PHILIPPINEN »Die Ehre des Landes«
Der Gefangene schläft auf einer Pritsche aus Bambus. Ein winziges Netz schützt ihn gegen Moskitos und eine Plastikplane vor dem tropischen Regen. »Eine idiotische Situation«, schreibt er, »sinnlos vertane Zeit.«
Morgens erhält er »eine Art Pfannkuchen, mittags Instant-Nudeln und abends Reis, entweder mit Sojaöl oder einer Ölsardine«. Das sei nicht unbedingt ein Speiseplan, »mit dem man zunimmt«.
Am vorigen Donnerstag erreichte die beiden SPIEGEL-Redakteure, die auf der Insel Jolo dem Schicksal ihres verschleppten Kollegen Andreas Lorenz nachgehen, dessen ausführlicher Brief. Es war nach einem knappen Tonband und zwei ebenso kargen Schreiben die vierte Nachricht des Entführten. Er bestätigte darin den Erhalt von Briefen, Zeitschriften, Kleidung und Sanitärartikeln - »eine große Erleichterung«, so Lorenz, der in englischer Sprache schreiben musste.
Vor zwei Wochen war der SPIEGEL-Mann seinen Kidnappern in die Falle gegangen, als er auf Jolo einen Vermittler treffen wollte. Lorenz ist, das stand Ende voriger Woche zweifelsfrei fest, in der Hand von Trittbrettfahrern der Abu-Sayyaf-Guerrilla, die sich als »Lost Command« bezeichnen und deren Anführer sich Commander Daga nennt - »die Ratte, die Katzen frisst«.
Doch wer ist Daga? Im sechsköpfigen Führungskommando aller Abu-Sayyaf-Gruppen, die insgesamt 39 Geiseln in ihrer Gewalt haben, scheint niemand einen Guerrilla-Führer dieses Kampfnamens zu kennen. »Das muss ein Außenseiter sein«, räsonierte Kommandant Robot Ende vergangener Woche bei Verhandlungen mit zwei Regie-
rungsemissären, dem ehemaligen libyschen Botschafter Rajab Azzarouk und Präsidentenberater Farouk Hussein. Robot verband damit das Eingeständnis, die Situation nicht mehr vollständig unter Kontrolle zu haben, und warnte: »Es laufen zu viele Lost Commands herum.«
Ähnlich sieht es auch Kommandant Raddulan Sahiron, Stabschef der Abu-Sayyaf-Gruppen und Befehlshaber über 70 Kämpfer im unmittelbar an die Stadt Jolo grenzenden Bezirk Patikul. »Mit dem deutschen Journalisten haben wir nichts zu tun«, schwört der einarmige Fundamentalist.
Gleichwohl hat sich auf seinem Territorium, in einem Dschungelgebiet etwa sechs Kilometer von der Stadtgrenze entfernt, die Ratte Daga eingenistet. Dagas Truppe, angeblich nur neun Mann stark und in der Stadt selbst verankert, wechselt laufend die Verstecke. Mitgeschleppt wird dabei der SPIEGEL-Redakteur. Denn die Kidnapper müssen sowohl den Zugriff von Polizei und Militär als auch eine Aktion der Abu-Sayyaf-Truppe fürchten, die durch Konkurrenz die laufenden Verhandlungen gefährdet sieht.
Mit ruhiger, fester Stimme forderte der Lorenz-Kidnapper, angeblich ein früherer Koran-Schüler namens Azbi, in einem am vergangenen Freitag dem SPIEGEL übermittelten Tonband: »Nehmt schnell Verbindung zu uns auf, dann wird eurem Mann auch nichts geschehen. Ich bin Commander Daga.« Eine Lösegeldforderung enthält das Tonband nicht.
Die Lage im Geiseldrama war in der vergangenen Woche noch verworrener als zuvor. Die Geiselnehmer sind unberechenbar, die Vielzahl der Unterhändler sowie Machtkämpfe und Differenzen im Umfeld von Präsident Joseph Estrada verzögern eine Lösung zusätzlich. »Alle, die sich in die Verhandlungen einmischen«, wetterte Chefunterhändler Roberto Aventajado am Mittwoch in einem TV-Interview, »sollen endlich damit aufhören. Sie verschärfen das Problem nur noch.«
In der philippinischen Presse wird hingegen der Ruf immer lauter, Aventajado selbst, der zwar bei Estrada wohlgelitten ist, jedoch über keine Hausmacht verfügt, von der Aufgabe zu entheben. Gleichzeitig fordern Teile von Polizei, Militärführung und Medien, die Geiselnahme mit Gewalt zu beenden.
Auch Estrada, ein ehemaliger Action-Schauspieler, scheint einer solchen Lösung nicht mehr abgeneigt, obwohl er öffentlich stets betont, die Sicherheit der Geiseln genieße oberste Priorität. Der »Manila Standard« tönt bereits: »Wir dürfen nicht länger nach der Musik von Abu Sayyaf tanzen. Die Ehre und das Prestige des Landes stehen auf dem Spiel.«
Nicht nur die Politiker in Manila haben sich in der Geiselsache zerstritten. Auch zwischen den EU-Diplomaten, die sich in der 600 000-Einwohner-Stadt Zamboanga um die humanitäre Versorgung der Gefangenen kümmern, ist es zu einer heftigen Verstimmung gekommen.
Die Beamten hatten ausgemacht, die Hilfspakete mit Toilettenartikeln, Keksen und Gummistiefeln ohne Länderangabe zu verschicken, um Konflikte der Geiseln untereinander zu vermeiden. Doch entgegen der Absprachen auf EU-Ebene hatte die finnische Diplomatin Marja Korhonen alle Lieferungen an die Geiseln einzig mit ihrem Namen versehen. Erst seit Werner Wallert sich bitter darüber beschwerte, er werde nur von den Finnen versorgt, schicken die deutschen und französischen Helfer ihre Pakete jetzt nur noch mit genauer Namensangabe der Sender und nach Ländern getrennt ins Camp.
Im Berliner Außenamt waren ebenso wie am Quai d''Orsay in Paris vermehrt Nachrichten aufgelaufen, die philippinische Regierung und das Militär würden nach mehr als 80 Tagen Willkür im Urwald langsam nervös. Am 24. Juli will Estrada in die USA reisen. Bis dahin wolle er die Krise lösen, kabelten Dienste und Diplomaten in die europäischen Metropolen. Estrada und mehr noch seine Militärs würden immer stärker mit einer »philippinischen Lösung« liebäugeln.
Eine solche Befreiungsaktion wäre in den Augen der Europäer allerdings der politische GAU. Sie trauen der philippinischen Armee keinen erfolgreichen Schlag gegen Kommandant Robots Truppe zu, denn nur einige wenige Soldaten sind für einen solchen Einsatz ausgebildet. Im Dschungel von Jolo wären die ortskundigen Robot-Kämpfer haushoch überlegen; die Geiseln hätten keine Chance. Eine geheime europäische Militärintervention auf philippinischem Staatsgebiet verbietet sich wohl von selbst.
Der Auftritt der drei europäischen Außenminister in Manila, die Estrada am vorigen Donnerstag zu mehr Tempo bei den Verhandlungen drängen wollten, war symptomatisch für die verfahrene und widersprüchliche Situation. Joschka Fischer, zuweilen tief in einen Sessel gedrückt, wirkte häufig wie betäubt. Von Anspannung zeugte allein, dass er unentwegt seine silberne Lesebrille schwenkte. Ihm zur Linken warf sein französischer Kollege Hubert Védrine gelegentlich die Hände in die Luft, wenn er diskutierte. Der Finne Erkki Tuomioja klebte während der anderthalbstündigen Debatte fast reglos in seinem Sitzmöbel.
Erst tags zuvor hatte der Deutsche sich entschieden, auf dem Rückflug von Japan, wo er am G-8-Außenministertreffen teilgenommen hatte, noch in Manila Station zu machen. Védrine stieg gleich mit in den Airbus der Luftwaffe und war offenbar auf Entspannung eingerichtet: Er führte eine Gitarre im Handgepäck. In Manila stieß Tuomioja dazu.
Die Hoffnung, allein der unaufgeforderte Besuch dreier europäischer Politiker von Rang würde helfen, die quälenden Verhandlungen zu beschleunigen, erwies sich indes ebenso als Trugschluss wie die voreilig gestreute Erwartung, Fischer würde womöglich die eine oder andere Geisel im Luftwaffenjet mit nach Deutschland zurückbringen. Freigelassen wurde am Freitag lediglich eine malaysische Geisel, der Polizist Abdul Sulawat, 38.
Doch Fischer, Védrine und Tuomioja trieb nicht nur die Sorge um die Geiseln um. Je länger das Drama dauert, umso lauter werden Klagen, die Außenminister schauten tatenlos zu, wie dubiose Entführer ihr undurchsichtiges Spiel mit den Opfern treiben. Andererseits hat keiner der Kritiker irgendein Rezept parat, wie die Krise diplomatisch zu lösen sei.
Auch wenn die Deutschen weiterhin stramm an Aventajado festhalten: Auf die Suche nach Handlungsalternativen waren sie gleichwohl gegangen. Schon früh hatte der Krisenstab in Berlin nach eingehender Untersuchung die Idee verworfen, die Geiseln mit einem Militärkommando freizukämpfen. Ein eigens nach Jolo verschiffter Bundeswehroffizier hielt den Plan für viel zu gefährlich. Die Einschaltung von Befreiungsprofis wie etwa die Londoner Firma Control Risk kam ebenfalls nicht in Frage. »Die kochen auch nur mit Wasser«, so ein Delegationsmitglied.
Für die Göttinger Familie Wallert, die zuletzt mit sieben weiteren Geiseln ein Abu-Sayyaf-Lager teilte, war denn auch nach fast zwölf Wochen kein Ende ihrer Dschungelhaft in Sicht. In einem dramatischen Appell hatte Werner Wallert den Präsidenten um Lösegeldzahlung und Freilassung gebeten, doch Estrada ließ mit kühlen Worten ablehnen. Kommandant Robot hatte ohnehin kein Mitleid: »Die Deutschen sind gesund, sie haben nur Angst.«
Werner und Renate Wallert waren kürzlich von zehn Abu-Sayyaf-Kämpfern in den kleinen Ort Bandang gebracht worden. Dort, in der Grundschule, warteten zwei Ärztinnen. Der Erdkundelehrer hatte über Schmerzen in der Brust geklagt ("Ich hatte einen Herzinfarkt") und seine Frau über Schüttelfrost; die Ärztinnen rechneten mit Malaria. Doch Wallert sei lediglich unterernährt und schwach, seine Frau habe chronische Panikattacken, meinte Dr. Erma Carpizo nach zweistündiger Untersuchung. Robot höchstselbst nahm Vitamine und Valium mit ins Lager zurück. »Warum soll ich sie laufen lassen?«, fragte er noch.
Auch die bizarre Aktion der philippinischen Autorin Leah Cabullo, die zur »Mutter Teresa von Mindanao« werden möchte und sich aus Solidarität mit den Geiseln das erste Glied des linken Ringfingers abhackte, rührte ihn nicht. Das gekappte Fingerstück erreichte den Kommandanten in einem Hustensaft-Fläschchen, dazu Cabullos Botschaft: »Alle Menschen sollen sich lieben.« Robots Antwort: »Hast du Geld?«
Am vergangenen Donnerstag, dem Tag des Treffens von Manila, feierte der Gouverneur der Provinz Sulu, Abdusakur Tan, mit viel Prominenz seinen 51. Geburtstag. »Ich wünsche mir von den Geiselnehmern Herrn Lorenz«, sagte er. »Wenn sie meine Autorität nicht akzeptieren, akzeptiere ich ihre auch nicht.« Doch der Abend verging, und die Kidnapper dachten nicht an ein Geschenk für den Gouverneur.
Auf dem Tonband, das den SPIEGEL auf Jolo dann am Freitag erreichte, war auch die fünfte Nachricht des Kollegen Lorenz. »Vielleicht ist es ja möglich, die Verhandlungen zu beschleunigen«, sagte er, »damit ich hier endlich rauskomme.«
KLAUS BRINKBÄUMER, RÜDIGER FALKSOHN,
JÜRGEN HOGREFE, OLAF IHLAU, JÜRGEN KREMB
* Die Außenminister Erkki Tuomioja (Finnland), Joschka Fischer,Hubert Védrine (Frankreich) am vergangenen Donnerstag in Manila.