»Die Nachbarn wollen den Wechsel« - DER SPIEGEL
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»Die Nachbarn wollen den Wechsel«

Der irakische Oppositionsführer Ahmed Schalabi über Amerikas bevorstehenden Sturm auf Bagdad und die Bereitschaft von Saddam Husseins Soldaten zum Seitenwechsel
• aus DER SPIEGEL 37/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schalabi, 57, ist Vorsitzender des Irakischen Nationalkongresses (INC), einer Dachorganisation der Iraker im Exil, die von der US-Regierung politisch und finanziell unterstützt wird. Der ehemalige Bankier studierte in den USA und lebt heute in London. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Dr. Schalabi, wann werden die Vereinigten Staaten gegen Saddam Hussein in den Krieg ziehen?

Schalabi: Ich rechne nicht vor Anfang nächsten Jahres damit.

SPIEGEL: Worauf stellen Sie sich ein: auf verdeckte Aktionen der CIA oder auf einen Krieg nach dem Modell von 1991 mit einer großen Invasionsmacht?

Schalabi: Die Entscheidung steht noch aus. Wir betrachten diese Militäraktion, wie immer sie aussehen mag, nicht als Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und dem Irak, sondern als nationalen Befreiungskampf, der vor vielen Jahren begonnen hat. Wir erhoffen uns dafür Unterstützung von den Vereinigten Staaten.

SPIEGEL: Ist es nicht eigentlich umgekehrt? Das US-Militär würde doch den Krieg führen und Washington über die Rolle entscheiden, die Ihrer Organisation dabei zufiele.

Schalabi: Ich habe der amerikanischen Regierung angeboten, dass der INC sich an der Invasion beteiligt, da es in unserer Verantwortung liegt, den Irak zu befreien. Die Regierung Bush hegt Sympathie für unsere Sicht der Dinge.

SPIEGEL: Bildet das US-Militär jetzt verstärkt Kämpfer des INC aus?

Schalabi: Das geschieht auf der Grundlage des Irak-Befreiungsgesetzes, das die USA 1998 verabschiedet haben. Ich werde Ihnen aber nicht sagen, wie viele Rekruten gegenwärtig ausgebildet werden.

SPIEGEL: Verteidigungsminister Donald Rumsfeld stellt sich einen Krieg nach dem Afghanistan-Modell vor. Das Problem besteht aber darin, dass der INC nicht mit der Nordallianz vergleichbar ist.

Schalabi: Das stimmt, denn im Irak lebt ein Großteil der Bevölkerung in Städten, und Saddam hat, anders als die Taliban, einen totalitären Überwachungsstaat organisiert. Richtig an Rumsfelds Überlegungen ist, dass die Iraker sich mit Hilfe des US-Militärs selbst befreien sollten.

SPIEGEL: Dem INC gehören etliche ehemalige Generäle und Offiziere der irakischen Armee an, die das Land allerdings zumeist vor vielen Jahren verlassen haben. Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass Saddams Soldaten deren Befehlen gehorchen werden?

Schalabi: Die irakischen Soldaten gehorchen Offizieren, die das Kommando inne- haben. Ich bin mir sicher, dass sie nur so lange für Saddam kämpfen, wie sie keine Alternative haben. Wenn es aber eine neue Autorität gibt, werden sie deren Befehlen gehorchen.

SPIEGEL: Worin kann denn nun tatsächlich der Beitrag des INC bestehen?

Schalabi: Wir können eine wichtige Rolle beim Aufbau einer Verwaltung und bei der Kontrolle der von Saddam befreiten Gebiete spielen. Wir sind Iraker, wir können das Vertrauen der Iraker gewinnen.

SPIEGEL: Große Ungewissheit herrscht darüber, welche Massenvernichtungswaffen Saddam eigentlich besitzt. Haben Sie genaue Angaben über sein Arsenal an biologischen und chemischen Waffen?

Schalabi: Das Regime besitzt Vorläufer chemischer Waffen, etwa 200 Tonnen des Nervengases VX - das ist sehr viel. Es gibt Anlagen zur Entwicklung biologischer Waffen, in denen angeblich nach wie vor ausländische Experten und Firmen mitarbeiten, übrigens vor allem aus Deutschland. Die B- und C-Waffen sind nicht für einen Krieg gedacht, sondern Instrumente des Terrors.

SPIEGEL: Warum sollte Saddam sie nicht in einem Krieg einsetzen, der zu seinem Sturz führen soll?

Schalabi: Saddam hat sie schon 1988 in Halabdscha gegen sein eigenes Volk eingesetzt und auch in anderen Dörfern im kurdischen Norden.

SPIEGEL: Aber nicht im Golfkrieg vor elf Jahren - wegen der Warnung Washingtons vor einem Gegenschlag.

Schalabi: Ja, aber diesmal wird Saddam nicht vor dem Einsatz biologischer und chemischer Waffen zurückschrecken.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich eigentlich, dass die Nachbarn des Irak gegen einen neuen Golfkrieg auftreten, obwohl Präsident Bush Saddam als Gefahr für den ganzen Nahen Osten darstellt?

Schalabi: Natürlich wollen die Nachbarn den Regimewechsel in Bagdad. Nehmen Sie Iran, den die Massenvernichtungswaffen Saddams seit dem Krieg von 1980 bis 1988 aufs Tiefste beunruhigen. Teheran unterstützt die irakische Opposition, und trotz aller Differenzen mit den Vereinigten Staaten wird Iran Unterstützung auch im Krieg gewähren.

SPIEGEL: Aber Sie wollen nicht behaupten, dass die Mullahs an einer Demokratisierung des Irak Gefallen finden?

Schalabi: Iran zieht einen demokratischen Irak dem totalitären Regime vor, das seine Nachbarn mit Krieg überzieht.

SPIEGEL: Auch die Nachbarn im Norden, die Türken, fürchten eigentlich einen Krieg gegen Saddam.

Schalabi: Wenn die Türken an den Irak denken, fallen ihnen immer nur die Kurden ein. Sie stehen unter dem Druck der Europäischen Union, die Verfolgung dieser Minderheit einzustellen, haben aber große Angst vor einem kurdischen Separatismus, der aus dem Irak auf das eigene Land übergreifen könnte.

SPIEGEL: Anders als vor zwölf Jahren gehört Saudi-Arabien zu den entschiedenen Gegnern einer US-Invasion.

Schalabi: Den Saudis missfällt vor allem unser Verständnis von Demokratie und Föderalismus. Aber sie haben auch großen Respekt vor Saddam und seinen Raketen. Um es kurz zu machen: Unsere Nachbarn haben gemischte Gefühle beim Entstehen eines demokratischen Irak. Aus innenpolitischen Gründen müssen sie die Folgen eines Regimewechsels in Bagdad fürchten.

SPIEGEL: Die Golfkriegsveteranen Brent Scowcroft und James Baker haben auf mögliche Auswirkungen eines erneuten Golfkriegs auf den ganzen Nahen Osten aufmerksam gemacht. Sie fürchten, dass die Folgen schlimmer sein könnten als die Gegenwart. Scowcroft spricht sogar von einem »Armageddon« in der Region.

Schalabi: Das sind Endzeit-Beschwörungen, um Aktionen gegen Saddam zu verhindern. Aber es kann doch auch nicht Ausweis höherer Weisheit sein, dass Amerika die Tyrannen in der arabischen Welt weiterhin hofiert, denn diese alte amerikanische Außenpolitik führte zu den Anschlägen vom 11. September.

SPIEGEL: Haben Sie diese Sicht der Dinge der Regierung bei Ihrem Besuch in Washington nahe gebracht?

Schalabi: Das musste ich nicht. Die Anschläge sind von Männern aus dem Libanon, Saudi-Arabien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgeführt worden - die Attentäter kamen also aus Ländern, mit denen die Vereinigten Staaten verbündet sind. Das Armageddon, von dem Scowcroft redet, hat sich am 11. September in New York und Washington ereignet. Die Regierung Bush ist dabei, daraus die Konsequenzen für ihre Außenpolitik im Nahen Osten zu ziehen. Wer sollte ihr daraus einen Vorwurf machen? INTERVIEW: GERHARD SPÖRL

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