»DIE GENERATION DES 2. JUNI«
Die Entwicklung zu einer mangelnden theoretischen Aufarbeitung der eigenen Aktionen und ihres Wirkungsbereiches wurde zweifellos mitverursacht durch die Mitgliederschwemme, der sich die linken Studentengruppen nach dem 2. Juni konfrontiert sahen**. Viele, die jetzt in SDS und SHB ein politisches Betätigungsfeld suchten, wurden aufgrund eigener Erfahrungen mit brutalen Polizeimethoden dazu veranlaßt.
Diese vordergründige Politisierung war weniger Ausdruck eines sogenannt politischen Engagements, das sich auf die Erkenntnis stützt, daß Geschichte machbar sei und an ihrer Gestaltung durch handelnden Eingriff jedermann zu beteiligen sich genötigt sehen sollte, sondern eher ein Ausdruck einer emotionalen, nur zu verständlichen Empörung, die nach Manifestationen verlangte.
So standen in den Verbänden, die ihre neue und attraktive Rolle kaum begriffen hatten und bis heute wohl nicht ganz verarbeitet haben, plötzlich verschieden motivierte Gruppen einander gegenüber, die eine Art studentischen Generationenkonflikt in die Verbände trugen.
Hatte man sich bisher bemüht, die aufgrund politischer Ohnmachtsgefühle entstandenen und an der angenommenen »Vergeblichkeit« allen Handelns orientierten Frustrationen durch theoretische Arbeit rational zu bewältigen, so ging es den »Jungen« nur noch darum, einen schier hektischen Aktionismus zu entfalten, der an die Stelle eines angestrengten, aber praxisfernen Theoretisierens nun eine theorielose Praxis zu setzen trachtete ...
Die Welle des Aktionsfiebers ist intern oft beklagt worden; sie hat mit zu dem desolaten Zustand geführt, in dem sich heute vor allem der SDS befindet, und verweist auf einen objektiven Widerspruch, der individuell offenbar nicht bewältigt werden kann.
Denn Ursache des isolierten subjektiven Räsonnements, das in Demonstrationen mehr zufällig zum (vorübergehend) kollektiven wird, ist die fatale Situation von Studenten, die zu informiert sind, um nicht die Brüchigkeit internalisierter Normen zu registrieren, dann andererseits aber entweder keine theoretische Anleitung zur Rationalisierung von Frustrationserscheinungen erhalten, die dem Mangel an Erfahrung politischer Praxis entsprechen oder auf eine solche Anleitung nur zu gern verzichten, um in ihrem, sehr eindimensionalen, Weltbild nicht erschüttert zu werden.
Der Vorwurf der Eindimensionalität nämlich, den Marcuse gegen die entwickelten Industriegesellschaften erhebt, läßt sich unter veränderten Vorzeichen durchaus auch auf die Generation des 2. Juni übertragen. Ihr Gesellschaftsbild ist denkbar einfach zusammengesetzt: Auf der einen Seite steht ein Establishment, das an der Aufrechterhaltung der bestehenden Herrschaftsordnung interessiert ist, auf der anderen ein auf Veränderung im Sinne des Fortschritts der Humanität sinnendes revolutionäres »antiautoritäres Lager«, das durch die Gewaltmechanismen einer inhumanen Ordnung in seinen Entfaltungsmöglichkeiten beschnitten wird.
Dieses zur politischen Kategorie erhobene Freund-Feind-Schema läßt kaum Differenzierungen zu. Es führt notwendig zur Interpretation politischen Handelns als Kampf und ist damit nicht sonderlich weit entfernt von der Begriffswelt etwa eines Carl Schmitt, der nicht zu Unrecht heute als intellektueller Wegbereiter des Faschismus in Deutschland gilt ...
Dieser Zusammenhang soll hier aber nur der Illustration des Tatbestandes dienen, daß der heute geleistete Überschuß an notwendiger Kritik des Bestehenden Züge eines radikalen Extremismus trägt, der nun alles andere als demokratisch inspiriert ist.
Allerdings kommt die Entwicklung zur »großen Vereinfachung«, »Gegenwartsklitterung«, das heißt mangelnden Realitätskontrolle, nicht von ungefähr. Schuld daran ist zweifellos die Ignoranz. mit der die intellektuelle oder auch nur intellektualisierende junge Generation in der Bundesrepublik behandelt worden ist.
Der politische Formalunterricht, den sie in der Schule erfahren bat, stößt selbst bei aller Abstraktheit ständig auf praktisch erfahrbare Widersprüche, die ihrerseits dazu führen, daß an einer demokratischen Verfassungsrealität nur zu berechtigte Zweifel geübt werden müssen ...
Wichtig scheint mir die Feststellung, daß die so rasch sich verbreitende Radikalisierung vor allen Dingen wohl auch auf einen der Hauptmängel unserer Gesellschaftsordnung zurück-
* Jens Litten: »Eine verpaßte Revolution? Nachruf auf den SDS« (Vorwort von Günter Grass), in der Reihe »Standpunkte«, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 100 Seiten; 1,80 Mark.
** Am 2. Juni 1967 wurde in Berlin der Student Benno Ohnesorg nach einer Demonstration anläßlich des Schah-Besuchs von einem Polizeibeamten erschossen.
geht, den ich Praxisentzug nennen möchte.
Einsicht in die langwierige Prozedur demokratischer Entscheidungsverfahren wird man sicher nur dem abverlangen können, der in irgendeiner Form an ihnen beteiligt ist. Demjenigen, dem permanent Unmündigkeit verordnet wird, obwohl er zur Teilnahme an der Gestaltung seiner eigenen sozialen Umwelt gezwungen und auch bereit ist, wird man nicht ohne weiteres verübeln dürfen, daß er seine eigene negative Situation unzulässig verallgemeinert.
Solange dieser Zustand anhält, und das zeigt sich vor allem auf dem Gebiet der Hochschulpolitik, wird sich »Politisierung« immer noch in einem geradezu luftleeren Raum abspielen müssen: Denn nur am eigenen Handlungsbereich, der auch Verantwortung für andere verlangt, lassen sich überspannte Vorstellungen an der Realität messen und läßt sich auch ein Zeitkalkül entwickeln, das der Ungeduld ... vertretbare Grenzen setzt.
Auf der anderen Seite allerdings ist das »Kochen im eigenen Saft«, das berauschende Element, sich als alleinige und einzig legitime Opposition zu verstehen, nicht dazu angetan, eine Breitenwirkung zu erzielen, sprich: die Basis zu erreichen, die, als bisher nur vertretene und nicht weiter befragte, dem vorgetragenen revolutionären Elan mit Skepsis begegnet.
Das elitäre Element, das auch der antiautoritären Bewegung noch so deutlich anhaftet, hat bisher verhindert, daß Aktionen (die zweifellos ein saturiertes Bürgertum aufgeschreckt haben) mehr bewirkten als einen Sturm im Wasserglas ...
Das doppelzüngige Vorgehen, mit dem Politiker auf den Protest reagiert haben, zeigt nur, daß offenbar bei der Generation der »Staatsaufbauer« ein sehr wunder Punkt berührt wurde. Mittlerweile ist es gelungen, sich über diese Achillesferse hinwegzutäuschen.
Die schweren Versäumnisse, die den Aufbau der Bundesrepublik begleitet haben, wurden und werden zu Recht angeprangert, und die dafür Verantwortlichen gestehen sie sich offenbar im stillen auch ein. Nur sind sie durch den überstürzten Aktionismus aus dem für sie peinlichen Auftrag entlassen worden, auch öffentlich darüber Rechnung abzulegen. Es bereitet heute doch keinerlei Schwierigkeit, von dem Inhalt des Protestes abzulenken, indem man vor seinen Formen warnt. Und es ist auf der anderen Seite nicht wegzuleugnen, daß auch bei den Kritikern die Lust an der Provokation den Kern der eigentlichen Empörung überlagert hat.
So schwankt die kritische Linie permanent zwischen einer punktuellen Provokation, die das Diskussionsklima vorbereiten muß, und einer Ritualisierung dieser Provokation, die nur noch um ihrer selbst willen vorgenommen wird und ihre Rechtfertigung zur Not daraus bezieht, daß an Reformen bestenfalls ein verbales Interesse besteht.
Wen aber bringen derart ritualisierte Provokationen in Verlegenheit? Wer muß sich dadurch entlarvt fühlen? Wer verspürt auf diese Weise einen materiellen Druck, seine Auffassungen substantiell zu ändern? Und schließlich: Wer ist eigentlich der spezifische Adressat solcher provokativer Aktionen, wenn doch nahezu alle Nicht-Jugendlichen zum Establishment zu zählen sind, nach dem bornierten Imperativ der Beatgeneration: »Traue keinem über dreißig!«
Inzwischen wissen wir, daß auf dem Gebiet der Hochschulreform die bisher um ein halbes Jahrhundert überholten Vorstellungen »nur« noch um wenige Jahre veraltet sind. Zweifellos hat hier der studentische Druck an einem sozialen Ort also, an dem er empfindlich spürbar zu werden vermochte, vieles bewirkt. Keinesfalls gilt das aber für andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, in denen eher eine negative Entwicklung eingesetzt hat,
Die geradezu kleinbürgerliche Angst vor einem möglichen Umsturz, vor dem Verlust an materiellem Besitz, hat zu einem Ruf nach autoritärer Ordnung geführt, der es den reformfreudigen Parlamentariern schwermacht, für studentische, oder weiter gefallt oppositionelle, Belange einzustehen.
Diese Entwicklung geht auch mit auf das Konto der »Generation des 2. Juni« und hat dazu beigetragen, daß die zunehmende Polarisierung das Beziehen einer differenzierten Position auf beiden Seiten nahezu unmöglich gemacht hat.
Mit anderen Worten: Wer heute zwischen die Stühle des antiautoritären Lagers und einer nach dem harten Landgrafen rufenden Parlamentariergruppe gerät, hat kaum Gelegenheit, sich einigermaßen standfest einzurichten. Er schwebt zwischen den Fronten, ohne große Aussicht, Mehrheiten zu gewinnen ...