»Die Botschaft, das war er«
Die Szene hat sich Millionen Menschen in aller Welt eingegraben: ein gebrechlicher Greis am Fenster, das Gesicht gezeichnet von Schmerzen, der Mund weit geöffnet, doch der Mann bringt keinen Ton heraus.
Ein schreckliches Bild des Jammers und der Verfalls - ecce homo, seht, welch ein Mensch. Es passt so gar nicht in die Fernsehwelt des schönen Scheins. Und doch hat es die meisten Betrachter nicht abgestoßen, sondern sie zutiefst gerührt.
Es ist der Abschied eines religiösen Idols von dieser Welt. Zum letzten Mal zeigt sich Papst Johannes Paul II. wenige Tage vor seinem Tod öffentlich den Seinen. Was er ihnen mitteilen will, hören sie nicht mehr. Am 2. April stirbt Karol Wojtyla, der erste Pole auf dem Stuhl Petri, nach über 26 Jahren im Amt. Er wurde 84 Jahre alt. Sein Tod erzeugt einen selbst für das Medienzeitalter ungewöhnlichen Hype. Millionen wallfahren nach Rom, um den aufgebahrten Pontifex noch einmal zu sehen und bei seiner Beerdigung dabei zu sein, wenn schon nicht auf dem Petersplatz, dann wenigstens vor einem der vielen Großbildschirme am Circus maximus oder sonstwo in der Heiligen Stadt. Hunderte Millionen verfolgen die Zeremonie am Fernseher.
Was fasziniert die Menschen an diesem Mann, der zeit seines Lebens die Welt polarisiert hat? Der mit seinen rigiden Moralpredigten und seinem engen religiösen Dogmatismus die eigenen Leute immer wieder vor den Kopf gestoßen hat? Was vor allem zieht die jungen Leute an, die zu Hunderttausenden nach Rom pilgern, um »ihren« Papst noch einmal zu sehen, mit dessen Lehren sie eigentlich so gar nichts anfangen können?
Im von Johannes Paul II. ausgerufenen Heiligen Jahr 2000 jubeln beim katholischen Weltjugendtreffen in Rom zwei Millionen ihrem Idol zu, feiern ihn beim gemeinsamen Gottesdienst. Einen Tag danach ist der Campus der Universität Tor Vergata, auf dem viele der Teilnehmer genächtigt haben, übersät mit Kondomen. Die Jungen begeistern sich an der Gestalt in der weißen Soutane, Johannes Pauls Moralvorstellungen lassen sie kalt.
Das Zauberwort heißt »authentisch«. Karol Wojtyla war sein Leben lang er selbst, er lebte kompromisslos, was er verkündete. Und er brachte seine Botschaft auch rüber. Nicht nur als Moralapostel, sondern vor allem als Anwalt des Friedens und der sozial Schwachen.
Wojtyla war ein Charismatiker, wie es in der Geschichte nicht sehr viele gegeben hat. »Er hat der Kirche und dem Evangelium sein Gesicht gegeben«, sagt der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper, »und zwar ein glaubwürdiges, ein sympathisches, ein menschliches Gesicht.«
Der Philosoph Rüdiger Safranski hat, als er den gebrechlichen Pontifex bei seinem letzten, stummen Auftritt am Fenster sah, begriffen: »Die Botschaft, das war er.«
Und seine jungen Fans? »Er zeigt mir, dass ich zerbrechlich bin; dass ich schwach sein darf«, artikuliert einer, der zur Papst-Beerdigung mit 270 Gleichgesinnten aus Süddeutschland angereist ist. »Er elektrisiert«, sagt ein anderer, »man kann sich an ihm reiben, aber darauf vertrauen, dass er es ernst meint.«
So ganz erklären solche Aussagen das Phänomen Johannes Paul II., den Hype seiner letzten Tage nicht. Etwas von der Ausstrahlung dieses Mannes bleibt rätselhaft.
Lange Jahre war Johannes Paul II. eine Reizfigur für viele Gläubige wie Ungläubige, ein Symbol für typisch katholische Engstirnigkeit und Rückständigkeit.
Er hat bis zum letzten Atemzug gegen die Gleichberechtigung der Frauen in seiner Kirche votiert, er hat die sozialrevolutionäre Befreiungstheologie abgewürgt, er hat die Evangelischen düpiert, indem er ihnen das Recht absprach, sich Kirche zu nennen, er hat jede Art der künstlichen Empfängnisverhütung verdammt und die Homosexuellen praktisch aus seiner Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen.
Doch in den letzten Jahren von Wojtylas Amtszeit verdrängt ein anderer Papst dieses Bild vom engen Kirchenmann. Als erstes Oberhaupt der katholischen Kirche springt Johannes Paul II. über einen riesigen Schatten, aus dem seine Vorgänger bis dahin nie herausgefunden hatten: Zur Jahrtausendwende bekennt der Pole erstmals die katholische Mitschuld an zahlreichen Menschheitsverbrechen der vergangenen Jahrhunderte.
Und wichtiger noch: In der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem zu Jerusalem legt er ein Geständnis ab wie kein Papst vor ihm: »Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem jüdischen Volk, dass die katholische Kirche tiefste Trauer empfindet über den Hass, die Verfolgungen und alle antisemitischen Akte, die jemals irgendwo gegen Juden von Christen verübt wurden.«
Parallel zu dieser religiösen Offenheit schärft sich das politische Profil des Kirchenführers. In den achtziger Jahren wird Johannes Paul II. zum Idol der Solidarnosc in Polen und zu einem der Väter des Zusammenbruchs der kommunistischen Regime. Für den Kapitalismus indes hat er genauso wenig übrig. Ihn nennt er verächtlich eine »Kultur des Todes«. Und wird nicht müde, ihn als Fehlentwicklung der menschlichen Gesellschaft anzuprangern.
Endgültig gewonnen hat Karol Wojtyla die Sympathien vieler Menschen mit seinem lauten und deutlichen Nein gegen den Irak-Krieg des George W. Bush. Der Papst, in früheren Jahrhunderten meist Mentor und Antreiber christlicher Kreuzzüge, verweigert nun dem Kreuzritter Bush seinen Segen - auch das eine neue Qualität katholischer Kirchenpolitik.
Das alles hat im Gedächtnis der Menschheit schließlich mehr gewogen als die dogmatischen und moralischen Verdikte des Johannes Paul II. gegen innerkirchliche Dissidenten und eine atheistische Welt.
Was wird bleiben von diesem Impetus in der katholischen Kirche? Skepsis ist angesichts des Nachfolgers von Karol Wojtyla angebracht.
Benedikt XVI., jubelt der erzkonservative Kölner Kardinal Joachim Meisner, sei die kongeniale Wiedergeburt Johannes Pauls II. Mit dem Deutschen Joseph Ratzinger sei »die Kontinuität« auf dem Papstthron »am vollkommensten«.
Mag ja sein. Der Kardinal Ratzinger war zur Regierungszeit Johannes Pauls II. dessen Alter ego - aber nur, was die auf die reine Lehre bedachte innerkirchliche Amtsführung betrifft. Der Theologe Ratzinger ist ein Fanatiker der reinen Lehre, Toleranz gehört nicht in seinen Horizont. Von Benedikt XVI. sind denn auch keine Liberalisierungstendenzen in Moral und Kirchenlehre zu erwarten.
Aber auch keinerlei charismatische Impulse für die ungläubige Welt.
Dass der Wind innerhalb der Vatikan-Mauern unter Papst Benedikt XVI. rauher weht als zu Zeiten seines Vorgängers, zeigt sich schon wenige Wochen nach der Wahl Ratzingers. Beim sonntäglichen Angelus-Gebet von der Loggia des Petersdoms verurteilt der neue Papst am 24. Juli die jüngsten Terroranschläge weltweit. Aber er »vergisst« dabei, die Opfer in Israel zu erwähnen.
Den Vorwurf der israelischen Regierung kontert das vatikanische Staatssekretariat rüde, der Heilige Stuhl könne »Belehrungen nicht akzeptieren« - und verweist darauf, dass »die israelischen Reaktionen« auf den Terrorismus »nicht immer mit den Normen des internationalen Rechts vereinbar sind«.
Solche groben Töne waren in der Ära des Polen Karol Wojtyla nicht zu vernehmen. ULRICH SCHWARZ