Die Dämonen - DER SPIEGEL
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KARDINÄLE / MINDSZENTY Die Dämonen

• aus DER SPIEGEL 46/1956
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nun walte, Schicksal!

Niemand ist sein eigen;

Was sein soll, muß geschehen:

So mag sich's zeigen!

Shakespeare: Was ihr wollt. I, 5.

Die Konterrevolution in Ungarn ist niedergeschlagen!« triumphierte Radio Moskau in einer Sondermeldung am Sonntag letzter Woche um 13 Uhr. In jenem Augenblick ertrank der schier unersättliche Freiheitsdurst der Ungarn in einem Ozean von Blut und Tränen.

Die magyarische Tragödie war eine Explosion, die vom Zusammenprall der kalten Staatsräson einer Großmacht mit der heißen Leidenschaft eines bis auf das Blut ausgepreßten und reglementierten Volkes gezündet wurde und sich bald jeder Kontrolle entzog:

- Zwar hatte sich die Sowjet-Union ausdrücklich bereit erklärt, einer ungarischen Regierung nationalkommunistischer Observanz - etwa nach dem Modell Polens - verhältnismäßig weitgehende Zugeständnisse zu machen. Nach dem Wunsch des Kremls sollten die Ungarn ihren »eigenen Weg zum Sozialismus« finden. Moskau war jedoch nicht geneigt, den ungarischen Verbündeten des Warschauer Paktes- in das Lager des Westens überschwenken zu lassen.

- Genau in diese Richtung drängte aber der ungarische Freiheitskampf. Der Freiheitswille der Magyaren schwemmte mit der Spontaneität eines Naturereignisses alle Dämme weg, die eine elfjährige sowjetische Gewaltherrschaft aufgerichtet hatte. Die relative Freiheit des Titoismus, die Moskau den Ungarn zugestehen wollte, war in diesem Augenblick den magyarischen Freiheitskämpfern zu wenig.

Dem Tumult zwischen Vernunft und Leidenschaften, zwischen den Ansprüchen einer Großmacht vom Range der Sowjet-Union und dem leidenschaftlichen Freiheitsrausch eines kleinen, ausgepowerten Volkes war kein Charakter gewachsen. Die Dämonen überwältigten Funktionäre, Generale und Priester.

Das Kalendarium des Chaos hat die schicksalhafte Wucht einer Shakespeare-Tragödie. Mit einem hoffnungsträchtigen Dialog zwischen Washington und Moskau über das zukünftige Schicksal der Volksdemokratien begann das Drama.

Am 27. Oktober hielt der amerikanische Außenminister John Foster Dulles vor dem Rat für Internationale Angelegenheiten in Dallas (Texas) einen Vortrag zur Weltlage. Dulles sagte:

»In ihrem Wunsche, die Satellitenländer frei zu sehen, verfolgen die Vereinigten Staaten keine hintergründigen Absichten ... Wir betrachten diese Nationen nicht als potentielle militärische Verbündete. Wir betrachten sie als Freunde und als Teil eines neuen befreundeten und nicht mehr länger geteilten Europas ... Sie müssen wissen, daß sie während der Zeit des Umstellungsprozesses ihrer Wirtschaft, der unvermeidlich ist, wenn sie ihre produktiven Bemühungen in den Dienst ihres eigenen Volkes und nicht mehr in den Dienst ihrer Unterdrücker stellen, von unserem Überfluß erhalten können. Auch stellen wir nicht die Bedingung, daß wirtschaftliche Bindungen zwischen uns die Annahme eines bestimmten Gesellschaftssystems voraussetzen.

Die Rede des amerikanischen Außenministers war eine echte Sensation. Zum erstenmal erklärte - in den vorsichtigen Formeln diplomatischer Sprache - der verantwortliche Leiter der amerikanischen Außenpolitik, daß die Vereinigten Staaten bereit sind, unter bestimmten Bedingungen das volksdemokratische System in Osteuropa anzuerkennen.

Die sowjetische Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie war nicht weniger sensationell als die Dulles-Erklärung.

In der Nacht vom 30. zum 31. Oktober legte Moskau der Weltöffentlichkeit, die inzwischen von einer Kaskade folgenschwangerer Ereignisse in Ungarn und am Suez irritiert war und die Sensation kaum zur Kenntnis nahm, eine Magna Charta für die Volksdemokratien vor. In dem Dokument heißt es, daß die Sowjet-Union die schweren Fehler und Irrtümer einsehe, die ihr bei der Gestaltung des Verhältnisses der Sowjet-Union zu den Volksdemokratien in den letzten elf Jahren unterlaufen sind. Moskau versprach, seine Beziehungen zu den Volksdemokratien künftig auf der Basis der vollen Gleichberechtigung, der territorialen Integrität, der staatlichen Unabhängigkeit und der Nichteinmischung in die inneren Verhältnisse aufzubauen.

Der Veröffentlichung dieser Proklamation war ein stundenlanges Ringen zwischen den Fraktionen im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union vorausgegangen. Die »konservative« Gruppe um Molotow und Suslow verlangte, daß die Bindungen zwischen Moskau und den Volksdemokratien nach den historischen, stalinistischen Traditionen zu ordnen seien. Die Fraktion um Chruschtschew und Bulganin forderte dagegen eine Politik im Sinne der schließlich veröffentlichten Proklamation.

Den Ausschlag in diesem Streit gab die Stimme Mikojans, der die Entwicklung in Polen und Ungarn an Ort und Stelle beobachtet hatte und die Überzeugung vertrat, daß sich das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen lasse. Die Proklamation enthielt in ihren Schlußpassagen eine Warnung an die Adresse Ungarns, nicht grundsätzlich vom Wege des Sozialismus abzuweichen. Das war eine Konzession an die Molotow-Fraktion. Doch die Aufständischen in Ungarn beachteten das Signal nicht.

Zwölf Stunden nach der Veröffentlichung der »Magna Charta der Volksdemokratien« schienen die Sowjets ihre Thesen in die politische Wirklichkeit umsetzen zu wollen. Die sowjetischen Panzer marschierten aus Budapest in Richtung Osten ab. Der Nationalkommunist Imre Nagy sollte die zweite Oktoberrevolution ohne sowjetische Einmischung zu Ende führen.

Die Glocken läuteten. Unter dem Schutz von Panzerfahrzeugen der ungarischen Freiheitskämpfer zog Ungarns Märtyrer-Kardinal József Mindszenty in die Hauptstadt ein. Im Februar 1949 war er von den Stalinisten wegen Hochverrats und anderer ihm zur Last gelegter Verbrechen zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden.

In langjähriger einsamer Kerkerhaft war der Kardinal von dem Gedanken bezwungen worden, daß sich an seiner Person das Schicksal der katholischen Kirche Ungarns vollziehe. Die persönliche Freiheit, die ihm jetzt die Aufständischen brachten, schien sich in ihm zur Idee der katholischen Freiheit des ganzen Landes zu verdichten. Die Freiheitskämpfer aber bestärkten den Kardinal in seinen mystischen Illusionen.

Mindszenty war kaum 24 Stunden in der Hauptstadt, als die ungarischen Katholiken im Palais des Kardinals ihre Kampfparole formulierten: »Wir sind die Partei des Kardinals!«

Kurz danach empfing Mindszenty eine Regierungsdelegation unter Führung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Zoltán Tildy von der Partei der kleinen Landwirte. Tildy bat den Kardinal um Unterstützung für die Regierung des Nationalkommunisten Imre Nagy.

In dieser Minute entschied sich das Schicksal der ungarischen Freiheitsbewegung. Die Regierung Nagy erwartete von dem Kardinal, daß er die katholische Bevölkerung zur Mitarbeit am Wiederaufbau des Landes und zur Loyalität aufrufen würde. Das Prestige des überall in Ungarn verehrten Kirchenfürsten sollte nach dem Wunsch der Regierung helfen, dem Lande nach dem Aderlaß der Revolution Ruhe und Frieden zu bringen.

Aber der durch lange Kerkerhaft zermürbte Mensch Mindszenty versagte. Er forderte Vorleistungen von der Regierung, die in diesem Augenblick verzweifelt zwischen erregten ungarischen Massen und den Kommandeuren der abziehenden sowjetischen Panzerdivisionen lavierte. Mindszenty verlangte, daß Nagy eine christlich-demokratische Partei »nach dem Muster der Partei des Bundeskanzlers Adenauer« zulasse. Die Erfüllung dieser unabdingbaren Forderung sei Voraussetzung für eine Koalition mit dem Nationalkommunisten Nagy.

In diesem unheilvollen Augenblick verlor auch Imre Nagy die Nerven. Die sowjetischen Panzer rollten plötzlich in Massen nach Ungarn und kreisten Budapest ein, damit sich ein nationalkommunistisches Regime in der Hauptstadt etabliere und Ruhe und Ordnung wiederherstelle.

Nagy, von dem Kardinal und den Funktionären verlassen, teilte noch am selben Abend dem Uno-Generalsekretär Hammarskjöld mit, daß Ungarn seine Außenpolitik auf der Basis der Neutralität ähnlich der Österreichs weiterführen wolle. Versteinert hörte sich der Botschafter der Sowjet-Union in Budapest, Andropow, die Mitteilung des ungarischen Ministerpräsidenten an, daß sich die Volksrepublik Ungarn unter den Schutz der Vereinten Nationen gestellt habe.

Die Sowjets schlossen den Ring um Budapest enger, zögerten aber immer noch, aktiv in das Geschehen einzugreifen. In dieser ohnehin gespannten Situation versagte der Kardinal und Mensch Mindszenty vollends. In einer Rundfunkrede am Sonnabend vorletzter Woche, die er »an das ungarische Volk und an die Welt« richtete, griff er die Regierung des Imre Nagy, der sich inzwischen vom Kommunisten zum Neutralisten gewandelt hatte, heftig an, bezeichnete Nagy und dessen Minister als »Erben eines gebrochenen Systems« und forderte, daß Ungarn den Kommunismus verwerfe und zum System des Privateigentums zurückkehre.

»Was geschah«, erklärte der Kardinal, »war nicht etwa eine Revolution, sondern ein Freiheitskampf. Das System wurde vom ganzen Volk hinweggefegt. Die Erben dieses gebrochenen Systems sollten dafür keinen weiteren Beweis fordern. Dieser Kampf wurde gefochten, weil die Nation ihr Schicksal frei bestimmen will.«

Es ist bis zur Stunde unbekannt, ob diese Rede des Kardinals es war, die in Moskau den Kurzschluß erzeugte. Fest steht, daß wenige Stunden nach jener Rundfunksendung die Befehlshaber der sowjetischen Streitkräfte in Ungarn - General Malinin, Generalleutnant Stepanow und Generalmajor Schtschelbanin den ungarischen Verteidigungsminister Generalmajor Pál Maleter und seinen Generalstabschef István Kovács zu Verhandlungen über den endgültigen Abzug der Sowjets aufforderten.

Zur gleichen Stunde versicherte Mikojan der ungarischen Regierung in Budapest, daß die sowjetischen Truppen bald aus Ungarn abmarschieren würden. Auch der sowjetische Uno-Delegierte Sobolow gab vor dem Sicherheitsrat in New York eine gleichlautende Erklärung ab.

Das alles war nur eine hinterlistig gestellte Falle, in der die militärischen Führer der ungarischen Freiheitskämpfer gefangen werden sollten. Es vollzog sich das gleiche Spiel wie am 28. März 1945: Damals waren 15 Führer der polnischen Widerstandsbewegung, an der Spitze General Okulicke, von den Vertretern Marschall Schukows in eine Villa bei Warschau eingeladen worden - angeblich zu Verhandlungen über gemeinsames Vorgehen in den nicht mehr von den Deutschen besetzten polnischen Gebieten. Die Polen kamen und wurden seither nicht mehr wiedergesehen.

Das geschah auch mit den Ungarn Pál Maleter und István Kovács. Als am frühen Sonntagmorgen Budapest unter dem Feuer der sowjetischen Artillerie- und Panzergeschosse erzitterte, ließ Ministerpräsident Nagy über den Rundfunk verzweifelt nach seinem Verteidigungsminister und seinem Generalstabschef rufen. Maleter und Kovács aber meldeten sich nicht mehr.

So ging Ungarn unter. Am selben Tage noch gab der amerikanische Delegierte Cabot Lodge in der außerordentlichen Sitzung des Sicherheitsrates bekannt, daß der Primas von Ungarn, Kardinal Mindszenty, und sein Sekretär in der amerikanischen Gesandtschaft in Budapest Zuflucht gefunden haben.

Daily Mail, London

Der Sieger von Budapest

Ungarns Kardinal Mindszenty: »Es ist schön, sein Leben für Großes zu opfern ...

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