»Die Mandschurei ist eine Schatzkammer«
Land, nichts als Land. Graues, flaches, monotones, gefrorenes Land, so weit das Auge reicht.
Tagelang überquert der Zug auf seiner Fahrt durch die Wildnis riesige zugefrorene Flüsse, die im kalten Sonnenlicht wie Spiegel glänzen, durchschneidet graue, kahle Wälder, fährt an Reihen grauer Lehmhäuser vorbei. Aus Fabriken strömt schwarzer Rauch in das milchige Weiß des Winterhimmels.
Die Steppe nimmt kein Ende, und der Zug scheint den flachen Horizont niemals zu erreichen, aus dem gnadenlos ein lähmender Wind bläst. Er peitscht dieses ungastliche Land und läßt es erstarren.
Die Welt nennt dieses Land die Mandschurei, die Chinesen nennen es heute »Tungpei«, den Nordosten, den reichsten Teil ihres Staates, die Industriebasis der Volksrepublik China, ihr Ruhrgebiet.
Hier steht ein Drittel der Schwermaschinen-Industrie, lagern 50 Prozent der Kohlevorkommen, wird die Hälfte des chinesischen Öls gefördert.
Chinas Panzer, Kanonen und Flugzeuge werden in Fabriken gebaut, die irgendwo in der trostlosen Weite dieser Region versteckt sind.
Sollte der Feind aus Moskau China überfallen, würde er hier angreifen müssen, denn dieses Gebiet ist wirtschaftlich am wichtigsten und strategisch besonders verwundbar. Tungpei hat eine 1840 Kilometer lange gemeinsame Grenze mit Sibirien. Jenseits der Grenze hat Moskau seine besten Panzerdivisionen aufgestellt.
Hier fand die erste blutige Schlacht zwischen zwei kommunistischen Staaten statt, 1969, als chinesische und sowjetische Soldaten wegen der Hoheitsrechte über eine unbedeutende mandschurische Insel in der Mitte des Ussuri aufeinander schossen, wobei Hunderte fielen.
Die Mandschurei, jahrhundertelang hinter der Großen Mauer vergessen, welche die Chinesen vor rund 2500 Jahren gebaut hatten, um sich gegen die Nomaden zu schützen, war ursprünglich ein einziges weites Ödland gewesen. »Obwohl nicht feststeht, wo Gott das Paradies gründete, können wir sicher sein, daß er einen anderen Platz gewählt hat als diesen«, schrieb der französische Priester Huc, der 1846 hier durchreiste. Bald danach wurde die Mandschurei aber plötzlich »das Land der Verheißung Asiens": Abenteurer hatten Gold, Silber und Kohle gefunden.
»Die Mandschurei ist eine Schatzkammer, und alle Großmächte sind bemüht, den Schlüssel dazu zu finden«, schrieb um die Jahrhundertwende ein Brite. Der Schlüssel war die Eisenbahn.
Der russische Zar erhielt 1896 vom untergehenden Chinesischen Reich die Konzession, eine Eisenbahn von Mandschuria nach Dairen durch die Mandschurei zu bauen. Japan führte 1904 gegen Rußland Krieg, um an der Konzession teilzuhaben.
Dieser graue leere Landstrich, der bei Temperaturen von 30 bis 40 Grad unter Null hart wie ein Fels gefriert, wurde die »Arena der internationalen Ambitionen« (so ein Buchtitel jener Zeit). Hunderttausende ausländischer Soldaten, Russen und Japaner, ließen ihr Leben in Schlachten, die die Welt erschütterten: Mukden, Tsuschima, Port-Arthur. Der Eisenbahnbau kam voran, und die Züge, die die Steppe durchquerten, brachten Eroberer und Ausbeuter, Elend und Fortschritt gleichermaßen in die Mandschurei.
Mitten in der verlassenen Gegend bauten die Russen aus dem Nichts das prachtvolle Harbin, eine Miniaturausgabe des kaiserlichen Moskau; im Süden gründeten sie den Hafen Dairen, bis zum heutigen Tage einer der wichtigsten Häfen Chinas.
Die Japaner machten aus dem alten Schenjang der Mandschus ein blühendes S.151 Industriezentrum, und an der Stelle, wo die Nord-Süd- mit der Ost-West-Strecke der mandschurischen Eisenbahn zusammentraf, bauten sie das neue Tschangtschun, Prototyp einer modernen Großstadt mit breiten Boulevards, großen Parks und imposanten öffentlichen Gebäuden aus Granit.
Die Mandschurei zog Abenteurer und Geschäftsleute aus der ganzen Welt an, Weißrussen strömten hier zu Tausenden ein, gefolgt von europäischen Juden.
Ausländische Kapitalisten gründeten Fabriken, Geschäfte und Bergwerke und entwickelten Inseln des Wohlstandes, um welche die Barackenstädte von Millionen eingewanderter Chinesen entstanden. Sie waren vor den Hungersnöten in ihrer Heimat geflohen, arbeiteten nun in den ausländischen Konzessionsbetrieben unter den Bedingungen halber Sklaverei, plagten sich unter dem brutalen Regime des kurzlebigen Mandschukuo-Reiches, das die Japaner 1932 als Satellitenstaat errichteten.
In der Absicht, die Mandschurei als Sprungbrett zur Eroberung Chinas zu benutzen und mit ihren Mitteln den Krieg in Asien zu führen, beschleunigten die Japaner die Industrialisierung der Region und investierten Riesensummen.
Als die Chinesen am Ende des Zweiten Weltkrieges die Mandschurei erbten, erhielten sie das am stärksten entwickelte Gebiet des ganzen Landes. Mao Tse-tung beschloß, es zur eigentlichen Industriebasis für den Aufbau des »Neuen China« zu machen -- mit Hilfe der Sowjets.
Seit 1949 tätigte Peking hier die größten Investitionen, die besten Techniker kamen. Tausende junger Leute und Tausende politischer Gefangener wurden zwangsweise hierhergeschickt, um das Land urbar zu machen und in den neuen Bergwerken zu arbeiten.
Heute, 30 Jahre nach diesen großen Anstrengungen, ist die Mandschurei immer noch das am weitesten entwickelte Gebiet Chinas, aber mehr als jede andere Region ist sie auch das Symbol der Konfusion, der Unordnung, der Mißwirtschaft und der Vertrauenskrise, die das ganze Land derzeit erschüttert.
Die natürlichen Reserven wurden überschätzt und werden jetzt knapp. Die Fabriken sind alt, ihre Kapazitäten bei weitem nicht ausgelastet. Die Industriebetriebe leiden ständig unter Mangel an Energie und Rohstoffen. Es fehlt Kapital für Neuinvestitionen.
Nach einer kurzen Periode der Dezentralisierung hat Peking nun wieder alle Befugnisse an sich gerissen, und hier bedeutet die neue zentral geleitete Politik der »Neuordnung«, daß alle Pläne für die Erweiterung der alten Industriebetriebe fallengelassen wurden, daß die Planung einiger hundert neuer Fabriken plötzlich gestoppt und für ungewisse Zeit ausgesetzt ist.
Den Menschen wird zunehmend klar, daß das große Programm der »vier Modernisierungen«, die nach dem Sturz der »Viererbande« bombastisch verkündet wurden, nur ein Wunschtraum ist, und daß selbst, wenn alle Pläne durchgeführt werden könnten, »erst die Kinder der Kinder meiner Kinder in den Genuß kommen würden«, wie ein Arbeiter sagt.
Die Automobilfabrik Nr. 1 in Tschangtschun etwa, der früheren Hauptstadt Mandschukuos, gehörte zu den Glanzstücken des »Neuen China«.
Diese Fabrik, vollständig von den Sowjets entworfen, gebaut und ausgestattet, begann 1956, den berühmten dunkelgrünen Lkw »Befreiung« zu produzieren, den man überall im Lande sieht.
Mit einer Belegschaft von 233 000 Arbeitern wurden 1958 rund 30 000 Stück gebaut. Der amerikanische Journalist und Mao-Freund Edgar Snow erhielt 1960 von den Direktoren der Fabrik die Auskunft, das Werk plane bis zum Ende 1962 jährlich 150 000 Lkw zu bauen, eine Zahl, die nie erreicht wurde.
Die Fabrik schaffte 1972 mit 72 000 Lkw ihre Jahresbestleistung. Trotz eines Personalbestandes von 40 000 Arbeitern -- von denen aber nur ein Drittel in der Produktion beschäftigt war -- ging die Produktion im vergangenen Jahr auf 60 000 Lkw zurück.
Und dieses Jahr? »Laut Plan soll nicht weniger als 1980 produziert werden«, sagt der stellvertretende Direktor Wu leicht verlegen. Dann fügt er als Rechtfertigung hinzu: »Die Fabrik ist Teil der Volkswirtschaft. Wir sind in unseren Produktionsleistungen davon abhängig, wie viele Rohstoffe uns zugeteilt werden.«
Das äußere Bild der Fabrik ist immer noch beeindruckend: große solide Gebäude aus roten Ziegelsteinen, aber in den Werkhallen Anzeichen von Alter und Krise. Über die Hälfte der Maschinen sind noch die Originalmodelle der Sowjets, inzwischen langsam und altmodisch. Nur ein einziges Montageband läuft, einige Arbeiter sind daran beschäftigt, viele andere sitzen herum, unterhalten sich und lesen Zeitungen.
Die Farbe der Lastkraftwagen, die für die letzte Probefahrt aufgereiht sind, wurde von Grün in ein blasses Blau geändert, die einzige Erneuerung an dem alten Lkw, der von 200 sowjetischen Ingenieuren entwickelt wurde.
Fachdelegationen aus verschiedenen westlichen Ländern waren vor kurzem in dieser Fabrik, um über Modernisierungsvorschläge zu diskutieren, aber S.154 das plötzliche Einfrieren ausländischer Devisen, die so dringend benötigt werden, um zumindest einen Teil der alten Maschinen zu erneuern, ließ alles beim alten bleiben.
Die einzige sichtbare Erinnerung an die neuen Lkw-, Bus- und Pkw-Modelle, die die Fabrik ab 1985 produzieren wollte, ist ein großes Ölgemälde am Haupteingang, das diese Fahrzeuge zeigt.
Im Gegensatz zur früheren Praxis in den Werken gibt es in dieser Fabrik an den Wänden keine farbigen Graphiken, die mit nach oben weisenden Pfeilen die Produktionsziele und Leistungen zeigen. Dagegen hängen in den Werkhallen Zeugnisse mit den Prüfungsergebnissen von Arbeitern, die, da die Fabrik keine Arbeit für sie hat, zum Studium abkommandiert wurden: Die eingeschränkte Produktion hat dazu geführt, daß die Mitarbeiter fast jeder Arbeitseinheit »zur Hälfte studieren« und »zur Hälfte arbeiten«.
»Wir können niemanden entlassen. Daher ist das eine gute Gelegenheit, das Wissen und die Qualifikation unserer Leute aufzufrischen«, sagt der stellvertretende Direktor Wu.
Bald dürften noch viel mehr Arbeiter der Automobilfabrik Nr. 1 in Tschangtschun dieser Art bezahlter Halbbeschäftigung folgen.
Seit 1958 stellt die Fabrik auch die schwarze Limousine »Rote Fahne« S.156 her, die das Statussymbol für die Mächtigen in der Volksrepublik China geworden ist. Wie viele dieser besonderen Fahrzeuge bereits im Verkehr sind oder wie viele produziert wurden, ist ein gutgehütetes Geheimnis ("eine Staatsangelegenheit«, sagt der stellvertretende Direktor Wu). Seit einigen Wochen kursiert das Gerücht, Peking könne die Einstellung der Produktion beschließen.
Die »Rote Fahne«, heißt es, koste zuviel und verbrauche zuviel Benzin. Die luxuriöse Innenausstattung aus Holz und die protzige schwarze Karosserie, für die auf allen Straßen und an allen Kreuzungen absolute Vorfahrt gilt, sei zudem Quelle eines leicht zu schürenden Ressentiments in einem Volk, dessen überwiegende Mehrheit immer noch auf Karren mit Pferden und Mauleseln angewiesen ist.
Würde die Produktion der »Roten Fahne« eingestellt, wäre das ein weiterer harter Schlag für die 150 000 Menschen, die von der Automobilfabrik leben. Bereits vergangenes Jahr konnte das Werk Tausenden junger Chinesen, die auf den Arbeitsmarkt kamen, keine neuen Arbeitsplätze anbieten, und auch in diesem Jahr wird niemand neu eingestellt.
Der Durchschnittslohn in der Fabrik (55 Jüan plus acht Jüan als Kollektivbonus) ist in den letzten zwei Jahren nicht gestiegen und liegt weit unter dem Durchschnittslohn kleinerer Fabriken in der gleichen Stadt. S.157
Junge Mädchen aus der Fabrik für optische Geräte in Tschangtschun etwa verdienen bis 90 Jüan im Monat -dank eines Systems individueller Gratifikationen, welche die Autofabrik nicht einführen konnte oder wollte.
Die Wirtschaftsreformen, die in China nach dem Sturz der »Viererbande« eingeführt wurden, im Westen als ein gutes Omen auf den Anbruch quasi-kapitalistischer Verhältnisse betrachtet (freies Spiel der Marktkräfte, Wettbewerb zwischen Betrieben, mehr lokale Entscheidungsgewalt im Management, bei der Planung und im Marketing), haben in der Tat zu unterschiedlicher Entlohnung innerhalb der Arbeiterschaft geführt, aber sie haben auch das früher streng kontrollierte System bei der Rohstoffverteilung unterbrochen.
Da die Fabriken und andere Unternehmen nicht mehr gezwungen sind, all ihre Produkte an den Staat abzuliefern, haben sie nach den günstigsten Möglichkeiten Ausschau gehalten, ihre Waren zu kaufen und zu verkaufen, und das beeinträchtigte natürlich die Produktion anderer Einheiten.
Große Zigarettenfabriken hatten plötzlich keinen Tabak mehr, da die Erzeuger ihn lieber an kleinere kommunale Verarbeitungsbetriebe verkaufen. Andere Werke dagegen blieben auf Waren sitzen, von denen sie in der Hoffnung auf höheren Gewinn zuviel hergestellt hatten.
Die Fabrik der Gemotang-Kommune, nicht weit von Tschangtschun entfernt, mußte etwa ihre Arbeiter bitten, Sprungfederrahmen, die niemand haben wollte, mit Rabatt von 40 Prozent an Freunde loszuschlagen.
Stahlfabriken stellten mehr schwere Eisenplatten her, als gebraucht wurden, während die Turbinenfabrik in Harbin die Arbeitszeit kürzen mußte, da ihr Feinstahl für die Produktion fehlte. Konservenfabriken in der Provinz Kirin standen still, da sie kein Material für die Herstellung der Dosen hatten.
»Ein paar kapitalistische Maßnahmen in einem sozialistischen System verbinden die Fehler beider Welten, ohne daß ihr Vorteile entstehen«, sagt ein ausländischer Wirtschaftsfachmann, der dieses Experiment jetzt in der Mischwirtschaft studiert.
Während die meisten Fabriken im chinesischen Nordosten unter Rohstoffknappheit leiden, behindert Energiemangel die Produktion aller.
In der Traktorenfabrik von Schenjang, die 1958 mit der Produktion des berühmten Traktors »Ostwind« begann, stehen zwei von drei Fließbändern still, ganze Werkhallen sind geschlossen, die Drehbänke mit alten Zeitungen zugedeckt: Um drei Uhr nachmittags wird das ganze Werk nach einer einzigen Schicht von nur sechs Stunden geschlossen -- kein Strom.
Ein Unfall, der sich kürzlich in einem Kraftwerk im nördlichen Tungpei, an der Grenze zur Sowjet-Union, ereignete, hat zu weiterer Verknappung der bereits unzureichenden Stromversorgung für die Fabrik geführt.
»Das ist nicht nur unser Problem. Wir sind alle vom Wetter abhängig, und im Winter ist nicht genügend Wasser in den Bassins«, sagt der stellvertretende Direktor Li Tschang-fu, »die Knappheit setzt gewöhnlich im November ein und dauert bis April.«
Die ganze Mandschurei hängt von einem Elektrizitätssystem ab, das fast S.158 das halbe Jahr über nicht in der Lage ist, das Industrienetz der Region ausreichend zu versorgen. In der Mandschurei gibt es auch Öl und Kohle, aber alle Pläne, diese Rohstoffe in großem Rahmen zu nutzen, um die Energienot zu lindern, wurden zurückgestellt.
Deshalb entscheidet der Staat über die Menge an Energie, die den Betrieben jeweils zugeteilt wird, und zwar anhand der Prioritätenliste. Die Traktorenfabrik in Schenjang, ebenso wie viele andere Werke, die jetzt nur vier Tage in der Woche arbeiten, steht nicht oben auf der Liste.
Die Fabrik, 1953 von den Chinesen um einen alten Komplex herumgebaut, den bereits die Japaner errichtet hatten, beschäftigt jetzt 5300 Arbeiter. Sie könnten bis zu 8000 Traktoren im Jahr produzieren, aber die vom Zentralplan für 1981 zugeteilte Quote sieht lediglich 3700 Stück vor.
»Peking hat eine generelle Vorstellung von den nationalen Bedürfnissen. Man hat uns gesagt, die Bauern brauchten keine Traktoren mehr, und so befolgen wir die Anordnung«, sagt der stellvertretende Direktor Li.
In der Vergangenheit waren Traktoren Symbol für die Modernisierung der Landwirtschaft, sie wurden in dem landwirtschaftlichen Kollektivsystem auf großen Ackerflächen eingesetzt. Seit dem Sturz der »Viererbande« aber und mit der fortschreitenden Auflösung der Volkskommunen wird in ganz China mehr und mehr Land zur privaten Nutzung freigegeben, ein neues Abrechnungs- und Lohnsystem wurde eingeführt: Die Bauern sind nicht mehr am allgemeinen Einkommen der Kommune oder Brigade beteiligt, sondern werden dafür bezahlt, was ihre Familie produziert.
Die Folge ist, daß die Bauern dazu neigen, sich auf die Arbeit auf ihrem Stück Land zu konzentrieren, das ihnen zugeteilt wurde, und da diese Parzellen nicht groß sind, können Traktoren nicht mehr eingesetzt werden. Folge: Die Produktion von Traktoren und ähnlichen Maschinen wird nicht mehr befürwortet.
»Können wir Ihre Fabrik besichtigen?« fragte der SPIEGEL bei einem Werk an, von dem in der Vergangenheit bekannt war, daß es Handtraktoren und anderes landwirtschaftliches Gerät produzierte. »Es tut uns leid«, lautete die Antwort, »wir produzieren diese Dinge nicht mehr. Wir stellen jetzt Nähmaschinen her.«
Da wäre es interessant gewesen, zu sehen, wie eine solche Umstellung wohl funktioniert, aber die Besichtigung wurde als »unpassend« abgelehnt.
»Die ''Neuordnung'' bedeutet, daß der Vorrang von der Schwerindustrie auf die Leichtindustrie verlagert wird und daß das produziert wird, was die Leute brauchen«, erklärt Liang Wan-jo vom Produktionskontrollbüro in Liaoning, einer der drei Provinzen der Mandschurei.
In der ganzen Region werden die Betriebe der Schwerindustrie, die früher die symbolträchtigen Ausrüstungen für den Fortschritt des Landes herstellten, jetzt aufgefordert, zur Produktion der langersehnten neuen Symbole des individuellen Wohlstandes beizutragen: Fernsehgeräte, Radios, Fahrräder, Nähmaschinen, Tonbandgeräte, Uhren.
Für viele Betriebe ist die Umstellung mühsam, für manche unmöglich. Fast immer ist die Schließung von Werkhallen die Folge, viele Arbeiter haben keine Arbeit mehr (obwohl sie noch bezahlt werden), alle früheren Pläne, die bestehende Produktion auszuweiten, sind hinfällig, die alten Werke können nicht erweitert werden, neue nicht entstehen.
In der Mitte der mandschurischen Ebene liegen die Ölfelder von Datsching, die größten Chinas. Längs der S.159 Straße, die von der Raffinerie in Datsching durch das Marschland führt, das jetzt vollständig gefroren ist, läuft eine neugestrichene orangefarbene Pipeline. Sie ist einige Kilometer lang. Dann bricht sie plötzlich irgendwo ab. Weiter unten am Verlauf der Straße sieht man aus der flachen Steppe eine Reihe neuer großer Öltanks aufragen -- leer.
Im vergangenen September wurde die große Plastikfabrik, die hier gebaut und durch die Pipeline und jene Tanks versorgt werden sollte, im Namen der Neuordnung geopfert: In der Ferne sieht man die Stümpfe der Betonpfeiler, auf denen die Fabrik stehen sollte, man sieht die schwarzen Skelette der großen modernen Gebäude, in denen 4500 Menschen, die bereits für die Arbeit in der Fabrik eingestellt wurden, untergebracht werden sollten.
Der ganze Komplex hätte 2,5 Milliarden Jüan kosten sollen, der Bau sollte fünf Jahre dauern.
Die in Deutschland für dieses Werk gekauften Maschinen sind bereits eingetroffen und liegen ungenutzt, noch in Plastik verpackt, im Schuppen. Die 1200 ausländischen Experten, die bei dem Projekt helfen sollten, wurden nach Hause geschickt, einigen der Arbeiter wurden neue Arbeitsplätze zugewiesen, andere wurden zum Studium delegiert, wieder andere überwachen die leere verlassene Baustelle, über die jetzt der Steppenwind heult.
»Für die Leute in Peking handelt es sich hierbei vielleicht nur um eine Kleinigkeit, für uns war es aber ein Großprojekt, und nicht alle Arbeiter begreifen, warum es gestoppt wurde«, sagt ein Mitglied der Administration in Datsching.
Peking erklärt, der Bau dieser Plastikfabrik sowie viele andere Projekte in China habe eingestellt werden müssen wegen der Knappheit ausländischer Devisen, die für die Bezahlung importierter Maschinen gebraucht werden.
Der wahre Grund dürfte allerdings noch ernsthafter sein: Datsching produziert nicht mehr genügend Öl, um diese Fabrik und andere Projekte zu versorgen, die im Hochgefühl des Ehrgeizes und der Illusionen nach dem Sturz der »Viererbande« entworfen wurden.
»Die Rohölproduktion in Datsching ist jährlich um durchschnittlich 28 Prozent gestiegen«, heißt es in einer offiziellen chinesischen Broschüre aus dem Jahre 1978. Das stimmte schon damals nicht, aber anhand dieser und anderer gefälschter Zahlen wurde seinerzeit geschätzt, daß Datsching 1985 mit ungefähr 100 Millionen Tonnen Rohöl zu den »Vier Modernisierungen« beitragen könne.
In Wahrheit aber erreichte Datsching 1976 eine Produktion von 50 Millionen S.162 Tonnen und hat diese nie überschritten. »Wir haben jetzt das gleiche Produktionsvolumen, und wenn wir es bis 1985 aufrechterhalten können, wird das durchaus ein Weltrekord sein«, sagt Li Wen-hai, ein Parteifunktionär auf den Ölfeldern von Datsching, mit falschem Triumph.
Diese Menge wäre genau die Hälfte dessen, was man erhofft hatte, aber jetzt scheint nicht einmal mehr das möglich: Es wird erwartet, daß die Rohölproduktion in Datsching während der nächsten Jahre nach und nach zurückgehen wird.
Die Entwicklung Datschings ist typisch für die Folgen der politischen Schwankungen in China. Zu Beginn des Jahrhunderts, als die Russen die Eisenbahn durch die Steppe legten, richteten sie eine winzige Bahnstation namens Sartu ein. 30 Jahre später witterten die Japaner, daß es in dieser Gegend Öl gebe, aber sie fanden keins.
Eine Gruppe chinesischer Techniker stieß 1959 nach monatelangen Versuchen darauf. Es war wenige Tage vor dem zehnten Jahrestag der Gründung der Volksrepublik, und der Name Sartu wurde umgewandelt in Datsching: »Große Feier.«
Der erste Winter war schrecklich. »Wir hatten keine Unterkünfte. Nachts sank die Temperatur auf 40 Grad unter Null. Wir hoben Gräben aus, wir bedeckten sie mit Plastikplanen und dort schliefen wir«, erinnert sich ein Arbeiter, der hier schon von Anfang an ist.
Das war die Zeit, als die Sowjets ihre gesamte Hilfe zurückzogen und ihre Experten aus China abberiefen, und so wurde die Entdeckung des Öls in Datsching dazu benutzt, die Moral Chinas zu stärken. Datsching wurde zum Prüfstein der Fähgkeit des Landes, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, zum Symbol des Selbstvertrauens der Chinesen.
Aus allen Teilen des Landes strömten Arbeiter herbei, die unfruchtbare wilde Ebene belebten Tausende von Menschen, die gegen die Natur kämpften, indem sie eine Bohrstelle nach der anderen anlegten.
Sie waren erfolgreich, und die Produktion stieg ständig. 1963 stand die Raffinerie in Datsching, ganz allein von den Chinesen erbaut, wie eine Kathedrale aus Stahl in der Weite der Steppe. Später folgten das Kunstdüngerwerk und die Fabrik für synthetische Textilien.
1964 besuchte Mao die Ölfelder und schrieb das berühmte Motto: »In der Industrie müssen wir von Datsching lernen.« Datsching wurde ein Mythos. Funktionäre aus allen Teilen Chinas pilgerten hierher. Geschichten über die Heldentaten in Datsching füllten die Lehrbücher des Landes, und vorbildliche Arbeiter, wie der »Eiserne Wang«, später ins Zentralkomitee der Partei berufen, wurden Helden der Nation, zum Nacheifern empfohlen.
Ein altes chinesisches Gedicht, in dem beschrieben wird, was man sieht, wenn man vom Mond herunterschaut, wurde modernisiert, Generationen von Kindern lernten es auswendig mit dem Zusatz, daß man auch die Ölfelder von Datsching sehe.
Die Kulturrevolution berührte Datsching nicht. Im Gegenteil, sie unterstrich seinen Mythos sogar noch.
Die Menschen wohnten in primitiven Lehmhäusern, aber die Ölfelder breiteten sich weiter aus. Das Motto lautete: »Zuerst die Produktion, dann der Lebensunterhalt.« Auch der Sturz der »Viererbande« betraf Datsching nicht. 1977 entwarf eine nationale Konferenz zur Auswertung der Erfahrungen auf diesen Ölfeldern den Plan, »zehn weitere Datschings bis zum Ende des Jahrhunderts« zu erschließen.
Die Ölproduktion und Datsching sollten die Säule der »Vier Modernisierungen« sein.
Schulkinder wiederholen noch immer auswendig die Ruhmestaten von Datsching, in China sind die Mauern noch immer mit den vier weißen Zeichen auf rotem Untergrund bedeckt: »In der Industrie müssen wir von Datsching lernen.« Der einzige Ort des Landes, wo man diese Losung nicht findet, ist Datsching selbst.
Sogar, was Hua Kuo-feng während seines Besuches 1977 hier zum Lobe Datschings geschrieben hat, wurde entfernt. Die große Anschlagtafel, die diese Losung trug, steht jetzt leer, einfarbig rot, am Ende der Straße, die zum Bahnhof führt.
Von den Hunderten von Losungen und Mao-Zitaten, die einst als Farbtupfer in der Ebene von Datsching standen, ist nur noch eine auf dem Hofe des riesigen Gästehauses für Besucher übriggeblieben, die nicht mehr eintreffen. Sie preist »die große Einheit der Völker der Welt«. Datsching ist nun für nichts mehr ein Vorbild.
Sein Untergang ist das Ende einer ganzen geschichtlichen Epoche des »Neuen China«. Die Werte, für die Datsching Symbol war, lauteten: »Harte Arbeit und Selbstvertrauen«. Jetzt sieht der Besucher als erstes aus Rumänien importierte gelbe Busse, die zwischen den Fabriken hin- und herpendeln. »Wir könnten auch in China gebaute Busse benutzen, aber die Regeln des internationalen Handels haben uns diese S.164 vorgeschrieben«, sagt der Reiseleiter ein wenig verlegen.
Als 1974 die aus den Vereinigten Staaten importierten Maschinen für die neue Kunstdüngerfabrik eintrafen, weigerte sich ein ganzes Team Elektriker, sie zu installieren. Jetzt sind etliche Werke ausländisch ausgerüstet.
Ein gewisser Widerstand dagegen ist geblieben. Man klagt über die schlechte Qualität importierter Maschinen und über die übertriebene Automatisierung anderer, welche die Zahl der Arbeitsplätze reduzieren, die hier wie in den übrigen Teilen Chinas an sich im Überfluß vorhanden sind.
In der Vergangenheit war Datsching ein Beispiel für die »Bauern-Arbeiter-Dörfer«, die als ideale Verbindung zwischen Industrie und Landwirtschaft gepriesen wurden. Jetzt werden diese Dörfer langsam aufgelöst, die Menschen sollen in zehn größere Städte umgesiedelt werden.
Die aus der Vergangenheit bekannten Helden von Datsching werden gleichermaßen beiseite geschoben. Der »Eiserne Wang«, dessen Bild immer noch die Schulbücher Chinas ziert, wird in Datsching selbst nicht mehr erwähnt; die Ausstellungshalle, die ihm nach seinem Tode im Jahre 1970 gewidmet wurde, ist heute ein technisches Museum für Bohr- und Pumpanlagen.
Auf einer großen Wandfläche sieht man die Lage der Ölfelder. Das nördliche wurde als letztes eröffnet. In einer alten Broschüre aus jener Zeit wird der Kampf gegen die Temperaturen unter Null beschrieben: »Die Arbeiter waren kaum in der Lage, sich gegen den Wind zu stemmen, ihre Augenbrauen waren vor Frost weiß, und winzigkleine Eiszapfen hingen von den Augenlidern.« »Was ist schon Schnee?« sagten die Arbeiter, »selbst wenn Messer vom Himmel fallen, werden wir weiterarbeiten, um neue Ölzonen zu erschließen.« Das war 1973.
Seither wurden drei weitere Gebiete als mögliche Ölfelder untersucht, aber »die Ergebnisse waren nicht ermutigend«, wie Li Wen-hai von der Administration in Datsching zugibt.
»Sind im Augenblick Bohrtrupps bei der Arbeit?« »Nein. Es ist zu kalt zum Bohren«, lautet die Antwort.
Abends, wenn der große rote Sonnenball am violetten Himmel hinter dem schwarzen flachen Horizont verschwindet und sich über den Reihen der halb vergrabenen Lehmhäuser widerspiegelt, über denen kleine Papierlaternen zur Begrüßung des Mondjahres funkeln, ist es traurig und entmutigend, sich vorzustellen, »das Blut der Industrie«, wie das Öl in China genannt wird, könne austrocknen und dieses »heldenhafte« Datsching eine tote Stadt werden, wie jene, die im Goldrausch des Wilden Westens der USA entstanden und wieder dahinschwanden.
Einige Kritiker behaupten, Datsching sei von Anfang an laienhaft ausgebeutet worden, andere sagen, man habe die begrenzten Mittel aus politischen Gründen absichtlich aufgebläht. Tatsache bleibt, daß die Menschen hier, wie in vielen anderen Teilen Chinas, fleißig gearbeitet, Jahre ihres Lebens geopfert und lange keine Fragen gestellt haben: Diese Menschen, die jetzt in ihren 50ern und 60ern sind, abgehärmt, in Wattejacken gehüllt und eine Mütze aus Hundefell auf dem Kopf, hatten einen Glauben.
Ihre Kinder haben diesen Glauben nicht mehr. In der neuen Fabrik Urea, in Holland gekauft, blicken Gruppen lustloser junger Arbeiter wie Arbeiter in jeder beliebigen Fabrik der Welt gelangweilt drein, wenn sie mit Plastiksäcken hantieren, die auf einem automatischen Transportband befördert werden. Es wurde von einer Hamburger Firma importiert. S.165
»Sie lernen nicht, sie strengen sich nicht an. Sie wollen nur eben einen Job«, sagt der Reisebegleiter. Viele bekommen ihn nicht.
Datsching hat 700 000 Einwohner, die Anzahl der arbeitslosen Jugendlichen ist höher als anderswo.
Die 150 000 Ölarbeiter, die auf der Höhe der Produktion im Jahre 1979 auf den Ölfeldern von Datsching beschäftigt waren, sind jetzt überflüssig. »Wenn sie jemand braucht, sind wir froh, wenn wir sie irgendwo hinschicken können. Aber niemand hat Bedarf, und wir können sie nicht entlassen«, sagt Herr Li.
Es fällt der Partei schwer, dem Volk die allgemeine Situation im Lande zu erklären und Gründe anzuführen, warum Datsching, das einst einen solchen Ruhm genoß, jetzt vergessen ist.
Die Partei versucht es auch gar nicht erst. Bis 1978 gab es in Datsching in jeder Arbeitseinheit täglich zwei Stunden politischen Unterricht und Diskussionen. Jetzt sind zwei Stunden wöchentlich die Regel. »Aber einige Einheiten machen nicht einmal das«, sagt ein Parteifunktionär.
Im nächsten Heft
Die besten Fabriken sind von den Russen gebaut; Wohnhäuser und Industrieanlagen verfallen, Kirchen werden instand gesetzt; der Handel an Chinas einziger offener Grenze zur UdSSR floriert.
S.157Mit alten Zeitungen abgedeckte Drehbänke.*