Die große Patsche - DER SPIEGEL
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Die große Patsche

»Die Tragödie eines lächerlichen Mannes«. Spielfilm von Bernardo Bertolucci. Italien 1981. 116 Minuten; Farbe.
• aus DER SPIEGEL 47/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zum Geburtstag hat der Vater von seinem Sohn eine weiße Kapitänsmütze, ein Fernglas und eine Notsignalpistole geschenkt bekommen: So macht der Junge, der in der Stadt studiert, sich (auf dessen Kosten natürlich) über die Eitelkeit des Alten lustig, denn der - ein Bauernsprößling und dem Meer so fern, wie man in der Emilia nur sein kann - hat seine klassenverräterische Kapitalisten-Karriere mit der Anschaffung einer Yacht gekrönt.

Stolz bemützt steigt der Vater auf das Flachdach über seinem Büro, um mit dem Fernglas von dieser Kommandobrücke aus sein Reich zu inspizieren: ein ländlich-mittelständisches Unternehmen, halb Molkerei, halb Schweinemast, das Parmesan und Parmaschinken produziert.

Das Fernglas schweift weiter ins Land hinaus. Der Vater entdeckt, welcher Zufall, auf einer Landstraße das Auto seines Sohnes und sieht, wie es - von einem anderem Wagen verfolgt, überholt, von der Straße gedrängt - eine Böschung hinabpurzelt; sieht, wie ein paar Typen herbeispringen, den Sohn in ihren Wagen zerren und mit ihm entschwinden.

Ein Kidnapping in gekonnter Krimi-Manier - was könnte der Vater, den Zufall und Fernglas so verblüffend zum Augenzeugen gemacht haben, besseres tun als die Notsignalpistole abfeuern? Nur: War der Überfall nicht doch eine S.239 Spur zu gekonnt inszeniert? Und drehte sich nicht schon ein früherer Bertolucci-Film um ein Verbrechen, das sich als Mystifikation erwies, als Augentäuschung, als abgekartetes Spiel?

Damals, in »Die Strategie der Spinne« (1970), ging es um einen Sohn, der auf der Suche nach der eigenen Identität der Vergangenheit seines Vaters nachspürte; diesmal - Bertolucci, nun 40, hat mutig früh die Generationenfront gewechselt - ist es ein Vater, der auf der Suche nach dem abhanden gekommenen Sohn mit sich selbst aneinandergerät.

Damit aus dem kinoreifen Kidnapping, das »Die Tragödie eines lächerlichen Mannes« in Gang bringt, ein strammer Krimi würde, müßte nun ein Kommissar auf den Plan treten, der Herr der Lage ist und seine Mannschaften ausschwärmen und die Fahndungscomputer heißlaufen läßt.

Aber nein, die Geschichte spielt ja in jenem glücklichen Land, das immer gesund und putzmunter wirkt, obwohl (oder weil) da doch außer der Korruption nichts mehr recht zu florieren scheint - und so übernimmt den Terrorismus-verdächtigen Fall ein kleiner, vor Dummheit strahlender Carabiniere-Hauptmann: Er spricht den verzweifelten Eltern Mut zu und läßt sie im Regen stehen.

Später fällt ein ranghöherer, einen Kopf größerer Polizei-Dummkopf mit einem martialisch hochgerüsteten Einsatzkommando über die Villa der Eltern her und wühlt wild in Schubladen, bis ihn die Frau des Hauses mit einem arg theatralischen Ohnmachtsanfall zum Einhalten bringt: Dem geht es bloß um den Verdacht, daß die angebliche Entführung getürkt oder der Sohn selber ein untergetauchter Terrorist sei ...

Bertoluccis Lächerlichkeits-Tragödie hat oft Züge einer bissigen Farce auf italienische Schlitzohrigkeit, Schlamperei und Unfähigkeit. Bis zuletzt spricht nichts dafür, daß die Polizei mehr als eine penetrant diskrete Überwachung der Eltern veranlaßt hat - statt den Dieb zu verfolgen, beschattet sie den Bestohlenen und kommt doch nicht einmal dem auf die Schliche.

Der einzig fähige Spürhund am Tatort ist Bernardo Bertolucci mit seiner rastlos umherschweifenden Kamera, die detailgierig Figuren, Räume und Durchblicke auf andere Figuren in anderen Räumen abweidet. Doch ihm liegt nichts an einer zügigen Aufklärung des Falles nach Krimi-Manier, im Gegenteil, ihn interessiert genau das Dilemma, in das sein Held geraten ist, die große, die totale Patsche, in der er nun strampelt.

Diesen provinziellen Selfmade-Industriekapitän, dessen stolzes Schinken- und Käse-Imperium in Wahrheit schon arg marode ist, spielt Ugo Tognazzi. Er hat die breitbeinige Jovialität wie die altmodische Großartigkeit, um den Typus dieses sehr italienischen Mittelstands-Jedermanns zu treffen, und er hat dessen bäurische Kraft, die sich ganz sinnlich-sentimental an den Besitzstand klammert: Er glaubt an keinen Banksafe, sein »Fort Knox« sind die Lagerhallen, in deren Dämmer die hochaufgetürmten Parmesan-Käselaibe tatsächlich wunderbar golden leuchten.

Seine so zart und empfindsam scheinende Frau (Anouk Aimee), die auf die »Kontakte« einer Hellseherin hofft, flirtet plötzlich schamlos berechnend mit einer Horde von lemurenhaften Wucherern, um den Zins für das rasch zusammenzupumpende S.242 Lösegeld zu drücken (als Stimmungsmusik dazu die Barcarole) - der Mann aber spekuliert auf den Tod, um guten Gewissens nicht zahlen zu müssen.

Als zwei undurchsichtige Vermittler, die angeblich mit den Entführern Kontakt haben (es sind, seltsam genug, die Freundin seines Sohnes und ein angeblicher Arbeiterpriester, die beide in seiner Firma arbeiten), ihm mitteilen, daß sein Sohn wohl tot sei, bricht er zusammen, wie vernichtet von der Erfüllung eines uneingestehbaren Wunsches.

Doch rasch beginnt dann sein schlaues Hirn einen Schwindel auszuhecken, der die Lösegeld-Milliarde der Sanierung der eigenen Firma zuführen soll. Die beiden »Vermittler« freilich, nun seine Komplizen, überlegen wohl eher, wie sie ihn ihrerseits betrügen und zur Übereignung des Betriebs an eine Genossenschaft nötigen können.

Gewiß ist dieser Poker um einen goldenen Käse eine Metapher dafür, wie Italien - teils mit Sozialplänen, teils mit Gesundbeterei, teils mit Milliardenschiebungen in unauffälligen Aluminumköfferchen - seine Wirtschaft zugrundedoktert. Doch was Bertolucci macht, hätte nicht seine ganz eigene Sattheit und Kraft, wenn er nicht so herrlich genußsüchtig in der Bilderwelt aufginge, die er sich schafft: Ihn reizt das unverschämte Blau eines Pullovers, den ein Mädchen trägt; ihn verführt das bizarre Licht im Salon einer Hellseherin; ihn fasziniert sein lächerlicher Verzweiflungsheld, noch wenn der in der Küche bärenhaft täppisch um die Schinkenschneidemaschine herum Rock ''n ''Roll tanzt.

Der erste Brief des entführten Sohns sprach von Lösegeld, der zweite war (den Vater kränkend) ein schwärmerischer Liebesbrief an die Mutter, der dritte ist eine Fälschung des Vaters, der das Lösegeld selber einsacken will. Ob das Kidnapping getürkt war, bleibt ungewiß, die Gegenleistung aber, die Geld-Ablieferung, ist (als idyllischer Waldspaziergang inszeniert) jedenfalls ein abgekartetes Spiel, eine Mystifikation - und geht prompt schief: Sohn tot und Milliarde futsch, muß der betrogene Betrüger denken.

Doch zum Ende löst Bertolucci den Vater-Alptraum traumhaft auf: Da steht auf einer winterlichen Wiese plötzlich ein Festzelt, außen knallblau, innen knallrot, und da erblickt der Vater, der ratlos zwischen den Tanzenden umherirrt, plötzlich seinen Sohn - draußen im Schnee tanzt er »auferstanden« mit seiner Mutter, die rätselhaft lächelt und des Rätsels Lösung für sich behält.

Bertoluccis jüngstes Vater-Mutter-Kind-Psychodrama ist ein Werk schmerzender Ratlosigkeit; aber das muß es wohl sein, denn es spielt in einer Zeit, wo Eltern und Kinder unter demselben Dach leben können und doch in völlig verschiedenen Welten.

Urs Jenny

S.239Mit Laura Morante.*

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