»Die einzig wahrhaftige Religion«
Die spirituelle Reise des Leopold Weiss begann mit einem Stau. Der Sonderkorrespondent der »Frankfurter Zeitung« hatte in den zwanziger Jahren zunächst problemlos aus dem Nahen und Mittleren Osten berichtet. Erst eine geplante Fahrt nach Mekka geriet dann zur Geduldsprobe.
Der Journalist war zuvor eigens zum Islam übergetreten - und musste dennoch in Dschidda, der Hafenstadt bei Mekka, zwei Jahre warten, bis er einreisen durfte. Trotzdem wurde der jüdisch erzogene Weiss später als »Muhammad Asad« überzeugter Anhänger des Islam und sogar Berater der saudischen Herrscherfamilie.
Mit den Widrigkeiten, die Weiss' Weg zum Glauben vor Jahrzehnten säumten, muss sich heute kein Konvertit mehr herumschlagen: Die Fahrt nach Mekka können Muslime inzwischen bei Reiseagenturen buchen; und der Übertritt zum Islam erfordert nur ein simples Procedere. Ein Arabisch gesprochenes Glaubensbekenntnis vor zwei muslimischen Zeugen reicht, der Text: »Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Gesandter.«
Das bekundeten bis dato neben Box-Legende Muhammad Ali oder Hippie-Schnulzier Cat Stevens alias Yusuf Islam ("Moonshadow") auch mehr als 12 000 deutsche Konvertiten, schätzt das Zentralinstitut Islam-Archiv in Soest.
Die Konvertiten bilden unter den Muslimen hier zu Lande die gesellschaftliche Avantgarde. Vertraut mit Sprache und Gepflogenheiten der Deutschen, machen sie in den islamischen Organisationen häufig schneller Karriere und »können deren Positionen besser verkaufen«, hat die muslimische SPD-Politikerin Lale Akgün beobachtet. Dabei müsse, wer konvertiert, oft »eigentlich radikal sein«, so Akgün.
Denn während es nichtdeutsche Muslime häufig wie die Rheinländer mit dem Katholizismus halten und jeder Regel eine Ausnahme folgen lassen, »gelingt Konvertiten nur durch dieses 120-Prozentige der Umbau der eigenen Person«, so die Soziologin Monika Wohlrab-Sahr. Wer konvertiert, will einer Studie der Leipziger Professorin zufolge oft
* ein ungeordnetes, bisweilen gescheitertes Leben mit Hilfe strenger Regeln neu ordnen;
* »Erfahrungen persönlicher Entwertung« in Beziehungen und in der Sexualität hinter sich lassen;
* aus der eigenen Gesellschaft in eine andere Welt flüchten.
Eine solche Emigration im eigenen Land hat Ayyub Köhler, heute Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, hinter sich. Als Flüchtling aus Halle fühlte er sich Mitte der fünfziger Jahre in Baden-Württemberg seltsam fremd und freundete sich lieber mit Persern als mit Westdeutschen an. »Ich gehörte da zu den Ausländern.«
Der Hamburger Rechtsanwalt Norbert Müller, 41, schätzte schon als Jugendlicher »diese Wärme« in den Familien türkischer und arabischer Freunde: »Die waren nicht alle so individualistisch.« Später bereiste er deren Heimatländer und heiratete eine Iranerin. »Meine Frau musste mich nur noch ein bisschen zum Islam schubsen, aber ich war ohnehin fast so weit.«
Schätzungsweise zwei Drittel der Konvertiten sind allerdings Frauen; die meisten von ihnen konvertieren aus demselben Grund wie die 34-jährige Hamburge-rin Susanne B.: weil sie einen muslimischen Mann heiraten wollen. B. unterrichtet seit vier Jahren an einer Hamburger Grundschule und trägt dabei ihr Kopftuch.
Wer hingegen anders als B. ohne konkreten Anlass konvertiert, gehört manchmal zu jener Sorte verkrachter Existenzen, von denen sich einige im radikalen Milieu tummeln.
Der zum Islam übergetretene Bin-Laden-Fan Christian G. aus Duisburg zum Beispiel geriet ins Visier von Terrorfahndern: Er hatte mit dem Attentäter telefoniert, der unmittelbar danach auf der tunesischen Insel Djerba 20 Menschen und sich selbst tötete. Womöglich wollte G., der sich zeitweilig in einem afghanischen Terrorcamp aufhielt, seinen Segen für den Anschlag erteilen.
Von einem münsterschen Konvertiten führen sogar Spuren zu einem späteren Todespiloten des 11. September.
Mitglieder der Terrortruppe um Mohammed Atta lernte auch der deutsche Muslim Michael K. kennen - deshalb musste er bereits im derzeit laufenden Hamburger Qaida-Prozess aussagen. K. ist ein wuchtiger Kerl, der freilich überraschend gedämpft spricht. Vor einem Jahrzehnt marschierte er als Neonazi in Springerstiefeln durch den Stadtteil Steilshoop und prügelte sich mit Türken aus der Hochhaus-Enklave. Heute sitzt der 32-Jährige Tee trinkend in einem Café und erzählt von dem »Vorher« und dem »Nachher«, als wäre er mit der Konversion ein ganz anderer Mensch geworden.
Als Koch in einem Hamburger Hotel hatte er sich in den neunziger Jahren mit zwei ägyptischen Tellerwäschern angefreundet. Fünfmal am Tag beteten die beiden, und in der Zeit dazwischen achteten sie nicht nur akribisch auf die Reinheit des Geschirrs, sondern auch auf die der Speisen: Kein Cognac in die Soße bitte, und das Schweinefleisch gehöre in eine Extra-Pfanne, mahnten sie.
So viel Beherrschung weckte seine Neugier. Mehr »probehalber« habe er dann die Regeln des Islam befolgt, aber bald wusste er, dass er dabei bleiben wollte. Schließlich habe er vorher als Katholik keine guten Erfahrungen gemacht. So sei er aus dem Kommunionsunterricht geflogen, klagt K., weil er einen, der ihn hänselte, vermöbelt hatte. Die Muslime hingegen hießen ihn willkommen. In der Moschee übernahm er gleich die Öffentlichkeitsarbeit - und bekam sogar ein eigenes Büro.
Damals fragte ihn eine Freundin, warum es keine Küsschen zur Begrüßung mehr gebe. Und K. erklärte: Er sei nun Muslim, und Bussis seien für ihn deshalb unrein.
Viele Konvertiten kehren der nichtmuslimischen Gesellschaft den Rücken zu. Mit der Zeit, berichtet Anwalt Müller, habe sich sein Freundeskreis nahezu komplett geändert; zu unterschiedlich seien Interessen und Lebensweisen geworden. Als Student zog er noch durch Kneipen, später hätte sich ein Bekannter beklagt, dass man »mit dem nicht mal mehr ein Bier trinken« könne.
Die meisten männlichen Konvertiten lassen sich wie als Signal für eine »Neugeburt«, so Wohlrab-Sahr, noch beschneiden. Viele wollen ihre Namen ändern - was nicht immer einfach ist, untersagte doch etwa das Verwaltungsgericht Koblenz 1992 einem »Dirk Olaf«, sich künftig »Abdul Faruk Cetin« zu nennen. Wer hingegen nur einen Namenszusatz beantragt, hat es leichter.
Murad Wilfried Hofmann zum Beispiel trug früher auch einen kürzeren Namen. Der wohl bekannteste Konvertit der Republik war Diplomat der Bundesregierung in Algerien und Marokko. Dann trat er 1980 zum Islam über. Seitdem hat er ein Buch nach dem anderen geschrieben, etwa das »Tagebuch eines deutschen Muslims« oder »Der Islam als Alternative«.
Dem redegewandten Ruheständler ein »Nein« zu den mittelalterlichen Strafen der Scharia abzuringen ist unmöglich: Die islamische Rechtsform, betont er dann, solle doch nicht in Deutschland gelten. Sondern in einem ideal-islamischen Staat, in dem niemand Not leide und folglich niemand klauen würde.
Und wenn doch, droht dann der Verlust der Hand? Hält der frühere deutsche Staatsdiener Hofmann dra-konische Strafen für vertretbar? »Kein Muslim«, sagt er darauf nur, »kann sich von göttlichem Recht distanzieren.«
Auch die Konvertitin Gaironisa Jacobs aus Soltau, gern Umm Muhammad-Kassiem genannt, geboren im Zweiten Weltkrieg, hat über ihren Weg in den Islam ein schmales Buch geschrieben.
»Islam, mein Geburtsrecht« heißt es. Darin beschreibt sie ihre Schritte hin zu der »einzig wahrhaftigen Religion«. Dank tieferer Einsichten und der »behutsamen Führung« durch ihren Mann verzichtet sie nun strikt auf alkoholische Getränke, trägt ihr Kopftuch und betet regelmäßig. Jacobs ließ sogar die Fotos in Ausweis, Pass und Führerschein ändern, um nicht mehr mit Haaren abgebildet zu sein.
Und die Überzeugung der alten Dame scheint auch andere zu beeinflussen. Eine jüngere deutsche Konvertitin, die sich lange in Gaironisa Jacobs' Umfeld bewegte, spürte »einen unbeschreiblichen Druck, ihr zu folgen«. Heute ist die Jüngere keine Muslimin mehr und fühlt sich »endlich befreit« - ihr Glück, dass sie in Deutschland lebt.
Denn so leicht der Beitritt zum Islam ist, so schwer fällt die Abkehr: Wer seinen Abfall vom Glauben, zumindest in islamistischen Staaten, öffentlich macht, muss noch immer um seinen Kopf fürchten. DOMINIK CZIESCHE