Die Killer-Connection - DER SPIEGEL
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SERBIEN Die Killer-Connection

Hektisch fahndet Belgrad nach den Drahtziehern des tödlichen Attentats auf den Premierminister Djindjic. Sein Nachfolger Zoran Zivkovic hat dem organisierten Verbrechen den Kampf angesagt. Doch die Regierung steht auf tönernen Füßen.
Von Renate Flottau und Marion Kraske
• aus DER SPIEGEL 13/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nervosität liegt über der serbischen Hauptstadt. Polizeibeamte in Zivil kontrollieren die Fahrgäste in Bussen und Straßenbahnen, vermummte Spezialeinheiten überwachen die Belgrader Ministerien. Verkehrspolizisten tragen kugelsichere Panzerwesten, um bei einem möglichen Schusswechsel nicht dasselbe Schicksal zu erleiden wie der am 12. März getötete Premier Zoran Djindjic, 50.

Der Mord an dem Reformpolitiker offenbart schonungslos die zahlreichen ungelösten Probleme in Serbien. Zwar ist der Belgrader Despot Slobodan Milosevic gestürzt, doch sein Erbe lastet noch immer schwer auf dem Balkanland. Die Regierung versucht nun, die Gunst der Stunde zu nutzen, um aufzuräumen: Mehr als 1000 Verdächtige sitzen mittlerweile hinter Gittern. Im heillos überfüllten Belgrader Gefängnis herrscht Besuchsverbot. Jeder prominente Neuzugang wird der Öffentlichkeit als Erfolgsstory bei der Jagd auf die Mörder präsentiert.

Die Einsitzenden bilden eine illustre Gesellschaft: Schwerkriminelle mit Namen wie »Ratte«, »Jumbo« oder »Idiot«, dazu hochrangige Sicherheitschefs aus der Milosevic-Ära und Staatsanwälte. Seit vergangener Woche gesellt sich auch die populäre Schlagersängerin Ceca dazu, angeblich millionenschwere Witwe des im Januar 2000 ermordeten Milizenführers »Arkan«, dessen Brutalität während der Kriege in Kroatien und Bosnien gefürchtet war. In seiner Prunkvilla wurde inzwischen ein Waffenbunker mit modernster Militärtechnik ausgehoben.

Die 29-jährige Musikerin, von vielen als »serbische Madonna« verehrt, hatte offenbar eine Romanze mit einem der Hauptverdächtigen des Attentats: Milo-rad Lukovic, genannt »Legija«, Ex-Kommandeur einer Sondereinheit der serbischen Geheimpolizei. Die Nacht vor dem Attentat soll der Anführer des ins Visier der Ermittler geratenen Zemun-Clans bei der prallen Schönheit verbracht haben.

Der unmittelbar nach dem Anschlag verhängte Ausnahmezustand, von der Opposition als Weg in die Anarchie kritisiert, berechtigt die Polizei zu willkürlicher Gewalt und Festnahmen ohne Haftbefehle. Auch die Medien müssen sich, wie schon während der Milosevic-Ära, einen Maulkorb gefallen lassen. Nur offizielle Informationen dürfen verbreitet werden, keine Spekulationen über mögliche Täter und Hintergründe. Die dem Zemun-Clan nahe stehende Zeitschrift »Identitet« ist inzwischen verboten - einen Tag vor Djindjics Tod hatte sie diesen als Zielscheibe eines möglichen Attentats ausgemacht.

Demonstrative Stärke zeigte die Regierung auch an anderer Stelle: Wegen Behinderung der Justiz versetzte sie 35 Richter zwangsweise in den Ruhestand.

Im Belgrader Vorort Zemun versuchen Sprengstoffexperten, das von einem Mafia-Führer erbaute dreistöckige Einkaufszentrum in die Luft zu jagen. Die Grundmauern und unterirdischen Verankerungen seien stabil wie 20 Atombunker, klagt der Einsatzleiter beim wiederholten Fehlversuch.

Derweil läuft die Gangsterjagd Gefahr, als 007-Show von den tatsächlichen Tätern, deren Handlangern und den Hintergründen des Anschlags abzulenken. Peinliche Fragen muss sich vor allem Innenminister Dusan Mihajlovic gefallen lassen. Die meisten Parteifreunde des ermordeten Premiers fordern eine dringende Überprüfung, welche Rolle Polizei und Sicherheitsapparat bei dem Attentat spielten. Schließlich zählte Mihajlovic zeitweise zu Milosevics engsten Verbündeten.

Noch vor einem Monat hatte der umstrittene Innenminister den längst als Kriminellen entlarvten Legija, der nachweislich tief in Zigaretten- und Drogenschmuggel verstrickt ist und sich zum eigenen Schutz paramilitärische Einheiten hält, als »ehrenwerten Mann« bezeichnet. Selbst detaillierte Zeugenaussagen eines ehemaligen Clan-Mitglieds und Beweise für Lukovics Verstrickung in mehrere Dutzend Morde hatte Serbiens Innenminister hartnäckig ignoriert. Der ehrenwerte Lukovic ist mittlerweile untergetaucht. Ihm werden auch engste Geschäftsbeziehungen zum Milosevic-Sohn Marko nachgesagt. Als Beweis könnte der rote Ferrari Markos dienen, der bei einer Razzia im Milieu entdeckt wurde.

Wie wenig Interesse Polizei und Justiz offenbar an der Sicherheit des ermordeten Regierungschefs hatten, zeigte sich auch nach einem misslungenen Attentatsversuch Mitte Februar. Der Täter, ein bekannter Krimineller, wurde nach kurzem Polizeiverhör mit einem Strafzettel wegen Verkehrsbehinderung entlassen.

Für Innenminister Mihajlovic ist der »Fall Djindjic« mittlerweile gelöst. Ein Optimismus, den nicht viele teilen. »Wird die Bevölkerung je erfahren, was tatsächlich passierte?«, fragt der bekannte Anwalt und frühere Dissident Srdja Popovic.

Eines scheint sicher: Zoran Djindjic' Mörder sind keine kleinen Unterweltganoven, ihre Macht reicht weit in Polizei und Armee hinein. »Sie haben höchste Posten als Generäle inne und konnten mit Hilfe einiger Politiker auch nach Milosevics Sturz an der Macht bleiben«, warnte vergangene Woche die einstige Djindjic-Verbündete und jetzige serbisch-montenegrinische Botschafterin in Mexiko, Vesna Pesic. Dieselben Täter, die für das Verschwinden des ehemaligen serbischen Präsidenten Ivan Stambolic verantwortlich sind, ist Pesic überzeugt, haben auch Djindjic auf dem Gewissen.

Die Verquickung von nationalistischen Elementen in Polizei, Geheimdienst und Unterwelt hat Tradition. Schon zu Zeiten des jugoslawischen Patriarchen Josip Broz Tito warb der Sicherheitsdienst Straftäter an, um sie bei verdeckten Operationen im Ausland einzusetzen. Zu den damals Angeheuerten gehörte auch der junge Arkan. Unter Milosevic wurden bewaffnete Spezialeinheiten aufgebaut, die zur Finanzierung des Systems kriminelle Geschäfte abwickelten. Während der jugoslawischen Erbfolgekriege waren sie in unzählige Kriegsverbrechen verstrickt. Seither bilden diese Gruppen mit der Lizenz zum Töten unkontrollierbare parallele Machtzentren.

Für die Sicherheit auf dem Balkan, so die unabhängige International Crisis Group, sind die Überreste des kriminellen Staatsapparats von Milosevic momentan die »größte Gefahr«.

Unmittelbar vor dem Sturz Milosevics hatte Oppositionsführer Djindjic noch einen Pakt mit Teilen der Staatssicherheit geschlossen, um ein Blutvergießen zu verhindern. Sein erklärter Wille, flüchtige Kriegsverbrecher bis Juni auszuliefern, kam einer Kampfansage gleich. Ende Januar warnte Legija, dessen »Rote Barette« in zahlreichen Dörfern des Kosovo Massaker an Zivilisten begangen haben sollen, den Premier in mehreren Zeitungen, »Krieger des serbischen Volkes« an das Tribunal zu überstellen.

Dass Djindjic mit seiner Ermordung selbst gerechnet hat, bestätigte nun die Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte der italienischen Zeitung »La Repubblica": »Beim letzten Treffen erzählte Djindjic von gefährlichen Reformen in Armee und Polizeistrukturen, die ihn das Leben kosten könnten.«

Für die Bevölkerung ist allerdings die Staatsanwältin selbst und ihre harsche Kritik an der »mangelnden Kooperation Belgrads« maßgeblicher Auslöser für die Ermordung des Regierungschefs. Der ständige Druck aus den Niederlanden habe Djindjic zu Zugeständnissen verleitet, die seine Mörder zwangen, alles auf eine Karte zu setzen. Dass Serbien immer noch nicht bereit ist, die vom Milosevic-Regime begangenen Kriegsverbrechen anzuerkennen, zeigte auch die Grabrede des orthodoxen Metropoliten Amfilohija. Djindjic habe dem Westen die Hand gereicht »trotz des schlimmen Unrechts, das die Welt an den Serben begangen« habe.

Nach dem Attentat auf Premier Djindjic trudelt das Land nun mit geschwächter Führungsmannschaft in eine ungewisse Zukunft. Dem amtierenden Nachfolger Zoran Zivkovic stehen turbulente Zeiten bevor. Der 42-Jährige, der in den neunziger Jahren an der Seite von Djindjic ehrgeizig die Entmachtung Milosevic' betrieb, verfügt weder über dessen Erfahrung, die zerstrittene DOS-Koalition unter Kontrolle zu halten, noch genießt er das internationale Ansehen seines Vorgängers. Trotz einer emotionsgeladenen Trauerrede, in der er den »Ratten, Verrückten und Betrügern« den Kampf ansagte, sehen in ihm viele nicht mehr als einen Übergangspremier bis zu Neuwahlen.

Schon bald könnten indes die alten Grabenkämpfe wieder ausbrechen. Nach Djindjic' Tod formulierte dessen langjähriger Rivale Vojislav Kostunica denn auch seinen Machtanspruch und sprach sich für eine Allparteienregierung aus. Rigoros lehnte Zivkovic den Vorschlag mit den Worten ab, man könne nicht mit jenen Elementen auf derselben Bank sitzen, die mit ihrer »Lynch-Atmosphäre« den Mord an dem Premier mit zu verantworten hätten.

RENATE FLOTTAU, MARION KRASKE

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