Die hohe Kunst des Putschens - DER SPIEGEL
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ECUADOR Die hohe Kunst des Putschens

Militärs und Indios entrissen einem Präsidenten die Macht. Doch der Volksaufstand brachte keine Änderung der Verhältnisse - der neue starke Mann entstammt der Oligarchie.
Von Matthias Matussek
• aus DER SPIEGEL 5/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er habe nichts von den Unruhen mitbekommen, sagt der deutsche Geschäftsmann in Quito. Er hat sich nur gewundert, dass plötzlich so viele Indios in den Straßen waren. Für einen Moment legt sich ein Schatten über sein rotblondes Frohgemüt: »Denen geht es ja wirklich dreckig.« Aber das ist nun mal Lateinamerika, seufzt er. Soziale Marktwirtschaft gibt's hier nicht.

Ob sich unter dem Nachfolger des gestürzten Präsidenten nun alles zum Besseren wenden werde? Der Mann, Vertreter eines internationalen Pharma-Konzerns, lacht. Er windet sich in seinem schwarzen Ledersessel vor Lachen.

Was soll man sonst tun, wenn einen das Schicksal aus Hamburg in den ecuadorianischen Wahnsinn geweht hat, in ein Land, das als einzige olympische Medaille die im 20-Kilometer-Gehen aufweisen kann - dafür aber einen Rekord an korrupten Politikern und eine prächtige Liste an blutigen und unblutigen Staatsstreichen, deren Ergebnis stets das Gleiche war: Hinterher wurde die Ausplünderung noch schamloser fortgesetzt als zuvor.

Der vorvorletzte Präsident war ein Verrückter, der die Herzen der Armen gewann, weil er ein bizarres Hitlerbärtchen trug und bei Wahlkampfauftritten im Batman-Kostüm vom Himmel sprang. In seiner halbjährigen Regierungszeit ließ er 80 Millionen Dollar in dunklen Kanälen verschwinden und bei seinem Sturz auch Gemälde aus dem Präsidentenpalast.

Sein Nachfolger kämpft gegen Korruptionsvorwürfe. Dessen Innenminister setzte sich ins Ausland ab, weil gegen ihn wegen Veruntreuung von über fünf Millionen US-Dollar ermittelt wurde.

Der letzte nun schob Bankern nach zum Teil betrügerischen Bankrotten anderthalb Milliarden Dollar als Einlagengarantie zu und verschaffte ihnen damit einen ruhigen Lebensabend in Miami. Dann ließ er wegen der Finanzkrise die Hälfte aller Bankguthaben einfrieren.

Inkompetenz, Zynismus, Gaunerei - das gilt als Politik in Ecuador. Das Land ist zu Grunde gewirtschaftet - die Intelligenzler, Doktoren und Wissenschaftler, suchen sich Jobs in Argentinien, den USA oder Europa. Auch die Firma des Deutschen hat die Produktion längst eingestellt.

Wie kommt man aus diesem Sumpf heraus? »Zunächst müsste man die ganze politische Klasse an die Wand stellen«, gluckst der Mann fröhlich.

Aber das ist doch schon probiert worden! Bereits einer der ersten Präsidenten, Gabriel García Moreno, wurde 1875 auf den Stufen seines Amtssitzes mit der Machete in Stücke gehauen.

Und heute? Die Methoden sind verfeinert worden. Mal werden Ecuadors Präsidenten vom Parlament aus dem Amt gejagt, mal vom Volk auf der Straße. Jetzt gab es seit 28 Jahren den ersten Putsch, und der war gekonnt über Bande gespielt - »Respekt!«

Natürlich sollte man - gerade als Deutscher in diesen Tagen - nicht über die Praktiken einer Bananenrepublik und die Verdorbenheit ihrer politischen Kaste lachen. Andererseits: Es rettet einen davor, trübsinnig zu werden oder radikal.

Noch immer ist strittig, ob Ecuadors verrutschter Putsch der vorvergangenen Woche einer war, oder eine verratene Revolution. Das bleibt eine Definitionssache.

Antonio Vargas, 40, sitzt in seinem wesentlich schmuckloseren Büro in einem roh gehauenen Holzsessel, dessen Armlehnen in Tigerköpfen münden. Die Tiger blecken die Zähne, und der müde Quechua-Indio, ein Volksschullehrer, muntert sich selbst auf. »Wir waren an der Macht. Drei Stunden lang.« Drei Stunden - das ist länger als ein guter Spielfilm.

Antonio Vargas ist Chef der Conaie, die die Indianer Ecuadors vertritt und damit ein gutes Drittel der Gesamtbevölkerung. Zwar macht die neue Regierung propagandalärmend Jagd auf die Putschisten, doch Vargas hält sich weiterhin in seinem Hauptquartier mitten in der Stadt auf. Das zeigt, wie wenig ernst er die neuen Machthaber nimmt. Viele davon sind sowieso alte Bekannte aus der Oligarchie.

Nun reden sie wieder von »Recht und Ordnung« - Sprechblasen, die das Ausland beruhigen sollen. In Quito heißt Ordnung: die ungestörte Fortsetzung der Korruption.

Es war einer der seltsamsten Putsche der Geschichte Ecuadors. Er trat in der Maske des Volksaufstandes auf. Soldaten und Indianer, Arm in Arm.

Die Indianer, behauptet Vargas, waren eigentlich nur nach Quito gekommen, um den Präsidenten zur Annahme ihrer Forderungen zu zwingen. Er müsse endlich Ernst machen mit dem »diálogo social«, den er ihnen nach dem letzten Marsch auf Quito im Juli versprochen hatte.

Unter Jamil Mahuad war die Inflation auf 60 Prozent gestiegen. Der bevorstehende Ersatz der heimischen Währung durch den Dollar drohte die indianische Bevölkerung endgültig ins Elend zu stoßen.

Die Conaie forderte kostenlose Gesundheitsversorgung und Schulausbildung; einen Preisstopp für Haushaltsgas; die Rücknahme des Anschlusses an den Dollar, der die Herrschaft der Yanquis verfestigen würde.

Es war ein Sammelsurium aus legitimen Forderungen und blauäugiger Polit-Romantik, für das die Conaie in den letzten Wochen getrommelt hatte. Doch es kam an. Dazu hatte die Indio-Organisation, nur Tage vor dem Aufstand, Abgeordnete für ein Volksparlament wählen lassen.

Und dann hatten sich die Indios aufgemacht aus den Dörfern der Sierra und hatten in kleinen Gruppen nachts die Polizeisperren umwandert - tausende kleine Rinnsale, die die Bergflanken hinab ins Hochtal der Hauptstadt Quito sickerten, bis sie sich, nun 25 000 Mann stark, in einem Belagerungsring um das Parlamentsgebäude in der Innenstadt wieder fanden.

Das war Freitagnacht vor zwei Wochen. Sie hatten getanzt, Sprechchöre gerufen, indianische Lieder gesungen. Vor ihnen gab es nur noch den Stacheldraht und eine ziemlich verlorene Truppe, die nach Hause wollte. Auf den Dächern lagen Scharfschützen, die untätig blieben.

»Plötzlich tauchten die Coroneles auf, Lucio Gutiérrez an ihrer Spitze«, sagt Vargas. Und die Offiziere droschen nicht etwa auf die Indios ein, sondern solidarisierten sich mit ihnen. »Da war die Sache gelaufen«, dachte der Conaie-Führer.

Die Coroneles, viele von ihnen Indios wie die Demonstranten, befahlen den Wachen, das Feld zu räumen, und kurz darauf tagten im Parlament Bauern- und Indianervertreter. Rätedemokratie in den Anden.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Coronel Gutiérrez, ein junger, linker Feuerkopf, zog ein Papier aus der Tasche, mit dem er die Regierung für abgesetzt erklärte. Er ernannte sich selbst, Vargas und den ehemaligen Präsidenten des Obersten Gerichtshofs, Carlos Solórzano, zu Mitgliedern einer neuen Junta. Es folgte der Marsch auf den Regierungspalast. Ob Aufstand oder Putsch - die ganze Sache war nicht komplizierter als ein einfacher Tankstellenüberfall.

Die Armee nämlich hatte zunächst Unterstützung signalisiert. General Carlos Mendoza, Heereschef und Verteidigungsminister, nahm als Ranghöherer den Platz von Coronel Gutiérrez ein. Im Schein von Fackeln wurde die zweite Junta vorgestellt, samt patriotischen Eiden und Vaterunser.

Drei Stunden später war der Spuk vorbei. Der General trat zurück, löste damit die Junta auf und schaffte Vizepräsident Gustavo Noboa, einen politischen Veteranen aus der Hafenstadt Guayaquil, herbei. Der war, so stellt sich jetzt heraus, eingeweiht und stand auf Abruf bereit.

»Die Militärs haben uns verraten«, sagt Vargas resigniert. »Nach all den Schwüren und Gebeten.«

Die Indios hatten ihre Mission erfüllt. Sie hatten die Druckwelle gebildet, die ein paar Gesichter des Establishments an die Macht spülte und ein paar andere absaufen ließ, und das war es dann. Fertig. Über die Berge, zurück in die Dörfer.

Drei Tage nach dem Putsch verteidigt sich General Mendoza vor der internationalen Presse. In jener Nacht habe er mit Washington telefoniert und die Amerikaner beruhigt. Er habe sich nur an die Spitze der Junta gesetzt, um sie aufzulösen und Blutvergießen zu vermeiden.

Es war wohl eher die Drohung der USA mit Wirtschaftssanktionen, die Mendoza zum Einlenken brachte - auch die Militärs in Ecuador sind Geschäftsleute, sind an Hotels und Ölquellen beteiligt. Mendoza der Unternehmer gewann gegen Mendoza den Putschisten.

Vor der Presse gibt der General den pflichtbewussten Soldaten. Er sei mit seinem Putsch dem des vertriebenen Präsidenten zuvorgekommen. Der habe geplant, das Parlament aufzulösen, die Indianerorganisation zu zerschlagen und - nach Vorbild des peruanischen Nachbarn und Freundes Alberto Fujimori - die Macht an sich zu reißen.

Eine Zweckbehauptung, dazu eine unnötige. Für Mahuads Sturz muss der General nicht werben. Da ist kaum ein Politiker, Zeitungskommentator oder vom TV befragter Bürger, der das Schicksal des weggeputschten Präsidenten bedauert hätte. Am allerwenigsten sein um »Recht und Ordnung« bemühter Vize, der jetzige Staatschef Noboa.

Im Zeitalter der Popularitätstests scheint der Putsch als Mittel der Politik insgeheim akzeptiert zu sein. Mahuads Werte waren auf neun Prozent Zustimmung gesunken. Das hatte den Ausschlag gegeben.

Der Populismus regiert, ob in Ecuador, in Peru oder in Venezuela. Die parlamentarische Demokratie wird von allen Seiten verachtet, von oben wie von unten.

In Ecuador hat solcher Zynismus die politischen Institutionen von innen zerfressen und seit Jahrzehnten die notwendigen Reformen verhindert: Privatisierung der maroden Staatsbetriebe, Kampf gegen Inflation und Korruption, eine unabhängige Justiz, gerechte Besteuerung, ein Gesundheitswesen, das den Namen verdient - all das wäre längst überfällig gewesen.

Doch solche Reformen durchzusetzen bedarf zumindest der Einhaltung demokratischer Regeln. Ein anonymer Graffiti-Sprayer hat die ecuadorianische Krankheit auf den Punkt gebracht. »Cae Mahuad, y?«, hat er auf eine Mauer in der Nähe des Regierungspalastes gesprüht. »Mahuad ist weg - und nun?«

Seine Pressekonferenz gibt der glatte General Mendoza unter einem Ölschinken, auf dem ecuadorianische Soldaten vom Geist eines Indiohelden in die Schlacht geführt werden - eine taktische Verneigung vor den Ureinwohnern des Landes. Es gibt einfach zu viele von ihnen, als dass man sie vollständig ignorieren könnte.

Indios als Militärführer? Das ist wirklich ein zynischer Witz. Die Indios haben für Ecuadors weiße Oberschicht ihren festen Platz, sie sind gut für jede niedere Arbeit und die Touristen-Folklore.

Besonders beliebt bei den Touristen sind die Otavalo-Indianer. Ihre Flötenmusik ist Exportschlager für linke Heimatabende, ihre bunten Webereien, all die Ponchos und Pullover, fehlen auf keinem kritischen Kirchentag zwischen Stuttgart und Hamburg.

Die wechselnden Regierungen Ecuadors mögen die Otavalo-Indios weitaus weniger, denn sie siedeln auch entlang der Panamericana - ein Dutzend genügen, und die wichtigste Verkehrs- und Handelsader des Landes ist durchtrennt.

Verkohlte Baumstrünke und Gummireifen künden von der letzten Totalblockade. Die Conaie hat die 150 Bauernkommunen in den Bergen fest im Griff, organisiert Schulungen, rekrutiert Kader, treibt Strafgelder ein. »Das nächste Mal«, sagt Lino Pichamba, Chef des Bergfleckens Cambugan, »machen wir es besser.«

Das nächste Mal - dieser Refrain geht zwei Wochen nach der verratenen Revolte von Siedlung zu Siedlung.

Jetzt hat er selbst die Stadt Otavalo erreicht, zwei Stunden nördlich von Quito, jenseits der ausgedehnten Rosenplantagen in der Hochsierra. Otavalo ist vergleichsweise wohlhabend. Es hat sogar ein Denkmal aus Bronze, das den legendären Indianerchef Rumiñahui zeigt. Der hatte Quito niedergebrannt, bevor es von den Spaniern eingenommen wurde.

»Wir sind übertölpelt worden«, sagt die junge Carmen Yamberla vom örtlichen Conaie-Büro. »Ganz ohne Gewaltanwendung saßen wir plötzlich in der Regierung - es war wie ein Traum.« Und dann nur noch eine Peinlichkeit.

Doch es wird Revanche geben. Dabei geht es ja gar nicht um eine Revolution, sagt sie. Ché-Guevara-Poster, die hier in jeder zweiten Wohnung hängen, sind lediglich zeitgenössische Heiligenbilder - kein Programm, sondern fromme Folklore.

Nein, die Quechua, die Shuar, die Achuar und all die anderen wollen auch keinen eigenen Staat: Sie wollen ein Ecuador aus vielen Völkern, aber eines, in dem sie respektiert werden. Sie wollen einen Präsidenten, der, anders als der neue, nicht mehr von »Ecuadorianern und Indios« spricht. Sie wollen ein Parlament, das sie wirklich vertritt. Nun bleibt wieder nur die Hoffnung auf »das nächste Mal«.

Eine kanadische Reporterin findet den goldenen Halsschmuck der Frau aus Otavalo einfach entzückend. Aus welcher Dorfgemeinde er stammt? »Aus Tschechien«, sagt Carmen trocken. Vergoldete Glasperlen, sehr erschwinglich, sie findet sie auch hübsch.

Der berühmten Schafswolle Otavalos sind aus Kostengründen mittlerweile billigere Synthetikfasern beigemengt, die leuchtenden Farben sind längst Anilin-Importe. Und die kann sich mittlerweile keiner mehr leisten. Die meisten Webstühle stehen still.

Hier geht es nicht um Öko-Träume, sondern ums Überleben. Selbst die reicheren Zwischenhändler, die sich in Boomzeiten dreistöckige Häuser bauen konnten, sind vom Bankrott bedroht. An einem Pullover verdient einer wie José Carlos de la Torre gerade noch ein paar Pfennige. »Noch nicht mal die Schulbücher für die Kinder sind da noch drin.«

De la Torre war nicht mitmarschiert nach Quito. Politik konnte er sich in den letzten Jahren aus Zeitgründen nicht leisten. Er musste Geld verdienen. »Doch das nächste Mal«, sagt er, »bin ich dabei.«

In Otavalo sind sich alle einig, dass es ein nächstes Mal geben wird, und zwar in nicht allzu ferner Zukunft. Auch der neue Präsident ist entschlossen, den Dollar zur Landeswährung zu machen. Die Banken bieten bereits gebührenfreien Umtausch an.

Wenn selbst Brot unerschwinglich wird, werden die Indios wieder marschieren. Und nicht nur sie. Dann wird sogar dem fröhlichen Hamburger in seinem Glasbüro in Quito das Lachen vergehen. Ganz sicher aber den zynischen Spielern im Regierungspalast. MATTHIAS MATUSSEK

[Grafiktext]

2 Tage - 4 Regierungen Chronik des Putsches in Ecuador Freitag, 21. Januar, ab mittags Indios dringen in das Parlament und das Gebäude des Obersten Gerichts ein. 15.30 Uhr Präsident Jamil Ma- huad wird auf eine Militärbasis im Flughafen Quito gebracht. 23.30 Uhr Ausrufung einer Junta durch Coronel Lucio Gutiérrez, Richter Carlos Solórzano und Indioführer Antonio Vargas. Sonnabend, 22. Januar, 2.30 Uhr 2. Junta: General Carlos Mendoza tritt an die Stelle von Gutiérrez. 5.30 Uhr General Mendoza löst die Junta auf. 7.30 Uhr Vizepräsident Gustavo Noboa wird im Verteidigungsministerium zum neuen Präsidenten ernannt.

[GrafiktextEnde]

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