Die gestohlene Zeit
Der letzte Sommer war heiß und lang wie nie, und den Berlinern kam es vor, als hätten die Bistros am Hackeschen Markt schon im Februar ihre Stühle vor die Tür gestellt. Überall in Mitte war Sehnsucht nach der Côte d'Azur. Die hielt das ganze Jahr. Und noch im November sah man einsame Kerzen auf Trottoirtischen. Die Temperaturen strebten längst gegen null.
Der tief in den Mantel gehüllte Passant konnte traurig werden und wirklich an die Côte d'Azur denken, als deren Abgesandte die leeren Tische nutzlos herumstanden. Sie ragten wie aus einer anderen Zeit. Was bloß damit anfangen, fragte ich mich und begann dennoch, ganz wie die Tische befahlen, an den letzten Sommer zu denken.
Ich erinnere mich, wie sie mit dem 50. Jahrestag des 17. Juni 1953 fast revolutionär begannen und dann mit einer Debatte über die so genannte Ostalgie jäh endeten. Zwei deutsche Debatten über den Osten. Zwei Definitionsversuche. Zwei Spekulationen.
Für die erste Definition wurde lange nach dem Namen gesucht. Bis heute ist man sich nicht einig, ob es sich beim 17. Juni 1953 um ein Aufbegehren, einen deutschen Aufstand oder gar um eine Revolution handeln soll.
Bundespräsident Johannes Rau jedenfalls nannte ihn »einen der großen Tage deutscher Freiheitsgeschichte« und unterbreitete den Ostdeutschen damit wie viele andere ein hübsches Identifikationsgeschenk. Eine Schmeichelei, die abseits von Feiertagen selten vorkommt.
Der Ostdeutsche durfte sich in diesen Wochen als Angehöriger eines Volkes von Unterdrückten oder Aufständischen fühlen. Je nachdem. Das Ziel der Wiedervereinigung, suggerierte man ihm, habe er über 40 Jahre fest im Blick gehabt. Als sei es von 1953 bis 1989 nur ein Katzensprung gewesen. Helden halt, allesamt.
Es sah im Juni so aus, als dürften von der DDR nur diese beiden Daten übrig bleiben: der Aufstand der Berliner Bauarbeiter 1953 und der Wendeherbst 1989. Dazwischen stahl man den Menschen die Zeit der Ankunft im Alltag. Insgesamt immerhin 37 Sommer.
Die Zeitungen waren dagegen voll von großen Momenten. Von großer Geschichte. Das ganze Land war eine einzige staatlich organisierte Erinnerungsorgie, froh über jeden Zeitzeugen, den man noch auftreiben konnte. Viele Ostdeutsche jedoch zuckten mit den Schultern. Sie fühlten sich nicht angesprochen. Nicht gemeint von einer Geschichte, die ihr eigenes Land ihnen jahrzehntelang verschwiegen hatte, und raunten dennoch, der Heldenkult erinnere an früher.
Im August kamen die 37 Sommer dann mit aller Macht zurück. Die so genannten Ostalgie-Shows überzogen das Land. In allen Zeitungen lächelte Katarina Witt im FDJ-Hemd, und Oliver Geißen steckte in einer braunen Armeesportjacke. Ganz so, als sei das jetzt in Mode - in Berlin-Mitte oder sonstwo in Deutschland.
Aus den aufständischen Bürgern der Junirevolution, war man sich schnell einig, war im Lauf eines einzigen Sommers eine verblüffend große Schar von Ostalgikern geworden, die sich vor die Fernsehapparate hockte und mit lachenden Gesichtern beweisen wollte, dass früher doch nicht alles schlecht gewesen war. Trotz Stasi, Mauerbau, Massenflucht und Doping im Sport.
Ostdeutsche Bürgerrechtler wussten wie immer Bescheid, standen mit erhobenem Zeigefinger auf und hatten schnell den Vergleich mit dem Dritten Reich parat. Der hatte noch immer gepasst, erinnerten sich manche ehemalige DDR-Bürger politisch unkorrekt an ihre kollektive Diktaturerfahrung.
Zugegeben, die DDR-Shows waren schlecht und oft mehr als geschmacklos. Aber sie waren auch zu keinem Zeitpunkt mehr, als sie sein wollten: Abendunterhaltung für ein Massenpublikum und kein zeithistorisches Seminar.
Warum also derlei Hysterie? Was war passiert?
Ich erinnere mich an einen Abend in Düsseldorf. Ich war sehr aufgeregt. In Düsseldorf war meine erste Lesung mit den »Zonenkindern« in der alten Bundesrepublik. Endlich konnte ich den Westen auf Reaktionen testen.
Es begann ruhig. Ich las. Kaum ein Schmunzeln im Publikum, wenig Glucksen, kein Gelächter. Es war zu ruhig. Ich begann mich in den Osten zurückzuwünschen. Dort lachte jeder. Auch die, die es nicht vorhatten, schmunzelten spätestens, wenn Alfons Zitterbacke auftrat. Mit Alfons Zitterbacke knackte man jeden Zoni. Glaubte ich zumindest.
In Düsseldorf dagegen Totenstille. Selbst bei Alfons Zitterbacke. Ich las zäh weiter und war mir sicher, dass der ganze Saal voller Westdeutscher steckte. Anders ließ sich diese Apathie nicht erklären.
Auf einmal, ich hatte unterdessen zu Ende gelesen, stand ein junger Mann beherzt auf und rief, ihn würde jetzt aber mal interessieren, wer hier im Saal eigentlich woher käme! Zuerst sollten sich alle Wessis melden, dirigierte er und hob die Hand. Ein paar andere taten es ihm gleich.
Als Nächstes seien die Ostdeutschen dran. Es war, als forderte er den Saal zu einem Zweikampf heraus. Und Stück für Stück, peu à peu, einer nach dem anderen, hoben erst der Erste, dann der Zweite und schließlich fast alle im Saal die Hand.
Es war plötzlich sehr still.
Bis jemand zu lachen anfing. Er lachte darüber, dass an diesem Abend in Düsseldorf niemand unaufgefordert zugegeben hätte, dass er aus der DDR kam. Allen schien das peinlich zu sein. Und so versteckte sich ein jeder Ostdeutscher vor seinem Nachbarn, links oder rechts von ihm auf dem Stuhl, der aus keinem anderen Land stammte als er selbst. Ein ganzer Saal verbarg sich vor sich selbst.
Viele Ostdeutsche scheinen verunsichert. Sie ducken sich weg. Viele sind sich selbst peinlich, weil sie nicht wissen, welcher Zuschreibung sie sich als Nächstes erwehren müssen. Der Osten ist Spekulationsobjekt. Deutungsmasse.
Im Juni galten sie noch als revolutionäre Rebellen, die den Geist der Freiheit in die deutsch-deutsche Geschichte eingebracht haben. Aber schon im September waren sie ein bisschen blöd, naiv, schlecht angezogen und von hinter dem Berg.
Die Kritik an den DDR-Shows wird bleiben als Kritik an den ostdeutschen Zuschauern, nicht an den Verantwortlichen in den Sendeanstalten. Vielleicht hätte man das in der Debatte bedenken sollen. Vielleicht war es kalkuliert. DDR. Der dumme Rest.
Dabei entkommt keiner. Denn jeder Ostdeutsche bürgt für alle. Keiner steht für sich allein. Michael Ballack demonstriert, dass ein Ostdeutscher kein Führungsspieler werden kann. Das Olympiadebakel in Leipzig beweist, dass der ganze Osten verfilzt ist - und Angela Merkel, dass man es doch schaffen kann, wenn man sich anstrengt und den Osten verschweigt. Aber auch sie wird die anderen 16 Millionen nicht los. Keiner entkommt.
Die Blessuren der beiden Sommerdebatten zeichnen sich bereits ab. Der Ton zwischen Ost und West ist in diesem Herbst rauer geworden. Günter Netzers Ausfall gegen Ballack. Helmut Schmidts Geständnis, die jammernden Ossis »kotzten« ihn an. Und die zunehmenden Forderungen westdeutscher Politiker, die Transferquellen in den Osten versiegen zu lassen.
In den Zeiten der Rezession drückt niemand gern ein Auge zu, obendrein nicht für ein Volk, zu dem niemand dazugehören will. Das nutzlos in diesem Land herumsteht wie Tische auf dem Trottoir im November.