Die H-Linie - DER SPIEGEL
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FRANKREICH Die H-Linie

• aus DER SPIEGEL 28/1958
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Die Gardeoffiziere zogen ihre schweren

Reitersäbel und hoben sie grüßend empor. Von ihren Silberhelmen wehten die schwarzen Roßschweife im böigen Wind, der im Ehrenhof des Pariser Matignon-Palastes den Staub gegen die silberglänzenden Harnische und bis an die hohen Fenstertüren der barocken Residenz wirbelte. Auf der Freitreppe stand lächelnd der Hausherr Charles de Gaulle, französischer Ministerpräsident, um seinen Ehrengast Harold Macmillan, Premierminister Ihrer Majestät der Königin von Großbritannien, willkommen zu heißen.

Knapp zwei Stunden zuvor hatte de Gaulle den Briten auf dem Flugplatz Orly empfangen. Charles de Gaulle, Bannerträger des ewigen Frankreich, Einiger der Nation, Wahrer der Staatsautorität, schritt seinem Gast bis an die Treppe des britischen Flugzeuges entgegen und machte damit ein protokollarisches Zugeständnis von bedeutendem Symbolwert. Das »spontane Entgegenkommen« des stolzen de Gaulle war vorher Gegenstand subtiler Erörterungen in seinem Kabinett gewesen. Die Schildknappen des hochfahrenden lothringischen Ritters, hier fester auf seine Würde bedacht als der Connétable von Frankreich selbst und zu haushälterischem Umgang mit diesem für einen symbolkräftigen Autokraten unerläßlichen Kapital mahnend, hatten bis zuletzt davon abgeraten, daß ihr Herr seinem Gast diese Gunst erweise.

Doch Charles de Gaulle war gnädig gestimmt und entschlossen, all seinen Charme aufzubieten, um den Briten für seine politischen Pläne und Wünsche zu gewinnen. So kam es, daß er vorletzte Woche - gewiß auch zum eigenen Ruhme - dem ersten ausländischen Besucher gleichen Ranges einen Empfang bereitete, wie er in Frankreich sonst nur den Gästen des Staatspräsidenten beschieden wird.

Harold Macmillan, ein wenig nachlässig gekleidet, wie meistens bei politischen Begegnungen, die seine Partner zu Haupt- und Staatsaktionen erhöhen wollen, strich über den etwas zerknitterten grauen Anzug mit Kreidestreifen, zu dem er unter einer hellgrauen Schmuckweste die blaurote Krawatte seines alten Regiments, der berühmten Grenadiergarde, trug, und stakte mit langen Schritten an der Front der Ehrenwache entlang auf den Gastgeber zu. Er hatte diesen Wochenend-Ausflug nach Paris unternommen, um aus erster Hand zu erfahren, welche außenpolitischen Absichten de Gaulle in seiner Brust hegt.

Das Rätselraten der Staatskanzleien über den Kurs des Liquidators der IV. Republik, durch seinen meisterhaften Stil völliger Undurchsichtigkeit noch gesteigert, hatte der Begegnung der beiden Staatsmänner im voraus einen publizistischen Rang verliehen, den die auf ein paar Stunden beschränkten Unterhaltungen keinesfalls rechtfertigen konnten. Von der internationalen Presse wurde mit dem breiten Ausmalen aller Gegenstände, deren Behandlung sich aufzwinge, der Anschein erweckt, als hinge von diesem Treffen die Lösung bedeutender Weltprobleme ab. Gleichwohl hatte das Unternehmen, das von den Briten nur als außenpolitischer Spähtrupp gedacht war, für das neue Regime in Frankreich eine Bedeutung, die sich nicht nach dem politischen Ertrag bemißt.

Für Charles de Gaulle war der Besuch des britischen Premierministers nicht nur eine persönliche Genugtuung, sondern die zweite Phase einer wohlüberlegten diplomatischen Operation, die dem von französischen Bombern aus der Weltpolitik in die außenpolitische Isolierung gedrängten Frankreich seine Schlüsselstellung im Kreis der »Großen Vier« zurückgewinnen soll.

Die erste Phase war die Beilegung des Konfliktes mit Tunesien, der nach dem französischen Luftangriff auf den tunesischen Grenzort Sakiet und dem Scheitern der angelsächsischen Vermittlung die IV. Republik in die offene Staatskrise gestürzt und ihre Diplomatie gelähmt hatte. Eine weitere Etappe in dem Bemühen, die Isolierung zu durchbrechen, wurde Ende letzter Woche mit dem Besuch des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles eingeleitet.

Das erste Ziel, das de Gaulle sich gesteckt hat, ist der Gipfel der Zerstörungsgewalt, zu dem er sich mit Hilfe der Angelsachsen aufschwingen will: Frankreich soll vierte Atommacht werden und damit seine alte Großmachtstellung nach Jahren der Schwäche und der militärischen Abhängigkeit von den mächtigeren Verbündeten wiedergewinnen. Zweifel an der atlantischen Bündnistreue Frankreichs hat de Gaulle bald nach seiner Machtübernahme mit der Erklärung zerstreut, daß er lediglich die Rolle seines Landes innerhalb der Nato gestärkt sehen wolle. Mangels Truppenmassen für die Nato-Bedürfnisse kann Frankreichs Traum von der Großmacht aber nur auf den Besitz der Atombombe gestützt werden.

Einträchtig und gleichberechtigt sitzen die militärischen Vertreter der drei Mächte - USA, Großbritannien und Frankreich - in der »standing group«, dem obersten militärischen Planungsstab der Nato, beisammen. Doch ist der französische Einfluß von der gleichen Schrumpfung heimgesucht worden, der Frankreichs Nato -Truppen unterworfen waren. Der deutschen Bundesrepublik, die der atlantischen Allianz heute eines der stärksten Truppenkontingente auf dem Kontinent stellt, ist von den wechselnden Pariser Regierungen hartnäckig der Zutritt zu diesem Militär-Kabinett verweigert worden.

»General de Gaulle weigert sich entschieden, vom Atom -Club ausgeschlossen zu werden«, umschrieb »Le Monde« die Haltung, die der Ministerpräsident im Gespräch mit Macmillan einnahm. Deutsche Nato-Strategen fürchten, ein atomgerüstetes Frankreich werde der Bundesrepublik die Mitgliedschaft im höchsten Führungsorgan des Bündnisses mit der Begründung verweigern, daß alle drei Partner der »standing group« Atommächte seien und daß Bundesgenossen, die nicht über eigene Atombomben verfügen, keinen Anspruch erheben könnten, an den wichtigsten Entscheidungen der Militärpolitik unmittelbar und ständig beteiligt zu werden.

Den Schlüssel für die französische Weltgeltungsbombe haben aber die Amerikaner in Händen, da Frankreichs Atomforscher in eine Sackgasse geraten sind. Den von Verteidigungsminister René Pleven schon im März 1954 laut verkündeten Entschluß zum Bau einer Atombombe haben die späteren Regierungen unter Mollet, Bourgès-Maunoury und Gaillard vergeblich zu realisieren versucht. Die französische Atombomben-Produktion war auf Plutonium abgestellt, das für die Gewinnung von Kernbrennstoff technische Risiken besonderer Art enthält, weil die Fehlerquellen bei der Herstellung groß und nicht vollständig auszuschließen sind, wenn die Erprobung der Formel fehlt. Da Frankreichs Atomforschung nicht über die amerikanischen und britischen Erfahrungen verfügt, stellte sich im Produktionszentrum Marcoule ein Mißerfolg ein.

Vor einigen Monaten mußten die Franzosen erkennen, daß von dem für 1958 geplanten Quantum nur zwei Tausendstel gewonnen werden können. Damit war der französische Traum von der A-Bomben -Herrlichkeit wenigstens für dieses Jahr ausgeträumt, und das Bemühen, die Angelsachsen zur Preisgabe ihrer Formeln und, wenn irgend möglich, die Amerikaner zur Überlassung von Kernbrennstoff zu bringen, schlägt sich in den warmherzigen Formen der Empfänge nieder, in deren Genuß zuerst Macmillan, dann Dulles in Paris kamen.

De Gaulle, dem die Zeit drängt, damit nicht ein internationales Abkommen eine erste französische Versuchsexplosion verhindert, setzte alles daran, um den britischen Premier in dem Ringen um die amerikanische Atom-Gunst auf seiner Seite zu haben. Er beruhigte Macmillan während eines »diner d'affaires« in seiner Residenz über seine außen- und innenpolitischen Pläne: Keine west-östliche Schaukelpolitik, keine Sehnsucht nach einem aufgewärmten franco-russischen Pakt, keine Abschaffung der parlamentarischen Demokratie durch Verfassungsänderung.

In dem Punkt, der den Engländern gegenwärtig größte Sorge bereitet, beim Thema der Freihandelszone, speiste der französische Regierungschef seinen Gast mit akademischen Floskeln ab. Der gute Wille, den de Gaulle seinem Besucher bekundete, läßt die nüchternen Engländer jedoch keinen Augenblick darüber im unklaren, daß Frankreichs neuer Ministerpräsident schnurgerade dem von seinen Wirtschaftsexperten vorgeschriebenen Weg folgt - das heißt: die Freihandelszone ablehnt. Für ein Ausweichmanöver bot sich zudem der Umstand an, daß der britische Premier keine handelspolitischen Berater mitgebracht hatte, so daß die komplizierte Frage den gesonderten Verhandlungen der letzten Woche vorbehalten bleiben mußte.

Trotz der guten Stimmung, ja der Lustigkeit bei Tisch und der »idyllischen Promenade« ("Times") im Garten des Matignon -Palastes gelang es dem französischen Regierungschef nicht, von dem Briten eine feste Zusage auf Unterstützung in der Atomfrage herauszuschlagen. Während die deutsche Presse, in neun Jahren Adenauerscher Kanzlerschaft daran gewöhnt, daß alle Gespräche und Begegnungen im westlichen Lager positive Resultate haben müssen, auch diesmal gesundbeterisch den Einig-einig!-Chor anstimmte, arbeiteten andere Beobachter den unverkennbaren Tatbestand heraus, daß die französisch britischen Besprechungen weit hinter den Pariser Erwartungen zurückgeblieben sind.

Mit einem Mißklang, der zu vermeiden gewesen wäre, endete das Freundschaftstreffen, auf dessen harmonischen und erfolgreichen Verlauf die Franzosen auch im Interesse des stolzen und würdevollen de Gaulle angewiesen waren. Kaum war Macmillan wieder über den Kanal, da verkündeten die amtlichen Sprecher in Paris, der britische Premierminister habe den französischen Wunsch, »souveräne Atommacht zu werden, als vollkommen gerechtfertigt anerkannt« und volle Unterstützung zugesagt.

Sofort ließ der britische Botschafter in Paris, Sir Gladwyn Jebb, offiziell erklären: »Was die britischen Minister der französischen Regierung sagten, war, daß sie deren Wunsch nach Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der modernen Waffen verstehen und daß die britische Regierung solche Versuche als nützlich anerkennt, jedoch in keiner Weise Unternehmen rechtfertigt, die das Feld der militärischen Atomexperimente und ihrer militärischen Auswirkung erweitern würden.«

Obwohl Charles de Gaulle den im Gefolge Macmillans reisenden britischen Außenminister Selwyn Lloyd besonders auszeichnete, indem er ihn auf englisch ansprach - ein Akt des Wohlwollens, dessen sich bisher nur der Kriegspremier und Protektor des Chefs der »Freien Franzosen«, Churchill, erfreuen durfte -, inspirierte das Foreign Office unmittelbar nach der Heimkehr der Reisegesellschaft eine höflich-klare Berichtigung der französischen Behauptungen.

Der Premier, schrieb die »Times«, habe de Gaulles Standpunkt in der Frage einer französischen Atombombe in keiner Weise akzeptiert, sondern dem Vortrag seines französischen Kollegen lediglich »mit Interesse zugehört«.

Macmillan (l.), de Gaulle: Bis an die Treppe

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