»Die Gunst der Stunde« - DER SPIEGEL
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»Die Gunst der Stunde«

• aus DER SPIEGEL 2/1990
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Die Stimmung war günstig: Angeheizt durch die fieberhafte Suche nach allem, was wie Privilegien oder Amtsmißbrauch aussah, ließ sich schon aus der Vermutung, auch ein führender Kopf der DDR-Opposition habe sich rechtswidrig Vorteile verschafft, politisches Kapital schlagen.

So griffen das Neue Deutschland und die Junge Welt, die publizistischen Blashörner der wendegebeutelten SED-PDS und ihrer ehemaligen Jugendorganisation FDJ, gierig zu, als der Rostocker Rechtsanwalt und Oppositionspolitiker Wolfgang Schnur Mitte Dezember durch einen Leserbrief in der Ostsee-Zeitung des Privilegienmißbrauchs bezichtigt wurde.

Unter Ausnutzung seiner Anwaltsstellung, so der Vorwurf, habe er sich illegal die Wohnung eines Mandanten verschaffen und damit gleichzeitig einer kinderreichen Familie den dringend benötigten Wohnraum nehmen wollen.

Der Rechtsanwalt »nutzt die Gunst der Stunde, um noch schnell sein Schäfchen ins trockene zu bringen«, stimmte die Junge Welt, eine der auflagenstärksten Zeitungen in der DDR, ihre Leser in einem zweispaltigen Kommentar auf die publizistische Hatz gegen Schnur ein, der jahrelang politisch Verfolgte verteidigt hatte und gerade zum Vorsitzenden der Oppositionspartei Demokratischer Aufbruch (DA) gewählt worden war.

Ohne den Beschuldigten zu fragen oder auf seine öffentlichen Erklärungen vor dem DA-Parteitag Mitte Dezember in Leipzig einzugehen, wiederholte das FDJ-Blatt - in den Tagen danach vom Neuen Deutschland assistiert - die Vorwürfe gegen den Rechtsanwalt.

Und weil die Verlockung offensichtlich zu groß war, setzte die Redaktion mit der Attacke gegen den Juristen gleich zum politischen Rundumschlag gegen seine Partei an: Ob Schnur, so die rhetorische Frage zum Schluß des ersten Junge Welt-Artikels, auch als DA-Vorsitzender »(schnur-)gerade an den Gesetzen vorbeimarschieren will«? Der Wahlkampf in der DDR hatte die Zeitungen der alten politischen Mächte endgültig erfaßt - und riß andere mit.

Zeitungsbeiträge zum »Fall Schnur« wurden von Unbekannten auf Flugblätter kopiert und in Rostock verteilt oder an Litfaßsäulen geklebt, der Rechtsanwalt erhielt Drohanrufe und Schmähschriften - selbst solche, die auf seine jüdische Mutter anspielten und mit »Heil H . . .!« unterzeichnet waren.

Länger als zwei Wochen gingen die publizistischen Angriffe gegen Schnur weiter. Der DA-Vorsitzende verzichtete auf die umstrittene Wohnung in Rostock, räumte seinen Platz am Runden Tisch in Ost-Berlin, stellte sich erfolgreich im Vorstand seiner Partei der Vertrauensfrage und kündigte Strafanzeige gegen die Junge Welt an. Die Kampagne lief weiter, Gegendarstellungen Schnurs wurden nur stückweise oder verdreht wiedergegeben.

Erst Mitte letzter Woche bereitete eine gemeinsame Erklärung Schnurs und des Rostocker Oberbürgermeisters Henning Schleiff dem Medienspuk ein Ende: Der Einzug Schnurs in die Wohnung sei ordnungsgemäß beantragt und von einem Beamten der Rostocker Stadtverwaltung mündlich positiv beschieden gewesen. Als sich die Voraussetzungen für die Wohnungsübernahme änderten, habe der Rechtsanwalt sofort auf die Wohnung verzichtet.

Wolfgang Schnur kehrte auf seinen Platz am Runden Tisch zurück.

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