PRESSE SPRINGER Die Einmann-AG
Die Nachricht war so simpel, daß sie sogar Axel Springers »Bild« auf der ersten Seite drucken konnte: »Springer wird eine AG.« Und sie war auch ausgefallen genug: Deutschlands größter Zeitungsherr verwandelte sich zu Neujahr in eine Einmann-AG.
Die Details der unheimlichen Wandlung waren freilich so kompliziert, daß sich selbst Springers langjähriger persönlicher Referent Adam ("Adi") Vollhardt, Mitglied der Geschäftsleitungskonferenz des Konzerns, erst einmal Gesetzbücher ins Silvester-Gepäck staute: »Ich will mich über die Feiertage mit Aktienrecht beschäftigen.«
Wie füllig und verschachtelt Axel Springers Imperium ("Die Welt«, »Bild«, »Welt am Sonntag«, »Bild am Sonntag«, »Hamburger Abendblatt«, »Berliner Morgenpost«, »BZ"« »Hör zu«, »Funk Uhr«, Ullstein-Buchverlag, Druckereien) durch Neugründungen, Zuerwerb und Firmenmäntel ohne Geschäftsbetrieb im Laufe der Jahre geworden ist, zeigte sich auch bei der formellen ersten Stufe der Umwandlung zur »Axel Springer Verlag Aktiengesellschaft« am Neujahrstag um 12.30 Uhr im Springer-Hochhaus an der Berliner Kochstraße: Notar Dr. Hans-Joachim Rust mußte zur Begründung der AG an die hundert Einzelurkunden verlesen.
Die Zusammenfassung des bisherigen Konzern-Konglomerats in eine Aktiengesellschaft nennt das neue Aufsichtsratsmitglied Lois Erdl eine »große Entscheidung«. mehr noch: eine »ganz großartige Entscheidung, die phänomenal ist«.
Die neue Unternehmensform führt zu entscheidenden Veränderungen:
* Das Kapital gewinnt Distanz zum Konzern, dessen Teile bislang nur durch den Alleininhaber Springer verknüpft waren. Vollhardt: »Im Grunde mußte Springer bisher doch für alles selber geradestehen.«
* Defizite (Jahresminus der »Welt"*: zeitweilig zehn Millionen) und Gewinne (Jahresplus von »Bild": 40 Millionen), die bisher über umständliche Hilfskonstruktionen ausgeglichen werden mußten, können nun innerhalb der AG bequem einplaniert werden.
* Schließlich kann sich die Springer AG (Aktienkapital: 76 Millionen) demnächst unkompliziert fremdes oder anonymes Kapital für das in einer Konzern-Verlautbarung bereits angekündigte Engagement in Film und Fernsehen beschaffen -- wenn auch das Unternehmen (Jah-
* Die Tageszeitung, von den britischen Gründern als Stiftung konzipiert, ist besonders schwierig in die neue AG einzugliedern, weil sie -- anders als die übrigen Konzernteile -- bisher nicht mit dem Gesamtkonzern wirtschaftlich verflochten war.
resumsatz: eine Milliarde) derzeit »pumperigsund und pfenniggut dasteht« (so Aufsichtsratsmitglied Erdl).
Erleichtert, wenn nicht gar erst ermöglicht wurde Springers Metamorphose durch das »Gesetz über steuerliche Maßnahmen bei Änderung der Unternehmensform« vom August letzten Jahres: Laut regierungsamtlichem »Bulletin« soll das Gesetz durch zeitlich befristete Steuerfreiheit den Unternehmen »die erforderliche Anpassung an die sich immer rascher ändernden Wettbewerbsverhältnisse« ermöglichen.
Besonders gefürchtet war bei Unternehmern, die ihre Firmen umwandeln wollten, die fiskalische Behandlung der stillen Reserven und des nicht aktivierten Firmenwerts, die vor Erlaß des Ausnahmegesetzes bei Änderung der Unternehmensform offenbart und versteuert werden mußten. Erdl über die steuerlichen Folgen früherer nicht begünstigter Umwandlungsmöglichkeiten: »Da hätte man sich gleich besser einen Strich kaufen können.« So aber konnte Springer die niedrigen Buchwerte seiner Einzelunternehmen auf die neue Aktiengesellschaft mit 76 Millionen Grundkapital übertragen. Erdl: »Das Kapital entspricht natürlich nicht im entferntesten dem Wert des Unternehmens.« Der ist mindestens ein dutzendmal höher.
Der neue Konzern (Jahresgewinn: 120 Millionen; 12 000 Beschäftigte) wird künftig von einem sechsköpfigen Aufsichtsrat unter Vorsitz des Alleinaktionärs Axel Springer, 57, kontrolliert. Als ersten stellvertretenden Vorsitzenden -- und damit zweiten Mann des Imperiums -- bestellte der kränkelnde Springer seinen tatendurstigen Finanzbevollmächtigten Christian Kracht, 48, dem man nach einem gescheiterten Versuch, die »Welt« zu verbessern (SPIEGEL 46/1967), und nach dem abrupten Verkauf seiner publizistischen Erfolge »Eltern« und »Jasmin« (SPIEGEL 27/1968) offenbar vorschnell -- Resignation und Frustration nachgesagt hatte.
Zweiter Stellvertreter im Aufsichtsrat wurde Springers »väterlicher Freund« Karl Andreas Voss, 77, der in Springers ältester Firma »Hammerich & Lesser« noch geringfügige Anteile hielt. Ein Zugeständnis an die Gründerjahre war auch die Aufnahme von Heinz Ullstein, 76, dessen nach 1945 neugegründetes Berliner Familienunternehmen (Buchverlag, »Berliner Morgenpost«, »BZ") Springer nach und nach zusammenkaufte.
Der Münchner Rechtsanwalt Lois Erdl, 47, der schon früher Springers geschäftliche Transaktionen rechtlich betreut hatte, empfahl sich als Zeitungsbesitzer ("Trostberger Tagblatt") wie als Landesvorsitzender der bayrischen »Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz« für den Posten im Aufsichtsrat. Der frühere stellvertretende »Welt«-Chefredakteur Heinz Pentzlin, 61, hat sich durch Buch-Publikationen für das Gremium qualifiziert. »Der Unternehmer ist die zentrale Figur unserer Zeit«, so wertete er in seiner Studie »Der Mann an der Spitze«, und muß »gegenüber anderen Ständen und Klassen« hervorgehoben werden.
Der frühere Seekadett und robust regierende Springer-Geschäftsführer Peter Tamm, 41, der vor einem Jahr den Generalbevollmächtigten Kracht abgelöst hatte, wurde -- auch dies wie der Alleinaktionär Springer eine Rarität in der deutschen Wirtschaft -- zum »alleinigen Vorstandsmitglied« berufen.
Neben der aufpolierten Führungsspitze des Konzerns wurden aber auch die unteren Klassen und Stände des Imperiums bedacht, Die AG-Satzung umreißt für die Belegschaft noch einmal die heilige Vierfaltigkeit der Springer-Ideologie (Wiedervereinigung, Aussöhnung mit Juden, Antitotalitarismus, Soziale Marktwirtschaft), und für eine zusätzliche Altersversorgung will das Unternehmen jährlich an die sechs Millionen Mark beiseite legen: rund 500 Mark für jeden Betriebsangehörigen. Geschäftsleitungsmitglied Vollhardt über die Terminierung des Alters-Werks: »Am Jahresanfang macht man ja gern so Sachen.«