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DRITTE WELT Die Mythen schlagen zurück

Trotz der Invasion des Satelliten- und Kabelfernsehens auf dem Subkontinent: Das Milliardenvolk der Inder wehrt sich gegen den Vormarsch der westlichen Jugendkultur und erzwingt indisch geprägte Programme - wenig Sex, weniger Gewalt, jede Menge Kitsch. Eine Witwenverbrennung findet Sympathien auch bei Fernsehteilnehmern. Von Carlos Widmann
Von Carlos Widmann
• aus DER SPIEGEL 2/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nur ein grauer Fleck im gelben, verdörrten Gras ist geblieben, eine letzte, unaustilgbare Spur von Asche und Menschenfett. Sie wird bewacht von Uniformträgern, die mit Knüppel und Karabiner alle Trauernden oder Andächtigen verscheuchen sollen. Wer mit Blumen kommt, wird weggeprügelt.

Der Aschefleck liegt auf einer Wiese des Dorfs Satpurva im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh: eine Gruppe geduckter, peinlich sauberer Lehmhütten ohne Strom- oder Straßenanschluss, etwa 200 Kilometer südlich der Hauptstadt Lucknow.

Hier begab es sich vor gut acht Wochen, dass eine Unberührbare mit Namen Charan Shah sich in den Scheiterhaufen ihres verstorbenen Mannes stürzte und bei lebendigem Leibe verbrannte: Für fromme Hindus der Gegend ein klarer Fall von »Sati« - wohl die letzte indische Witwenverbrennung des abgelaufenen Jahrtausends.

Von Charan Shah existiert nicht einmal ein Foto, so arm ist dieses Dorf aus 24 Haushalten; bald aber könnte ein Denkmal oder ein Gnadenbild an die verkohlte Witwe erinnern. Genau dies fürchten die Regierungen in Delhi und Lucknow - darum der Auftrag an die Polizei, in Satpurva jeden Totenkult oder Pilgerbetrieb im Keim zu ersticken.

Indien will für seine Fernlenkwaffen und seine Software bekannt sein, nicht für einen jahrtausendealte Barbarenbrauch, der wirksam erst von den britischen Kolonialherren bekämpft wurde.

Nichts ist hässlich in diesem kargen, erdfarbenen Dorfidyll. Noch wurde der alte Ziehbrunnen nicht - wie sonst überall - durch eine unförmige Handpumpe ersetzt. Und in der »Stunde des Kuhstaubs« (Godhuli), wenn das Vieh heimgetrieben wird, verzaubert das schräg einfallende Sonnenlicht die Staubwolken zu einem goldbraunen Schleier, der bis zum Horizont zu reichen scheint. Wasserbüffel steigen unendlich langsam in ihren Weiher, Frauen kneten den Teig für das Abendbrot, alte Männer blinzeln in den Sonnenuntergang. Armut und Isolierung haben Satpurva bisher vor Mopeds, greller Werbung und Plastikmüll bewahrt.

Und auf den Strohdächern: keine einzige Fernsehantenne, auch keine Satellitenschüssel noch irgendwelches Kabelgewirr. Im Halbdunkel der Hütten flimmert keine fremde Welt vorüber, zappeln keine Trickfilmfiguren, krähen keine Lautsprecher. Die Stille im Dorf ist mit Händen zu greifen. Selbst in einer der rückständigsten Regionen Indiens wirkt Satpurva wie von einem fremden Planeten gefallen: losgelöst von der Modernität, abgekapselt von der Bilderflut, unberührt vom Fernsehfieber, von dem das Milliardenvolk der Inder täglich ergriffen wird.

Könnte dies vielleicht eine Erklärung sein für den Rückfall ins Mittelalter, der sich hier am 11. November 1999 abgespielt hat - als die arme Charan Shah sich ins Feuer stürzte und schrie, bis ihr der Sauerstoff ausging? War eine solche Witwenverbrennung eben nur möglich unter diesen unwissenden »Sklaven der Götter«, an einem abgeschnittenen Ort wie Satpurva, der auch nach Indiens Aufstieg zur Atommacht weiterhin in den alten Mythen gefangen blieb und von den Segnungen des Kommunikationszeitalters nichts mitbekommen hat?

Oder anders gefragt: Wäre die Analphabetin Charan Shah auch dann heroisch an die Seite ihres Mannes auf die glosenden Holzscheite gesprungen, wenn sie wenigstens über den Wissensstand einer indischen Fernsehteilnehmerin verfügt hätte?

Medienkritische Schlagzeilen legen den Verdacht nahe, dass eine solche Frage unter Indiens national gesinnten Intellektuellen diskussionswürdig wäre. »Das Satellitenfernsehen nagt an unserem Wertesystem«, lautete die Bilanz einer Tagung in Delhi, auf der ausführlich über den zersetzenden und verwestlichenden Einfluss der elektronischen Medien gejammert wurde. An der indischen Fernsehfront, so verkündeten die Teilnehmer, sei der »volle Einsatz aller unserer ererbten Künste« geboten, um der kulturellen Überfremdung aus dem Westen zu begegnen.

Das traditionsverwurzelte Denken und Fühlen aller Inder nehme Schaden, hieß es, wenn die Frauen im Werbefernsehen als »halbnackte Sexobjekte« dargeboten würden. Und eine bekannte Tänzerin der Kathak-Schule klagte darüber, dass ihre eigenen Kinder sich eher von Michael Jacksons zuckendem Breakdance begeistern ließen als von den klassisch vollendeten Verrenkungen ihrer Mutter.

Solche regelmäßig geführten Beschwerden indischer Intellektueller dürften allerhand beigetragen haben zu einer ebenso hartnäckigen wie weit verbreiteten Legende: dem Gerücht, dass Indiens Öffnung für das kommerzielle Fernsehen - aus dem Ausland wie aus den Produktionsstudios in Bombay - drauf und dran sei, die tief im Hinduismus verwurzelte Gesellschaft des Subkontinents aus den Angeln zu heben.

65 Millionen indische Haushalte verfügen über ein Fernsehgerät - nicht viel für ein Land mit einer Bevölkerung, die gerade die Schwelle der Milliarde überschritten hat. Und nur 25 Millionen der indischen Geräte empfangen - über Satellit oder Kabel - andere Programme als das Staatsfernsehen. Dennoch ist die Anziehungskraft der Television in Indien »wie eine Drogensucht«, sagt Shailaja Bajpai, die im »Indian Express« die Fernsehkolumne verfasst: »Trotz der Hitze und der raschen Verderblichkeit der Speisen kaufen die Leute sich eher einen Farbfernseher als einen Eisschrank.«

Ganesha, der fette elefantenköpfige Gott, thront girlandengeschmückt und Glück bringend auf vielen indischen Fernsehgeräten. Oder es ist der mutige Affenkönig Hanuman, ein Held aus dem »Ramayana«-Epos, der die Glotze in der Wohnküche zum Hausaltar erhebt.

Ein verführerischer Gedanke somit, dass ausgerechnet unter solchen religiösen Vorzeichen bei den Indern die Fesseln der hinduistischen Tradition gesprengt werden könnten - von einer ungebremsten Bilderflut, die angeblich das Bewusstsein von Millionen verändert. Seitdem Satelliten- und Kabelfernsehen das Monopol des Staatssenders Doordarshan gebrochen haben, trauen Optimisten dem Bildschirm sogar eine segensreiche Wirkungsmacht zu.

Gegen das indische Kastenwesen zum Beispiel: Denn wie könne dieses menschenverachtende System kollektiver Diskriminierung die tägliche Gegenüberstellung mit den vorurteilsfreien westlichen Lebensformen aushalten, die den Indern - vermeintlich - vom Satellitenfernsehen suggeriert wird?

Oder gegen die uralte, bisher unerschütterliche Tradition der patriarchalisch geschmiedeten Ehe: Wie lange würden junge Inder und Inderinnen es sich noch bieten lassen, dass die Braut - oder der Bräutigam - von den Eltern ausgesucht wird, wenn ihnen doch auf dem Bildschirm ständig Glück und Selbstverwirklichung durch die Liebesheirat vorgegaukelt wird?

Keine 50 Kilometer von der winzigen Ortschaft entfernt, wo die unglückselige Witwe Charan Shah in Flammen aufging, werden solche Fragen durch die Realität des modernen bäuerlichen Indien erwidert. Und dessen Antwort lautet: Es läuft alles reichlich anders, als der Besucher aus dem Westen sich das vorgestellt hatte.

Atkohan und Dumra sind große Dörfer mit über 6000 Einwohnern im Norden von Madhya Pradesh. Sie liegen an der Busstrecke zwischen den Städten Lucknow und Khajuraho, und ihre Behausungen sind rundum »pakka«, also solide aus Backsteinen gefertigt. Banken haben hier Filialen errichtet, es gibt fast jeden Tag Strom und (für Notfälle) sogar ein Sonnenzellen-Telefon. Über den Dächern sind schon von weitem die großen Satellitenschüsseln zu sehen, die von den Betreibern der örtlichen Kabelnetze aufgestellt wurden.

Acht Uhr morgens in Atkohan und fast niemand auf den Straßen, denn um diese Zeit läuft ein Lieblingsprogramm der einfachen Inder, der Dauerbrenner des Staatsfernsehens Doordarshan. Aus dicken Gläsern gesüßten, heißen Milchtee schlürfend, sitzen Junge und Alte im Dunkeln zu Hause, um wieder eine Episode aus dem »Ramayana« zu genießen - jenem heiligen, in Sanskrit gedichteten Vers-Epos, das, zur Serie verwurstet, als Hindi-Seifenoper gegeben wird. Die knallbunten mythischen Gestalten aus dem »Ramayana« und dem ebenso populären »Mahabharata« bieten immer noch das seelische Grundnahrungsmittel der meisten indischen Fernsehteilnehmer - unterhaltsame Frömmigkeit.

Die färbt durchaus auf das wirkliche Leben ab. »Wir waren die Ersten in der ganzen Gegend, die zur neuen ,Sati Mata' gepilgert sind!«, ruft voll stolzer Begeisterung der Dorfälteste von Atkohan. »Fast 2000 von uns zogen Mitte November nach Satpurva, um der heiligen Witwe huldigen zu können - bis die Polizei mit ihrem Lastwagen und ihren drei Zelten anrückte und uns alle davonknüppelte.«

Dem Fremdling, dem diese Witwenanbetung nicht ganz geheuer ist, werden begütigende Erklärungen geboten. »Natürlich bin ich nicht dafür, dass meine Mutter oder meine Frau sich auf den Scheiterhaufen legt, wenn mein Vater oder ich selbst sterben muss«, erläutert der Kabelnetzbetreiber von Atkohan, nachdenklich eine Gewürznelke zerkauend. »Natürlich fordern wir so etwas nicht von unseren Frauen und Müttern - aber wenn eine es tut, dann bewundern wir das! Eine ,Sati Mata' - eine verbrannte Witwe - bringt uns schließlich allen Glück.« Auch eine heiße Nachricht hat der junge Fernsehunternehmer zu bieten: »Haben Sie schon gehört, dass in Satpurva ein Wunder geschehen ist? An der Stelle, wo Charan Shah verbrannte, ist ihr Standbild aus dem Boden gewachsen!«

Dass der Umgang mit dem technischen Fortschritt einen frommen Hindu nicht davon abhält, sich wundergläubig für grausames Brauchtum zu begeistern, verwundert einen anderen Fernsehgewaltigen nicht: Kiran Karnik in Delhi, der in Indien mit großem Erfolg die Programme des internationalen »Discovery«-Kanals verbreitet, glaubt an eine unendliche Beharrungskraft der indischen Lebensart. »Das Fernsehen ist nur der neueste Eroberer, der sich auf indisches Gebiet vorgewagt hat«, meint Karnik. »Und wie alle unsere vorherigen Invasoren - die Großmoguln oder die Briten - wird es von den Indern vereinnahmt und unterworfen werden. Dieser Prozess ist bereits in vollem Gang.«

Dabei leitet Karnik den einzigen Satellitensender in Indien, der mit seinem Bildungsprogramm - trotz der Synchronisierung auf Hindi - völlig »westlich« und international geblieben ist, indessen alle anderen sich für den Hausgebrauch verändern, »verindern« mussten. Nirgends ist das so krass erkennbar wie bei dem weltweit verbreiteten Jugendkanal MTV.

Vor drei Jahren noch erschraken westliche Indien-Kenner, wenn sie im Hotelzimmer das MTV-Programm betrachteten und sich fragen mussten, wie das wohl auf indische Jugendliche wirken mochte: Die drastische Darbietung von hartem Rock und zotigem Rap, die Verherrlichung von Sex und Gewalt würden, so war zu befürchten, unter der städtischen Jugend Indiens wahre Verheerungen anrichten. »Es wirkte wie eine elektronische Aufforderung zur Kriminalität«, sagt Namita Unnikrishnan, die ein Buch über den Einfluss des Fernsehens auf Slum-Kinder geschrieben hat.

Doch mit einem solchen Programm konnte MTV-India keineswegs lange reüssieren. Widerstand regte sich sogar bei jungen Leuten. Die meisten Inder waren von dem, was der Westen als Jugendkultur anbietet, abgestoßen, ja angeekelt.

Das überwiegend großstädtische Publikum erzwang rasch eine Kurskorrektur, und heute bietet MTV-India eine originelle Mischung: Musikszenen aus den absurdphantastischen Filmen der Bombayer Traumfabrik »Bollywood« dominieren, werden aber abgelöst von realistischen Bildfolgen, in denen zumindest das städtische Indien sich wieder erkennt, all das gepaart mit harmlosem »Indi-Pop« und atemloser westlicher Schnitttechnik.

Die Video-Jockeys sprechen eine unsägliche Mischung aus amerikanisiertem Englisch und Gossen-Hindi: Sie droht zum Idiom zu werden, das Indien im kommenden Jahrhundert sprachlich vereinen könnte.

»Indi-Pop« wird die recht zahme Tanzmusik genannt, und die filmischen Leitbilder dazu entstammen überwiegend der Kitschwelt des alten Bombay-Kinos. Der »Sekes« (wie viele Inder das Wörtchen Sex aussprechen) ist von MTV geradezu renationalisiert worden: Rundliche Schönheiten tanzen wieder hüftschwingend im Regen, damit die Kleidung schön am Körper klebt; sie tauschen mit ihren Galanen höchstens angedeutete Küsse aus, und ihr Gesang ist von süßlich girrender Sinnlichkeit.

Nach einer kurzen Periode allgemeiner Neugier spielt die außerindische, die westliche Welt auf den Bildschirmen wieder eine völlig untergeordnete Rolle. Die auf Hindi sprechenden Busenwunder von »Baywatch« und der unverwüstliche, englisch parlierende Inspektor Derrick werden nur von winzigen Minderheiten wahrgenommen. Da es - außer bei reichen Indern - in den Haushalten höchstens ein Fernsehgerät gibt, haben stets die Erwachsenen den Finger am Drücker: Tagsüber sehen die Frauen fern, am Abend bestimmen die Männer das Programm.

Wer scharfe Sachen sehen will, muss sich schon eine eigene Satellitenschüssel leisten und bis drei Uhr morgens warten. Dann erst, wenn in Moskau Mitternacht vorüber ist, kann da und dort in Indien TV 6 empfangen werden: der russische Sender, der »Playboy«-Filme verbreitet.

Das ist freilich »soft core«, genitalienfreier Sex. Das Kontrastprogramm dazu bieten die indischen Fernseh-Gurus, die in Lokalsendern offenbar über unbegrenzte Zeit verfügen: Meist weißbärtige Weisheitlinge, die humorvoll-abgeklärt zu schwafeln verstehen.

Auf die Frage, wie viele Stunden am Tag sie mit Fernsehen verbringen, antworten die meisten Inder verständnislos. »Wenn wir schlafen gehen, wird das Gerät meist ausgeknipst«, lautet eine gängige Auskunft.

Dass der Fernseher dauernd eingeschaltet ist, bedeutet freilich nicht, dass er alles beherrscht: Er gleicht eher einem älteren Verwandten, der den ganzen Tag in einer Ecke sitzt und unentwegt Geschichten erzählt. Nicht immer wird ihm zugehört.

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