HANS MICHAEL KLOTH
Im deutschen Osten ist alles ehemalig. Ehemalige Bürger der ehemaligen DDR arbeiten - wenn sie nicht ehemalige Arbeitsplatzbesitzer sind - in ehemaligen HO-Läden (mittlerweile Kaiser''s Supermarkt) oder ehemaligen LPG (jetzt Teil des agrarindustriellen Komplexes der Holländer). Sie kaufen ehemalige Ostprodukte wie »Spee«-Waschpulver (heute Henkel) oder Radeberger Pilsener (gehört inzwischen zur Binding-Brauerei).
Auch das schnuckelige Ost-Ampelmännchen wird ungeachtet aller Proteste demnächst ehemalig werden und selbst die einzige übernommene Errungenschaft des Sozialismus, der grüne Pfeil, ist angesichts der vielen westlichen Wagenlenker, die ihn an ostdeutschen Kreuzungen entgegen der gesamtdeutschen Rechtslage zu ignorieren geruhen, faktisch ehemalig.
Mittlerweile geht man sogar daran, jene Institutionen ehemalig zu machen, die ihrerseits doch erst zur Ehemaligmachung der DDR eigens eingerichtet wurden. Die einstmalige Treuhandanstalt ist zu einem bürokratischen Wurmfortsatz namens »Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben« zusammengeschrumpft worden und wird derzeit zur endgültigen Abwicklung vorbereitet.
Die unnachahmlich betitelte »Bundestags-Enquetekommission zur Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit« (kurz BTEKzÜdFdSEDDiPddtE) darf noch bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode über Sinn und Zweck von Aufarbeitung diskutieren, solange das zur Abarbeitung, sprich zur Ehemaligmachung, beiträgt.
Und die Gauck-Behörde, bürokratiegewordener Beweis dafür, daß die DDR nicht nur für Philatelisten zum abgeschlossenen Sammelgebiet geworden ist, wird den Ossis noch einen zweiten Fünfjahresplan lang Stoff für ihre nostalgische Nabelschau liefern, um dann wohl noch rechtzeitig geschlossen zu werden, bevor auch jene Akten, welche die Verstrickungen der westdeutschen »classe politique« mit der Republik des Genossen Honecker dokumentieren, aus den Schreddern des MfS zusammengepuzzelt sind.
Dabei ist die DDR alles andere als ehemalig. Sie ist jedenfalls nicht ehemaliger als jene andere deutsche Diktatur, von der auch niemand als dem »ehemaligen Dritten Reich« spricht. Fast gleicht
die ständige Voranstellung dieses ominösen Adjektivs schon einem Mantra, einer rituellen Selbstbeschwörung des deutschen Westens, daß »das andere« vergangen, man selbst aber noch ganz da sei.
Nur ist eben das Gegenteil der Fall. Das dauernde Totsagen hält die »ehemalige« DDR lebendiger, als es dieser ohnehin niemals mehr als scheintote Staat von Moskaus Gnaden je war.
Währenddessen droht die neue Bundesrepublik (gelegentlich auch einfach »Deutschland« genannt) daran zu ersticken, daß man die alte künstlich am Leben zu halten versucht. Wie ein unverdauter Brocken steckt die alte »BRD« dem neuen Deutschland quer im Hals, weil die Altbundesrepublikaner sich seit bald sieben Jahren hartnäckig weigern zu begreifen, daß auch die westdeutsche Teilrepublik mit dem 3. Oktober 1990 unwiderruflich Geschichte geworden ist: die ehemalige BRD.
Mit der Vollendung der Einheit ist die Geschäftsgrundlage des Bundesrepublikanismus entfallen. Die lautete, »dem staatlichen Leben« im Westteil »für eine Übergangszeit eine neue Ordnung zu geben« (Präambel des alten Grundgesetzes). Eigentlich eine Selbstverständlichkeit also, neben dem Abräumen der Trümmer des ersten und hoffentlich letzten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staates langsam auch mit der Abwicklung der Altbundesrepublik zu beginnen, auf daß in Einigkeit und Recht und Freiheit ein neues, besseres Deutschland blühe.
Ein besseres Deutschland - genau da liegt das Problem. Die Westdeutschen sind mehr denn je überzeugt, auf dem Territorium Trizonesiens nicht nur das bessere, sondern das beste, ja im Grunde das einzig diskutable Deutschland errichtet zu haben. Für seine Gralshüter ist das »Modell Bundesrepublik« gewissermaßen das Ende der (deutschen) Geschichte - eine nicht zu überbietende Leistung von so außerordentlicher Einzigartigkeit, daß schon ihre andeutungsweise Infragestellung einem Sakrileg gleichkommt.
Mag der real existierende Bundesrepublikanismus 1989 theoretisch seinen Super-GAU erlebt haben, die gute, alte Bundesrepublik ruht mit so ausgeprägter Behäbigkeit in sich selbst, daß sie das Unmögliche zu vollbringen scheint: das Momentum der Wiedervereinigung, welches sie nach ihren eigenen Regeln eigentlich von der Bühne der Weltgeschichte fegen müßte, auszusitzen.
Die westliche Polit-Elite jedenfalls zeigt wenig Neigung, das »System Bonn« zu liquidieren. Auch der gemeine Westdeutsche mag die Bundes-Idylle nicht einfach den Zeitläuften opfern; lagerübergreifend hat man längst Adenauer Abbitte geleistet und »keine Experimente« auf die Bundesfahne geschrieben. Und da inzwischen sogar ehemalige DDR-Bürgerrechtler ihren Frieden mit der westdeutschen Gewohnheitsdemokratie machen und erklären, »in der Bundesrepublik angekommen« zu sein, hat es den Anschein, als sei das Ergebnis der Einheit tatsächlich nur eine vergrößerte BRD.
Natürlich ist es das nicht. Irgendwie schwant auch allen, daß hier eine Leiche zurechtgeschminkt wird für eine Feier, die lange vorbei ist. Doch auf der Bonner Abraumhalde der Geschichte spielt die Bundes-Band weiter, als ob der Kollaps der DDR nur ein knalliger Party-Gag gewesen wäre.
»Ostalgie« ist in aller Munde. Dabei wuchert gerade im Westen die Nostalgie, weitgehend unbemerkt und unkommentiert, aber allgegenwärtig. Arbeitslosigkeit, Pleitenrekorde, explodierende Kriminalität - die ökonomischen und sozialen Horrormeldungen lassen ja nicht nur Ostbürgern die Haare zu Berge stehen und sich sehnsüchtig nach rückwärts wenden. Gerade in Westdeutschland hält man sich angesichts der ungewohnten Unübersichtlichkeit der Verhältnisse lieber an bewährt Bundesrepublikanisches.
Dennoch besteht ein gravierender Unterschied. »Ostalgie« ist pittoreske Folklore - man kauft Ostkost, tanzt zu 40/60, findet Gysi großartig und schickt die Kinder zur Jugendweihe; die ganz Ewiggestrigen versammeln sich zum Absingen revolutionären Liedgutes im längst zu knappen FDJ-Blauhemd. Im Westen sind die Nostalgiker dagegen an der Macht. Und mit Macht zwängen sie die nationalen und globalen Herausforderungen, die Deutschland überrollen, in das Korsett ihres gnadenlos überholten Bonner Weltbildes.
Die Folge ist Stillstand. Das Stabilitätsideal der alten Bundesrepublik degeneriert zum gesamtdeutschen Immobilismus. Das Erhardsche Versprechen vom »Wohlstand für alle« verkommt zur Besitzstandsgarantie für bundesdeutsche Besserverdienende. Das Aufbauprogramm Ost? Ein verkapptes Vermögensbildungsprogramm West. »Solidarität«? Nur noch ein Posten auf dem Steuerbescheid. Und in Berlin kündigt ein Senator an, mit »sozialistischen Wärmestuben« aufräumen zu wollen, während dort knapp 30 Staatssekretäre mit Bezügen beurlaubt sind.
In der zentralistischen DDR hatte die institutionalisierte Verhinderung von Veränderung einen Namen: Politbüro. In der westdeutschen Duodezdemokratie mit ihren parteipolitischen Proporzzwängen, landmannschaftlichen Loyalitäten und partikularistischen Provinzpotentaten hat sie leider Gottes beliebig viele. Während überall unter dem Banner von »Reformen« um die zweite Stelle hinterm Komma gerangelt wird, gerät die fällige Totalüberholung des einstmaligen Wirtschaftswunder-Wohlfahrtsstaates aus dem Blick. Gesundheit, Renten, Bildung, überall der totale Triumph der Vereinsmeierei über die Verantwortung. Zur Verschiebung der Steuerreform, ohnehin 15 Jahre zu spät und von den Sonderinteressen zu einem mickrigen Reförmchen zusammengestutzt, fällt selbst dem Bundespräsidenten »überhaupt nichts mehr ein«.
Die Altbundesdeutschen glauben immer noch, ihre soziale Marktwirtschaft werde in der ganzen Welt als vorbildlich verehrt. Doch das ist 20 Jahre her. Das hierzulande ein solcher Dinosaurier mit viel Masse und wenig Hirn noch als heilige Milchkuh verehrt wird, ruft in Asien und jenseits von Atlantik oder Ärmelkanal nur noch mitleidiges Kopfschütteln hervor. Währenddessen gilt bei uns als großer Reformwurf bereits die Ausweitung der Ladenschlußzeiten um täglich zwei Stunden. Während die Welt sich weiterdreht, fallen noch ein Jahr nach dieser revolutionären Tat Befürworter und Gegner mit Schaum vor dem Mund in Talkshows übereinander her wie religiöse Eiferer, die sich gegenseitig der Häresie bezichtigen und ihre Opponenten am liebsten auf dem Scheiterhaufen sähen.
Nicht, daß gar keine Stimmen der Vernunft zu hören wären - etwa der Vorschlag, neben den Ost- auch die maroden Westuniversitäten zu evaluieren und gegebenenfalls mit abzuwickeln. Doch solche Vorstöße haben keine Chance, denn sie stellen altbundesrepublikanische Pfründen in Frage. Was den Ostdeutschen seit fast sieben Jahren abverlangt wird, lassen die ehemaligen Bundesbürger seit ebenso langer Zeit nicht an sich heran: die Konfrontation mit den eigenen Lebenslügen und die Abrechnung mit der kollektiven bundesdeutschen Biographie. Fehler? Irrtümer? Wir?
Statt dessen wird der ostdeutsche Elan vom Bundesrepublikanismus usurpiert und gegen sich selbst gekehrt. »Wir sind das Volk« rufen nicht mehr ostdeutsche Bürgerbewegte vor MfS-Dienststellen, sondern Bergleute aus dem Ruhrgebiet vor Bonner Parteizentralen. Die Parole heißt nicht mehr »Stasi in die Produktion«, sondern »Subventionen für die Produktion«.
Montagsdemonstrationen finden nicht mehr auf dem Leipziger Ring, sondern vor dem Bonner Rathaus statt; dort demonstrieren keine Ostbürger gegen die herrschenden Verhältnisse, sondern Westbeamte dafür. Den einen waren 40 Jahre staatlich subventionierte Rundumversorgung genug, den anderen reicht es offenbar noch lange nicht.
Und sogar die PDS ist eigentlich nur ein heimlicher Hilfstrupp der Bonner Besitzstandswahrer. Indem Gregor Gysi und Genossen das Ost-Wir-Gefühl schüren, halten sie auch die West-Identität am Leben. Schließlich braucht keiner arrogante Wessis für den nächsten Wahlkampf so sehr wie die Marzahner IM-Mafia. Auch die Koalition ist über die Existenz der PDS alles andere als unglücklich; die SPD kann sich in die Mitte und darüber hinaus bewegen, soweit der Niedersachse sie nur zu treiben vermag - solange es links von der SPD die PDS gibt, werden die altbundesrepublikanischen Wähler reflexhaft »Volksfront« hören, wo noch niemand »Koalition« gesagt hat. Die einzig denkbare politische Alternative zum Status quo bleibt so die Große Koalition: Bundesrepublikanismus pur. Wie sich die Zeiten ändern - einst von der Roten Armee bedroht, wird die BRD jetzt von den roten Socken bewahrt.
Auch die neudeutsche Nationalmythologie reklamiert die Revolution der DDR-Bürger längst für die altbundesrepublikanische Verfassungsgeschichte. Im öffentlichen Bewußtsein des neuen Deutschland überlagert inzwischen der nationale Aspekt der wiedergewonnenen Einheit den demokratischen der wiedergewonnenen Freiheit. Der Triumph der Demokratie in der DDR wird reduziert zu einem Etappensieg auf dem Weg zum Endziel deutsche Einheit - als ob die Einheit die Voraussetzung für Freiheit sei, und nicht umgekehrt.
Für die meisten Bundesdeutschen steht ohnehin außer Zweifel, daß Freiheit und Demokratie im Osten erst mit vollzogenem Beitritt wirklich eingekehrt sind, als das suspekte Interregnum der ostdeutschen »Laienspielschar« (Amigo Max Streibl) nach sechs Monaten am 3. Oktober 1990 endlich sein Ende fand. Wenn schon Demokratie machen, dann richtig - westdeutsch eben.
Doch solange der Untergang der DDR nicht auch von den Altbundesrepublikanern als wirkliche zweite »Stunde Null« begriffen wird, kann die vielbeschworene »innere Einheit« nicht funktionieren. Damit nach Weimar und den beiden halben Nachkriegsprovisorien die dritte deutsche Republik ein Erfolg wird, reicht es nicht aus, nur die Leiche des Unrechtsstaates DDR zu obduzieren. Es ist Zeit, auch die ehemalige Bundesrepublik endgültig für tot zu erklären und das Testament über ihre Hinterlassenschaft zu eröffnen. Solange eine untote BRD als Zombie der Geschichte durch Deutschland spukt, wird sie der inneren Einheit Alpdrücken bereiten.
Aber vielleicht knipst ja im Westen mal jemand das Licht an, damit das Gespenst zu Staub zerfällt.
Kloth, 33, lebt als Historiker in Berlin und arbeitet an einemForschungsprojekt über den »Runden Tisch« in der Endphase der DDR.