Die Leber-Party - DER SPIEGEL
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GEWERKSCHAFTEN / IG BAU Die Leber-Party

• aus DER SPIEGEL 13/1963
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit offenem Hemdkragen, einer

Zigarre im Mund und jovialem

Gehabe ähnelt der oberste deutsche Baugewerkschaftler Georg ("Schorsch") Leber einem urlaubernden Bourgeois weit mehr als einem Arbeiterführer.

»Der gedrungene, starkknochsge Mann«, so beschrieb ihn die »Süddeutsche Zeitung«, »sitzt selbstbewußt zurückgelehnt wie der Inhaber eines gutgehenden Unternehmens auf der Grenze zwischen Handwerk und Industrie; ein Chef, der gelegentlich auch noch spaßeshalber mit Hand anlegt, obwohl er es nicht mehr nötig hat.«

Dieser jüngste unter den führenden Gewerkschaftsbossen legte dieser Tage Hand an das älteste Prinzip gewerkschaftlicher Lohnpolitik: Tarifkampf sei Machtkampf mit dem Ziel, das Einkommen der Arbeiter auf Kosten des Unternehmerprofits zu mehren. Entgegen der Maxime, die Unternehmer alljährlich den Maximalforderungen zu konfrontieren, hat die Industriegewerkschaft Bau - Steine - Erden für dieses und das nächste Jahr nur je knapp fünf Prozent mehr Lohn verlangt. Trotz der überschwappenden Baukonjunktur begehrte Leber damit geringere Lohnerhöhungen als alle anderen Gewerkschaften in den letzten Jahren.

Am Freitag vorletzter Woche wurde der neue Tarifvertrag rechtskräftig, den der massige Bauarbeiterchef Ende Februar mit den Abgesandten der Bauindustrie und des Bauhandwerks unterzeichnet hatte.

Entgegen der traditionellen Gepflogenheit, die Laufzeit des Vertrages auf ein Jahr zu begrenzen, behält der neue Leber-Tarif erstmals zwei Jahre Gültigkeit.

»Mit der zweijährigen Laufdauer und den Lohnerhöhungen, die sich im Rahmen des wirtschaftlichen Zuwachses halten, hat die Industriegewerkschaft Bau - Steine - Erden«, so lobte Lebers Verbandsgazette »Der Grundstein« den neuen Tarif, »einen Beitrag zu stabilen Preisverhältnissen und einer ausgeglichenen wirtschaftlichen Entwicklung im Baugewerbe geleistet.«

Lebers Maßhalte-Vertrag: Die Tariflöhne im gesamten Bauhauptgewerbe steigen

- vom 1. Mai dieses Jahres bis zum 31. März nächsten Jahres um 4,9 Prozent (17 Pfennig) auf 3,57 Mark je Stunde und

- vom 1. April 1964 bis zum 31. März 1965 um weitere 4,8 Prozent auf 3,74 Mark je Stunde.

Die durchschnittlichen Tariflöhne in der Industrie sind in den vergangenen drei Jahren jeweils um mehr als acht Prozent geklettert; als erster Gewerkschaftler hat Leber nunmehr die seit Jahren von der Bundesregierung und den Arbeitgebern erhobene Forderung befolgt und den neuen Lohn lediglich nach dem Zuwachs der effektiven wirtschaftlichen Mehrleistung bemessen (siehe Kasten Seite 41).

Dem Beifall der Wirtschaft für Lebers maßvolle Forderungen entsprach das Mißfallen traditionsbewußter Gewerkschaftler.

Adolph Kummernuß, Chef der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (OTV) und ansonsten ein Leber-Freund, klagte, daß ihm die neue Lohnpolitik der Bauarbeitergewerkschaft »nicht gefällt«.

Brenners Industriegewerkschaft Metall ("Lohnkampf ist Machtkampf") blies das sozialistische Althorn: »Wir halten nichts von der Rechenschieber-Methode, nach der eine Lohnerhöhung bemessen wird. Man muß doch die Gewerkschaft selbst als Kraft ins Spiel bringen.« Die IG Metall erhob gegen ihren Kollegen vom Bau sogar den schlimmsten Vorwurf, der einem Gewerkschaftler gemacht werden kann: »Leber hat weniger verlangt, als er durfte. Er hat den Unternehmern auf Kosten seiner Mitglieder Geschenke gemacht.«

Der oberste Tarifpolitiker des Deutschen. Gewerkschaftsbundes (DGB) und stellvertretende DGB-Vorsitzer Bernhard Tacke machte seinem Ärger in einem Brief an die »Welt am Sonntag« Luft. Tacke, der bei der CDU als Mitglied eingeschrieben ist, kritisierte: »Die konsequente Anerkennung« der Leber -Therapie, sich bei Lohnforderungen an die wirtschaftliche Mehrleistung zu halten, »würde bedeuten, daß die gegebene Verteilung des Volkseigentums nicht geändert wird ... Die Lohnpolitik der Gewerkschaften benötigt keinen 'neuen Stil'«.

Mit ihrer Kritik an Leber offenbaren Westdeutschlands führende Gewerkschaftler den logischen Knick im eigenen Programm. Offiziell gilt in nahezu allen 16 Einzelgewerkschaften, die im DGB organisiert sind, bis heute das Münchner Grundsatzprogramm aus dem Jahre 1949. Es fordert außer der Verstaatlichung der Grundstoff- und Basisindustrien die Umverteilung der Einkommen und Vermögen zugunsten der Arbeitnehmer.

Andererseits weisen Metall-Brenner, ÖTV-Kummernuß und der Chemie-Gewerkschaftler Wilhelm Gefeller gern den Verdacht von sich, sie stellten Lohnforderungen, die dem Programmzweck, Umverteilung der Einkommen und Vermögen, nachhaltig Vorschub leisten könnten. Beispielsweise versicherte Brenner erst kürzlich: »Gesamtwirtschaftliche Überlegungen haben in der lohnpolitischen Auseinandersetzung der letzten Jahre schon immer eine

Rolle gespiet.« Er habe sich »immer an der Gesamtlage der Metallindustrie orientiert, nicht an einfeinen Zweigen«.

Eingeklemmt zwischen Ballonmützen -Ideologie und tarifpolitischem Pragmatismus müssen. Otto Brenner und seine Parteigänger immer das tun, was sie eigentlich gar nicht wollen. Das Münchner DGB-Grundsatzprogramm mit seinen gesellschaftspolitischen Parolen ist mit einer sachlichen Aussprache über mögliche Lohnerhöhungen im Prinip nicht vereinbar.

Wegen der schizoiden Marschorder gleichen: beispielsweise die jährlichen Auseinandersetzungen in der Metallindustrie meist einer makabren Pantomime, die rituell mit großem Klassenkampfgetöse, Maximaiforderungen auf der einen, Minimalzugeständnissen auf der anderen Seite anhebt.

Nach einem gewaltigen Prozent-Tauziehen - hie begleitet von Urabstimmung, da von Aussperrungsdrohungen

- einigen sich beide Seiten schließlich

ungefähr beim arithmetischen Mittel zwischen ursprünglicher Forderung und erstem Angebot, wobei der errechnete Durchschnitt noch mit dem vermeintlichen Prestige gewogen wird, das auf beiden Seiten ins Spiel kommt.

Schorsch Leber hat als, erster Chef einer größeren Gewerkschaft die klassenkämpferische Lohnauseinandersetzung im kapitalistischen Wohlfahrtsstaat als Zwittergebilde erkannt. Schon im Jahre 1957 warf er die Verstaatlichungsthesen und den Umverteilungs -Grundsatz-kurzerhand aus der Satzung der IG Bau.

Freimütig bekennt sich der Maurerboß zu der Meinung, daß die Gewerkschaften als Bestandteil des Kapitalismus die Grundlagen dieses Systems nicht verändern können, ohne selbst Schaden zu nehmen: »Die Zeiten des Klassenkampfes müssen doch vorbei sein. Unsere freiheitliche Ordnung können wir nur verteidigen, wenn ... die

Arbeiter und die Unternehmer ... gemeinsam und in gegenseitiger Achtung ihre Angelegenheiten ordnen.«

Damit erweist sich Georg Leber als jenem Flügel der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung zugehörig, den der einstige DGB-Theoretiker Theo Pirker »sozial-liberal« nannte. »Mit Leber«, so urteilt Theo Pirker, ehemals enger

Mitarbeiter des abgehalfterten DGB -Chefideologen Dr. Viktor Agartz, »trat der Typ des Gewerkschaftsbosses in der Arena der gewerkschaftlichen Auseinandersetzung auf, wie ihn die angloamerikanische Gewerkschaftsbewegung so häufig hervorgebracht hat.«

Zwischen dem »Amerikaner« Leber und Otto Brenner verläuft der Riß, der die jungen Bosse von den Funktionären alten Typs trennt. Der 55jährige Brenner, einst Nietenwärmer in Hannover und seit dem dreizehnten Lebensjahr bei den Sozialisten aktiv, ist zurückhaltend bis zur Askese. Der IG-Metall-Chef raucht und trinkt nicht. Seine Kleidung ist stets korrekt, wenn auch gelegentlich mit einem Stich ins Modische. Von seiner Umwelt hält er sorgsam Distanz. Auf der Tribüne aber wird er zum Demagogen, der seine Gegner mit geschliffenen Formulierungen attackiert und nicht selten bewußt verletzt.

Der dreizehn Jahre jüngere Leber hingegen erweist sich als weltzugewandter Typ, der den Wein liebt und seine Worte nicht auf die Feinwaage legt. Auf dem Stuttgarter DGB-Kongreß im Jahre 1959 nannte er die Einheitsgewerkschaft einen »zittrigen Hintern, der keinen ordentlichen Ton hervorbringen kann«.

Metallerboß Brenner fühlt sich als Sohn seiner Klasse und lehnt die Partnerschaft mit den Unternehmern ab. Leber hingegen sucht seinen Vorteil durch ständige Anerkennung des Sozialpartners. Während Brenner die Notstandspläne Bonns verdammt und sie notfalls mit geballter gewerkschaftlicher Macht verhindern möchte, spricht sich Leber für eine vernünftige Notstandsgesetzgebung aus.

Der Altere will die gesellschaftspolitische Ordnung in der Bundesrepublik nach seinen sozialistischen Vorstellungen ändern, der Jüngere erkennt die Bonner Republik »ohne Wenn und Aber und ohne Einschränkungen irgendwelcher Art« an; die Umverteilung der Vermögen hält er in der Marktwirtschaft für utopisch.

Wegen ihrer harten Lohnkämpfe wird die IG Metall sogar in der Düsseldorfer DGB-Zentrale gelegentlich »IG Krawall« genannt. Leber hingegen macht Lohnpolitik ohne Spektakel, und seine Mitglieder sind dabei besser gefahren als die Metaller, obwohl Brenners Organisation - mit 1,8 Millionen Mitgliedern die größte Einzelgewerkschaft der Welt - viermal stärker ist als die IG Bau und obwohl in geschlossenen Fabrikhallen besser Politik gemacht werden kann als auf vielen luftigen Gerüsten mit jeweils nur einer Handvoll Arbeiter. Mit einem Tariflohn von 3,40 Mark verdient der Bauarbeiter heute 17 Pfennig mehr als sein Kollege, der bei der Metallgewerkschaft organisiert ist.

Dabei war Lebers IG Bau nie eine reine Lohnkampfmaschine. Fühlte Brenner sich im Lohnstreit als Speerspitze der Gewerkschaften, so agierte das Bau-Syndikat als Avantgardist der Sozialpolitik. Diese unterschiedliche Zielsetzung hängt nicht zuletzt mit den widrigen Umständen zusammen, denen sich die Bauarbeiter gegenübersehen.

Baustellen sind »Fabriken ohne Dach«. Regnet es stark, können Maurer und Zimmerer ohne Nachteile für ihre Gesundheit nicht aufs Gerüst oder ins Gebälk. Im Winter sprengt der Frost die Mörtel- und Betonmischungen und gefährdet die Standfestigkeit des Bauwerks. »Maurerschweiß gefriert leicht«, heißt es auf dem Gerüst.

Bei Regen hockten die Bauleute in ihren Buden; die Stillstandzeiten wurden nicht bezahlt. Hielt der Frost an, entließ der Unternehmer seine Arbeiter; die Arbeitslosenunterstützung machte nur knapp die Hälfte des normalen Verdienstes aus.

Georg Leber frotzelte jahrelang jeden Unternehmer, der ihm begegnete: »Stellt doch die Bauarbeiter wenigstens dem Beton gleich. Den Beton schützt ihr im Sommer durch angefeuchtete Matten vor der Hitze im Winter wärmt ihr das Wasser für den Beton und die Zuschlagstoffe wie Kies und Sand.«

Bis vor wenigen Jahren stellten die Unternehmer die Arbeiter meist nur für eine Baustelle ein und entließen sie, wenn das Werk den Meister lobte. So konnten die Arbeiter Wegen des zwangsläufigen Firmenwechsels - keine Stammarbeiter mit wohlerworbenen Rechten werden. Für sie gab es keine Werkspensionen nach langjähriger Betriebszugehörigkeit, wie sie sonst in der Industrie üblich sind, kein Weihnachts-, Kinder- und Urlaubsgeld.

Freiwillige soziale Leistungen, Aushängeschild jedes Arbeitgebers, waren am Bau weitgehend unbekannt: Während die Industrie durchschnittlich 20 Prozent der Lohnsumme für freiwillige Sozialleistungen aufwendet, machten die Sozialzuschüsse in der Bauindustrie noch vor wenigen jahren nur drei Prozent des Lohns aus ...

Der erste Baugewerkschaftsführer nach dem Krieg und Leber-Vorgänger Jakob Knöß gab daher bereits 1950 dem Aufbau eines modernen Sozialwerks gegenüber drastischen Lohnsteigerungen den Vorzug, zumal der permanente Lohn-Arbeitskampf nur die Bedingungen verschlimmern mußte, die das Leben am Bau ohnehin erschwert. Knöß damals: »Wir müssen Trümmer beseitigen und Wohnungen bauen, nicht die Löhne treiben.«

Nachdrücklich pochte Knöß allerdings auf das Recht der Bauarbeiter, wie alle anderen Beschäftigten einen bezahlten Urlaub zu erhalten. Seine Forderung prallte nicht an den Baufabrikanten, sondern an den gesetzlichen, Regelungen ab.

Voraussetzung für den bezahlten Urlaub ist nämlich nach den geltenden Bestimmungen eine sechsmonatige ununterbrochene Zugehörigkeit zum selben Betrieb. Da im Baugewerbe jedoch ein starker Arbeitsplatzwechsel berufsüblich ist, entfiel für die meisten Maurer der Anspruch.

Die Gewerkschaftler setzten daraufhin durch, daß der sogenannte Tarifurlaub allen Bauleuten bezahlt wird, die länger als sechs Monate ununterbrochen dem Gewerbe angehören. In die »Gemeinnützige Urlaubskasse« (UK) führen die Baufirmen 7,2 Prozent der Brutto-Lohnsumme ab; IG Bau und Unternehmer verwalten den Urlaubsfonds gemeinsam. Die Kasse - ihre Jahreseinnahme beträgt etwa 600 Millionen Mark - zahlt den Urlaubern das Geld aus.

Hingegen hielten sich sowohl Knöß als auch Leber in ihrer Lohnpolitik merklich zurück. Allerdings brauchten sie angesichts der hochtourigen Konjunktur so gut wie nie mit dem Streik zu drohen. Die Unternehmer lasen ihren Arbeitern meist die Wünsche von den Augen ab und zahlten Löhne, die derzeit bis zu 30 Prozent über den tariflich vereinbarten Sätzen liegen.

Zu einem größeren Streik wurde auf dem Bau nur einmal, im Jahre 1950, geblasen. Damals warfen die Bauwerker in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Frankfurt für vier Wochen die Kelle weg. Später flackerten nur noch kleine örtliche Streiks auf, so 1957 bei den Fliesenlegern am Rhein und an der Ruhr und 1958, als die Maler auf Norderney die Pinsel ruhen ließen.

Um so energischer pochte Georg Leber auf weiter verbesserte Sozialleistungen. Dem nächsten Ziel, der Errichtung einer »Lohnausgleichskasse für die Bauwirtschaft« (LAK), standen indes wiederum gesetzliche Bestimmungen entgegen.

Bis 1955 war es Usus gewesen, daß die Unternehmer vor Weihnachten - zu dieser Zeit unterbindet meist der erste Frost die Bautätigkeit - ihre Leute entließen und erst am Jahresanfang wieder einstellten. Das hatte für die Firmen noch den angenehmen Nebeneffekt, daß sie den Entlassenen, die auf Arbeitslosenunterstützung angewiesen waren, auch für die beiden Weihnachtsfeiertage und den Neujahrstag keine Löhne zu zahlen brauchten. Wenn es vor Weihnachten zu frieren begann, wurde es den Unternehmern festlich warm. Oft saßen mehr als 800 000 arbeitslose Bauwerker unter dem Tannenbaum.

Bei den Tarifverhandlungen im Frühjahr 1955 verlangte Jakob Knöß, tatkräftig unterstützt von seinem Pressechef Leber, die Tage von Heiligabend bis zum 2. Januar voll zu bezahlen. Außer zwölf Pfennig mehr Lohn forderte die Gewerkschaft, daß die Unternehmer weitere vier Pfennig pro Stunde aufbringen und an die Lohnausgleichskasse abführen sollten. Hieraus sollten dann die arbeitslosen Maurer und Zimmerleute einen Verdienstausfall für die letzte Jahreswoche erhalten. Die Firmen waren einverstanden.

Hingegen erhoben die Arbeitsämter bald Einwände. Die Stempel-Bürokraten ließen durchblicken, daß sie die vier Pfennig pro Stunde aus Unternehmerhand als Nebeneinnahme der Arbeitslosen von der staatlichen Unterstützung abziehen müßten; demnach hätten erwerbslose Bauarbeiter keinen Pfennig mehr erhalten als zuvor. Arbeitgeber und Gewerkschaftler ersannen jedoch gemeinsam einen Weg, der um das Gesetz herumführte: Statt um zwölf Pfennig wurde der Lohn um 16 Pfennig erhöht, davon behielten die Unternehmer dann vier Pfennig ein und überwiesen sie an die Ausgleichskasse.

So sehr Lebers Mitglieder mit dieser Regelung einverstanden waren, den

Sozialpolitiker Leber befriedigte sie

keineswegs. Er wollte keine Winterpensionäre züchten, sondern die Beschäftigung auch an Frosttagen gewährleisten. Die IG Bau propagierte daher den Winterbau, der auch die Unternehmer von erheblichen Terminsorgen befreien würde.

Eine gemeinsame Arbeitsgruppe unter Federführung des Bonner Arbeitsministeriums entwickelte zunächst bessere Baubuden und entwarf winterfeste Arbeitskleidung. Die Unternehmer beschafften Zeltplanen zur Abdeckung von Beton und große Kunststoffzelte für die Umhüllung ganzer Bauwerke. Heißluftgebläse sorgen heute vielfach für die Erwärmung der

Winterbaustellen. Leber forcierte gemeinsam mit den Arbeitgebern die Verwendung vorgefertigter Bauelemente, die auch an kälten Tagen ohne große Mühe montiert werden können.

Schwungvoll appellierten Leber und seine Leute an die öffentliche Hand, sie möge ihre Bauaufträge gleichmäßig über das ganze Jahr verteilen und mit neuen Projekten nicht immer bis zum 1. April, dem Beginn eines neuen Haushaltsjahres, warten. Schließlich ging der Bund mit gutem Beispiel voran und glich 1960 das Haushalts- dem Kalenderjahr an. Bauherren des sozialen Wohnungsbaus animierte Bonn durch ein Wintergeld - danach bekommen Sozial -Bauherren in der kalten Jahreszeit elf Prozent ihrer Lohnkosten vom Bund ersetzt - zum Winterbau.

Dank der Zusammenarbeit von Bund, Bürokraten und Bauwirtschaft ging die Zahl der Winter-Arbeitslosen kontinuierlich zurück. Im Winter 1955/56 halten noch 808 000 Arbeiter feiern müssen, 1959/60 waren es nur, noch 140 000 und 1961/62 gar nur mehr 50 000 Arbeitslose. Erst der anomal kalte Winter dieses Jahres machte wieder 900 000 Bauarbeiter beschäftigungslos. Außer einer Milliarde Mark Arbeitslosenunterstützung erhielten sie jedoch einen Zuschuß von insgesamt 180 Millionen Mark aus der Lohnausgleichskasse.

Bereits zu Beginn des Winterbaus im Jahr 1956 war Georg Leber der designierte Nachfolger des Altfunktionärs Knöß. Der breitfundamentierte Karriere-Funktionär ("Ich bin mit Kuhmilch großgezogen, und da, ist nichts Schlechtes draus geworden") entstammt einer Familie, die seit Generationen mit Maurerkelle und Wasserwaage hantiert. Vater, Großväter und Urgroßvater sowie die elf. Brüder seiner Mutter waren sämtlich Maurer.

Sein Vater Jakob hatte jedoch mit dem 1920 in Obertiefenbach im Oberlahnkreis geborenen Georg mehr vor. Er steckte den Sohn erst in die Handelsschule und dann in die kaufmännische Lehre. Im Dezember 1939 mußte der Commis zum Kommiß. Als Bodenfunker war Leber in Frankreich, Jugo- slawien und in Rußland. Gegen Ende

des Krieges wurde er in Ostpreußen schwer verwundet und kam zur Genesung in die Steiermark, wo er seine Frau Erna, eine blonde Steiermärkerin mit abgeschlossener Maler- und Anstreicherlehre, wiedertraf.

Im Heimatdorf Obertiefenbach ernährte Leber seine Frau und seinen Sohn Manfred, heute ein 17jähriger Gymnasiast, einige Zeit als angelernter Bauarbeiter. Mit Hilfe seiner mauernden Onkel baute er hier sein erstes Haus. Leber, der in seiner Freizeit als Porträtist dilettiert, wohnt heute in Schwalbach bei Frankfurt-Höchst in einem Einfamilienhaus, das er sich 1960 - ohne eigene Mitarbeit - bauen ließ.

Beim Baugewerkschaftsbund Hessen, dem Vorgänger der heutigen IG Bau - Steine - Erden, schrieb sich Maurer Leber 1947 als Mitglied ein. Bereits 1949

bestellte das Mörtelmischer-Syndikat ihn zum hauptamtlichen Funktionär in Limburg an der Lahn. Drei Jahre später übernahm Leber die Redaktion des Gewerkschaftsorgans »Der Grundstein«. Ein Jahr später stieg er in den Gewerkschaftsvorstand auf, in dem Leber das Presseressort erhielt. Die Delegierten des Gewerkschaftstages in München wählten ihren Pressechef 1955 dann zum Stellvertreter von Jakob Knöß.

Dem Karrieristen übertrug das Syndikat die delikate Aufgabe, die traditionell rote Bauarbeitergewerkschaft von prominenten Kommunisten zu reinigen, die unter Führung des ehemaligen KPD-Reichstagsabgeordneten Gerhard Horseling im Bezirk Nordrhein alle maßgeblichen Posten besetzt hatten.

Die aufgetragene Liquidierung der Maurer- und Maler-Rotfront erledigte der Nachwuchsmann ebenso geräuschlos wie vollkommen. Nach einem genau festgelegten Plan erschienen am 16. Januar 1956 über 40 Leber-treue Funktionäre frühmorgens um acht Uhr in der Bezirksleitung Düsseldorf und in neun Ortsverwaltungen. Dort händigten sie 15 verdutzten Kommunisten die vorbereiteten Kündigungsschreiben aus.

Die neun Ortsverwaltungen wurden aufgelöst und von der ebenfalls gesäuberten Bezirksleitung übernommen, die Leber einem zuverlässigen Kollegen anvertraute.

Ein Jahr später hatte er selbst den First des Bausyndikats erklommen. Die Delegierten des Kongresses kürten ihn im Herbst 1957 ohne Gegenstimmen zum Nachfolger des 76jährigen Jakob Knöß.

Leber übernahm einen Gewerkschaftsapparat mit durchaus kapitalistischem Zuschnitt. Rund 25 Millionen Mark Beiträge - jedes Mitglied hat laut Satzung zwei Prozent seiner Brutto-Lohnsumme zu zahlen - fließen jährlich in die Gewerkschaftskasse. Das Vermögen der IG Bau beträgt heute rund 20 Millionen Mark. Neben Beteiligungen an der Gemeinnützigen Wohnungs- und

Siedlungsbauges. mbH (Gewobag) und der Bank für Gemeinwirtschaft AG ist die IG Bau auch Teilhaberin der Wohnungsgesellschaft »Neue Heimat«, in deren Aufsichtsrat Leber den stellvertretenden Vorsitz innehat.

Gewerkschaftsboß Leber darf sich gleichzeitig als einen der leistungsfähigsten westdeutschen Bauunternehmer bezeichnen: Die IG Bau ist mit 85 Prozent an der Deutschen Bauhütten GmbH beteiligt. Die Firma, deren Aufsichtsratvorsitzer Leber ist, zählt mit 4000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 60 Millionen Mark zu den größten Baufirmen im Bundesgebiet. Bei ihr hatte Leber die Möglichkeit, sich von den kostspieligen Folgen des Frosts für die Unternehmer zu überzeugen, deren Umsätze in den vergangenen Monaten um etwa fünf Milliarden Mark sanken

- das sind zehn Prozent des jährlichen

Bau-Umsatzes im Bundesgebiet.

An einem derart dynamischen und erfolgreichen Genossen konnte die SPD, der Leber seit 1951 angehört, nicht vorübergehen. Bereits 1957 holte die Partei ihn über die Landesliste ins Bonner Parlament. Vier Jahre später kandidierte Leber im Wahlkreis 140 (Frankfurt-Stadt) und jagte dem christdemokratischen Sozialpolitiker Peter Horn, der bis dahin Frankfurts Bürger in Bonn vertreten hatte, das Mandat ab. 1957 hatte Horn noch um 1500 Stimmen vor seinem SPD-Widersacher gelegen, vier Jahre später hängte Leber seinen Konkurrenten mit einem Vorsprung von 13 000 Stimmen ab.

Genosse Leber ist heute der einzige Gewerkschaftsmanager, der zugleich dem Parteivorstand und dem Fraktionsvorstand der SPD angehört (Kollege Brenner ist lediglich einfaches Parteimitglied). Der Maurer-Chef hält so guten Kontakt zu linksstehenden Christdemokraten, daß er nach der letzten Bundestagswahl mit dem CDU-MdB Hans Katzer zwecks Gründung einer schwarz-roten Koalition Kontakt aufnehmen konnte. Leber: »Wir haben dann aber bald aufgegeben.« Im Bonner Parlament selbst trat Leber bisher nicht hervor.

Um so mehr tat er sich im eigenen Hause um. Vornehmlich mißfielen dem syndikalistischen Funktionär die Ohnmacht des Deutschen Gewerkschaftsbundes gegenüber den 16 Einzelgewerkschaften und das angestaubte, wenig attraktive DGB-Programm.

Auf dem 5. Bundeskongreß der Einheitsgewerkschaft im Jahr 1959 in Stuttgart entfachte Leber die Reformdiskussion. Im legeren Aufzug am Rednerpult der Stuttgarter Killesberg-Halle stehend, höhnte er: »Was ist denn schon der DGB? Die Aktionen seiner Gewerkschaften erfährt er meist doch erst aus den Zeitungen.«

Die selbstbewußten Bosse der 16 Fachgewerkschaften, im Funktionärs-Jargon »Stammesherzöge« genannt, treiben Lohn-, Arbeitszeit- und Sozialpolitik nach eigenem Ermessen und sehen im DGB-Vorstand lediglich eine Repräsentationsspitze, die den Dachverband bei unwichtigen Veranstaltungen und auf internationalen Kongressen vertreten darf.

Die von den Einzelgewerkschaften ausgelösten Lohnwellen, die sich alljährlich über das Bundesgebiet ergießen, gleichen einem Naturereignis, dessen Ausmaß niemand vorher erkennen kann. Unabhängig voneinander beginnen die Bosse zum Jahresanfang schlagartig für mehr als fünf Millionen Arbeitnehmer höhere Löhne zu fordern. Dabei gehören völlig unrealistische Lohnbegehren von mehr als 15 Prozent zum jährlichen Tarif-Allerlei.

Allen Versuchen, die Lohnaktionen aufeinander abzustimmen und über das ganze Jahr zu verteilen, war ebensowenig Erfolg beschieden wie den Plänen, im DGB das Beitrags- und Unterstützungswesen zu vereinheitlichen und die marxistischen Synkopen aus der Programm-Partitur zu streichen. Leber in Stuttgart: »Was uns fehlt, ist die Möglichkeit, im Deutschen Gewerkschaftsbund ... uns zu einem guten Orchester zu vereinigen.«

Mit der Stärkung des DGB verband der Maurer-Boß durchaus eigennützige Zwecke. Leber wollte aus dem DGB einen attraktiven und mächtigen Arbeitnehmer-Dachverband machen, der von sich aus die Aktionen der Einzelgewerkschaften wirkungsvoll unterstützen kann.

Die auf Lebers Betreiben in zweijähriger Arbeit entworfene Satzungs- und Grundsatznovelle blieb jedoch liegen. Die Debatte wurde auf einen außerordentlichen Bundeskongreß im Herbst

dieses Jahres verschoben. Otto Brenner hat bereits sibyllinisch die Marschrichtung angedeutet: »Der DGB ist so stark, wie wir ihn haben wollen.« Damit dürfte Lebers Vorstoß fürs erste abgewehrt sein.

Bei seinen gelegentlichen Abstechern ins Wurzelwerk dos Deutschen Gewerkschaftsbundes vernachlässigte Georg Leber allerdings niemals seine sozialreformerischen Tarifprojekte. Nach der Urlaubs- und Ausgleichskasse rang die Baugewerkschaft ihrem Tarifpartner die »Zusatzversorgungskasse« für »zusätzliche Leistungen zur sozialen Rentenversicherung in Gestalt von Beihilfen zum Altersruhegeld sowie Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsrenten ab. Seither müssen die Unternehmer 2,1 Prozent der Bruttolohnsume an die Rentenkasse ausschütten. Das Altersruhegeld jedes Bauarbeiters erhöht sich dadurch auf 45 Mark monatlich. Berufs- und Erwerbsunfähige erhalten 30 Mark Beihilfe.

In die drei Sozialkassen der Bauwirtschaft fließen zur Zeit jährlich 11,3 Prozent der Bruttolohnsumme der westdeutschen Bauwirtschaft. Das sind eine Milliarde Mark im Jahr. Alle diese Fonds werden gemeinsam von der Gewerkschaft und den beiden Verbänden der Bauindustrie und des Bauhandwerks verwaltet.

Die gemeinsamen Einrichtungen lobte der Sozialpolitiker der Bauindustrie, Dr. Geerling: »Während sich die Tarifpartner der anderen Wirtschaftszweige nur einmal im Jahr bei der Lohnverhandlung treffen und dann aufeinanderdreschen, sitzen wir in den Baukassen fast alle Woche

beieinander; Fensterreden kann keiner halten. Die Bau-Tarifpartner unterstellen sich gegenseitig schon längst keine Böswilligkeit mehr, auch nicht bei der Tarifarbeit.«

Arbeitnehmer-Vertreter Leber hat auf der Unternehmerseite Partner mit gleichstarken sozialen Ambitionen gefunden: den geschäftsführenden Gesellschafter der Bauwerkstätten mbH in Leverkusen, Fritz Ris, 65, sowie den Vertreter des Bauhandwerks, den Stuttgarter Bauunternehmer Walter Schäfer, 42. Das Triumvirat wird in der Branche »die Leber-Party« genannt.

Angesichts der überkochenden Baukonjunktur brachten Lebers Party -Freunde sogar für seinen größten Kummer Verständnis auf. Trotz aller Errungenschaften seines Syndikats vermochte Leber nie mehr als 450 000 Beitragszahler, das sind etwa 35 Prozent der in dieser Branche Beschäftigten, unter seiner Fahne zu versammeln. Im Deutschen Baugewerkschaftsbund hingegen, dem Vorgänger der IG Bau,

waren bis 1933 rund 95 Prozent der Beschäftigten organisiert.

Lebers erster Versuch, das gewerkschaftliche Bewußtsein zu stärken, war rührend anzusehen. Er verteilte weiße Arbeitsmützen mit dem Emblem der IG Bau an die Mitglieder. In Ansprachen feuerte er die Genossen an: »Ihr müßt auch nach außen zeigen, daß ihr euch zu unserer Organisation bekennt.«

Nach dem Fehlschlag der Aktion Maurermütze schimpfte Leber über die »Trittbrettfahrer« und »Schmarotzer«, die, ohne Beiträge zu zahlen, von den Früchten des Syndikats naschten.

Schon im Frühjahr 1960 gelang es dem Bauarbeiterführer beim Abschluß eines neuen Tarifvertrages, den Bauunternehmer Ris für eine sogenannte Tarifausschlußklausel und den Verzicht auf die Allgemeinverbindlichkeitserklärung der Lohnerhöhung zu gewinnen*. Die Arbeitgeber bekundeten, daß nur die Gewerkschaftler auf den vereinbarten Mehrlohn von 5,6 Prozent Anspruch hätten. Schorsch Leber mußte jedoch bald erkennen, daß ihn die Unternehmer düpierten: Um des Betriebsfriedens willen gewährten sie den Nichtorganisierten auch ohne Rechtspflicht den höheren Lohn.

Daraufhin eröffnete Leber die 61er Lohnrunde mit einem gezielten Haken. Er verlangte »eine tarifliche Regelung, wonach diejenigen Bauarbeiter, die Nichtmitglieder der Gewerkschaft sind, zu einem angemessenen Beitrag herangezogen werden«. Denn: »Durch die Tarifpraxis erhält auch der Unorganisierte alle Verbesserungen, die von den Gewerkschaften erkämpft werden. Er muß es sich daher gefallen lassen, daß er zu einem Solidaritätsbeitrag herangezogen wird für das, was er durch die Gewerkschaft bekommt.«

Die Baufirmen sollten - die Freunde Ris und Schäfer waren wiederum damit einverstanden - den Trittbrettfahrern ein Prozent vom Bruttolohn abzwacken und an eine neue Spezialkasse, eine »Vorteilsausgleichskasse«, weiterleiten. Das Geld sollte für die Fachausbildung von Arbeitern, für staatspolitische und gesellschaftliche Bildungsarbeit und zur. Förderung von Urlaub und Freizeit verwendet werden. Aber die Unternehmer desavouierten ihren Tarifexperten Ris und lehnten den Solidaritätsbeitrag ab.

Der Maurer-Meister hörte indes nicht auf, den schmarotzenden Bauarbeitern an der Lohntüte zu fingern. Im November 1961 hatte das bewährte Trio eine neue Kreation parat, mittels derer Leber die Nichtorganisierten packen wollte: den »Verein zur Förderung der Erholung und der Produktivität in der Bauwirtschaft«. Herzstück des neuen Leber-Vereins sollte wiederum eine Kasse sein, in die alle Baufabrikanten 0,85 Prozent der Lohnsumme abführen und damit den Maurerlohn der Organisierten um jährlich 80 Mark aufbessern sollten. Für die Trittbrettfahrer war kein Pfennig vorgesehen.

Aber erneut ließ die Masse der Unternehmer ihre beiden Sprecher im Stich. Im vergangenen Jahr rief daraufhin Leber in einzelnen Bezirken die IG Bau zu Streiks auf. Da jedoch der des Streiks unkundige Leber die gesetzlichen Spielregeln nicht eingehalten hatte, deckten ihn, die Arbeitgeber mit Einstweiligen Verfügungen ein und stoppten den Ausstand.

Die Freundschaft der Leber-Runde war durch das Streik-Techtelmechtel nicht beeinträchtigt worden. Bereits im Juli vergangenen Jahres saß man wieder beim Tarif-Skat: Nunmehr sollten Privilegien für altgediente Mitglieder und für unmündige Kinder von Organisierten die Trittbrettfahrer zum Einsteigen bewegen. Laut Lebers Vorschlag sollten

- Bauarbeiter »mit langjähriger Zugehörigkeit zur Gewerkschaft« aus der gemeinsamen Zusatzversorgungskasse außer den bereits vorgesehenen Beträgen eine zusätzliche Altersrente zwischen zehn Mark und 45 Mark monatlich erhalten und

- Kinder von Gewerkschaftlern, die

am Bau tödlich verunglückt sind, auf Unternehmerkosten ausgebildet werden.

Eine vorläufig letzte Kasse - die »Stiftung Berufshilfe« - sollte aus Unternehmerhand ein Kapital von 15 Millionen Mark erhalten, aber ausschließlich von der IG Bau verwaltet werden. Als Bundesarbeitsminister Theo Blank, ehemals selbst hauptamtlicher Gewerkschaftsfunktionär, sich weigerte, die Waisenkassen für allgemeinverbindlich zu erklären, zog das Trio den Antrag zurück. Man einigte sich, die Gewerkschaftsinvaliden und -waisen auch ohne Blanks Segen auf Kosten der Unternehmer zu alimentieren.

Überraschend verlegte sich Leber in diesem Jahr auf die Lohnpolitik. Mit

seinen maßvollen Lohnforderungen und der abgemilderten Lohn-Index-Automatik - sie sollen »einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Preise leisten« - will Leber den Vorwurf entkräften, die Bauarbeiter trügen die Hauptschuld an den eklatanten Preissteigerungen in diesem Gewerbe. Tatsächlich sind die Bauarbeiterlöhne seit 1951 nicht stärker geklettert als die Löhne in anderen Bereichen der Industrie: Trotz eines Anstiegs von 203 Prozent rangieren Maurer und Zimmerleute unter den Stundenlöhnern heute immer noch auf dem achten Rang.

Wegen des höheren Anteils der Lohnkosten am Umsatz - im Bauhauptgewerbe: bis zu 40 Prozent, im Industrie -Durchschnitt: etwa 20 Prozent - schlagen Lohnerhöhungen auf dem Bau allerdings stärker zu Buch als in weniger arbeitsintensiven Branchen.

Trotzdem ist der Anstieg des Baupreis-Index (1951 = 100) auf 162 Indexpunkte im vergangenen Jahr nicht allein auf die Lohnentwicklung zurückzuführen. Im gleichen Zeitraum kletterten beispielsweise die Erzeugerpreise in der Investitionsgüter-Industrie nur um etwa 18 Prozent, und in der Verbrauchsgüter-Industrie sanken die Erzeugerpreise sogar um etwa 14 Prozent. Offensichtlich haben die Bauunternehmer ihre Preise stärker angehoben, als dies im Hinblick auf die tatsächlichen Lohnsteigerungen gerechtfertigt war.

Dem IG-Metall-Chef Brenner konnte Lebers diesjährige Aktion schon deshalb nicht lieb sein, weil die IG Metall bislang in Westdeutschland fast immer den Lohnführer gemacht hatte, an dessen Beispiel sich die anderen organisierten Wochenlöhner aufrichteten.

Die Führerrolle ist Brenner jedoch für dieses Jahr los. Dank des reibungslosen Ablaufs der Leber-Parties hatte die IG Bau bereits im Februar den neuen Tarif unter Dach. Als der Vertrag am vorletzten Freitag rechtskräftig wurde, hatten die Lohngespräche in der Metall-Industrie noch nicht einmal begonnen.

Besonders stört es die Metall-Gewerkschaftler, daß ausgerechnet Leber in der von keinerlei Konjunktursorgen belasteten Bau-Industrie die niedrigsten Löhne seit Jahren gefordert hat. Tatsächlich wollen alle anderen Gewerkschaften in diesem Jahr mehr erreichen als die Zement-Mixer.

So forderten

- die Gewerkschaft Öffentliche Dienste,

Transport und Verkehr 6,5 Prozent,

- die Gewerkschaft Handel, Banken

und Versicherungen sowie die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands sieben Prozent,

- die Industriegewerkschaft Metall und die Deutsche Postgewerkschaft acht Prozent und

- die Gewerkschaft Gartenbau, Land-

und Forstwirtschaft 28 Prozent Lohnerhöhung.

Ihnen allen droht, sollten sie sich nicht an den Leber-Pegel halten, der öffentliche Vorwurf, sie hätten für ihre Organisierten mehr gefordert, als ihnen Rechtens zustehe.

Aber auch die Bundesregierung, die allen selbstgemachten Maßhalte-Appellen zum Trotz durch maßlose Haushaltsausgaben die Konjunktur immer aufs neue anfacht, muß nunmehr Farbe bekennen.

Und gerade auf diesen Effekt kommt es Georg Leber nicht zuletzt an. In einem Interview mit dem »Flensburger Tageblatt« ließ sich der Maurer-Boß dieser Tage vernehmen:

»Es wird durch diesen Versuch einmal Klarheit in das System der gegenseitigen Vorwürfe gebracht, wo nun eigentlich die Ursache der ständigen Preissteigerungen liegt. Wir orientieren uns jetzt am Zuwachs (der Produktivität).«

Falls sein Lohn-Modell bei den Gewerkschaften Verbreitung fände, so glaubt Leber, könnte die Bundesregierung nicht mehr wie bisher alle Schuld bei den Gewerkschaften suchen. Leber: »Dann muß sie sich gefallen lassen, daß damit klargestellt ist, daß die Dinge nicht von der Lohnseite kommen.«

* Nach dem Tarifvertragsgesetz von 1949 haben nur die Mitglieder der Tarifparteien Anspruch auf den Tarif. Erst nach der Erklärung der Allgemeinverbindlichkeit durch die Arbeitsminister erhält ein Vertrag auch für die Nichtorganisierten juristische Verbindlichkeit.

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