Die Letzten der Teutonen
Eigentlich müsste Eberhard Hoepfner unter Naturschutz stehen, denn er gehört zu einer raren Spezies. Man erkennt ihn am rötlich braunen Teint und den exakt auf Nackenlänge gehaltenen, inzwischen etwas ergrauten Haaren. Das goldene Kettchen trägt er wie einen Artennachweis um den Hals.
Mit der »Bild«-Zeitung in Griffweite gehört Schnauzbartträger Hoepfner zur Gattung der »turisti tedeschi«, früher massenhaft anzutreffen an der italienischen Adria. Doch seine Art ist nunmehr schwer vom Aussterben bedroht.
Seit einem Vierteljahrhundert fährt der Polizeibeamte mit seiner Frau jeden Sommer vom oberfränkischen Hof über den Brenner nach Rimini, um sich dann im Strandabschnitt 82 auf einer Liege niederzulassen. Ganz vorne, nur ein paar Schritte von den blassgrauen Wellen entfernt. »Die Deutschen liegen immer in der ersten Reihe«, sagt Hoepfners Wirtin vom Drei-Sterne-Hotel Tilmar. Zum 20. Urlaubsjubiläum hat sie dem Polizisten Kost und Logis spendiert, auf Wunsch reserviert sie auch Liegeplätze an vorderster Front.
Die Italiener lieben hingegen die hintere Strandetappe und das Gespräch mit dem Nachbarn. So sonnen sich Deutsche und Italiener in Rimini seit den fünfziger Jahren in friedlicher Koexistenz. Man kam sich mit den Liegestühlen nie in die Quere, hielt das irgendwann für Freundschaft.
Aus Riminis erster Reihe ist der Blick aufs sanft gekräuselte Meer ganz unverstellt. Für einen Moment kann man vergessen, dass die Industrialisierung des Tourismus hier als Erstes für die Deutschen erfunden wurde.
Eine Armee von 40 000 exakt aufgereihten Schirmen, die morgens bonbonfarben in der Sonne glänzen, wartet auch in diesem Sommer auf Hunderttausende Besucher. Auf Riminis 15 Kilometer langer Strandpromenade verliert man im Gewühl schnell die Orientierung. Restaurants, Glücksbuden, Cafés, Boutiquen, Supermärkte, Schmuckgeschäfte und Discotheken gleichen einander wie ein Ei dem anderen. Die rund 1400 Hotels, in den sechziger und siebziger Jahren hochgezogene Nutzbauten, sind vier- bis achtstöckige Herbergen des Massenbetriebs. Besondere Erkennungsmerkmale: keine.
Inmitten dieses bunten, lärmenden Einerleis führt Frau Marcatelli seit 20 Jahren ihren Kiosk. Die Deutschen gehörten früher zu ihren besten Kunden. In guten Zeiten hat sie über Pfingsten 500 »Bild«-Zeitungen verkauft. Dieses Jahr waren es noch 35.
»Die Deutschen fahren längst woanders hin«, sagt sie bedauernd. Ein benachbarter Strandkellner, seit 30 Jahren im Geschäft, pflichtet bei: »Nur alte Deutsche kommen noch nach Rimini, und die sterben wahrscheinlich auch noch bis zum nächsten Sommer.«
Zu Unrecht gilt Rimini noch immer als germanische Urlaubskolonie, eine Art italienischer »Ballermann«, rappelvoll mit teutonischen Grillwürsten. Das ist lange vorbei. Maurizio Melucci, der für Tourismus zuständige Stadtrat Riminis, hat über den bedenklichen Abwärtstrend genau Buch geführt.
Melucci sitzt über einem randvollen Teller Spaghetti mit Meeresfrüchten in einem Altstadtrestaurant. Früher war er Kommunist. Der Zusammenbruch des realen Sozialismus war jedoch nicht die einzige desillusionierende Erfahrung im Leben des 50-jährigen Linken.
»Erst hatten wir hier in den achtziger Jahren die Algenpest«, sagt Melucci, »schreckliche Zeiten waren das, Totenstille am Strand, mitten im Sommer.« Melucci spült die Erinnerung mit Weißwein weg.
»Dann wollten die Touristen wegen der Terroristen nicht mehr in Flugzeuge steigen«, sagt er. Die globale Reisekrise nach dem 11. September 2001 traf auch die Adria empfindlich: »Und nun vertreibt Stefano Stefani, dieser Verrückte, unsere letzten Deutschen.«
Ob ein Sommer gut wird oder schlecht, liegt in Rimini nicht am Wetter. Die Bilanz hängt an der Zahl der deutschen Urlauber. Nach dem Fall der Mauer verzeichnete die Germanen-Statistik in Meluccis Büro noch einmal einen kurzen Anstieg. Doch die Ostdeutschen brachten nicht viel Geld mit. Sie suchten Unterkunft vor allem in der »zona alba« in Hafennähe, billige Herbergen ohne Strandblick.
Auch den Verkaufsrückgang der deutschen Publizistik am Kiosk von Frau Marcatelli haben sie nicht gestoppt: die »tedeschi orientali« hätten Zeitungen und Zeitschriften zumeist an Auslage und Ständer gelesen, »aber nur ungern bezahlt«, erinnert sich die Dame.
Rimini ist in der Krise, nicht erst seit Stefanis Tiraden und Schröders Boykott. Die Hotels sind nicht ausgelastet, der Ort ist mit Beton verbaut. Die Stadt gilt als schrill, laut und eng. Melucci und Co. üben sich nun im behutsamen Rückbau: Nach ein Uhr nachts schweigen die Lautsprecher am Strand, die Ausstattung der Hotels soll verbessert werden. Mit kostenlosen Fitnesskursen und italienischem Sprachunterricht will die Gemeinde die Kundschaft bei Laune halten.
Doch ob das reichen wird, die Deutschen zurückzuholen, bezweifelt Melucci. Seit Einführung des Euro haben sich die Preise in Rimini fast verdoppelt, räumt er ein. Die Ausfälle Stefanis, glaubt er deshalb, seien für viele Urlauber nur ein willkommener Anlass, ein anderes Reiseziel auszuprobieren. Gemeinsam mit anderen Adria-Gemeinden will Rimini den verhassten Tourismus-Staatssekretär des Wirtschaftsministeriums nun für finanzielle Einbußen haftbar machen - eine ebenso wütende wie aussichtslose Aktion.
Eine halbe Autostunde von Rimini entfernt, im Kanzlerstädtchen Pesaro, muss der Wirt des Hotels Flaminio nun 30 Zimmerstornierungen hinnehmen. Die deutsche Botschaft in Rom hatte die Räume für vier Wochen gebucht, Unterkunft für Schröders Mitarbeiter und Leibwächter. Wer jetzt für den Ausfall aufkommen soll, wird gerade verhandelt.
Doch es geht an der Adria nicht nur ums Geld und um Touristen. Die Küstenstädte werden oft von Mitte-links-Bündnissen regiert. Schröders Boykott will hier zwar kein Kommunalpolitiker öffentlich kritisieren. »Es gibt aber auch ein anderes Italien, das mit Berlusconi und Stefani nichts zu tun hat«, sagt ein Mitarbeiter Meluccis, »hätte der deutsche Kanzler das nicht auch einmal herauskehren können?«
So trifft Schröders Boykott die Falschen, doch die tragen es mit Fassung. Stefanis Beleidigungen waren für den Kanzler wohl »die Kirsche auf der Torte«, glaubt Melucci. Nun versuchen Regionalpolitiker wie er, die Wogen zu glätten, wo es geht: Während man einerseits Stefani-Steckbriefe im Internet verbreitet ("Wanted"), entschuldigen sich italienische Landräte und Bürgermeister dutzendfach im Berliner Kanzleramt. Schröder möge den kommenden Sommer doch in Rimini verbringen, bittet Melucci, man werde schon ein diskretes Plätzchen für ihn finden.
Angesichts der Krise werden die deutschen Urlauber in Rimini von den Einheimischen nun fast heilig gesprochen. »Die Deutschen wissen manchmal mehr über unsere Kultur und Geschichte als wir selbst«, schwärmt etwa Mario Tebaldi, der ein Vertragshotel des ADAC besitzt.
Den von Stefani beschriebenen Typus des rülpsenden Teutonen mit Hängebauch »kenne ich nicht«, behauptet der freundliche ältere Herr mit den langen weißen Haaren. Tebaldis Klienten lieben nicht nur Pasta, sie sind zudem feinsinnig, kunstinteressiert, wissen einen Brunello di Montalcino schon von weitem von einem Montepulciano zu unterscheiden.
Der moderne deutsche Italien-Reisende lernt beflissen die fremde Sprache, hört abends nicht etwa Tony Marshall, sondern Paolo Conte und weiß bei Bedarf die Namen sämtlicher römischer Kaiser. Kann man diese Supertouristen auch treffen? »Natürlich«, sagt Tebaldi, »aber die sind gerade am Strand.«
Am Strand sitzen fast überall Italiener, einige Südtiroler und überhaupt keine Deutschen. Wahrscheinlich kaufen sie gerade Delikatessen im Feinkostladen.
Immerhin: Im vergangenen Jahr wurden am Strand zwei Nackte eingefangen, betrunkene Deutsche, die Italienerinnen auf unflätige Weise bedrängt hatten. Später war ihnen die Sache äußerst peinlich. Russen und Ukrainer werden in Rimini kritischer beäugt. Voriges Jahr hat hier ein Ukrainer einen Deutschen am Strand erschlagen - so was gab es vorher noch nie.
Ganz vorne jedenfalls, in der ersten Reihe, stört die Letzten der Teutonen kein Stefani, kein gar nichts. Da gibt es nur Weitblick und Wasser.
Die nächsten 25 Jahre will Rimini-Veteran Hoepfner im Sommer ebenfalls in Parzelle 82 verbringen. Daran wird ihn auch kein deutscher Kanzler hindern, zu dem er sich »gar nicht äußern« möchte. Schließlich ist man Beamter, auch im Urlaub. CLAUS CHRISTIAN MALZAHN