INDUSTRIE / KRUPP Die Bürgschaft
Banken, Bund und Bosse vereinigten sich in der vergangenen Woche, um die drei Ringe des Essener Krupp-Konzerns -- das internationale Symbol für Deutschlands industrielle Kraft und Herrlichkeit -- zusammenzuhalten. Bei Bundeswirtschaftsminister Schiller in Bonn berieten der Krupp-Bevollmächtigte Beitz, der Sprecher der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, und drei andere Bankiers am Donnerstagabend über die angespannte Liquiditätslage der Firma, besonders über die Exportfinanzierung. Hermann Josef Abs, der im November 1963 mit einer Vertrauenserklärung für Krupp Gerüchte aus London abtöten konnte, vertrat diesmal den Geldstandpunkt: »Es ist das vornehmste Recht des Bankiers, Kredite zu kündigen, wenn der Fälligkeitstermin abgelaufen ist.«
Die Verbindlichkeiten des Essener Familienunternehmens betragen -- bei einem Jahresumsatz von 4,8 Milliarden Mark -- 2,25 Milliarden Mark. In der vergangenen Woche ging es jedoch nur um Krupps Kreditrahmen bei der Ausfuhrkredit-GmbH (AKA). Das Spezialinstitut in Frankfurt wird gemeinschaftlich von 54 westdeutschen Geschäftsbanken betrieben und hilft, die Exporte deutscher Unternehmen zu finanzieren.
Krupps Hausbanken »zum Beispiel brauchen für eine Exportlieferung nur 30 Prozent der Auftragssumme vorzustrecken. 70 Prozent übernimmt das Frankfurter Institut, das allein von 1952 bis 1965 Kreditverträge über mehr als sechs Milliarden Mark abgeschlossen hat.
Dem Essener Konzern, dessen jährlicher Exportumsatz rund eine Milliarde Mark ausmacht, waren von der AKA in steigendem Maße Exportkredite eingeräumt worden. Gegen Ende des vergangenen Jahres schien dem Institut die Finanzlage des Konzerns so angespannt, daß es die jeweils 70prozentige Finanzierung Kruppscher Exporte nicht beibehalten wollte.
Anders als Friedrich Flick, der seinen Montanbesitz auf Anordnung der Alliierten verkaufte und sich in lukrativeren Branchen ansiedelte, hielt Alfried Krupp trotz Verkaufsauflage an seinen Hütten- und Bergwerken fest. Mit der neuen Montan -- Holding Fried. Krupp Hüttenwerke AG holte er. sich den Krisenvirus ins Stammhaus.
Manager Beitz hat seit Monaten versucht, die Kasse des Konzerns durch Rationalisierung und besonders durch Entlassungen im unrentablen Bergbau aufzubessern. Als erstes Großunternehmen der Bundesrepublik kürzte der Krupp-Konzern sogar Löhne und Gehälter um fünf Prozent (SPIEGEL 9/ 1967). Da jedoch ein erheblicher Umsatzanteil auf die notleidenden Zweige Kohle, Stahl und Schiffbau entfällt, blieben die Einnahmen hinter den Hoffnungen des Generalbevollmächtigten zurück. ·Die Konjunkturflaute auf dem Baumarkt zwingt überdies Krupp, sein Dortmunder Baumaschinen-Werk zu schließen. Der Verkauf von Lastwagen stagniert.
Abs forderte schließlich als Wortführer der Banken den Bund auf, für 300 Millionen Mark Kruppscher Exportkredite eine Bürgschaft zu leisten. Karl August Schiller machte Bedenken geltend: Immerhin sei dazu die Zustimmung des Bundestages vonnöten.
Beitz war es gelungen, feste Exportaufträge hereinzuholen, die verlorenzugehen drohten, wenn die Exportkredite nicht verlängert werden würden. In Essen liegen Auslandsaufträge im Werte von rund einer Milliarde Mark vor; allein für 85 Millionen Mark Bergbauausrüstungen wurden in der vergangenen Woche von Rumänien bestellt.
Im Januar drängte deshalb auch Bundesbankpräsident Karl Blessing den Bundeswirtschaftsminister: »Man sollte nicht ein Unternehmen mit 100 000 Beschäftigten im Export behindern, zumal der Konzern nach wie vor aktiv ist.«
Bis um ein Uhr früh am Freitag letzter Woche diskutierten Schillers Gäste im Bonner Wirtschaftsministerium über eine Lösung. Als Beitz, Abs und drei andere Bankmänner die ehemalige Kaserne in Duisdorf verließen, war eine Konstruktion gefunden, die Krupps Exportstrom weiterfließen lassen und die Arbeiter in Lohn und Brot halten wird.
Der Krupp-Konzern gründet eine Export GmbH, deren Verwaltung die Frankfurter Ausfuhrkreditanstalt übernimmt. Zugunsten der Export GmbH leistet, der Bund eine Bürgschaft von 300 Millionen Mark. Blessing ist optimistisch: »Die Dinge sind durchaus hinzukriegen.«
Finanzen und Struktur des traditionsbeladenen Konzerns jedoch sind nach Ansicht der Bankiers so beschaffen, daß der Konzern neu geordnet werden sollte, um besser durch die Konjunktur gesteuert werden zu können.
Auf lange Sicht möchten die Bankiers die Einzelfirma Fried. Krupp entweder in eine Aktiengesellschaft oder in eine Stiftung umwandeln und dem bisherigen Alleininhaber einen Aufsichts- oder Verwaltpngsrat zur Seite stellen. Nach dem Willen der Reformatoren sollen dem neuen Gremium in Essen »die prominentesten deutschen Wirtschaftsbosse« angehören.
Berthold Beitz, so wird vorgeschlagen, soll sich in Zukunft vor allem damit beschäftigen, Aufträge aus dem Ausland hereinzuholen und seine Kontakte zu den Krupp-Kunden im Ostblock zu pflegen.