Die eine spielt, die andere singt
Sieben West-Berliner Kinos waren trotz der allgemeinen Filmverstopfung frei für Mozart. Die Defa-Filmoper »Figaros Hochzeit« hatte als erstes ostzonales Filmprodukt gleichzeitig Premiere in allen vier Berliner Sektoren.
Im ostsektoralen »Babylon« klatschte Ministerpräsident Otto Grotewohl. Im »Defa-Filmtheater der Kastanienallee« riefen die Ehrengäste den Regisseur Georg Wildhagen achtundzwanzigmal auf die Bühne.
Er steuert seit Jahren auf eine »originale Film-Oper« zu. Auf einen Film, in dem die Musik nicht bloße Klangkulisse ist, sondern die Kamera sich der Partitur unterwirft. Als Ufa-Dramaturg und Fernsehregisseur, als Student am Salzburger Mozarteum und als Opernspielleiter in Hamburg hat sich der heute 29jährige das Rüstzeug für sein Experiment erworben.
Erich Pommer, ehemals amerikanischer Film-Controller, ließ den Plan einer Filmoper gelten. Die New Yorker Metropolitan habe schon mit Hollywooder Firmen Verträge. Man wolle drüben den »Fliegenden Holländer« und den »Rosenkavalier« verfilmen.
Pommer schickte Wildhagen und sein fertiges »Figaro«-Drehbuch zur amerikanisch lizenzierten Objektiv-Film. Die zögerte und ging später ein. Die russisch lizenzierte Defa wies dem jungen Regisseur und Autor Atelier und reichlich Mitarbeiter zu: 2 Regieassistenten, 3 Architekten, 2 Kameraleute. Wildhagen, aus Hamburg gekommen, will auch seinen nächsten Film bei der Defa drehen. Sein Ziel ist eine »deutsche Broadway-Melodie«.
Die Filmoper »Figaros Hochzeit« forderte doppelte Besetzung, für Bild und Ton. Schauspieler und Sänger warb Wildhagen zum guten Teil in Westdeutschland.
Erna Berger verschob eigens ein Gastspiel in Amerika. Ihr lichter Sopran fügt sich glatt zu der mozartischen Mimik und Sprechstimme Angelika Hauffs. Die synthetische Susanna ist vollkommen.
Sabine Peters (Frau Domgraf-Faßbaender) spielt etwas konventionell die vom Gatten vernachlässigte Gräfin Almaviva. Tiana Lemnitz singt die Partie.
Margarete Klose hat ihren Alt an Elsa Wagner, die lebhaft watschelnde Marcellina, ausgeliehen. Nur Willi Domgraf-Faßbaender als listiger Figaro und Mathieu Ahlersmeyer als frauenjagender Graf singen und spielen gleichzeitig.
Zweimal weichen Figur und Gestalt sehr voneinander ab: Der Knabe Cherubino, aus Willi Puhlmann und Annaliese Müller zusammengesetzt, spricht Bariton und singt Sopran, und Alfred Balthoff, dem krähenden Haushofmeister, glaubt kein Mensch Paul Schmidtmanns volles Organ.
Wildhagen wollte nicht fortwährend »offene Mäuler« zeigen. Er berechnete und schrieb vor, wie weit jeder die Lippen auseinandernehmen durfte. Im Atelier bewegten sich die Münder der Schauspieler synchron zu dem Gesang, der aus dem Lautsprecher kam. Alle Musikaufnahmen (unter dem skeptischen Dirigenten - Professor Arthur Rother) waren fertig, ehe man zu drehen anfing.
Der Drehbuchautor Wildhagen hat sich an Mozarts Partitur gehalten. Die Ouvertüre untermalt den Filmvorspann, dann aber folgt das Bild der Musik. Ein Crescendo-Zeichen wird übersetzt: »schnell heranfahrende Kamera«.
Das Drehbuch ließ keine Arie aus. Die Defa warnte vor selbständig kürzenden Kinobesitzern. Wildhagen opferte darauf vor allem Soli. Cherubino schäkert zwar auf der Bank mit der Zofe Susanna, doch »Neue Freude, neuer Schmerz« bringt er nicht heraus.
Die Rezitative sind, wie schon auf mancher Opernbühne, in Dialoge verwandelt. Dabei hat Wildhagen einige Texte aus der Bühnenvorlage des »Figaro«, dem »Tollen Tag« von Beaumarchais benutzt.
»Die Defa ließ mir jede Freiheit«, erklärte Wildhagen. Die Kritik, die Beaumarchais und nach ihm Da Ponte an der Fürstenwillkür übte, genügte. Wildhagen kam ohne ostzonale Fanfare aus.
»Was das Politische betrifft, scheinen sie Kinder zu sein«, schrieb »Die Neue Zeitung - Die amerikanische Zeitung in Deutschland« von den Zensoren der Wiesbadener »Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft«. Sie hatten »Figaros Hochzeit« als »kulturell wertvoll« bezeichnet.