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MARINE Die Crew

• aus DER SPIEGEL 17/1956
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vier Stunden und sieben Minuten lang

zankte sich der Bundestag in der vergangenen Woche um den Kapitän zur See Zenker. Westdeutschlands Parlamentarier redeten sich die Köpfe heiß über die Ansprache, die Zenker - damals Chef der Abteilung Marine im Bundesverteidigungsministerium - am 16. Januar 1956 vor der ersten Marine-Lehrkompanie in Wilhelmshaven gehalten hatte.

Kapitän zur See Zenker hatte gesagt: »Jeder von uns alten Marineleuten, die unter Führung der beiden Großadmirale (Raeder und Dönitz) Dienst getan haben, weiß, daß die Marine sauber, anständig und ehrenhaft geführt worden ist und daß kein Makel an der Person unserer ehemaligen Oberbefehlshaber haftet.«

Der redegewaltige Sozialist Carlo Schmid, der die diffizile, undankbare Aufgabe hatte, die Große Anfrage seiner Fraktion in Sachen Zenker zu begründen, wies indessen nach, daß beide Großadmirale nicht nur aus freien Stücken mit antisemitischen Redesplittern geglänzt hatten, um ihrem Führer zu gefallen, sondern daß Dönitz auch den Kameradenmord an einem Kommunisten in einem australischen Gefangenenlager, in dem die Besatzung des Hilfskreuzers »Kormoran« inhaftiert war, als vorbildliche Tat gelobt hatte.

Die Stellungnahmen der Fraktionen reichten von einem Extrem zum anderen. Für die Deutsche Partei tönte der stramme, armamputierte Hauptmann Schneider, der in der Vorwoche auf der linken Seite des hohen Hauses Zwiebeltürme gesehen hatte, »daß Herr Zenker einem großen Teil der ehemaligen Marine und, ich wage es zu behaupten, des deutschen Volkes aus dem Herzen gesprochen hat«.

Für die SPD donnerte Carlo Schmid: »Wer sich für Dönitz als möglichen Traditionsträger der Marine entscheidet, entscheidet sich gegen den 20. Juli.«

Nur der Vizeadmiral außer Diensten und CDU-Abgeordnete von Wilhelmshaven, Hellmuth Heye, schien im Bilde zu sein, worum es dem Kapitän Zenker bei seiner verunglückten Wilhelmshavener Rede eigentlich gegangen war.

CDU-Heye: Ich muß in diesem Zusammenhang ... darauf hinweisen, daß Kapitän zur See Zenker wegen der besonderen

Verhältnisse in der Marine und wegen des Zusammengehörigkeitsgefühls, das ohne Unterbrechung durch die Kapitulation bis heute noch besteht, auf das Thema eingehen mußte ...«

Gleichwohl, Heyes leise Mahnung verhallte ungehört.

Es schien, als wollten Westdeutschlands Parlamentarier einfach nicht zur Kenntnis nehmen, was für den Vizeadmiral handfeste Realität ist: Daß nämlich der Korpsgeist der alten Kriegsmarine - im Gegensatz zum Heer und zur Luftwaffe - heute noch so stark ist, daß mit einer klaren Frontstellung gegen ihre ehemaligen Oberbefehlshaber eine bundesdeutsche Kriegsmarine kaum aufgebaut werden kann.

Während sich beispielsweise die Fahnenjunker des Heeres bis zum Kriegsausbruch auf fünf, die Luftwaffen-Junker auf vier Kriegsschulen verteilten, hockte jeder Seekadetten-Jahrgang - im Marinejargon: die Crew - in der einzigen Marineschule Mürwik zusammen. Die nagelneuen Heeresleutnante schwärmten in die Garnisonen zwischen Eydtkuhnen und Saarlouis aus. Die Leutnante zur See verloren einander in der kleinen Marine nicht aus den Augen.

Die gleiche altbackene Exklusivität, die auch noch in den letzten Kriegsjahren die Kriegsmarine als den am wenigsten nationalsozialistisch beeinflußten Wehrmachtteil in Fasson hielt, macht es heute der neuen Bundesmarine so gut wie unmöglich, alle Tradition über Bord zu werfen.

Als der Großadmiral Raeder kürzlich begnadigt wurde und das Spandauer Kriegsverbrecher-Gefängnis verlassen konnte, hatten die bürgerlichen Parteien der alten Kriegsmarinestadt Kiel nichts Eiligeres zu tun, als ihm das im Dritten Reich verliehene Ehrenbürgerrecht von neuem anzutragen. Hitlers Großadmiral verzichtete. Der von den Sozialdemokraten über sein Ehrenbürgerrecht entflammte Streit, schrieb Raeder dem Oberbürgermeister, mache es ihm unmöglich, es »als Ehrung meiner Person und der Marine« anzusehen, wieder Ehrenbürger Kiels zu sein.

Diese im Fall Raeder politisch unverfängliche, selbstverständliche Identifizierung der eigenen Person mit »der Marine« könnte sich nach der für Anfang Oktober zu erwartenden Entlassung des Großadmirals Dönitz zu einer für Bonn gefährlichen Konstellation ausweiten.

Sogar der SPD-Troubadour Carlo Schmid verkündete im Parlament, daß er die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse für »einen falschen Weg« halte, und daß er es begrüßen würde, »wenn man den Großadmiral Dönitz, der in der Zwischenzeit ein alter Mann geworden ist und der ein kranker Mann sein soll, aus seiner Haft entließe«. Aber im Verteidigungsministerium hat man vor dem Tag, an dem Dönitz freikommt, eingestandenermaßen Angst.

Die groteske Situation, daß Blanks Gehilfen, die den Großadmiral-Lobredner Zenker in Schutz nehmen, im Gegensatz zu dem Großadmiral-Kritiker Carlo Schmid nichts heftiger fürchten als eine Entlassung des Dönitz aus dem Gefängnis, ist auch amerikanischen Offizieren bekanntgeworden und hat dazu geführt, daß heute in Spandau - in der letzten noch bestehenden Viermächteverwaltung Deutschlands - die Sowjets die einzigen sind, die ihr Einverständnis zu erkennen gegeben haben, den Großadmiral auf freien Fuß zu setzen, während die Westmächte dem neuen deutschen Verbündeten zuliebe ihre Zustimmung einstweilen noch verweigern.

Großadmiral Dönitz ist nach einer Unterleibs-Operation an einer Hypertonie (Blutdruckerhöhung) erkrankt. Erst wenn weitere ärztliche Untersuchungen ergeben sollten, daß sein Gesundheitszustand ihm nach der Entlassung keine ernsthaften Aktionen gegen den Aufbau der Bundesmarine erlauben würde, soll Dönitz die Freiheit wiederhaben.

Kapitän zur See Zenker

Für oder gegen den 20. Juli?

Großadmiral Dönitz

»Kein Makel haftet ...

Abgeordneter Heye

In der Marine kannte jeder jeden

Großadmiral Raeder

.. an den ehemaligen Oberbefehlshabern«

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