DIE GRAUE BLUME - DER SPIEGEL
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Briefe

DIE GRAUE BLUME
• aus DER SPIEGEL 28/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

DIE GRAUE BLUME

So hat es noch keinen erwischt, meine Herren! Ihre Titelgeschichte über Herrn von Brentano war eine schlimme Abwertung. Was jetzt? Wenn nicht zur Stunde ein Gremium haarscharfer Juristen im Auftrage der Bundesregierung beisammensitzt, um für Ihren SPIEGEL nach passenden Steinen zu suchen, dann weiß der Kuckuck auch nicht, was hierzulande eigentlich passieren müßte, damit mal etwas passiert: der Rücktritt etwa eines bis auf die Unterhosen entkleideten Ministers. Und wenn es, wahrscheinlich, gar keine Folgen hat, daß Sie den Mann mit dem Raucherbein als Fehlbesetzung vorstellten, als Umfaller, als schlecht informiert, als direktionsarm und gerade nur eines starken Mannes Mappenträger - wenn das alles in den Westwind geschrieben ist, dann steht es schlecht um uns alle.

Braunschweig WERNER HANSEN

Es wäre übrigens zu fragen, ob der Kanzler nicht mit Vorbedacht einen Minister solchen Kalibers sich aussuchte ...

Tübingen DR. JUR. ALFRED DANIEL

In einem Frage- und Antwortspiel (bei einer Pressekonferenz in Heppenheim an der Bergstraße am 25. August 1950) wurde mir eine Lektion über Demokratie zuteil. Brentano betonte sein tägliches Zusammentreffen mit dem Kanzler: »Ich sehe den Kanzler fast täglich, über die Motive seiner Politik bin ich vollkommen im Bilde.« Brentano fuhr fort und sprach über die »Aufrüstung in der Zone«. Ich meldete mich zu Wort. Ich sagte etwa:

Bundespräsident Heuss hat am Sonntag in einer Rede die Übertreibungen bezüglich der Bewaffnung der Volkspolizei, deren Mannschaftsstärke allenfalls 100 000 Mann betrage, als lächerlich zurückgewiesen. Am folgenden Montag hat Bundeskanzler Adenauer behauptet, die Stärke der Zonenarmee beträgt 400 000 Mann. Das sind doch Widersprüche bei den führenden Männern!

Antwortete Brentano:

Erstens leben wir in einer Demokratie. Der Kanzler und der Bundespräsident haben das Recht zu eigener Überzeugung. Zweitens, der Fragesteller beweist mit seiner Frage den totalitären Charakter seiner Anschauungen, worüber sich die Diskussion erübrigt.

Düsseldorf DR. RUDOLF FEITH

Sie bringen am Schluß des Brentano -Artikels folgende Äußerung des. Bundeskanzlers über seinen Außenminister: »Was soll ich denn nur mit dem Brentano machen? Er kann doch nicht wieder einfacher Abgeordneter oder Botschafter werden.« - Warum kann eigentlich ein Minister nicht »wieder einfacher Abgeordneter« werden? Warum nicht Botschafter? Das hat es stets gegeben. - Fürst Bülow wurde nach langen Kanzlerjahren Botschafter, weil der Reichsdienst es verlangte ... Der frühere Wohnungsbau-Minister Dr. Preusker ist seit dem Herbst des vergangenen Jahres auch nur »einfacher Abgeordneter«. Im Hessischen Landtag sitzen nicht weniger als drei ehemalige Minister als Abgeordnete. Warum hat der Bundeskanzler, der sehr robust sein kann, im Falle Brentano Bedenken, die im politischen Leben nicht anerkannt werden?

Frankfurt WALTER SCHROEDER

FDP-MdL in Hessen

Wenn ich daran denke, daß nicht nur der ambitiöse Dr. Schröder, sondern auch unser guter Franz-Josef Strauß mit Eifer um die Nachfolge Brentanos buhlt, wird mir angst und bange. Laßt uns nicht wünschen, daß eines Tages Herr Strauß an der Spitze des AA thront, denn dieser ist wahrlich keine »schwächliche« Natur ... und würde mit seinem »jugendlichen Elan« wahrscheinlich in Kürze mehr Porzellan zerschlagen, als wir hinterher bezahlen können.

Dortmund LOTHAR BÖDEKER

Zur Genealogie der Familie Brentano wären vielleicht noch folgende fesselnde Daten nachzutragen: Sofie LaRoche, die Mutter der von Goethe verehrten Maximiliane Brentano, eine geborene Gutermann, war dereinst die Braut von Wieland gewesen; sie ist selber als Schriftstellerin hervorgetreten und hat mit ihrem empfindsamen Roman »Die Geschichte des

Fräulein von

Sternheim« einen damaligen Bestseller geschrieben. Ihr Mann, Georg Michael LaRoche, gilt nach neuerer Forschung als illegitimer Sohn des Reichsgrafen von Stadion, der auf Schloß Warthausen bei Biberach eine Art Musenhof unterhielt; Wieland (damals Kanzleyverwalther in seiner Heimatstadt Biberach) verkehrte dort viel und begann (wohl nicht zum wenigsten dank dem Umgang mit der nie vergessenen Jugendgeliebten) seinen Rokoko-Esprit zu entfalten.

Wilhelmsdorf (Württ.) DR. KARL FUSS

(Wendelin Überzwerch)

Beim Lesen Ihres Artikels fällt auf, daß die Dichtergeschwister Clemens und Bettina Brentano den Adelstitel noch nicht führen. Tatsächlich aber stammen alle Brentanos aus der gleichen lombardischen Adelsfamilie. Während jedoch die schwerreichen Frankfurter Kaufleute mit dem klingenden italienischen Namen andere Sorgen hatten, als sich um die offizielle Anerkennung des Adelsprädikates zu kümmern (sie empfanden sich wohl ohne weiteres als adlig), ergab sich für die Nachfahren im neunzehnten Jahrhundert die Notwendigkeit, ihren Adel nun auch vor den Behörden nachzuweisen. So beschaffte sich der Vater des jetzigen Außenministers, Otto von Brentano, der hessische Justizminister, 1885 ein Reskript des königlich-italienischen Innenministers und erreichte 1888 die Adelsanerkennung des Großherzogs von Hessen. Ein anderer Zweig der Familie erhielt die preußische Adelsanerkennung sogar erst 1902.

Frankfurt KARL BRAUNSBERG

Mit Lorenz Brentano (ohne »von"), dem deutsch-amerikanischen Republikaner par excellence, hat Heinrich, der »Steckeheiner«, wohl kaum verwandtschaftliche Beziehungen. Lorenz, ein Mannheimer Rechtsanwalt, war auch aus ganz anderem Holz geschnitzt und stammte aus einer entfernten Linie der Familie. Die Revolution von 1848 sah ihn auf der Linken im Frankfurter Paulskirchen-Parlament. 1849 übernahm er nach der Flucht des Großherzogs die badische Regierung, mußte aber später in die Schweiz fliehen und wurde in contumaciam zum Tode verurteilt. 1850 ging er nach Amerika, wo er als Journalist die Sklaverei bekämpfte. Fast 20 Jahre später erst kehrte er nach Deutschland zurück, um amerikanischer Konsul in Dresden zu werden. Er beschloß sein abenteuerliches Leben in den USA, wo er übrigens auch noch Mitglied des Kongresses war.

Wien FERDINAND BIELEK

Gewiß, unsere Politiker befleißigen sich nicht gerade einer beispielhaften Fairneß, aber Ihnen, meine Herren, fehlt auch jegliche Ritterlichkeit.

Wiesbaden HELGA CHAFEI

Brentanos Beitrag zur deutschen Außenpolitik fiel aus. Aber das fällt weiter nicht auf, weil es eine solche noch gar nicht gibt. Und überhaupt, was heißt das schon, wenn man dagegenhält, daß Deutschland unter die letzten Vier gekommen ist.

Dortmund GÜNTER SCHWARZ

Wundern Sie sich nach solchen Selbstbeschmutzungen hoch über eine drohende innenpolitische »lex Soraya«, über das zweifelhafte Ansehen der Deutschen in der Welt, über die zynische Sicherheit der Sowjets und die Unsicherheit der deutschen Außen- und Innenpolitik?

Bregenz LOTHAR VON DRASENOVICH-POSERTVE

Na, da haben Sie aber wieder mal das »deutsche Interesse« geschädigt - Donnerwetter!

Solingen WERNER GRAH

Ingenieur

Ihren ausgezeichneten Artikel habe ich mit großem Interesse gelesen. Sehr aufschlußreich; und er wird manchen alten CDU -Freund doch etwas stutzig machen. Aber ... man schießt aus Kanonen - und Ihre Zeitschrift ist eine »Kanone« - nicht mit Giftpillen-Schrot. Das würde ich an Ihrer Stelle dem »Revolver« überlassen.

Hildesheim HERMANN KÜHNE

Oberst a. D.

Am meisten hat mich »Steckeheiners« Krückentrick interessiert. Könnten Sie den nicht herausbekommen, damit ich meine beiden Söhne, sobald sie (bundes-)wehrfähig sind, entsprechend instruieren kann? Ich selbst gehöre nämlich zu jenen Dummen, die zwar auch »nicht wollten«, aber trotzdem sechs Jahre lang für Hitlers Europa-Idee ihre Haut zu Markte trugen, weil ihnen damals wie heute dieselben Leute dies als Pflicht hinstellten.

Heidelberg KURT ROSE

Assessor des Lehramts

War es nötig, einen ohnehin erledigten Mann mit so beißendem Sarkasmus zu übergießen und förmlich am Boden zu zerstören?

Radolfzell H. W. SCHRECK

Facharzt für Chirurgie

Wenn man nicht schmunzeln müßte, man sollte weinen. Sollten Sie über mich einen solchen Artikel schreiben, ich würde sofort meinen Koffer packen und gehen.

Nürnberg HANS ALBERT DEUSCH

Simplicissimus

»Ehe ich Ihre Fragen beantworte, meine Herren, zuerst eine vertrauliche Frage: Wie ist überhaupt meine politische Situation?«

Wendelin Überzwerch

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