Die Hexe - DER SPIEGEL
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CHINA Die Hexe

Maos Witwe Tschiang Tsching nun endlich vor Gericht - aber keineswegs, wie von der Regie geplant, als reuige Sünderin; sie könnte sogar Maos Nachfolger Hua gefährlich werden.
• aus DER SPIEGEL 48/1980
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Man solle den »verbrecherischen Hunden«, die überführt worden sind, den »kapitalistischen Weg« gehen zu wollen, »nicht erlauben, den Kopf hoch zu tragen; sie sollen in den Staub blicken, wo sie hingehören«.

So befahl Ende der sechziger Jahre die Dramaturgin der »Großen Proletarischen Kulturrevolution«, Tschiang Tsching, 66, die vierte Frau Maos, ihren Roten Rebellen, die den Ukas ihrer Anführerin nur zu gern in die Tat umsetzten.

Auf zahllosen Photos und Fernsehbildern sah die Welt in jenen Jahren hohe Parteikader, berühmte Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle, die in demütiger Pose mit gesenktem Kopf -- den meist zusätzlich eine Schandmütze bedeckte -- vor ihren johlenden, spottenden jugendlichen Anklägern stehen.

Was denen drohte, die ihre Gesten der Unterwürfigkeit verweigerten, konnten die Beobachter damals nur ahnen. Inzwischen aber ist Gewißheit, wie barbarisch die Kulturrevolution mit ihren Gegnern umgesprungen ist.

Ginge es nach der Regie der jetzigen Pekinger Führung, wären am vorigen Donnerstag die Rollen von einst umgekehrt worden: Fast auf den Monat genau vier Jahre nach ihrer Verhaftung stand im Haus des Großen Volksgerichtshofes die »Viererbande« vor Gericht, deren -- aus heutiger Sicht -»ultralinkes Abenteuertum« für Chaos und Wirren, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergang der »schwarzen Jahre« zwischen 1965 und 1976 verantwortlich gemacht wird.

Hauptangeklagte ist die Mao-Witwe Tschiang Tsching. Mit ihr auf der durch ein Stahlgerüst erhöhten Anklagebank sitzen vier ehemalige Spitzenpolitiker, dazu fünf ehemalige hohe Militärs.

Die Zivilisten: Tschiang Tschuntschiao, 72, einst Bürgermeister von Schanghai, zuletzt Vizepremier; Jao Wen-jüan, 49, Chefideologe der Kulturrevolution und mutmaßlicher Schwiegersohn Maos; und Wang Hung-wen, 48, ein vom Wachmann in einer Textilfabrik zum Vize des Parteichefs aufgestiegener Rotgardist. Diese drei bildeten zusammen mit Tschiang Tsching nach heutiger Lesart die Viererbande. Außerdem steht, für viele Beobachter etwas überraschend, der schon 1970 entmachtete einstige Privatsekretär Maos, Tschen po-ta, 76, vor Gericht.

Die angeklagten Militärs waren hohe Offiziere, denen hauptsächlich vorgeworfen wird, im Herbst 1971 aktiv an dem mißglückten Mord- und Putschversuch des damaligen Mao-Stellvertreters und Verteidigungsministers Lin Piao mitgewirkt zu haben.

Tschiang Tsching, die inzwischen im Volksmund »die Hexe« heißt, wurde als letzte der Angeklagten in den mit etwa 800 ausgesuchten Zuhörern besetzten Gerichtssaal geführt.

Doch die Frau mit der großen Hornbrille in dem stets blassen Gesicht ist offensichtlich nicht gewillt, den für sie vorbereiteten Part einer überführten, S.160 um Gnade flehenden Konspirantin und Schwerverbrecherin mitzuspielen.

Mit betont stolz erhobenem Kopf und einem geringschätzigen Lächeln auf den Lippen ging sie, geführt von zwei Polizistinnen, gemessenen Schritts durch den Mittelgang des Gerichtssaals, so sehr auf aufrechte Haltung und geraden Blick bedacht, daß sie an den Stufen der Anklagebank beinahe ins Stolpern gekommen wäre.

Ihr Auftritt, noch am gleichen Abend und am folgenden Tag im chinesischen Fernsehen übertragen und via Satellit in alle Welt ausgestrahlt, bewies zumindest eines: Physisch wirkt die Mao-Witwe ungebrochen -- ganz im Gegensatz zu den meisten Mitangeklagten, die nach der langen Haftzeit einen verstörten und verzweifelten Eindruck machten.

Ein einziges Indiz zeigte, daß auch an Tschiang Tsching die Jahre nicht spurlos vorübergegangen sind: Wie die meisten Mitangeklagten benutzte sie im Prozeß einen Kopfhörer für Schwerhörige, um die Worte des Staatsanwalts und des Gerichts genau zu verstehen.

Allein ihre standhafte Weigerung, in dem lang vorbereiteten Schauprozeß die ihr zugewiesene Rolle einer reuigen Sünderin zu spielen, bringt die Pekinger Führung in Bedrängnis.

Denn schon über die Frage, ob die Viererbande überhaupt öffentlich abgeurteilt werden soll, gab es im Politbüro und im ZK keine Einigung. Erst der ungeduldige Druck der von der Kulturrevolution betroffenen Basis gab den Ausschlag.

Doch die politischen Probleme sind mit der Prozeßeröffnung ebensowenig gelöst wie die juristischen.

So ist zum Beispiel noch nicht eindeutig geklärt, nach welchen Gesetzen die Angeklagten abgeurteilt werden sollen -- nach den zum Zeitpunkt der Straftaten gültigen oder nach der neuen, im Januar dieses Jahres stark modifizierten Rechtsverfassung.

Für Tschiang Tsching persönlich ist dieser Punkt kein Problem. Sie hat auf den ihr zustehenden Verteidiger verzichtet, nachdem sich Pekings Staranwalt, der in der Kulturrevolution selbst verfolgte Ma Hung-je, geweigert hatte, auf die Bedingungen seiner Mandantin einzugehen:

Tschiang Tsching bestand darauf, daß der Anwalt ausschließlich die von ihr schriftlich konzipierten Fragen und Antworten vortrug, sie selbst hingegen wollte sich in Schweigen hüllen.

Nun aber ist zu fürchten, daß die beredte Mao-Witwe ihre Verteidigung selbst übernimmt -- und Zeugen benennt, die dann auch verpflichtet sind, vor Gericht zu erscheinen und auszusagen. S.161

Gesetzlich wäre jedenfalls nicht zu verhindern, daß die Angeklagte Tschiang Tsching den in den turbulenten Jahren vor Maos Tod für Staatssicherheit zuständigen Minister als Zeugen oder gar Mittäter namhaft macht.

Er heißt Hua Guo-feng und ist Chinas Parteichef.

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