Die Dörr-Methode half
Hollywoods Drehbuchschreiber wittern Sensationsstoff. Sie wollen die »größte amerikanische Nachkriegsodysee des Jahrhunderts« zu Zelluloid bringen. Die Geschichte dieser Odyssee rollte jetzt vor einem Militärgericht in Washington ab.
»Eine tolle Story« nannte sie Konteradmiral G. B. Davis. Trotzdem expedierte er den Story-Helden erst einmal ins Marinegefängnis von Washington.
Dabei begann alles ganz harmlos. Der lebenslustige, dunkelhaarige 22jährige US-Seemann James Patrick Ryan hatte am 2. Juli 1947 in San Remo an der italienischen Riviera Landurlaub, die Taschen voll Geld und Appetit auf eine Signorina. Er fand eine. Am nächsten Morgen verpaßte Ryan sein Schiff, den US-Zerstörer »Dickson«, um glatte drei Stunden.
Mit kräftigem Fluch und bemerkenswerter Initiative mogelte er sich ohne ausreichende Papiere über die Grenze nach Nizza, dem nächsten Anlaufhafen der »Dickson«. Französische Polizei entdeckte den verfrühten Einzelgänger beim Apéritif und nahm ihn mit. Mangels Dolmetscher kauderwelschte man auf deutsch, das beide Teile besatzungsmäßig gelernt hatten.
Die Polizei von Nizza hielt Ryan daraufhin für einen gefährlichen Ex-SS-Spezialisten, klopfte dem Widersprechenden unsanft auf den Kopf und legte ihn in Eisen. Als er wieder aufwachte, hatte sein einwandfreier Kronzeuge, der US-Zerstörer, schon wieder den Hafen von Nizza verlassen. In Washington wurde eine neue Akte wegen Desertion angelegt.
Damit war James Patrick wenig geholfen. Die Franzosen überredeten ihn mit allen Agenten-Finessen zum Eintritt in die Fremdenlegion. Immer wieder verweigerte das Opfer im entscheidenden Augenblick seine Unterschrift. Daraufhin wurde der hartgesottene Yankee zum Fort Icholas verfrachtet.
Mit geschorenem Kopf und dazu fix und fertig in Legionskleidung fand er sich eines Morgens in einer Zelle wieder, beschwor Ryan jetzt vor dem Kriegsgericht. Sieben Tage später stand der Fluchende mit gleichfalls auf solche Art gekaperten Legionären auf Deck des französischen Transporters »Oran«. Es ging in Richtung Marokko.
»Dabei habe ich von der ersten Stunde an versucht, mit amerikanischen Konsulaten in Verbindung zu kommen«, sagte Ryan weiter aus. »Das Konsulat in Tanger muß es wissen. Ich würde in 14 Tagen frei sein, antwortete es mir.«
Doch die Maschinerie der »Légion Etrangère« lief schneller. Der Aufsässige bekam einen neuen Vornamen und neue Order: zu einem Fallschirmjäger-Uebungsplatz irgendwo in der sandigen Sahara. Ryan verbarg seine Abneigung gegen Frankreich nicht im geringsten. Zur politischen Umerziehung pflockte man ihn zwölf Stunden wie einen gespreizten Frosch in die glutheiße Afrikasonne. Auch das sagte Ryan unter Eid aus.
Die Dörr-Methode half. Aechzend gab der Seemann seine geheimen Fluchtpläne auf. Damit brachte er die das Lager umstreifenden Araberstämme um eine beachtliche Kopfprämie. Keiner entkam je aus der überhitzten Sandhölle.
Im Herbst 1948 landete Legionär Ryan mit seinem Bataillon im fernen Indochina. Die Vietnamesen machten dem unerbetenen Haufen das Leben zur tausendfältigen Qual. Täglich gab es Tote.
Abenteurer wider Willen Ryan sehnte sich nach seiner friedlichen Hängematte, US-Verpflegung und der überreichlichen Lucky-Strike-Zuteilung auf der zweifach versäumten »Dickson« zurück. Moskitos, Dengue-Fieber, Skorpione und zackiges »Oui, monsieur!« gingen dem jungen Weltkrieg-II-Veteranen auf die strapazierten Nerven. Ein unbedachtes Wort brachte Ryan etliche zersplitterte Vorderzähne ein. Das reichte ihm.
Am 10. Oktober 1948 türmte er mit einem deutschen und einem tschechischen Legionär zu mitternächtlicher Stunde. Ins Ungewisse. Nach wochenlangen Dschungelirrfahrten wurden die drei zerrissen, halbverhungert und mit schweren Fieberdelirien von chinesischen Zollbeamten entdeckt. Das große Wagnis, Traum aller Fremdenlegionäre in Indochina, war geglückt.
Vier Monate brauchten die drei, ohne Geld und mit tropischen Geschwüren bedeckt, für den Weg von der vietnamesischchinesischen Grenze bis zur südchinesischen Hauptstadt Kanton am Perlflußdelta. Zweimal wurde der Dampfer, auf dem sie fuhren, von Flußpiraten überfallen.
Als endlich die Hochhäuser Kantons auftauchten, frohlockte der ahnungslose James Patrick über das vermeintliche happy end nach 19 Odyssee-Monaten. Im nächsten Augenblick griff die chinesische Bürokratie zu. Der Deutsche und der Tscheche wurden von der chinesischen Polizei wegen »unerlaubter Einreise« ins Gefängnis von Kanton geworfen. Kamerad Ryan konnte sich im letzten Augenblick in Kantons amerikanischem Hospital in Sicherheit bringen.
Dort holte ihn die US-Marine ab und flog ihn über den Pazifik nach Washington. Er kam gleich hinter Gitterfenster. Trotzdem machte Ryan in der amerikanischen Presse Schlagzeilen: »Frankreich kidnapt US-Bürger!« - »US-Seemann in Nizza geschanghait!«
Entrüstet verteidigte der französische Botschafter den lädierten Ruf seines Landes. Immerhin brachte der Fall Ryan einen Mißton in die ERP-Symphonie. Inzwischen fand ein Fünf-Mann-Kriegsgericht auch etliche Haare in der Ryan-Story. Trotzdem wurde die Anklage wegen Desertion gestrichen.
Für »unerlaubtes Entfernen von der Truppe« gab es vier Monate, mit der Aussicht auf Streichung durch den Marineminister. Darauf hoffen der narbenbedeckte, zahngesplitterte James Patrick und seine mächtig stolze Mutter.
Die Amerikaner erwarten indessen mit Spannung, wie Hollywood den Fall »Ryan gegen Fremdenlegion« auswerten wird. Wenn nicht energische Proteste des französischen Botschafters das Drehbuch endgültig in die Schublade verbannen.