EUROPA-ARMEE Die letzte Version
Die Außenminister Westdeutschlands, Frankreichs, Italiens und der Benelux-Staaten haben auch auf der Europa-Tagung in Straßburg Mitte Dezember die Europa-Armee nicht zustande gebracht. Obwohl General Eisenhower auf der letzten NATO-Konferenz in Rom gewarnt hatte, bis spätestens zur nächsten Sitzung in Lissabon am 2. Februar 1952 müßten die beteiligten Länder sich unbedingt einig sein.
In Dean Achesons Washingtoner Außenministerium und im US-Verteidigungsministerium vertiefte sich unter dem Eindruck dieses Mißlingens die ursprüngliche Ansicht der Amerikaner, die Europa-Armee werde bestenfalls ein totgeborenes Kind.
Ausweichpläne werden jetzt in Eile ausgearbeitet, um den begehrten deutschen Wehrbeitrag dennoch zu sichern:
* Aufstellung von zwei deutschen Armeen, von denen je eine der amerikanischen und der britischen Besatzungstruppe in Deutschland »ange schlossen« werden soll. In Bonn ist dieser Plan bereits Diskussionsgegenstand.
* Schaffung nationaler deutscher Kontingente unter dem Befehl des Oberkommandierenden der NATO-Streitkräfte in Europa.
* Ein »zweiseitiger« Vertrag zwischen einerseits England, Frankreich, USA und andererseits Westdeutschland mit dem Ziel der Schaffung einer »klassischen« deutschen Wehrmacht. Amerikanische Offiziere von Eisenhowers SHAPE bemühen sich neuerlich um Wiederherstellung guter Beziehungen
zu de Gaulle. Der Führer der RPF ist Anhänger einer normalen Wiederbewaffnung Westdeutschlands. Die Regierung Pleven dürfte den Zusammenbruch der Europa-Armee-Pläne (trotz ihres unter Rücktrittsdrohung herausgepreßten Erfolges bei der Schumanplan-Ratifizierung letzte Woche) nicht überleben.
* Amerikanischer Rückzug aus Zentraleuropa auf eine atlantische Verteidigungslinie.
Die letzte Version - so sehr die Amerikaner sich öffentlich noch davon distanzieren - gewinnt Bedeutung im Zusammenhang mit den Plänen, die Churchill im Januar 1952 dem US-Präsidenten in Washington vorlegen und erörtern will. Sie basieren letztlich auf Churchills großer Konzeption einer schrittweisen Verschmelzung der USA mit dem britischen Empire.
Kontinentaleuropa - und zwar die kommunistisch verseuchten, kampfunlustigen Länder Frankreich und Italien sowie das potentiell bedeutende, aber politisch für unzuverlässig gehaltene Westdeutschland - spielt im Rahmen dieser Konzeption zwangsläufig die Rolle eines im Notfall zu räumenden Vorgeländes der britisch-amerikanischen Festung.
Das US-Außenministerium mußte die französische Regierung bereits beruhigen: die Besprechung Truman-Churchill werde keine englisch-amerikanischen Spezialabmachungen zum Nachteil Europas im Gefolge haben.