* 4. Planet Erde - gefährdeter Reichtum * 4.2. Bedrohte Vielfalt: die Rettung von 1,5 Millionen Arten DIE MAGIE DES ERHABENEN
Everett Ruess war ein Wanderer ohne Ziel, ein von Leidenschaft Besessener. »Meine Einsamkeit ist ungebrochen«, schrieb er ehrfürchtig auf einem seiner Streifzüge durch den amerikanischen Südwesten. »Über mir schimmern die weißen Felshänge märchenhaft gegen den türkisfarbenen Himmel. Wilde Stille hüllt mich widerstandslos ein. Schönheit und Friede sind mit mir, wohin ich auch gehe.«
Allein mit seinem Esel zog der junge Amerikaner Anfang der dreißiger Jahre durch die Weiten Utahs, malte, las und schrieb. Ruess, Romantiker und Einsiedler, liebte die Natur, huldigte den Gipfeln und schroffen Kanten - und bezahlte seine Leidenschaft mit dem Tod. Mit 17 ging der Sonderling erstmals in die Wildnis. Mit 20 verschwand er in den Schluchten und blieb dort verschollen.
Inzwischen gilt der »Poet der Canyons« bei Amerikas Jugend als Legende, sei-ne Schriften treffen den Nerv der Zeit. Denn die ewige Sehnsucht nach dem Echten, Urwüchsigen steht wieder hoch im Kurs. Hunderttausende verfallen dem Lockruf der Wildnis. Sie lesen Bücher über Bergsteiger-Dramen, buchen Expeditionsreisen in die entlegensten Winkel der Erde und decken sich mit Outdoor-Kleidung und Überlebensgerät ein - ein Heer von Suchenden, das auf der Hochebene Tibets oder in der Wüste Australiens den ausgetretenen Pfaden zu entfliehen hofft.
Doch während Ruess jenseits der »ausgestorbenen Ebenen« noch fand, was er suchte, bleibt heute die Sehnsucht häufig unerfüllt. Denn wo kann der Mensch noch Wildnis finden? Wo gibt es noch das Erhabene, das Verwunschene, das Wilde und Ungezähmte?
»Vielen Menschen wird schmerzhaft bewusst, wie weit sie sich von der Natur entfernt haben und wie schwer es geworden ist, ihre instinktiven Bedürfnisse zu befriedigen«, sagt der amerikanische Ökopsychologe Robert Greenway.
Die große Nachfrage nach Abenteuern und Wildnis, glaubt der Amerikaner, sei weit mehr als eine neue Lifestyle-Droge. »Im Kern«, meint Greenway, »geht es dabei um zentrale Fragen unserer Existenz": Wie viel Wildnis braucht der Mensch? Und: Was geschieht mit den Menschen, wenn das Wilde endgültig verloren geht?
Echte Wildnis wird rar auf dem Planeten Erde. Sechs Milliarden Menschen wollen Häuser bauen, Autos fahren und sich ernähren. In 50 Jahren, so die Prognosen, werden bereits neun bis zehn Milliarden Erdenbürger den Planeten bevölkern - da bleibt kaum mehr Raum für freies Land und dichten Dschungel.
Für die wenigen übrig gebliebenen Flecken unverfälschter Wildnis auf der Erde - etwa die Antarktis und Teile der tibetischen Hochebene oder Zentralbrasiliens - sieht der amerikanische Extrembergsteiger Jon Krakauer schwarz. »Es ist zwar heute schwer vorstellbar, dass diese Gebiete je erschlossen werden«, so der Abenteurer. »Doch dasselbe hätte man vor 130 Jahren auch vom Grand Canyon sagen können, als John Wesley Powell als Erster die Stromschnellen des Colorado River hinunterraste.« Heute sei die Warteliste für diejenigen, die die Schlucht durchfahren wollten, so lang, dass man als Anwärter »frühestens 2012« mit einer Erlaubnis rechnen könne.
In Deutschland kann von Wildnis ohnehin kaum mehr die Rede sein. Wo alles abgesperrt oder eingezäunt ist, wo überall Bauern, Förster und Umweltschützer mit strenger Miene lauern, werden Naturerlebnisse praktisch unmöglich. »Nirgends herrscht eine penetrantere Ordnung in Wäldern und Flüssen, nirgends werden die gerade Linie und die Sauberkeit so pervers zelebriert wie bei uns«, schimpft der Ökologe Hubert Weinzierl, Vorsitzender des Bundes Naturschutz in Bayern.
Weinzierl lebt mit seiner Frau im bayerischen Wiesenfelden und ist ein leidenschaftlicher Verfechter des Wildnis-Gedankens. Die Parklandschaft rund um sein Schloss hat er seit 30 Jahren verwildern lassen. Was unter den Dorfbewohnern seither abschätzig »Weinzierls Verhau« heißt, entzückt den bärtigen Umweltschützer.
»Man muss der Natur nur den kleinen Finger geben, dann kommt sie wieder«, sagt Weinzierl und freut sich über Eisvogel und Mönchsgrasmücke. »Schutzgebiete für Märchen und Träume« fordert der Naturschützer, Wälder, die durch die Rückkehr eines Luchses »geheiligt« werden, und Flussufer mit dem »süßen Duft des Geißblattes«. Als naive Naturromantik eines grünen Spinners mag das mancher abtun - doch der Macht und Faszination von Wildnis kann sich kaum jemand entziehen.
Wildnis bedeutet Mystik und Gefahr, Faszination und Ehrfurcht. Philosophen haben den Begriff des Erhabenen für die Großartigkeit der Natur geprägt. Immanuel Kant und Edmund Burke beschrieben es als das Gefühl, gleichzeitig fasziniert und abgestoßen zu sein. Moderne Seelenforscher, die eigens den Zweig der Ökopsychologie begründet haben, suchen gleichfalls dem Wildnis-Gefühl und der Beziehung zwischen Mensch und Natur auf den Grund zu gehen. Die Sehnsucht, die den Menschen in der Wildnis anweht, deuten sie als ein unbewusstes Sich-Erinnern an die Zeit, als er selbst noch uneingeschränkt Natur war.
»Wildnis erleichtert es den Menschen, wieder Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen aufzunehmen«, sagt der kalifornische Ökopsychologe Allen Kanner. Den Mut, initiativ zu werden, den Glauben an und das Vertrauen in die eigenen Intuitionen sehen Psychologen durch die Wildnis-Erfahrung gestärkt. »Die Menschen spüren sofort, dass die Natur ein funktionierendes Ganzes ist, das im krassen Gegensatz zu unserer aggressiven Gesellschaft steht«, meint auch der Amerikaner Greenway.
Dramatische Veränderungen hat der Psychologe, der seit 40 Jahren Wildnis-Seminare durchführt, bei Menschen beobachtet, die sich für einige Wochen in freier Natur aufhalten. »Viele von ihnen kommen mit großen Ambitionen zurück und stellen ihr bisheriges Leben vollkommen in Frage«, berichtet Greenway. »Die Menschen sind so sehr der Natur entwöhnt, dass deren Magie sie völlig durcheinander bringt.«
In Amerika, wo Wildnis noch als Bestandteil des nationalen Selbstverständnisses gilt, argumentierten Denker wie Henry David Thoreau oder John Muir schon vor 150 Jahren, dass die Menschheit sich nur retten könne, wenn sie eins mit der Natur werde. Einhundert Jahre später begründete der Ökologe Aldo Leopold (1887 bis 1948) mit seinem Werk »A Sand County Almanac« den modernen Umweltschutz. »Wildnis ist eine Absage an die Arroganz des Menschen«, notierte er.
Mit einiger Verspätung ist der Wildnis-Gedanke inzwischen über den Atlantik auch nach Deutschland geschwappt. Als »Prozessschutz« verklausuliert, zielen Projekte deutscher Naturschützer darauf ab, Teile des Landes in den Zustand der Wildheit zurückzuführen. Im Nationalpark Bayerischer Wald etwa kann sich die Natur seit einiger Zeit wieder frei entfalten. Allerdings: Für viele Deutsche, meint Hubert Weinzierl, sei es »unerträglich, dass ein Stück Natur nicht geordnet ist«.
Der Wald als mystischer Ort, Merlin-Sagen und grüne Labyrinthe, in denen sich die Seele verlieren kann - wer sich in die Wildnis begibt, spürt stets die Lust am Wildfremden und zugleich die Sehnsucht nach verlorener Naturverbundenheit. Doch mit der Rückkehr in ein Paradies hat der Wildnis-Gedanke wenig zu tun - dagegen steht die Geschichte des Homo sapiens: Über Jahrtausende hinweg sah sich der Mensch genötigt, die Wildnis zu zähmen, sie auszugrenzen und zu kontrollieren, um ihr sein Leben abzutrotzen.
Kein Wunder, dass frühere Generationen, die eng mit der Natur lebten, keine so euphorischen Worte für die Wildnis fanden. Im Gegenteil: Wilde Natur ist mit vielen Unwörtern besetzt - als unberechenbar, unübersichtlich, unmenschlich, unheimlich und undurchdringlich wird sie beschrieben. Dämonen, Hexen, Kobolde, Geister und Zwerge tummeln sich im Dickicht.
Manche Forscher vermuten, dass die bei vielen Zivilisationsbürgern vorherrschende Ab-neigung gegen die Wildnis möglicherweise stammesgeschichtlich begründet ist. Bereits die »wilden« Vorfahren des Menschen seien keineswegs »geborene Naturschützer, sondern geborene Ausbeuter« der Natur gewesen, glaubt die Kieler Anthropologin Inge Schröder.
Auf dieses Erbe verweisen auch pessimistische Zeitgenossen, die bereits das Ende des Natürlichen heraufdämmern sehen. »Die Natur insgesamt wird untergehen«, sagt der Kölner Philosoph und Soziologe Ben-Alexander Bohnke. Es sei »ein Mythos, dass Menschen ohne Natur nicht leben können«, glaubt er und hofft auf »Naturersatz« bis hin zu einer total künstlichen »Technatur«, etwa in Form »sich rhythmisch bewegender Baum-Blumen« aus Kunststoff. Es sei an der Zeit, meint Bohnke, sich einzugestehen, dass niemand zu Gunsten der Natur auf Wohlstand verzichten wolle. »Der Mensch hat nur zwei Möglichkeiten«, folgert der Philosoph. »Entweder er geht mit der Natur zu Grunde oder er koppelt sich von ihr ab.«
Ist Natur also verzichtbar? Braucht der Mensch keine Blumen mehr, keine Wälder und Wiesen, keine »wilden, gewaltigen Weiten« und »blauen Berge, die sich aus zinnoberrotem Wüstensand erheben« (Ruess)?
»Einige wiegen sich in der Illusion, die Menschheit könne auch auf einer biologisch verarmten Erde noch ein angenehmes Leben führen«, schreibt der amerikanische Naturforscher und Vorkämpfer des Artenschutzes Edward Wilson in seinem Buch »Der Wert der Vielfalt«. Viele Anzeichen sprächen jedoch dafür, dass der Verlust der Vielfalt nicht nur das physische, sondern auch das geistige Wohlbefinden des Menschen gefährden könnte.
»Es ist leichtsinnig anzunehmen, dass die Vielfalt abnehmen kann, ohne die Menschheit selbst zu gefährden«, warnt Wilson. In der Wildnis suche der Mensch neue Lebenskraft und »das Urerlebnis des Wunderbaren«. Ziel einer dauerhaften Umweltethik müsse es daher sein, neben der Gesundheit und Freiheit des Menschen noch etwas anderes zu bewahren: »Die Welt, in der der menschliche Geist entstanden ist.« PHILIP BETHGE