REVOLUTIONÄRE Die göttliche Rosa
Der Schauspieler Rolf Becker ist heute als Aktivist der »IG Medien, Hamburg« anwesend, rückt seine runde Brille zurecht, holt tief Luft und liest einen revolutionären Text vor: den Spartakusbrief von Rosa Luxemburg vom Juni 1918. Dann macht er eine kurze Pause, einen großen Sprung in die Gegenwart und mit eigenen Worten weiter.
Der Krieg gegen Jugoslawien sei noch nicht zu Ende, die Ziele der Kriegsallianz würden »geostrategisch weiter verfolgt«, man müsse Widerstand leisten »gegen eine Außenpolitik, die zum dritten Weltkrieg führen« könnte. Vielleicht habe der dritte Weltkrieg bereits begonnen. Dann tritt er vom Rednerpult ab und nimmt den tosenden Beifall seiner Zuhörer entgegen, die so viel Mut zu schätzen wissen.
Uwe Fritsch, »freigestellter Betriebsrat« bei VW Wolfsburg, macht sich »Gedanken nach der Niederlage des Sozialismus« über die künftige »Organisation der Gegenwehr im Kapitalismus«. Es gehe darum, »das Überleben der Menschheit zu sichern, sie vor dem atomaren Untergang zu bewahren«, das sei »die historische Mission der Arbeiterklasse« heute. Auch Fritsch, ein bekennendes Mitglied der DKP, wird mit rauschendem Applaus für seine apokalyptischen Visionen belohnt.
Alle Jahre wieder, um den Tag herum, an dem Rosa Luxemburg von Soldaten eines Freikorps ermordet wurde, findet in Berlin eine Konferenz zur Erinnerung an die revolutionäre Sozialistin statt. Seit fünf Jahren richten sie die »Junge Welt«, die »Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend« und die Arbeitsgemeinschaft »Cuba sí« in der PDS im Audimax der Humboldt-Universität aus. Es geht international zu, ein Revolutionär aus Kolumbien, ein Gewerkschafter aus Kuba und der stellvertretende Vorsitzende der KP Böhmens und Mährens sind da. Angela Davis und Jutta Ditfurth haben - leider, leider - abgesagt.
Rosa Luxemburg ist die Ikone der revolutionären Linken vieler Länder, deren Patronin, eine Art ungeschütztes Warenzeichen. Ihren berühmtesten Satz - »Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden« - zitieren FDP-Koryphäen ebenso selbstverständlich wie die der PDS.
Die Feministinnen berufen sich auf ihr Vorbild, Margarethe von Trotta drehte 1985 einen ihrer einfühlsamen Filme über sie, Barbara Sukowa spielte die Hauptrolle. Die Flut der Biografien reißt nicht ab, die Apologeten, die der DDR nachtrauern oder weiterhin einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus suchen, überwiegen naturgemäß. Aber auch der politisch völlig unverdächtige Franzose Max Gallo, der einst François Mitterrand als Präsidentensprecher diente, widmete der Frau ein Buch, deren Lebensbogen sich zwischen der deutschen Reichseinheit 1871 und den revolutionären Wirren nach dem Ersten Weltkrieg spannt.
Jedes Jahr ziehen bis zu hunderttausend am zweiten Sonntag im Januar hinaus zur Gedenkstätte in Berlin-Friedrichsfelde, »um Karl und Rosa« zu ehren. Gregor Gysi und Egon Krenz, Karl-Eduard von Schnitzler und Sahra Wagenknecht erweisen ihr Reverenz. In diesem Jahr allerdings verzögerte sich die Demonstration am Grab um eine Woche, weil ein von der PDS enttäuschter Amokläufer mit Attentaten per Maschinenpistole und Handgranaten drohte.
81 Jahre nach ihrer Ermordung ist Rosa Luxemburg das Objekt übergroßer Verehrung, in Europa kommt ihr nur die spanische Bürgerkriegsheldin Dolores Ibarruri, genannt »La Pasionaria«, gleich, die in Spanien Kultstatus genießt und mit 93 Jahren einen friedlichen Tod starb. Rosa Luxemburg aber ist durch die Ermordung zur Märtyrerin geworden, wie Ché Guevara dank seines gewaltsamen Todes in Bolivien zum Märtyrer wurde.
Sie war vieles, was man zu ihrer Zeit besser nicht war: eine Revolutionärin, als Frauen noch nicht das Wahlrecht besaßen; eine Polin, als Polen geteilt war; eine Jüdin zu Zeiten wiederkehrender Pogrome; zusätzlich hinkte sie, weil das eine Bein nach einem frühen Hüftleiden kürzer geriet als das andere.
Rozalia Luksenburg, so hieß sie ursprünglich, stammte aus einer jüdischen Familie, in der man Polnisch sprach und Jiddisch fluchte. Ihr erstes Pogrom erlebte sie 1881 in Warschau, da war sie zehn Jahre alt. Das Gymnasium durfte sie besuchen, weil sie den Numerus clausus erfüllte, der den Anteil jüdischer Schüler begrenzte.
Als sie 1888 studieren wollte, musste sie ihr Land verlassen. Frauen waren an den polnischen Universitäten nicht zugelassen, und überdies suchte die zaristische Geheimpolizei nach ihr. Polen war, eine stete Demütigung für den romantischen Nationalismus dieses Landes, zwischen Österreich, Preußen und Russland geteilt. Warschau gehörte zum Beutegut des Zarenreiches - und die berüchtigte Polizei Alexanders III. jagte die junge Sozialistin. Rozalia hatte sich einer Gruppe um den Dachdecker Marcin Kasprzak angeschlossen, die eine sozialdemokratische Partei nach deutschem Vorbild aufbauen wollte und vom friedlichen Zusammenleben der Völker träumte.
Kasprzak organisierte ihre Flucht. Einem katholischen Pfarrer erzählte er, die junge Frau sei vom tiefen Wunsch beseelt, zum Christentum überzutreten, gegen den Willen ihrer Eltern. Der Kirchenmann schmuggelte sie versteckt im Stroh seines Fuhrwerks über die Grenze nach Westen.
Die 18-Jährige ging nach Zürich, dem Sammelplatz für sozialistische Emigranten vornehmlich aus Deutschland und Russland. Sie agitierte für den »Sturz des Zarentums«. Nebenbei studierte sie Staatswissenschaften an der Zürcher Universität.
Sie war 22 Jahre alt, als sie mit ihrem Freund Leo Jogiches, einem introvertierten Unternehmersohn aus Wilna, und Adolf Warszawski, dem Ehemann einer Schulkameradin, die »Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauen (SDKPiL)« aus der Taufe hob. Der jungen, schwungvollen Frau oblag es bald, die Parteizeitung herauszugeben.
Die SDKPiL gehörte in die Reihe linksdoktrinärer Politsekten, die in der Emigration aus dem Boden schossen. So ziemlich sämtliche Gründungsmitglieder fanden später Aufnahme ins Pantheon des Welt-Kommunismus: Felix Dserschinski rief die sowjetische Terrorpolizei Tscheka ins
Leben, den Vorläufer des KGB, Warszawski war bis in die dreißiger Jahre Vorsitzender der polnischen KP, Luxemburg und Jogiches riefen in den Wirren der Nachkriegszeit 1918 die KPD aus.
Unter den Emigranten galt Rosa Luxemburg als brillante Theoretikerin. Die kleine, charismatische Frau mit dem großen Kopf und den leuchtend schönen Augen zog die Menschen wie ein Magnet an.
Über den ersten Auftritt der damals 22 Jahre alten Studentin auf einem internationalen Arbeiterkongress 1893 berichtete später Karl Kautsky, die theoretische Eminenz der SPD, dass die junge Frau »begeisterte Zustimmung, ja schwärmerische Bewunderung derjenigen gewann, deren Sache sie vertrat«. Er berichtete aber auch vom »bittersten Hass derjenigen, gegen die sie den Kampf aufnahm«. Zeit ihres Lebens löste sie diese extremen Gefühle aus.
Für eine leidenschaftliche Sozialistin, die um die Jahrhundertwende die Revolution vorantreiben wollte, war Deutschland der Mittelpunkt der Welt. Keine europäische Partei konnte sich mit der SPD messen.
Um einen deutschen Pass zu erhalten, ging sie eine Scheinehe mit dem Schriftsetzer Gustav Lübeck ein. Die beiden sahen sich nach der standesamtlichen Trauung in Basel erst fünf Jahre später wieder, bei der Scheidung.
Am 16. Mai 1898 traf Luxemburg um 6.30 Uhr morgens mit dem Schnellzug in Berlin ein. Sie mochte weder die Metropole Preußens, die vor Vitalität und Selbstbewusstsein förmlich explodierte, noch die Deutschen, die Kaiser Wilhelm II. zujubelten und dem Imperialismus anhingen. »Ich hasse sie aus ganzer Seele«, schrieb sie an Jogiches, »es soll sie der Schlag treffen.«
Luxemburg nahm sich ein Zimmer am Tiergarten, sie lernte das Wahlhandbuch der SPD auswendig und kreuzte in der Parteizentrale in der Katzbachstraße auf, wo Wahlkampfhektik herrschte, denn am 16. Juni 1898 standen Reichstagswahlen an.
Im Wilhelminischen Reich lebten am Ausgang des 19. Jahrhunderts 3,5 Millionen Polen; unter ihnen wollte Luxemburg für die SPD und die Weltrevolution werben. Ihre Wahlkampftournee durch Schlesien geriet zum Triumphzug.
Sie schrieb Artikel für den »Vorwärts«, das Kampfblatt der frühen SPD, und für die »Neue Zeit«, das Theorie-Organ der Partei. Mehr als Journalistin denn als Politikerin nahm sie teil an der großen theoretischen Debatte, ob der gesellschaftliche Fortschritt in Deutschland besser mit einer Reform oder einer Revolution herbeizuführen sei, die die SPD auf Jahrzehnte beseelte und zugleich lähmte.
Eduard Bernstein, ein ehemaliger Angestellter des Bankhauses Rothschild in Berlin, hielt den Kapitalismus für reformfähig und die Weltrevolution für eine Chimäre. Sein Widerpart war Karl Kautsky, der Lordsiegelbewahrer der reinen Lehre. Ihm zur Seite trat Luxemburg, die Bernstein »vulgärökonomische Schnitzer« vorwarf und ihn am liebsten aus der Partei geworfen hätte.
Die Revisionismusdebatte machte Luxemburg berühmt und zu einer Wortführerin der Parteilinken. Autogrammjäger umlagerten sie auf den Parteitagen, sie werde, berichtete sie stolz ihrem Geliebten Jogiches, »die Göttliche« genannt. Die Pressekommission der SPD machte sie zur Chefredakteurin der »Sächsischen Arbeiterzeitung«. Keiner Frau vor ihr, keiner nach ihr wurde diese Ehre zuteil.
Als die bundesdeutsche Frauenbewegung 70 Jahre später nach Vorbildern in der Geschichte suchte, stieß sie zwangsläufig auf die Journalistin, Theoretikerin und Revolutionärin Luxemburg. Sie behauptete sich in der patriarchalischen SPD, sie war emanzipiert, führte ein freies Liebesleben, einer ihrer Männer war 15 Jahre jünger als sie. Von schieren Frauenthemen hielt sie jedoch wenig, sie lästerte im Gegenteil über die Treffen »dieser Glucken«, wie sie die Zusammenkünfte der Suffragetten nannte.
Ganz kleinbürgerlich träumte sie, die weitgehend vom Geld ihrer Männer lebte, von einem geordneten Leben ohne Politik in einer Wohnung mit »hübschen Möbeln«, Ferien auf dem Lande und »dazu ein kleines, klitzekleines Würmchen«, wie sie an Jogiches schrieb, dem die Revolution erheblich wichtiger war als das kleine private Glück.
Die Briefe Luxemburgs mit teils poetischen, teils kitschigen Passagen zählen zu den Juwelen der romantischen Briefliteratur aus dem Geiste des Sozialismus. Späte Bewunderer stilisierten Luxemburg zu einer Heroine der Menschlichkeit, weil sie solche Sätze niederschrieb wie: »Mir ist der Friede und der einfache Wunsch jedes anderen Menschen ein Heiligtum, vor dem ich lieber zusammenbreche, als es roh anzutasten.« In ihren moralisierenden Herzensergüssen rückte sie Hedwig Courths-Mahler nahe: »Gut sein ist die Hauptsache! Einfach und schlicht gut sein.«
Das war die Herzensgute, Moralische, die von ihren Biografen geradezu verehrt wird. Luxemburg aber verstand sich im Kern als Revolutionärin, und da dachte sie durchaus in den herrschenden Freund-Feind-Bildern.
Während der Berliner Jahre blieb sie Mitglied in der Parteiführung der polnischen SDKPiL, die wiederum Teil der Russischen Sozialdemokratie war. Dort lieferten sich Bolschewiki und Menschewiki erbitterte Auseinandersetzungen. Auch Luxemburg beschimpft Parteifreunde als »Feiglinge« oder »Seuche« und wollte Opponenten »zerschlagen« und »vernichten«. Über einige ihrer Gegner schrieb sie 1909 in einem Brief, man müsste sie »ohne Umstände erschießen«.
Die Russische Revolution 1905/06 erlebte sie in den Auswirkungen auf Polen mit. Sie war während des Aufruhrs als »Anna Matschke« nach Warschau geeilt und half, die Seiten der Revolutionszeitung »Czerwony Sztandar« zu füllen. Am 4. März 1906 wurde sie verhaftet. Nur durch Bestechung kam sie frei. Nach den Erfahrungen in Warschau stand ihre Überzeugung fest, dass einzig der Massenstreik die Revolution hervorrufen könne, in Russland wie in Deutschland.
Die Sozialdemokraten unter August Bebel redeten unverdrossen von der Revolution, betrieben jedoch die reformerische Veränderung der Gesellschaft. Die SPD sei, so schrieb Kautsky, eben »eine revolutionäre, nicht aber eine Revolution machende Partei«. Die Historiker nennen den Schwebezustand zwischen Ausgrenzung und Einbeziehung die »negative Integration« der SPD im Kaiserreich. Dieser Prozess fand am 4. August 1914 seine Krönung, als die SPD den Kriegskrediten im Reichstag zustimmte.
Das war die große, schreckliche Enttäuschung im Leben Rosa Luxemburgs, sie zog den Bruch mit der SPD nach sich. Mit Jogiches und anderen linken Kriegsgegnern gründete sie die Gruppe Internationale, aus welcher der Spartakusbund hervorging.
Drei der vier Kriegsjahre verbrachte sie in Haft: im Königlich-Preußischen Weibergefängnis in Berlin, im posischen Wronke und in Breslau. Die zierliche Frau hielt dem kaiserlichen Ankläger entgegen: »Ein Sozialdemokrat steht zu seinen Taten und lacht Ihrer Strafen. Und nun verurteilen Sie mich.« Spätestens dieser Auftritt machte sie zur anbetungswürdigen Heldin der Kriegsgegner.
Im Gefängnis rechnete Luxemburg mit ihrer Partei ab. Sie kanzelte die Genossen als »Schildknappen des Imperialismus« ab, als »Haufen organisierter Verwesung« und »Hunde«, die den »wohlverdienten Fußtritt bekommen« müssten. Als 1917 parteinterne Kriegsgegner die »Unabhängige SPD« (USPD) gründeten, schloss sie sich, wenn auch widerstrebend, mit dem Spartakusbund an.
Im Gefängnis schrieb sie im Sommer 1918 auch jene Sentenz, die sie unsterblich machte: »Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden.« Sie findet sich in einer Schrift über die Russische Revolution, die nach ihrem Tode veröffentlicht wurde.
Als sie den erhebenden Satz formulierte, der an die idealistischen Grundsätze des frühen Marx anknüpfte, kannte sie den gleichaltrigen Lenin seit knapp zwei Jahrzehnten. Er hatte sich jahrelang mit ihrem Freund Jogiches befehdet, dennoch schätzte Luxemburg ihn. »Ich rede gern mit ihm«, notierte sie, »er ist gebildet und hat eine gar so hässliche Fratze, die ich gern sehe.«
Politisch waren beide selten einer Meinung. Luxemburg ahnte bereits 1905, dass Lenins Diktatur des Proletariats tatsächlich die »Diktatur einer Handvoll Politiker« bedeuten würde. Sie warf ihm später vor, in Russland mit seiner Terrorherrschaft den »Sozialismus zu kompromittieren«, und
grenzte sich ab: »Freiheit nur für die Anhänger der Regierung ist keine Freiheit.« Im Herbst 1918 milderte sie allerdings ihr Urteil gegenüber dem russischen Experiment ab. Sie habe ihre Vorbehalte und Bedenken, schrieb sie, »in den wichtigsten Fragen fallen lassen«.
Besonders friedlich wäre es in einem Sozialismus à la Luxemburg kaum zugegangen. Sie lehnte das nationale Selbstbestimmungsrecht ab und wollte den neu gegründeten Staaten wie Polen oder Georgien sofort »den Hals umdrehen«.
Dennoch brachte die ursprüngliche Kritik am Leninismus ihr bleibenden Ruhm ein. Wer immer fortan, von Georg Lukács bis Ernst Bloch, von den ungarischen Aufständischen 1956 bis zu den Reformkommunisten in Prag 1968, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz anstrebte, berief sich auf Rosa Luxemburg.
Sie durfte am 9. November 1918 das Breslauer Gefängnis verlassen, fuhr ins revolutionär bewegte Berlin, übernahm die »Rote Fahne«, das Blatt des Spartakusbundes, und rief zum »Bürgerkrieg« und zur Errichtung einer Diktatur des Proletariats auf. Den Sozialismus auf Grund eines parlamentarischen Mehrheitsbeschlusses einführen zu wollen, wie es der SPD unter Friedrich Ebert, dem Nachfolger Bebels, vorschwebte, sei »eine lächerliche kleinbürgerliche Illusion«. Sie plädierte für eine direkte Herrschaft der Arbeiter- und Soldatenräte, die sich in vielen Städten seit dem Aufstand der Matrosen in Kiel gebildet hatten.
Ende Dezember 1918 gründeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht mit ihrer Spartakusgruppe die KPD als revolutionäre deutsche Kraft. Sie schrieb das Programm, wollte Widerstand »mit eiserner Faust und rücksichtloser Energie« brechen. Dem politischen Gegner gelte »das Wort: Daumen aufs Auge und Knie auf die Brust«. Einmal errungene Macht müsse mit »Zähnen und Nägeln« verteidigt werden.
Trotz dieser Rhetorik gehörte Luxemburg in der KPD zum moderaten Flügel. Ihre Genossen - junge, ungeduldige Männer, die gerade von der Front zurückkehrten - wollten die Macht sofort erobern und riefen zum Putsch vor der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar auf. Wie immer im Augenblick der Entscheidung war Luxemburg hin- und hergerissen, schloss sich am Ende widerstrebend den Putschisten an.
Am 5. Januar 1919 geriet eine Demonstration von KPD und USPD außer Kontrolle. Bewaffnete Demonstranten besetzten die Druckereien des »Vorwärts« und des »Berliner Tageblatts«, der Spartakusaufstand war ausgebrochen. Rosa Luxemburg rief das Proletariat in der »Roten Fahne« dazu auf, die Regierung Ebert zu stürzen.
Friedrich Ebert, der es versäumt hatte, eine loyale republikanische Volkswehr aufzubauen, rief auch rechtsextreme Freikorps um Hilfe. Der grausige Mord machte aus Rosa Luxemburg die Märtyrerin der deutschen November-Revolution.
Am 15. Januar 1919 stöberten Mitglieder der Wilmersdorfer Bürgerwehr sie bei einem Genossen in der Mannheimer Straße auf und verschleppten sie in das Hotel Eden in der Kurfürstenstraße. Dort wartete ein Trupp Soldaten, angeführt von Waldemar Pabst, einem Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Er ließ sie zu sich bringen, und stellte ihr die Frage: »Sind Sie Frau Rosa Luxemburg?« - »Wenn Sie es sagen«, antwortete sie. Um 23.40 Uhr gab Pabst Befehl, die Revolutionärin wegzuschaffen. Den Befehl, sie umzubringen, hatte er schon vorher gegeben.
Vor dem Hotel schlug sie einer der Soldaten mit dem Gewehrkolben bewusstlos, das Mordkommando warf die Ohnmächtige in den Wagen. Wer ihr wenig später in den Kopf schoss, ist unter Historikern bis heute umstritten. Die Leiche warfen die Mörder in den Landwehrkanal. Sie wurde nach über vier Monaten an einer Berliner Schleuse angeschwemmt.
Den angemessensten Nachruf auf Rosa Luxemburg schrieb ihr Antipode aus der Revisionismus-Debatte, Eduard Bernstein: »An ihr hat der Sozialismus eine hoch begabte Mitstreiterin verloren, die der Republik unschätzbare Dienste hätte leisten können, wenn nicht falsche Einschätzung der Möglichkeiten sie ins Lager der Illusionisten der Gewaltpolitik geführt hätte.«
Luxemburg und der ebenfalls getötete Liebknecht bekamen ein Grab auf dem Friedhof in Friedrichsfelde, in einem weitab gelegenen Feld, nicht leicht erreichbar für Kundgebungen, wie es die Berliner Behörden angeordnet hatten.
Mies van der Rohe errichtete dort 1926 ein Revolutionsdenkmal, die Nazis zerstörten es neun Jahre später mitsamt dem Grab. Von Rosa Luxemburgs Zinksarg blieb nichts als ein metallener Griff übrig.
Seit 1951 steht die neue Gedenkstätte am Haupteingang zum Friedhof. Aus der alljährlichen Demonstration zu »Rosa und Karl« machte die SED einen der üblichen Vorbeimärsche zur Huldigung der Märtyrer der Arbeiterbewegung. Mittlerweile erhebt die PDS so etwas wie ein Monopol auf Rosa Luxemburg.
Dass die PDS-Organisatoren allerdings keinen Einwand erhoben, als die Polizei die Demonstration am vorletzten Sonntag wegen möglicher Anschläge auf die erwartete Menge verbot, führte jetzt zu heftigen innerparteilichen Debatten.
»Offene Briefe« wurden verfasst, »Erklärungen« zu Protokoll gegeben. Vom Ehrenvorsitzenden Hans Modrow über Hermann Kant bis zur West-Linken Ulla Jelpke warfen alte Kämpfer und radikale Linke der Parteispitze Anpassung und Naivität vor.
Auf der anderen Seite standen die Pragmatiker Gregor Gysi, Lothar Bisky und Berlins Landesvorsitzende Petra Pau, die die Drohungen so ernst nahmen wie die Berliner Polizei und auch nicht davon träumen, dass mit dem Luxemburg-Gedenkmarsch die nächste Revolution beginnt.
Eine prächtige Gelegenheit für Gysi zu ein paar grundsätzlichen Betrachtungen. Die dogmatische Linke, meinte er ultimativ, habe neben der Rechten »den größten Anteil daran, dass der Sozialismus im Bewusstsein so Vieler so stark diskreditiert ist«.
Das hörte sich fast so an, als wolle er Rosa Luxemburg mit Rosa Luxemburg kritisieren.
HENRYK M. BRODER, KLAUS WIEGREFE
* Kurdische Marxisten am 10. Januar 1999 auf dem FriedhofBerlin-Friedrichsfelde.* Links: am vorletzten Sonntag in Berlin; rechts: auf demKongress der Zweiten Internationale in Stuttgart 1907.* Am 8. Januar in der Humboldt-Universität.* Glasfenster im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude.