Die Killer - DER SPIEGEL
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US-GANGSTER Die Killer

• aus DER SPIEGEL 43/1951
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Entscheidung liegt heute zwischen der Sauberkeit im öffentlichen Leben und der Unsauberkeit ... Unsere größte Gefahr droht nicht durch eine Invasion fremder Armeen. Die Gefahr ist, daß wir von innen heraus Selbstmord begehen durch unsere apathische Nachsicht gegenüber dem Uebel. Oder in der öffentlichen Duldung skandalösen Benehmens. Durch diese Uebel wurden viele Nationen oftmals in der Geschichte vernichtet.«

Der Ex-Präsident der USA, Herbert Hoover, 77, der seinen Mitbürgern so ins Gewissen redete, ist nicht der einzige gute Amerikaner, der sich in diesem Herbst schwere Sorgen über Sitten und Moral seines Landes macht. Selten haben sich die Amerikaner intensiver mit den öffentlichen Gefahren Verbrechen, Korruption und Nichtachtung der Justiz beschäftigt, wie in den letzten Wochen; selten hatten sie mehr Grund dazu, auf diese Seite des »American way of life« zu achten, mag es auch eine Abseite sein und eine schmale dazu.

In der Hauptstadt Washington haben die Enthüllungen über »Einflußhändlerei« in hohen Regierungsstellen jetzt die beiden Vorsitzenden der beiden großen politischen Parteien klar exponiert. Sowohl Bill Boyle (Vorsitzender der Demokraten und enger Freund Trumans) als auch der Chef der Republikanerpartei, Guy Gabrielson, haben verschiedenen Industrie-Unternehmen durch ihren politischen Einfluß auf Beamte der Regierung umfangreiche Staatskredite verschafft und steckten für ihre Bemühungen »sehr hübsche Summen« ein.

Der Umfang von Kriminalität und Korruption in den US-Städten steht heute im direkten Verhältnis zur Größe der Städte. New York rangiert an der Spitze. Geschichten über Kriminalität, Korruption und vereitelte Versuche der Rechtsprechung, wie sie in den letzten Wochen aus den Bezirken dieser Stadt kamen, geben eine Vorstellung, wie weit die gerissenen, modernen US-Gangster ihre Stellung im öffentlichen Leben der USA gefestigt haben.

Als der Senatsausschuß zur Untersuchung der Kriminalität in den USA unter Vorsitz des Senators Kefauver (SPIEGEL 14/51) im Frühsommer seinen Abschlußbericht vorlegte, stand fest, daß die Politiker, die Stadtverwaltung und die Polizei von New York mit dem illegalen Buchmacherkonzern des respektablen New Yorker Gangsterhäuptlings Frank Costello unter einer Decke stecken.

New Yorks ehemaliger Oberbürgermeister und jetziger US-Botschafter in Mexiko, Douglas O'Dwyer, wurde bei den Verhören des Kefauver-Ausschusses peinlich bloßgestellt. Aber der Ausschuß hatte nur die Pflicht zu untersuchen und zu empfehlen, nicht aber strafrechtlich zu prozessieren. Das ist Aufgabe der New Yorker Justiz. Die in New York bereits laufenden, aber ergebnislosen Untersuchungen bekamen neuen Schwung.

Ihr erstes Ergebnis war der aufsehenerregende Fall des feschen Buchmachers Harry Gross. Seine Karriere ähnelt denen vieler talentierter Männer aus ärmlichen, aber soliden Verhältnissen, die von der großen Sehnsucht nach cremefarbenen Kabrioletts und blondhaarigen Tänzerinnen ergriffen werden.

Sie begann an einem Abend vor zehn Jahren, als Harry Gross, parfümiert und 25jährig, an der Church Avenue im New

Yorker Stadtteil Brooklyn stand und mit einem seiner regelmäßigen Kunden eine Pferdewette abschloß. Ein Polizeibeamter in Zivil schob sich an den Buchmacher heran und knurrte: »Du wirst's noch schwer bereuen, wenn du auf diese Tour betrügst.«

»Auf diese Tour betrügen« bedeutete, daß Harry Gross, 25, dieser junge Mann mit der großen Sehnsucht nach vielen »schnellen Dollars«, unterlassen hatte, die Polizei auszubezahlen, damit er dem (in Amerika grundsätzlich illegalen) Geschäft der Buchmacherei ungestört nachgehen könnte. Harry Gross wurde schnell schlau und hörte auf zu »betrügen«.

Neun Jahre später war Gross eine Eminenz der New Yorker Buchmacherei. Er besaß 35 Wettbüros mit 400 Angestellten, hatte einen Umsatz von 20 Millionen Dollars im Jahr und zahlte der Polizei eine Million Dollar Protektionsgelder, »Eis« genannt.

Im letzten Jahr hatte Harry Gross Kummer. Er konnte das »Eis« nicht pünktlich aufbringen und wurde verhaftet, weil er sich unvorsichtig exponierte. Vier Monate lang saß er stur und stumm im Untersuchungsgefängnis, bekannte sich schließlich der Buchmacherei schuldig und erzählte den Untersuchungsbeamten freimütig über seine Verbindungen zur Polizei.

Auf Grund der außergerichtlichen Aussagen von Gross wurden 21 Polizeibeamte angeklagt, Bestechungsgelder angenommen zu haben (mehrere Polizisten quittierten hastig ihren Dienst). 56 Polizisten wurden als »Mitverschwörer« angeprangert.

Dann wurde Gross bis zum Prozeßbeginn gegen 25 000-Dollar-Kaution aus dem Gefängnis entlassen, jedoch als Kronzeuge unter ständige Aufsicht gestellt. Eine Woche vor Prozeßbeginn verschwand Gross dennoch. In Atlantic City wurde er einen Tag später wieder entdeckt, als er grinsend auf der Tribüne einer Pferde-Rennbahn saß.

In den acht Tagen seiner Abwesenheit hatte Gross einen Handel abgeschlossen:

75 000 Dollar wurden ihm versprochen, falls es ihm gelinge, eine Verurteilung der in den Skandal verwickelten Polizisten zu vereiteln. Falls es ihm nicht gelinge, wurde ihm gedroht, erwarte ihn Liquidation. Gross wußte, daß bereits 1915 ein Kronzeuge gegen Polizei-Korruption von Polizisten vorbeugend beseitigt worden war.

Richter Samuel Leibowitz führte den Vorsitz bei der Gerichtsverhandlung gegen 21 korrupte Polizisten. Der ehemalige rumänische Einwanderer Samuel Lebeau war zum erfolgreichsten Strafverteidiger der USA aufgestiegen und ist von da aus auf den schwierigsten Posten in der US-Justiz in die Stadt New York engagiert worden.

An der Unverschämtheit des Gangsters Harry Gross scheiterte auch Sam Leibowitz, als Gross sich während des Prozesses plötzlich weigerte, die Namen der von ihm bestochenen Polizisten, die er bei seiner Vernehmung angegeben hatte, zu nennen. So vereitelte er die gerichtliche Beweisaufnahme. Zuerst versuchte es Richter Leibowitz mit Ueberredung. Aber als Gross den Zeugenstand trotzig verließ, knurrte er: »Man hole diesen Mann zurück.«

Gross: »Warum geben Sie mir nicht den elektrischen Stuhl, damit der Fall erledigt ist, he?«

Leibowitz: »Blicken Sie das Gericht an. Sie sind jetzt nicht auf der Rennbahn, Mr. Gross.«

Gross: »Ich wünschte, ich wär's!«

Leibowitz: »Nun, wollen Sie jetzt die Namen der Leute nennen, von denen Sie bedroht worden sind? Sie können ja oder nein sagen. Wenn Sie nein sagen, werden wir uns einer anderen Sache zuwenden.«

Gross: »Wenden wir uns doch erst mal dem Mittagessen zu.«

Nachdem Gross 60mal die Antwort verweigert hatte, erhob sich der Staatsanwalt Miles McDonald, der seinen ganzen Ehrgeiz auf diesen Fall verwendet hatte, mit tränenüberströmtem Gesicht und schluchzte: »Es ist vollkommen sinnlos, den

Prozeß gegen die Polizisten weiterzuführen. Ohne Gross ist unser anderes Beweismaterial hinfällig. Ich muß die Anklage zurückziehen.«

Harry Gross hatte es geschafft. Die angeklagten Polizisten gingen unangefochten nach Hause. Sie sind nicht erneut zu belangen, denn auf Grund der US-Verfassung kann kein Mensch zweimal wegen des gleichen Vergehens angeklagt werden. Damit war die ganze Affäre der Verbindungen der Gangsterwelt zur Polizei erfolgreich und wahrscheinlich für lange Zeit vernebelt.

Richter Leibowitz schnauzte den arrogant blickenden Gross an, er sei ein »trauriger Schurke«. Die Summe der Strafen, die ihm der Richter für seine einzelnen Aussageverweigerungen aufgebrummt hatte, belief sich schließlich auf 1800 Tage Gefängnis und 15 000 Dollar Geldstrafe.

Die 1800 Gefängnisnächte, von denen Gross nach amerikanischer Vollstreckungspraxis nur einen Teil abzusitzen braucht, sind mit den 75 000 Schmierdollars, die Gross erhalten hat, nicht schlecht kompensiert, selbst wenn man die 15 000 Dollar Geldstrafe abzieht.

Eine Woche nach der Gross-Sensation lag einer der Gross-Kollegen und -Mitwisser um den 75 000-Dollar-Handel mit Gross, der Glücksspiel-Unternehmer Willie Moretti, tot in einer Blutlache auf dem Fußboden eines Vorstadtrestaurants. Er wurde ganz so umgebracht, wie es Erzähler Ernest Hemingway ("Wem die Stunde schlägt") in einer seiner besten Kurzgeschichten vor zwanzig Jahren beschrieb.

Sie heißt »The Killers« und schildert wie ein Mann, der mit seinen Gangster-Genossen gebrochen hatte und ihnen durch sein Mitwissen hätte gefährlich werden können, von zwei Angestellten eines professionellen Mörder-Ringes mit kalter, zynischer Geschäftsmäßigkeit in die Enge getrieben und erledigt wird.

Ernest Hemingways Geschichte zeigte packend und typisch, wie Gangster unbequem gewordene Kumpane abschütteln. Seit den 1930er Jahren vervielfältigen sich solche wirklichen Killer-Geschichten langsamer, denn die Gangster treten nicht mehr als Revolver-Banden auf, sondern streben als illegale Wettbüro-Besitzer und Spielkasino-Unternehmer wie ihre gesetzestreuen Landsleute nach Reichtum und bürgerlichem Frieden. Sie greifen nur noch zum Aeußersten, wenn dieses Streben gefährdet wird.

Dies allerdings geschieht immer häufiger, seit sich Untersuchungsausschüsse des Senats, der Staaten und der Städte intensiver mit der modernen, unaufdringlichen Kriminalität befassen. Bugsy Siegel wurde wegen des Verdachts der Unzuverlässigkeit liquidiert, Charles Binaggio wurde umgelegt, weil er zu viel über die Zusammenhänge zwischen der Demokratischen Partei und der lokalen Gangsterwelt von Kansas City wußte. An der Westküste wurde Philip Cohen schließlich nach jahrelanger Verfolgung erwischt.

Willie Moretti, das nächste Opfer des Falles Gross, hatte so etwas schon eine ganze Weile zu erwarten, obwohl er ständig anzugeben pflegte, daß er niemals gemordet würde. Eben seine Angebereien kosteten ihn das Leben.

Vor zehn Jahren bereits schwirrten im Gangsterland Gerüchte, daß Moretti zum Schweigen gebracht werden solle, aber der würdige, für das Gesetz beständig unantastbare Boß Frank Costello verordnete ihm lediglich einen »langen Erholungsaufenthalt« in Kalifornien.

Im letzten Dezember wurde Moretti vor den Kefauver-Senatsausschuß geladen. Während seine Kollegen dicht hielten, war

Moretti entwaffnend offen. Er erklärte den Senatoren, daß er, der einstige schmutzige Italienerjunge, es inzwischen zu drei Cadillac-Wagen, einer 400 000-Dollar-Villa und zu einem 45 000-Dollar-Landhaus gebracht habe, und zwar durch illegale Glücksspielunternehmen. (Moretti konnte nicht verurteilt werden, weil er sich weigerte, seine Aussagen unter Eid zu wiederholen und ihm sonst - wie üblich - nichts nachgewiesen werden konnte.)

Als er gefragt wurde, ob er den Maffia-Chef (und vermutlichen Oberhäuptling der US-Gangster) Charles Luciano kenne, meinte Willie: »Er ist mein Freund.«

Den Schieber Joe Adonis, Frank Costellos Stellvertreter? »Joe ist der Patenonkel einer meiner Töchter.«

Costello? »Er war Trauzeuge bei meiner Hochzeit in New York.«

In Radio-Interviews warb Moretti für die Idee, die Glücksspiel-Industrie endlich zu legalisieren. »Der Staat könnte 50 Milliarden Dollar im Jahr an Steuern einnehmen« (eine solche Summe würde fast zur Finanzierung des US-Aufrüstungsprogramms reichen).

Jetzt sollte der smart-gekleidete, 57jährige Spieler wieder aussagen, im Prozeß gegen Beamte des New Yorker Stadtkreises Bergen, die der Protektion von Spielunternehmen angeklagt sind. Außerdem sollte er bei den wiedereröffneten Verhören über den Mord an Abe Reles, den Kronzeugen gegen die Gangstergruppe »Murder Incorporated«, auftreten. Vor allem besaß Willie Moretti genaue Kenntnis über den mysteriösen 75 000-Dollar-Handel, der Harry Gross stumm gemacht hatte.

Eines Morgens ergriff Willie Moretti sein Pferderennprogramm und seinen Fernstecher, verabschiedete sich von seiner Frau Angelina und fuhr mit seinem cremefarbenen Cadillac davon. An »Joe's Restaurant« in Cliffside Park südlich des Hudson-Flusses hielt er und traf im Gastzimmer auf zwei scheinbar wohlwollende alte Bekannte. Einer von ihnen verließ das Restaurant für kurze Zeit und kam mit zwei weiteren alten Bekannten zurück.

Die fünf tranken Kaffee und erzählten sich Witze auf italienisch. Als außer ihnen kein Gast mehr im Zimmer war, schickte einer der Männer die Kellnerin mit einer Bestellung in die Küche. Vier Schüsse knallten. Als Kellnerin und Koch ins Zimmer gestürzt kamen, lag Willie mit dem Rücken auf den Fliesen, mit tödlichen Kopf- und Gesichtswunden.

Die Polizei, wie bei allen diesen Morden, fand nichts, was eventuell zur Verhaftung und Bestrafung der Täter führen könnte. Vermutlich die gleichen Killer hatten noch ein weiteres Geschäft zu erledigen: In der folgenden Nacht wurde der angeklagte Polizeichef des Kreises Bergen, Fred Stengel, mit einem Loch im Kopf tot in einem flachen Kanal an einer dunklen Seitenstraße gefunden.

Willie Moretti wurde zu Grabe gefahren wie die Verbrecherlords aus den tollen 1920er Jahren, die im Kampf mit der Polizei oder mit Konkurrenzbanden ihr Leben ausgehaucht hatten. Seine Leiche war in einen Smoking gekleidet und lag in einem Gold-und-Bronze-Sarg (Wert 2500 Dollar), umringt von Blumen für 8000 Dollar.

Fast 10 000 vom Glanz des Verbrechens faszinierte, neugierige Amerikaner, Mütter mit Babies auf dem Arm und Familien mit Picknick-Paketen, durchbrachen johlend die Polizei-Absperrung. Ihre übermütige Sympathie für den geschwätzigen Witzbold Willie Moretti machte aus seinem Leichengang einen Karnevalszug.

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