Die Deutschen als Opfer
Auf der Leipziger Buchmesse ist er am Freitagabend vergangener Woche der große Star und seine Veranstaltung der Höhepunkt: Die Literaturszene bestaunt den Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass, als er in der Stadtbibliothek am Wilhelm-Leuschner-Platz aus seinem neuen Werk vorliest.
Erfolg macht attraktiv, und den hat er zurzeit. Die Versammelten feiern den eigentlich etwas ins Abseits geratenen alten Dichterfürsten, dem ein kaum noch für möglich gehaltener Hit gelang.
In mehr als 300 000 Exemplaren kauften die Bundesbürger bisher seine erst im Februar publizierte Novelle »Im Krebsgang« - eine aus fiktiven und realen Versatzstücken gefügte Schicksalsstory, die einen lange gemiedenen Stoff aufgreift.
Es geht dabei (siehe SPIEGEL-Titel 6/2002) um den Untergang der »Wilhelm Gustloff«, eines im Dritten Reich von den Nazis gebauten Touristendampfers, den in den letzten Kriegsmonaten mit nahezu 10 000 Flüchtlingen und Soldaten an Bord die Russen in der Ostsee versenkten.
Und der in Danzig geborene »Praeceptor Germaniae« ("Süddeutsche Zeitung") textet nicht nur, er schlägt auch wirksam die Trommel: Welche Qualen die eigenen Landsleute unter dem von Adolf Hitler entfachten Weltenbrand erlitten, sei zu lange in Schweigen gehüllt worden - er selbst habe sich ein »bodenloses Versäumnis« anzulasten.
Die Deutschen als Opfer - ein im Jahre 12 des wiedervereinigten Landes aufbrechendes dunkles Kapitel, das nicht allein Günter Grass entdeckte. Der Leidensweg von über 14 Millionen Ostpreußen, Pommern oder Schlesiern, die zwischen 1944 und 1947 ihre Heimat verloren (und von denen Hunderttausende, vielleicht gar zwei Millionen starben), ist jetzt unvermittelt zum Spitzenthema avanciert.
Über Flucht und Vertreibung schreibt der bei Bremen lebende Kollege Walter Kempowski, 72, ("Echolot") und die 33 Jahre alte Autorin Tanja Dückers ("Himmelskörper"). Der Klassiker der am vergangenen Freitag mit einem Staatsakt in Hamburg zu Grabe getragenen Publizistin Marion Gräfin Dönhoff, 92 - »Namen, die keiner mehr nennt« - ist inzwischen in die 32. Auflage gegangen.
In Berlin, Düsseldorf oder Potsdam veröffentlichen Historiker gelehrte Abhandlungen - etwa der junge Philipp Ther über das tragisch ineinander verschlungene Schicksal der deutschen und polnischen Vertriebenen, oder Manfred Zeidler, der sich der Verbrechen der Roten (Besatzungs-)Armee annimmt.
Was geschah da, als sich der von Hitler und seinen willigen Vollstreckern geführte Vernichtungskrieg dem bitteren Ende näherte? Wie es kam, dass in einem harten, schneereichen Winter 1944/45 bereits Zigtausende auf dem großen Treck Richtung Westen erfroren oder erschossen wurden, möchten mehr als ein halbes Jahrhundert später vor allem die nachgeborenen Deutschen wissen.
»Die fragen jetzt häufig ihre Großväter«, berichtet der aus Nordböhmen stammende Osteuropa-Experte Hans Lemberg. In dieser Altersklasse zeige sich »eine bemerkenswerte Veränderung der Optik - going to the roots«.
Über alle Erwartungen hohe Einschaltquoten von TV-Dokumentationen bestätigen das ebenso wie etwa eine gerade angelaufene Serie des populären Fernseh-Historikers Guido Knopp im Massenblatt »Bild«. In einem SPIEGEL-Gespräch erklärt der mit der Problematik seit vielen Jahren vertraute Geschichtswissenschaftler Hans-Ulrich Wehler (siehe Seite 61) einen Teil der Gründe:
Die Deutschen hätten nun augenscheinlich »ein zeitliches und emotionales Sicherheitspolster«, das ihnen die Möglichkeit gebe, den Schrecken an sich heranzulassen - eine insgesamt heilsame Art der Befassung.
Und so ähnlich scheint darüber auch eine stattliche Zahl vorwiegend junger Bundesbürger zu denken. Die Geschichten aus der alten kalten Heimat, die lange Zeit eher Verdruss erzeugten oder mit unverhohlenem Argwohn verfolgt wurden, haben plötzlich Hochkonjunktur.
Passé jedenfalls die Wortführerschaft derer, die sich nahezu ausschließlich auf die Schandtaten der Nazis und ihrer Mitläufer fixierten. Wer wie die Erfinder des Holocaust und anderer Scheußlichkeiten den Völkern unsägliche Gräuel zugemutet habe, möge in eigener Sache gefälligst den Mund halten, hatten zumindest die gegen ihre Väter als Täter antretenden 68er verlangt.
Doch die Zeiten, in denen es schlicht als ungebührlich galt, nicht allein das vom NS-Terror der Welt zugefügte, sondern auch das selbst erlittene Leid zu diskutieren, gehen nun offenkundig zu Ende.
Die Enkel-Generation sieht in einem Land, das ja auch sonst in atemraubender Geschwindigkeit ungeahnte Normalisierungsprozesse durchläuft, die zurückliegenden Ereignisse mit neuem, nüchternem Blick. Eine Verhaltensweise, die in eine dritte und letzte Stufe der viel zitierten Vergangenheitsbewältigung münden könnte. Denn die erste, die gleich nach dem Verlust der Ostgebiete von den unmittelbar Betroffenen forciert wurde, lag noch zu nahe an der Katastrophe. Zwar beklagten im Westen zahllose Ostpreußen oder Schlesier das ihnen auferlegte Schicksal, mehr als andere büßen zu müssen - bloß, was half das schon?
Tabu war die von den Siegermächten etwas fühllos zum »Bevölkerungstransfer« heruntergeredete Zwangsumsiedlung im sowjetischen Vasallenstaat DDR. In der Bonner Republik bildete sich zwar ein »Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten« (BHE), der zeitweilig sogar in den Bundestag einzog, aber dann rasch an Einfluss verlor.
Während die Funktionäre der einzelnen Landsmannschaften radikal und zusehends weltfremd auf einem Vaterland »in den Grenzen von 1937« beharrten, pflegten Millionen von Flüchtlingsfamilien zwischen Flensburg und Garmisch ihren privaten Erinnerungskult.
Die Entwurzelung schmerzte dabei so sehr, dass selbst Vertriebene wie die auf Ausgleich bedachte Marion Gräfin Dönhoff jahrzehntelang litten. Noch im September 1964 bekundete die trauernde Ostpreußin ihr Verständnis für den hinhaltenden Widerstand gegenüber allen Verzichtsleistungen: »Das wäre so«, schrieb sie im Namen der Flüchtlinge, »als verlangte man von ihnen, ihre Toten zu verraten.«
Ein schönes Bekenntnis, das sich dann allerdings peu à peu am anfangs noch tristen Alltag aufrieb. Den ihrerseits erheblich belasteten »Einheimischen« gingen die unentwegten Geschichten von der verlorenen Scholle zunehmend auf die Nerven - und vor allem die Kinder der Vertriebenen, die traumatische Erfahrungen abzuschütteln versuchten, arrangierten sich mit den neuen Verhältnissen.
Das Kind aus Masuren oder der pommerschen Schweiz sprach sehr bald pfälzisch oder hessisch - Verdrängung und Anpassung als Überlebensprinzip.
Und auch ansonsten veränderten sich aus guten Gründen die Perspektiven. Spätestens mit der auf Versöhnung ausgerichteten Ostpolitik Willy Brandts haftete den Verbandslobbyisten, die nostalgisch-aggressive Massenveranstaltungen wie das berüchtigte Pfingsttreffen der Sudetendeutschen inszenierten, etwas lähmend Gestriges an.
Zwar hatten die Vertriebenen in einer 1950 verabschiedeten »Charta« Gelüsten nach »Rache und Vergeltung« abgeschworen, aber nicht nur das Ausland bezweifelte den Verzicht: Alle, die sich dafür stark machten, Königsberg oder Breslau im Herzen zu bewahren, galten in einer sich liberalisierenden und pragmatischen deutschen Öffentlichkeit prompt als »Revanchisten«.
Was immer sich die Hardliner noch klammheimlich an Chancen ausrechnen mochten - der Lauf der Geschichte verwehte ihre Träume. Selbst als nach der 89er Wende der marode Ostblock zerbrach, änderte das nichts an den Beschlüssen von Potsdam und Jalta. Um die Einheit zu sichern, trat die Bundesrepublik die 1945 faktisch eingebüßten Ostprovinzen auch juristisch ab.
Aber dann kamen ja die Kriege auf dem Balkan, die politisch engagierte Zeitgenossen mit einer bestürzenden Realität konfrontierten. Flucht und Vertreibung - und ärger: die »ethnische Säuberung« als erklärtes militärisches Ziel - gehörten, wie man nun erlebte, keineswegs der Vergangenheit an. Sie erzwangen als europäisches Gegenwartsphänomen eine dem bitteren Dilemma adäquate Antwort.
Im Angesicht der im Kosovo fliehenden und gejagten Menschen setzte bei der lange unwilligen deutschen Linken ein allmähliches Umdenken ein. Waren das nicht die gleichen Bilder wie vor mehr als einem halben Jahrhundert auf der Kurischen Nehrung oder im Stettiner Haff?
Zunächst bemühte sich - 1995 - die Vizepräsidentin des Bundestags, Antje Vollmer, selbstzerknirscht um eine neue Einschätzung: Wie sie und ihresgleichen sich bei der »Aufarbeitung historischer Wahrheiten« geirrt hätten, räumte die spürbar verunsicherte Theologin ein, sei »kein Ruhmesblatt« gewesen.
Das war es auch nicht, sondern laut Innenminister Otto Schily »Ausdruck von Mutlosigkeit und Zaghaftigkeit«, den er jetzt gründlich zu korrigieren versprach. Im September 2000 wagte sich als erster sozialdemokratischer Bundeskanzler der für Umschwünge mit feiner Antenne ausgestattete Gerhard Schröder auf einen »Tag der Heimat«.
Spontan regte er dort an, »miteinander zu reden«, statt die alten »Vorurteile zu pflegen« - um zunächst die wechselseitige Verkrampfung zu lösen.
So wurde das Ende einer seit der »68er«-Zäsur andauernden Political correctness eingeläutet, die auch sensible Charaktere wie den einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker beeinflusste. Hatte der nicht noch am 8. Mai 1985 in seiner sonst zu Recht gerühmten Rede über die Vertreibung seiner Landsleute seltsam gewunden von einer »erzwungenen Wanderschaft« gesprochen?
Aus und vorbei. Mit der unumkehrbaren Hinnahme dessen, was ja schon vom ersten Nachkriegstag an irreversibel war, fühlen sich die neuen Deutschen nun locker entfesselt.
Von Verdrängung keine Spur mehr. Sogar die in Fragen nationaler Introspektion vorsichtige »Frankfurter Rundschau« konstatiert ein inzwischen »ungeheuer großes Bedürfnis, das Vertreibungsthema in ein breites öffentliches Geschichtsbewusstsein zu integrieren«.
Woher das rührt, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Eine Rolle spielt dabei gewiss die Erkenntnis, dass sich solche Katastrophen auch dann ereignen, wenn den Betroffenen keinerlei Schuld nachzuweisen ist - der hier zu Lande stets als Grund angeführte Sühne-Aspekt also entfällt. Allein in Europa mussten zwischen 1939 und 1947 schließlich nahezu 50 Millionen Menschen unter Zwang ihre Heimat verlassen. Nur jeder Vierte davon war Deutscher.
Aber reicht das, darüber in einem Land, das den verheerenden Zweiten Weltkrieg zu verantworten hat, endlich unbefangener zu debattieren? Als eine der wenigen kritischen Stimmen bemängelt die »Neue Zürcher Zeitung«, der gegenwärtige Diskurs spiegele den »mentalen Status quo der Berliner Republik": Zu deren fortwährendem Normalisierungsgerede gehöre nun offenbar der begehrte »Eintritt in die internationale Opferkultur«.
So mögen - immer noch oder schon wieder - auch die Tschechen denken, während sich die Polen anders verhalten. Ihre einschneidende Erfahrung, selbst vertrieben worden zu sein, bevor sie in den entvölkerten Provinzen Schlesiens, Pommerns oder Westpreußens ihre Heimat fanden, hat zu einer bemerkenswerten Erinnerungsarbeit geführt.
Polnische Schriftsteller, und gerade solche, die in den einstigen deutschen Ostgebieten leben, sehen in den vormaligen Bewohnern eher Schicksalsgefährten. Sie verfassen Bücher, die davon handeln, dass Beschweigen nicht befreit, sondern die Geschehnisse benannt werden wollen, weil sie nur so - und auch im Hinblick auf ein sich vereinigendes Europa - wirklich zu befrieden sind.
»Der Aussöhnung zu dienen, indem man sich wechselseitig seine Geschichten erzählt«, wünscht sich etwa Philipp von Bismarck, lange Zeit Sprecher der Pommerschen Landsmannschaft - ein Appell, der nicht ohne Echo bleibt. Vor allem die historisch interessierte, nachgewachsene Generation scheint nun einen unverstellten Blick jenseits von Schuld und Selbstkasteiung zu riskieren.
Sie will nicht »aufarbeiten« oder das Unabänderliche gar in Frage stellen, sondern wissen, was war. Der SPIEGEL versucht, diesem Bedürfnis mit einer vierteiligen Serie nachzukommen. HANS-JOACHIM NOACK
* Am 7. Dezember 1970 vor dem Denkmal für das WarschauerGhetto.