DIE LABILEN
Ich habe in Deutschland studiert und liebe es, ich habe den Protokoll-Auszug aus der 54. Bundestagssitzung gelesen und bin entsetzt.
Rom DR. MARIO BIANCHI
Wenn der umstrittene Satz Claussens lautete »... in Wirklichkeit gehört ein gewisser Teil der Arbeiter zur indifferenten, labilen Masse, die darauf spekuliert, jeden Vorteil auszunutzen«, käme er nach meinen vierzigjährigen Erfahrungen den bestehenden Tatsachen verdammt nahe.
Leverkusen OTTO ANDRES
Während einer Vorsprache in berufsgenossenschaftlichen Personalangelegenheiten fragte Herr Claussen einen Betriebsratsvorsitzenden: »Sie gehören doch zu uns?« Als dieser, im Glauben die Zugehörigkeit zur Berufsgenossenschaft sei gemeint, bejahte, äußerte sich Claussen dahin, daß »wir« noch drei Jahre Zeit hätten, in denen - in Personalsachen - möglichst viel abschließend geregelt werden müsse. Wenn nach drei Jahren die SPD am Ruder und etwa Preller Arbeitsminister sei, so werde man erleben, »wie mit der Selbstverwaltung der Berufsgenossenschaften umgesprungen werde«. Claussens Reinfall mit dieser Äußerung ist vierfach:
- Der Betriebsratsvorsitzende gehört der SPD an.
- Preller gedenkt nicht, Arbeitsminister zu werden, nachdem er freiwillig aus dem Bundestag ausgeschieden ist.
- Im »Sozialplan« der SPD wird eine Verstärkung der Selbstverwaltung für erforderlich gehalten, während der nun vorliegende Entwurf der Bundesregierung zur Krankenversicherung an den bisherigen. Zuständen überhaupt nichts bessert.
- Claussen läßt mit seiner Äußerung die Katze aus dem Sack, daß er für die CDU Parteibuch-Politik betreiben will.
Staatssekretäre sind bekanntlich aus den Steuergeldern des gesamten Volkes bezahlte Beamte. Claussen hingegen fühlt sich offenbar nur jenem Volksteil verpflichtet, der CDU gewählt hat.
Frankfurt PROF. DR. LUDWIG PRELLER
Landesminister a. D.
... Als Betriebsratsvorsitzender und somit als Sprecher einer großen Belegschaft, hätte ich sehr gern unserem Herrn Arbeitsminister gesagt, daß wir keinen Erzieher à la Dr. Claussen gebrauchen. Doch da der Herr Arbeitsminister den SPIEGEL nicht liest und sich auch sonst nur mit seinesgleichen unterhält, ist es ja nicht möglich, an diese Mischung von Überheblichkeit und Arroganz Wünsche oder Vorschläge heranzutragen.
Gelsenkirchen JOSEF LÖBBERT
Ratsherr
Gehen wir ruhig davon aus, die Äußerung des Herrn Dr. Claussen sei tatsächlich gefallen - einen gegenteiligen Beweis hat das Bundestagsintermezzo nicht erbracht -, so ist der Wirbel, den die Herren der SPD entfachen, nicht ganz verständlich. Herr Dr. Schellenberg wird doch sicher nicht reinen Herzens behaupten können, der deutsche Arbeiter nütze nicht jeden sich ihm bietenden Vorteil. In vielen großen, Betrieben werden von zahlreichen Facharbeitern Überstunden mit zweifachem Ziel geleistet:
- erhöhte Einnahmen durch die geleisteten Überstunden,
- anschließendes Krankfeiern und Bezug des Krankengeldes, dessen Höhe sich nach den letzten Einkünften richtet, die durch die geleisteten Überstunden natürlich wieder über dem normalen Einkommensstand liegen.
Die SPD und die Gewerkschaften können sich aber trösten, denn das Streben nach materiellen Vorteilen unter Ausnutzung von Gesetzeslücken ist eine Eigenart der Menschheit überhaupt. So kann ich als Angestellter mit ruhigem Gewissen behaupten, daß auch unser Stand sich nicht zu fein dünkt, die sich ihm bietenden
Gelegenheiten zur Aufbesserung des Einkommens zu ergreifen. Und daß die führende Schicht unseres Volkes in den seltensten Fällen Skrupel zeigt, wenn Mammon lockt, bedarf wohl keiner besonderen Betonung.
z. Z. Berlin-Tempelhof ROLF NEHRING
Wie wurmte es doch den Abgeordneten Rasner, daß er nicht im Fall Claussen schon den Schröderschen Staatssicherheitsdienst zur Hand hatte. Dann wäre dem SPIEGEL nach Schäfferschem Muster jetzt schon der »Genickschuß« verpaßt worden.
Castrop-Rauxel 4 JOHANN WITTKE
Der Fall zeigt, wie eine Parlamentsdiskussion durch Beschluß der Mehrheit abgewürgt werden kann, indem diese einfach für »Schluß der Debatte« stimmt. Die aufgeworfene Frage, ob nämlich die beanstandete Äußerung gefallen ist oder nicht, bleibt offen, obwohl eine Klärung leicht möglich wäre. Aber die Regierungspartei lehnt es ab, die Argumente der Opposition überhaupt anzuhören - wogegen es zu den guten parlamentarischen und demokratischen Spielregeln gehört, die eigene Meinung mit der des Gegners zu konfrontieren und, soweit es sich um Tatsachen handelt, zur Auffindung der Wahrheit beizutragen.
Gießen (Lahn) DR. HEINRICH WEBER
Ach! Guck mal an! Dieser »Ehrenmann« Blank, der aus einer Unzulänglichkeit in die andere stolpert, der nach einem eindeutigen Beweis seiner Fähigkeiten nochmals ein Ministerium fand, wie ein blindes Huhn ein Körnlein findet, dieser Tambour christlich-demokratischer Glückseligkeiten, den ein »indifferenter, labiler« Haufen an die Fleischtöpfe Westdeutschlands geschwemmt hat, unterhält sich nur mit Gleichen! Nun, wenn ein Redakteur des SPIEGEL unter Blanks geistiger Würde steht, wie mag da erst ein deutscher Arbeiter abschneiden?
Polch (Eifel) ALEX MAAS
Bundesarbeitsminister Blank, als christlicher Gewerkschaftler ohnehin Spaltpilz des Deutschen Gewerkschaftsbundes, hätte anstatt seines Ausrufes »Wir werden den Deutschen Gewerkschaftsbund zur Neutralität zwingen!« besser ausgerufen: »Wir werden die Kirche zur Neutralität zwingen« - damit diese nicht zum Wahlmacher einer Partei herabsinkt.
Hannover FR. MUNDT
Bundesregierung und Regierungskoalition tragen in der Bundesrepublik Scheuklappen als offizielle »Staatsbrille«. Es »existiert« so allerlei nicht: ein Drittel Deutschlands mit seiner Gesellschaftsordnung, die Presse dort, ein gut Teil der Presse hier (darunter ein gewisses Nachrichten-Magazin), politische Gegner und Konzeptionen aller Arten und beispielsweise die eigene Studentenschaft. Was hingegen existiert, ist ein Herrenklub von Ehrenmännern (Rasner: »Hier hat ein Ehrenmann gesprochen"), in dem man unter sich zu bleiben hofft. Diese lächerliche Borniertheit und Impertinenz entspricht dem klassischen Verhaltensmodell überalterter Regime.
Berlin W 15 HEINZ GROSSMANN
stud. rer. pol.
Wenn ich Schweizer Staatsbürger wäre, würde ich weise den Kopf schütteln und sagen: »Armes Deutschland!« Als Deutscher kann ich nur sagen: »Wehe uns, daß man dem SPIEGEL immer glauben muß!«
Berlin-Charlottenburg HERBERT WERLER
Daß Herr Blank den SPIEGEL nicht liest, sollte Ihnen Veranlassung geben, ihn erneut in einer Titelgeschichte - wie seinerzeit den »Steckeheiner« Brentano - »vorzustellen«.
Essen HEINZ LOHSE
Preller
Claussen
Blank