hinterbliebenen schon gecheckt, werden »viel billiger als der Rückruf im letzten Jahr«. Und überdies ist das Unternehmen bei Gerling versichert.