FERNSEH-KONKURRENZ Die Ko-Existenz
Der große Orlog ist beendet. Es gab keine Sieger, keine Besiegte. Hollywood und die amerikanischen Fernseh-Konzerne schlossen einen Frieden, der nichts anderes beinhaltet als die Bestätigung der »Ko-Existenz« zwischen den beiden Mächten.
Dem Friedensschluß war eine letzte verzweifelte, aber erfolgreiche Offensive der Filmindustrie vorausgegangen. Nach Jahren schmerzhafter Schrumpfung, nach dem Schwund von beinahe vierzig Prozent der amerikanischen Besucher, der mühsam durch den unentwegten Ausbau der Auslandsmärkte ausgeglichen wurde, gingen die Filmleute auf buchstäblich breiter (Leinwand-)Front zu einem schwungvollen Gegenangriff über.
Das Krebsübel Hollywoods wurde ausgerottet: das Doppelprogramm (das stets aus einem zugkräftigen und einem durchschnittlichen Film bestand). Es wurden weniger, aber teurere Filme gedreht. Die Eintrittspreise stiegen, die Verleiher nahmen mehr ein. Präsident Eisenhower selbst beantragte beim Kongreß die Halbierung der Vergnügungssteuer und setzte sie durch. Schließlich stieg auch der Besuch der Kinos wieder an.
Das Fernsehen dagegen erreichte mit rund 30 Millionen Geräten in den USA einen vorläufigen Sättigungspunkt. In der Klemme zwischen den ständig steigenden Produktionskosten und der totalen Abhängigkeit von ihren Werbekunden reagiert die Fernseh-Industrie auf die geringsten Konjunkturschwankungen. Solange die Gesamtkonjunktur der Wirtschaft anhält, hat sie wenig zu fürchten. Aber jede Streichung in den Werbe-Millionen der großen Unternehmungen - der Autoriesen, der Zigarettenfirmen, der Ernährungsfabriken, der kosmetischen Industrie - muß spürbare Folgen haben.
Trotz großangelegter Monstre-Fernsehprogramme, wie der »Spectaculars« der National Broadcasting Company (NBC), hat ein Rückfluß des Publikums zum Kino eingesetzt. Gegenüber dem Tiefpunkt von 1950/52 kann Hollywood eine zwanzigprozentige Einnahmesteigerung melden. Bei 20th Century Fox, dem Pionier des breitwandigen Cinemascope-Verfahrens, brachte das vergangene Jahr sogar eine Einnahme-Erhöhung von 76 Prozent gegenüber 1953.
Sowohl beim Film als auch beim Fernsehen setzte sich schließlich die Einsicht durch: Wir können den Gegner nicht kleinkriegen. Wir werden nebeneinander existieren.
Auf dieser Basis wurde verhandelt. Das Ergebnis: Film und Fernsehen verheiraten sich.
Die Paramount, die mächtigste Filmgesellschaft der USA, übernahm die Herstellung eines sonntäglich über die NBC auszustrahlenden Fernsehprogramms ("Comedy hour") für die Colgate-Zahnpasta-Fabrik. Die Filmgesellschaften Warner Brothers und 20th Century Fox stellen aus alten Filmen neue Kurzfassungen für das Fernsehen her. Die Columbia-Filmgesellschaft dreht für das Fernsehen einige Serien von 30-Minuten-Kurzfilmen; Walt Disney produziert sein eignes, sehr erfolgreiches Fernseh-Programm »Disney Land« für die Fernsehgesellschaft American Broadcasting Company (ABC) und wirbt darin offen für seine Filme. Die Filmgesellschaft Republic, einst eine Hochburg des
gängigen Wildwesters, will sich ganz auf die Produktion von Fernseh-Filmen umstellen.
Dieses Einlenken Hollywoods, wie jede Kursänderung in der Filmstadt als »Revolution« bezeichnet und gefeiert, bedeutet dreierlei; nämlich daß
▷ die Fernseh-Kästen nicht mehr die Särge der Filmindustrie werden können,
▷ das Fernsehen sich gern der Dienste, der Talente und der technischen Einrichtungen Hollywoods bedient,
▷ die finanziellen Bedingungen und Aussichten für das Einsteigen der Filmindustrie in das Fernsehgeschäft reizvoll sein müssen.
Hätte Hollywood vor drei Jahren, mitten in seiner schwersten Krise, um Frieden nachgesucht, so hätte es ein Versailler Diktat bekommen. Heute ist es der ebenbürtige Senior-Partner des Vertrages. Das strikte Anti-Fraternisierungs-Gesetz der Film-Industrie, obwohl von einigen Stars durchbrochen, hat doch Früchte getragen. Publikumslieblinge wie Jimmy Stewart oder Marilyn Monroe zwangen durch ihr Fernbleiben das Fernsehen zum Kompromiß. Hollywood atmet auf - bis zur nächsten Krise.
In West-Deutschland, wo sich die Zahl der Fernseher langsam, aber stetig erhöht und wo die Geräte-Industrie auf einen Jahresabsatz von 300 000 bis 400 000 Empfängern spekuliert, haben sich die Filmleute über das Verhältnis Film - Fernsehen bis heute noch keine Gedanken gemacht. Noch ist man dankbar, wenn sich das Hamburger und Münchner Fernsehen in den Sendungen »Der Hauptfilm hat noch nicht begonnen...« und »Die flimmernde Leinwand« der kostenlos überlassenen Ausschnitte aus gerade abgedrehten oder gestarteten Filmen bedient. Noch gibt es keine Regelung, die es Stars verbietet, sowohl vor der Film- als auch vor der Fernsehkamera zu stehen. In München zum Beispiel betätigt sich Margot Hielscher für den »Bayrischen Rundfunk« regelmäßig als Fernseh-Gastgeberin in einer Sendung »Bei Margot Hielscher zu Gast«. Sogenannte Publikumslieblinge der Leinwand, wie Georg Thomalla und Grethe Weiser, sind längst Fernseh-Veteranen.
Im Gegensatz zum amerikanischen Fernsehen, das kostenlos ins Haus kommt, muß der deutsche Seher monatlich fünf Mark für den Flimmer-Genuß im eigenen Heim zahlen. Diese Summe, so argumentieren die Kritiker, die gegen die Fernseh-Apathie der deutschen Filmwirtschaft angehen, müsse zwangsläufig von dem Amüsement-Budget der Familien abgesetzt werden, dessen Summen zum größten Teil dem Kino zuzufließen pflegen.
Doch solange in Deutschland die Zahlen der Kino-Besucher und Film-Einnahmen steigen, dürfte sich die im Gegensatz zu Hollywood schlecht organisierte und nach außen schlecht vertretene deutsche Filmwirtschaft nicht zu einem Kampf mit dem Fernsehen bereit finden.
Aber darüber sind sich einige Filmwirtschaftler klar: Der kleinste Besucherschwund wird die Kinobesitzer alarmieren, die Filmfunktionäre auf den Plan rufen und den unvermeidbaren Kampf eröffnen. Denn eine vom Fernsehen auslöste Krise, wie sie Hollywood in den letzten fünf Jahren erlebte, würde die deutsche Filmproduktion nicht ein Jahr lang durchstehen können.