STARS Die Geschichte der E.
Vielleicht war die Bettgeschichte mit Alex, dem fettigen Macho-Kasperle aus der »Big Brother«-Kiste, schon zu viel. Vielleicht erst die Schwangerschaft. Dabei hat sie sich wirklich Mühe gegeben, alles ordentlich zu vermarkten: vom Krawall um das erste Ultraschallfoto über die »Playboy«-Produktion bis zum Termin für diese Geschichte.
Nun ist die Hamburger PR-Managerin Sibylle Breitbach echten Hass-Tränen nahe. Gerade kam ein Fax, dass ihr Star einen Vertrag bei der Kölner Agentur Kick-Media unterzeichnet habe. Nach sechs Jahren. Ein Fax. Nicht mal von Jenny Elvers selbst, sondern von der Konkurrenz.
Breitbach ist Profi. Sie wird jetzt nicht auspacken über ihren einstigen Schützling. Sie heftet ab: die Akte Elvers, ihre eigene Enttäuschung und den SPIEGEL-Termin, was natürlich unangenehm ist, aber wer will der PR-Dame das in diesem Moment vorwerfen?
Sechs Jahre. Sie waren mal so was wie Freundinnen. Und dann kriegt man die Scheidung über Bande quittiert wie einst Thomas D.?
Der schmächtige Rapper von den Fantastischen Vier hatte vor zwei Jahren eine Affäre mit Jenny, während die noch mit dem Schauspieler Heiner Lauterbach liiert war. Sex, Drugs & Rock''n''Roll im Wohnmobil. Danach Interviews, Schlagzeilen und ein Thomas D., der das Aufgebot bestellte.
Seine drei Bandkumpels hatten bei Boss für die Hochzeit bereits schneeweiße Anzüge geordert, die sie dann aber nicht mehr brauchten. Eines Abends sahen sie Jenny in der »Harald Schmidt Show« sitzen und erzählen, dass sie keinen anderen liebe als ihren Heiner und alles andere Quatsch sei.
Damals muss sich Thomas D. wie Sibylle B. jetzt gefühlt haben: nicht betrogen, eher beschissen. Von dieser fröhlichen jungen Frau, die viele empört und viele begeistert. Für die einen ist sie die moderne Entertainerin, für die anderen eine zu Mensch gewordene Klatschspalte und blitzlichtverliebte Boulevard-Motte, ein VIP-Maskottchen, das jüngst auch den »Big Brother«-Promi Alex erst anzog und dann wieder ablegte.
Mutmaßungen über Jenny. Weil es nichts anderes gibt. Weil diese selbstbewusste Frau sich aus solchen Vorurteilen selbst erschaffen hat.
Elvers vermarktete die eigenen Skandale bisher konsequenter als Verona Feldbusch, auch wenn die dank ihrer Vier-Wochen-Ehe mit Pop-Produzent Dieter Bohlen früher dran war mit den ganz dicken Kiosk-Balken.
Elvers war erfolgreicher als eine ganze Generation von Partydekorationen: Giulia Siegel etwa, Tochter des Ein-bisschen-Frieden-Siegels Ralph und chronisches Ex-Model. Oder Ariane Sommer, Nichte des »Zeit«-Herausgebers Theo, die sich für eine Schlagzeile gern auch in Mousse au Chocolat wälzt.
Elvers bereitete das Klima: Dank ihrer Vorarbeit schlucken wir gern, dass etwas so Langweiliges wie Strom »Yello«, also gelb, ist. Dass Hera Lind zum Start des neuen Buches auch den neuen Liebhaber präsentiert. Und dass zehn Proleten in einem Container spannender sind als drei Monate Tagesschau. Inhalt ist nichts mehr, die Inszenierung alles.
Wer kennt die deutsche Medizin-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Vollhard? Wer denkt bei Rudolf Scharping momentan an Bundeswehr, wenn dieser Polit-Darsteller mit dem Charme eines Kurkonzert-Sitzkissens dauernd das neue Glück mit neuer Lebensgefährtin lancieren lässt?
Alle spielen das Jenny-Spiel. Jede Affäre, neue Freundin, Scheidung oder Eheschließung wird zu Buch-/Film-/Tourneestart geplant. Früher gab es noch so genannte Homestorys, die zugleich Grenzen zogen. Heute ist das Leben die Story. Und die Story heißt Jenny.
Aber sie ruft nicht an. Stattdessen ist wieder das Management dran mit neuer Ansage. Sie mache ja eigentlich gar nix mehr. Wegen des Kindes und überhaupt. Die meisten deutschen Vorstandsvorsitzenden sind einfacher zu erreichen.
Fünf, sechs Telefonate später gibt es doch einen Termin. Und eine Woche Zeit, sich auf Elvers vorzubereiten und festzustellen, dass es eigentlich drei Jennys gibt, die eines gemeinsam haben: den manischen Ehrgeiz, aus dem kleinen Nest Amelinghausen in der Lüneburger Heide herauszukommen und Prinzessin zu werden. Zehn Jahre ist das nun her.
Jenny Nr. 1 ist die langweiligste, denn die hat so etwas wie eine berufliche Karriere: vollbusige Deko in »Baywatch«; Platten-Flop mit dem Titel »Blond & Stoopid«; Moderation bei VH-1; Rausschmiss bei »Top of the Pops« von RTL nach 13 Folgen; Präsentation von Erotikhoroskopen unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit beim Pay-Kanal DF1; Urlaubsvertretung als Moderatorin einer Single-Show auf TM3. In dieser Reihe hieße die nächste Karrierestation entweder Bahnhofsmission oder Baumarkt-Eröffnung.
Kein Wunder, dass Jenny Nr. 1 sich gern einredet, für eine Nebenrolle in der TV-Serie »Nikola« den Grimme-Preis bekommen zu haben, obwohl der damals an die gesamte Produktion ging. »Bunte« und »Bild« wäre aber selbst der Friedensnobelpreis wurst. Die interessierte vor allem ihr Sekunden-Ruhm in »Männerpension«.
Das war 1995, Elvers musste über einen Gefängnishof stöckeln und den kurzen Rock noch kürzer hochreißen. Eine Menge Männer schrieben ihr, die für gebrauchte Slips bis zu tausend Mark boten. Dabei trug sie in der Szene gar keinen. Heiratsangebote waren in der Fanpost eher selten, was mit Jenny Nr. 2 zu tun hat.
Das ist die kokette Blondine, die schon als Heidekönigin dank einer Vorliebe für
grüne Strapse und Partyspaß in Ungnade fiel, die Schule schmiss und in Japan als Vorlage einer Barbie-Puppe posierte. Jedenfalls war Jenny Nr. 2 auch mal so etwas wie Miss Grömitz und Vize-Miss-Germany.
Jenny Nr. 3 nutzte die eigene Schönheit früh. Als 16-Jährige stand sie in Lüneburg am Absperrgitter eines Konzerts der Ärzte. In der Nacht feierte sie mit den Punk-Rockern. Am nächsten Morgen war sie die Freundin des Sängers Farin Urlaub, der ihretwegen von Berlin in die Heide zog.
Farin wohnt immer noch dort. Jenny ist längst weg, auch, weil andere Männer lockten. Udo Jürgens? Herbert Feuerstein? Thomas Gottschalk? Stefan Raab? Til Schweiger, neben dem sie »Knockin'' On Heaven''s Door« drehen durfte?
Der Wahrheitsgehalt solcher Gerüchte spielt keinerlei Rolle. Das Gerücht ist besser fürs Geschäft, weil es den Mythos kräftiger nährt als die vier Jahre, die Jenny an der Seite von Heiner Lauterbach litt und luderte. Unter Glamour-Gesichtspunkten war Lauterbach C-Klasse. Der wollte keine öffentliche Frau, sondern eine, die ihm abends in der Starnberger Villa wahlweise Wodka, Puschen oder Brüste servierte.
So war es nur konsequent, dass Elvers sich im Sommer von dem Kneipenwirt Alex Jolig schwängern ließ, der gerade der ersten »Big Brother«-Staffel entronnen war. Im Berliner Hyatt nach der Love-Parade. Man weiß das auch deshalb so genau, weil sie es eben erzählten.
Jenny & Alex, das ist fürs Boulevardgeschäft, was für Politikjournalisten eine private Koalition zwischen Gerhard Schröder und Angela Merkel wäre: ein publizistischer Dauerorgasmus. Nur: Jenny & Alex sind Realität, sofern es derlei noch gibt.
Beide missverstehen Public Relations als öffentliche Beziehung. Beide leben vor Millionenpublikum, und sie leben gut davon. Jedenfalls war Jenny richtig dolle verletzt, als ihr Ex-Heiner verlauten ließ, die ganze Schwangeren-Nummer könne ein großer PR-Schwindel sein, baldige Fehlgeburt inklusive. Nur: Wer hätte es ihr nicht zugetraut? Und was soll es bringen, diese Frau noch persönlich kennen zu lernen, von der man bis in den Uterus hinein jedes Geheimnis kennt?
Dann ist die Woche rum, und Elvers sitzt einem tatsächlich gegenüber. Natürlich in einem Hamburger Szene-Café, weil ein bisschen Bühne immer sein muss. Und natürlich steht nach einer halben Stunde der erste Teenager vorm Tisch und bittet ehrfürchtig um ein Autogramm.
Was das Idol sagt, ist weniger wichtig als das Wie: kokett, gern mit so einem Von-unten-rauf-Schulmädchen-Grinsen, dauernd giggernd, als machten Schwangerschaftshormone automatisch glücklich bis hart an die Schwachsinnsgrenze, wo dann Sätze fallen wie: »In den Medien mutiere ich langsam zur Mutter der Nation.«
Sie begreift ihr Medien-Monopoly als spannendes Gebenund-nehmen-Spiel. Elvers'' Einsatz ist der übliche: ihr Leben. Was darf''s sein? Die eigene Jugend? »Sexuell war ich eher ein Spätzünder.« Der bevorstehende Image-Wandel? »Die Partynummer ist definitiv vorbei.«
Wen soll sie spielen? Die Witzige, die als größten Unterschied zu Verona Feldbusch allenfalls gelten lässt: »Ich bin blond«? Die Nachdenkliche? »Manchmal muss man den eigenen Stolz vergessen.« Die Berechnende? »Eine Live-Übertragung der Geburt wird es definitiv nicht geben, auch wenn natürlich entsprechende Angebote auf dem Tisch liegen.«
Vielleicht darf sie wenigstens ein paar Dinge geraderücken. Zum Beispiel die Sache mit den Paparazzo-Nacktfotos, die sie angeblich an ihrem Damals-noch-nicht-Ex-Heiner vorbeiproduzieren ließ, um den »Bild«-Titel zu kriegen und zugleich sagen zu können: Hey, der hat mich abgeschossen. Ich kann nix dafür.
Der Fotograf sei »ein Freund der Familie« gewesen, der »wahrscheinlich schlicht und ergreifend Geld brauchte«, sagt sie. Aussage gegen Aussage. Wie so oft bei ihr. Und wie so oft ist keiner richtig böse: sie nicht und die andern auch nicht.
»Hätte ich ihn deswegen verklagen sollen? Was hätte das gebracht?« Tja, was hätte das gebracht?
Wahrheiten, Lügen - perlt alles ab, wenn es ums mehr oder weniger nackte Dasein geht. Jenny Elvers'' Leben gehorcht keinem Masterplan. Dazu ist sie dann wieder nicht clever genug, wenn sie sich für den »Playboy« als werdende Mutter mit einer Zigarette in der Hand nackig ablichten lässt, was prompt den nächsten Aufruhr verursachte. Sie rauche schließlich gar nicht. Aber danach frage natürlich niemand.
Ihr Leben ist eher ein Unfall wie ihr Love-Parade-Kind. Es ist wie »Big Brother«. Es passiert eigentlich nix, aber jeder schaut zu, weil dauernd was passieren könnte. Irgendwas Authentisches. Jenny ist authentisch bis ins operativ angelegte linke Ohr hinein.
Demnächst muss übrigens wirklich was passieren: Geld. Fiat stellt ihr zwar einen Roadster vor die Tür. Versace leiht ihr die nuttigen Party-Fetzen. Doch wie lange werden die passen? Ab dem fünften Monat wird''s eng. Und wie lange läuft »Big Brother« noch, wo sie ein paar Mal pro Woche mitten in der Nacht ein Live-Quiz mitmoderieren darf, bei dem irgendwelche Ingos und Waltrauds ein paar Mark fuffzich verdienen können wie Jenny selbst?
Wahrscheinlich wird sie sich als Hochschwangere wie Demi Moore noch einmal halbnackt für doppelte Gage präsentieren. Eventuell wird sie das Geschlecht ihres Kindes gegen Geld in die Welt blasen oder den anvisierten Namen. Sicher wird sie die ersten Fotos ihres Kindes verkaufen. Und wenn, dann kaum zu Gunsten der Unicef, aber an »Bild«, wo das Trüffelschwein Katja Keßler jede Woche auf Neuigkeiten aus der Elversschen Seifenoper wartet.
Keßler wurde bekannt, weil sie keine Skrupel hatte, die Pin-ups auf Seite eins mit Stammtisch-Texten von Pussys und Rohrverlegern zu garnieren, für die jeder Mann mit einem »Emma«-Abo nicht unter fünf Jahren bestraft werden würde. Keßler ist nicht nur mit Elvers bestens bekannt, sondern auch mit Alexander Elbertzhagen, Vorstand der Elvers-Agentur, der wiederum mit Keßler ein TV-Klatschmagazin plant. Die Geschichte der E. wird in der Familie bleiben.
Wir warten auf die Schwangerschafts-Gymnastik mit Jenny, Kondom-Werbung ("bei denen geht nix daneben"), die Talkshow, die Hochzeit mit Alex in dessen Bonner Kneipen-Butze, Schläge, Scheidung, neuen Mann, die Memoiren, den Film, die Musik zum Video, den Sinn zum Nichts.
Am Ende bringt man sie mit dem Taxi zu ihrem Penthouse in der Hamburger City, hat knapp drei Stunden Tonband und die lähmende Ahnung, dass da kaum etwas drauf ist, was sie nicht schon mal gesagt hat.
Diese Frau hat keine Botschaft, wenn man von frivolen Sätzen absieht wie: »Ich bin Künstlerin.« Sie hat kein Ziel. Keine Aufgabe. Sie ist eine Meisterin der Oberflächen-Spannung. Eine Verpackung, die sich selbst zum Geschenk stilisiert, um sich zu verkaufen. Ihr größtes Talent: »Ich kann Leute zum Lachen bringen.«
Sie steht unschlüssig auf der Straße. Die Herbstsonne lacht. Sie lacht mit. Ungeschminkt würde man sie kaum beachten, trotz Tigerstretch-Hose. Diesmal fehlt das Publikum. Das ist eigentlich das Schlimmste.
* Mit Til Schweiger, 1996.