DENKMÄLER / BERLIN Die Friedens-Quadriga
Seit elf Jahren weht auf dem Brandenburger Tor an der Berliner Sektorengrenze, für West- wie für Ostberliner gleich gut sichtbar, eine riesige rote Fahne. In diesen Wochen nun hat sich der Ostberliner »Magistrat von Groß-Berlin« entschlossen, an Stelle der Fahne jene populäre »Quadriga« - den von einer Siegesgöttin gelenkten, von vier Rossen gezogenen Streitwagen - wieder aufzustellen, die bis zum Jahre 1945 das Wahrzeichen der Stadt Berlin verziert hatte.
Das berühmte, Ende des achtzehnten Jahrhunderts auf Wunsch des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm II. im klassizistischen Stil von dem Architekten Langhans erbaute »Brandenburger Tor« war 1794 mit jenem Vierergespann aus getriebenem Kupfer gekrönt worden, für dessen urwüchsige Rosselenkerin eine junonische Berliner Schmiedstochter dem Bildhauer Gottfried Schadow Modell gestanden hatte.
Dieser Quadriga war von Anfang an das Schicksal beschieden, für die wechselnden Geschicke der preußischdeutschen Geschichte symbolhafte Bedeutung zu gewinnen. Im Jahre 1807 ließ es sich der Franzosenkaiser Napoleon Bonaparte nicht nehmen, die Quadriga als Siegestrophäe nach Paris zu entführen und in seinem Beutemuseum auszustellen. Als der preußische Feldmarschall Blücher das Vierergespann 1814 im Triumph an die Spree zurückbrachte, wurde die Rosselenkerin umgestaltet. Sie trug von da an in der Spitze ihres Paniers das vom Preußenadler gekrönte Eiserne Kreuz und erhielt den Namen »Victoria«.
Bei den Kämpfen des Jahres 1945 konnte die sowjetische Artillerie zwar dem Haupttrakt des Tores wenig anhaben, die angrenzenden Wachhäuschen aber und die Quadriga samt ihrer
Lenkerin wurden zusammengeschossen. Zum Zeichen ihres Sieges hißte die Sowjetarmee an den verbogenen und zerfetzten Quadrigaresten die rote Fahne.
Der Wiederaufbau des Tores beschäftigte die zuständigen kommunistischen Stadtväter (das Brandenburger Tor liegt hart östlich der Sektorengrenze) zunächst kaum. Nur vor dem sogenannten Deutschlandtreffen der kommunistischen Jugend im Jahre 1950 wurden einige Ausbesserungsarbeiten vorgenommen, die das Tor provisorisch wiederherstellten.
Erst als im Osten die »Besinnung auf nationales Kulturerbe« zum Schlagwort wurde und die preußischen Freiheitskriege 1813/14 der neu erstehenden »Nationalen Volksarmee« die historische Kulisse geben sollten, war die Stunde für eine Wiederherstellung des Brandenburger Tores gekommen.
Am 22. September dieses Jahres schrieb der Ostberliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert, ein Sohn des ersten deutschen Reichspräsidenten von 1918, an den Regierenden Bürgermeister Westberlins, Dr. Otto Suhr, einen höflichen Brief. Ebert teilte mit, daß sein »Magistrat von Groß-Berlin« beschlossen habe, das Brandenburger Tor wieder in seine ursprüngliche Form zu bringen und auch die Quadriga wieder an ihrem alten Platz aufzustellen. Er bat den Dr. Suhr, die in Westberlin verwahrten Gipsformen herzuleihen, die während des Krieges vorsorglich von dem Vierergespann abgenommen worden waren, und sicherte deren korrekte Rückgabe zu.
Diese Ankündigung war für die Liebhaber des Berliner Stadtbildes überaus erfreulich, zumal während der vergangenen Jahre in der SED sehr sonderbare
Pläne für einen Wiederaufbau des Brandenburger Tores diskutiert worden waren: Es war von einer Krönung des Tores durch Standbilder »Werktätiger« samt Mutter und Kind in den Stilformen des »sozialistischen Realismus« und sogar von einer monumentalen Friedenstaube die Rede, die an Stelle der »imperialistischen« und nach Osten rollenden Victoria, deren Reste 1950 wegen Baufälligkeit demontiert werden mußten, aufgestellt werden könnte.
Acht Tage brauchte der Bürgermeister Amrehm - der an Stelle des erkrankten Suhr die Westberliner Verwaltung anführt
- für die Abfassung seiner Antwort an den
Ost-Kollegen. In seinem Brief sagte Amrehm zwar die Hilfe Westberlins bei der Neuherstellung der Quadriga zu, ließ sich
jedoch die Gelegenheit nicht entgehen, der kommunistischen Konkurrenzverwaltung gleichzeitig einige Sünden vorzurechnen:
... leider ist ... von Beauftragten Ihrer
Verwaltung das zum Teil noch erhalten gebliebene Werk (die Quadriga) ... vom Tor gestürzt und ebenso zerstört worden, wie Sie dann das Berliner Schloß dem Erdboden gleichmachten ...«
Amrehm streifte dann noch andere Vorgänge der Vergangenheit, bei denen - vor allem 1950 - der Westberliner Senat schon einmal ohne Erfolg die Wiederherstellung der Quadriga auf eigene Kosten angeboten hatte, und teilte am Ende mit, der Senat werde zwar nicht die Gipsformen herleihen, aber ein fertiges Standbild liefern. Er werde es jedoch erst dann übergeben, wenn das Brandenburger Tor wiederhergestellt sei. Vorsichtshalber erklärte auch Landeskonservator Professor Hinnerk Scheper, daß die Zusammenfügung der - in einem Heizungskeller der Staatlichen Museen gelagerten - Abgußteile allein rund sechs Monate dauern werde: Der Numerierungsplan sei in den Nachkriegswirren verlorengegangen.
Inzwischen haben die Propagandisten der SED die Mühe auf sich genommen, skeptischen Parteigenossen zu erläutern, warum die Quadriga überhaupt wieder aufgestellt werden soll. Sie erklärten die Quadriga zu einem »humanistischen Bauwerk«. Als Beweis für diese These zitieren sie einen Brief des Tor-Erbauers Langhans an den Preußenkönig Friedrich Wilhelm II., in dem sie manche Vokabel ihres eigenen Jargons wiederfanden. Es heißt in diesem Brief:
»Die auf der Attique (dem Tor) stehende Quadriga stellte den Triumph des Friedens vor, das darunter angebrachte Basrelief bedeutet den Schutz der gerechten Waffen, welchen sie der Unschuld leisten ...« Beruhigend kommentierte das Parteiblatt »Neues Deutschland« dieses Zitat: »Ein ausgesprochen humanistisches Bekenntnis seiner Erbauer also.«
Quadriga vor der Zerstörung: »Schutz der Unschuld«
Berliner Landeskonservetor Scheper
Gipsformen im Heizungskeller