»Die FDP wird bedeutungslos«
Haider, 44, ist Vorsitzender der Freiheitlichen Partei Österreichs.
SPIEGEL: Die bürgerlichen Volksparteien in Westeuropa sind vom Zerfall bedroht. Ist das die Stunde, auf die Sie gewartet haben?
Haider: Die Bürger streifen jetzt jene Herrschaftsverhältnisse ab, die sie früher, angesichts der kommunistischen Gefahr, als das kleinere Übel empfunden haben. Die Volksparteien sind zu groß und zu unflexibel, um auf die gravierenden Veränderungen zu reagieren. Aus einem Fünfziger-Jahre-Borgward-Modell wird kein Rennauto mehr.
SPIEGEL: Sie propagieren einen europaweiten »Befreiungskurs«. Was soll das heißen?
Haider: In Italien, in Österreich und Deutschland entstehen neue politische Bewegungen außerhalb der Altparteien. Unser gemeinsames Anliegen ist Autonomie, das Ende von Filz und Korruption, die Stärkung der plebiszitären Elemente im Rechtsstaat. Diese Kräfte gilt es europaweit zusammenzuführen.
SPIEGEL: Eine rechte Sammelbewegung von Le Pen bis Haider?
Haider: Auf keinen Fall.
SPIEGEL: Aber der Rechtsradikale Gerhard Frey und seine Deutsche Volksunion sind dabei?
Haider: Wie kommen Sie darauf? Herr Frey kennt nur sich und geht lieber zugrunde, ehe er sich sammeln läßt.
SPIEGEL: Ihr Mann heißt also Schönhuber?
Haider: Wer extremistisch-reaktionären Gedanken anhängt, gehört nicht in eine demokratische Erneuerungsbewegung. Die Republikaner sind nicht über das Stadium einer reinen Protestpartei am rechten Rand hinausgekommen.
SPIEGEL: Ihre schroffe Abgrenzung klingt unglaubwürdig.
Haider: Es gibt viele Republikaner, die würden sich in einer anderen Bewegung wohler fühlen. Es gibt kultivierte Leute wie den baden-württembergischen Fraktionschef Rolf Schlierer, der ein interessanter Gesprächspartner für mich ist. Aber er wird unter Schönhuber nicht weiterkommen.
SPIEGEL: Wo in Europa sitzen Ihre Verbündeten?
Haider: Zu den freiheitlichen Parteien zähle ich die Gruppe um Giscard d'Estaing in Frankreich, die Liga Nord und die Freiheitliche Partei Südtirols in Italien, die Freisinnigen in der Schweiz und in Deutschland den Bund freier Bürger, den der frühere bayerische FDP-Landesvorsitzende Manfred Brunner gegründet hat. Zu all diesen Gruppen bestehen Kontakte, und wahrscheinlich wird es bald grenzüberschreitende Aktionen geben.
SPIEGEL: Werden Sie denn Manfred Brunner im Europawahlkampf unterstützen?
Haider: Von Zeit zu Zeit habe ich das Bedürfnis, all die Unwahrheiten zu korrigieren, die in Deutschland über mich verbreitet werden. Das fügt sich gut mit der Initiative von Manfred Brunner, der ja ein interessanter Bursche ist. Ich werde allerdings in diesem Jahr auch auf Einladung von FDP-Ortsverbänden reden.
SPIEGEL: Es gibt einen Präsidiumsbeschluß der FDP, der die Zusammenarbeit mit Ihnen untersagt. Wer hat Sie eingeladen?
Haider: Mehrere mutige Ortsverbände in Süd- und Mitteldeutschland.
SPIEGEL: Wie groß schätzen Sie das Potential für eine rechtspopulistische Partei in Deutschland?
Haider: Wahrscheinlich wird es in Deutschland kurzfristig eine Große Koalition geben, und erst dann wird sich eine neue Kraft etablieren. Eine freiheitliche Partei, die praktische Probleme anpackt und ohne die bei den Republikanern übliche nationale Überhöhung auskommt, könnte 15 bis 20 Prozent erreichen.
SPIEGEL: Und wo bleibt dann Raum für die FDP?
Haider: Ich rechne damit, daß sie bedeutungslos wird. Wenn sie weiter das System verteidigt und nur versucht, vom Bestehenden soviel wie möglich zu profitieren, ist sie bald überflüssig.
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