Die neue deutsche Leichtigkeit - DER SPIEGEL
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EXPO 2000 Die neue deutsche Leichtigkeit

Die Weltausstellung begann mit teutonischem Stolz. Doch als die Reden gehalten waren, zeigte sich, dass in Hannover ein Open-Air-Festival für Millionen gefeiert wird. Das macht Krach, aber Spaß - und Neugierige können überall ihre Nischen finden. Von Klaus Brinkbäumer
• aus DER SPIEGEL 23/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Expo-Mensch ist ein netter Mensch. Sogar der Ordner. Der Expo-Ordner lächelt und sagt: »Guten Tag.«

Das ist bemerkenswert, weil der deutsche Ordner, den man beispielsweise aus dem Fußballstadion kennt, zweierlei im Sinn hat: erstens zu imponieren und zweitens den Feind, also den Kunden, so zu provozieren, dass der »Arschloch« sagt und mit bestem Grund abgeführt werden kann.

Hingegen der Expo-Ordner! Fragt, was er tun kann für den Kunden. Lässt den Kunden im Halteverbot halten, wenn der nur eben seine Eintrittskarte abholen muss, und passt aufs Auto auf. Zum Abschied sagt er: »Viel Spaß!« Der Expo-Ordner hat das alles monatelang geübt.

Denn die Weltausstellung, die am vergangenen Donnerstag begann, soll zur Explosion von Fröhlichkeit und Bescheidenheit führen - in Hannover, so wünschen sich das Generalkommissarin Birgit Breuel und Kanzler Gerhard Schröder, könne eine Art neues Deutschland entworfen werden.

Genau das war allerdings das Problem der Eröffnung: dass alle - Breuel, Schröder, Johannes Rau - diese Masche entdeckt hatten, die sie selbst so gütig aussehen lassen sollte und das Gegenteil erreichte. Wie angespannt sie das runterbeteten, dass »dieses Deutschland, wie wir es zeigen möchten« (Rau), »uns zum Träumen bringt« (Breuel) und »alle soziologischen Gruppen und Schichten erreicht« (Schröder)!

Das wird die Soziologen aller Gruppen und Schichten vermutlich ungemein zum Träumen bewegen und wirkt ungefähr so glaubwürdig wie Reinhold Messners Selbstfindungsgerede für wandernde Daimler-Chrysler-Manager. In Wahrheit ist die Expo ja eine Entertainment-Show, deren Motto »Mensch - Natur - Technik« alles und nichts besagt und folglich weder getroffen noch verfehlt werden kann. Die Expo mag ein fantastisches Fest werden, aber sie braucht keine künstliche Botschaft und kein Pathos. Der Haken liegt in der Penetranz der Prominenz, die selbst vieles ist, aber selten bescheiden oder verträumt.

Peinlich, beispielsweise. Sigmar Gabriel, Niedersachsens Ministerpräsident, begrüßt beim Gala-Diner am Mittwoch eine Dolmetscherin neben Rau als Frau Bundespräsidentin. Autsch. »Eine Organisation wie in Kalkutta«, motzt die Schauspielerin Anuschka Renzi, die 30 Minuten lang, wie fies, auf ein Taxi warten musste.

»Ich erkläre die Weltausstellung für eröffnet«, sagt Schröder dann, obwohl das Johannes Rau sagen sollte, und zwar zwölf Stunden später. Am Donnerstagmorgen steht Rau am Eingang Ost herum und schnippelt ein rotes Band durch, was leider nicht mehr viel Sinn macht. »Eröffnung des Expo-Geländes« nennt das Protokoll diesen Akt in der Not. Immerhin darf Rau 25 Kindern auf die Schultern klopfen, was sehr hübsch aussieht auf den Fotos.

Darum geht es natürlich immer an den ersten Tagen. Am Donnerstagabend etwa sitzen 14 000 Menschen in der Preussag-Arena und warten auf Thomas Gottschalk. Der sagt dann, dass »Verona heute nicht kommen konnte, weil sie hätte nichts begriffen«, und alle lachen, und dann gehen die Kameras an, worauf alle noch mehr gewartet haben als auf Gottschalk. Die meisten sind halt da, um sich und noch etwas vorzuführen: Hannoveranerinnen in transparenten Minis ihre Expobacken, Dieter Bohlen ein Lied und Gottschalk, dass er gar nicht so schlicht ist, wie er in »Wetten, dass ...?« immer wirkt; er könnte durchaus Sachkundelehrer der 3. Klasse sein.

Niedlich, wie er eine Fünfjährige fragt, ob sie eine Ersatzwindel dabeihat. Ganz süß, wie Kai Pflaume Kamelmilcheis verteilt. Allerliebst, wie Udo Jürgens im Kreise junger Mädchen auftritt und sich den Text nicht recht merken kann. Kinder sind neben dem »Tierchen« (Schröder) namens Twipsy das zweite Maskottchen der Expo, weil Kinder die Zukunft sind und neugierig und sowieso ganz irrsinnig toll - wenn man etwas mit ihnen anzufangen weiß.

Das Erstaunliche ist, dass das ausgerechnet der Moloch Expo vormacht. Auf der Expo-Plaza, dem Zentrum des Geländes, gibt es ein Quadrat, und in diesem Quadrat sind eine Menge Löcher. Immer wieder mal spritzen aus den Löchern Wasserfontänen, mal höher, mal niedriger. Es ist schnell klar, dass hier die Eltern ihr Pausenbier trinken, während die Kleinen patschen und planschen. Darum wird das Quadrat, ungefähr 50 mal 50 Meter innerhalb einer Gesamtfläche von 160

Hektar, früh zum wahren Symbol der Expo.

Es ist nämlich so, dass am Freitag vergangener Woche, als beide Galas vorbei und auch die unbescheidenen Reden über die neue Bescheidenheit vergessen sind, alle auf das blicken, was noch da ist - und siehe da, es ist gut.

Denn jetzt ist die Expo tatsächlich eine leichte Veranstaltung geworden - monströs, aber fröhlich, deutsch, aber spontan. Und ungefähr so individualistisch wie »Rock am Ring« oder Disneyworld, aber eben nur ungefähr: Es muss ja niemand zu Chris de Burgh gehen. Wer sich die Mühe macht, auszubrechen aus der Völkerwanderung, der findet Nischen, der kann entdecken und lernen, flirten und Freundschaften schließen. Für den kann die Expo eine kleine Weltreise sein und deshalb viel Spaß machen.

Es gibt hier beispielsweise das achte Weltwunder, und das ist das »In Between«-Projekt der österreichischen Künstlergruppe »Gelatin«. Wer es sehen will, muss sich entkleiden (gänzlich oder bis auf die mitgebrachte Badehose respektive den Badeanzug) und in einen drei Meter tiefen, fünf Meter langen Wasserschacht tauchen. Und wer das Wunder gesehen hat, darf nichts verraten, weil es ja ein Geheimnis ist.

Oder es gibt den japanischen Garten »Tsutsumu«, in dem diverse Klischees montiert sind: Bank unter Baum, Findling auf Wiese. Jeden Morgen fällt genau so viel Schnee, dass er abends geschmolzen ist.

Es gibt den Themenpark, das Zentrum der Expo, der zwar in weiten Teilen ziemlich dämlich ist: Man geht eine Treppe rauf, in einen Erlebnisbereich hinein und in einer Spirale wieder runter - unterwegs preist eine Stimme aus dem Off etwa die Vorzüge der Chemie; das ist das Multimedia-Äquivalent einer Broschüre von Hoechst, und dazu duftet''s aus der Decke.

Aber dann erreicht man eben auch hier Besonderheiten wie die Halle 5, wo jeweils 120 Menschen ein Wunder der Medizin erleben. Zuerst liegen sie herum, sehen, wie der Raum in Bildern versinkt, und dann versinken sie mit - denn sie befinden sich nun im Innern eines Körpers, und der Herzschlag lässt die Wände wackeln.

Und es gibt die Afrika-Halle, die am Rande liegt, da die Afrikaner am wenigsten Geld haben, und wo auch zwei Tage nach Beginn noch gehämmert und gesägt wird. Am Namibia-Stand arbeitet Naita Hishoono, 23, und die ist eine jener vielen tausend Teilnehmerinnen, welche die Expo zu einem beispiellosen Festival machen.

Weil ihre Eltern vor über 20 Jahren Anhänger der Swapo waren, mussten sie aus Namibia fliehen; die dreijährige Naita wurde in die DDR gebracht und lebte von 1979 bis 1990 erst in Bellin bei Güstrow und dann in Staßfurt bei Magdeburg. Mit dem Mauerfall musste sie zurück, und jetzt ist sie hier, weil sie deutsch spricht und »gierig auf alles Neue« ist - wie etwa auf dieses Deutschland, in dem man nun von Hannover nach Magdeburg fahren kann.

Und dann gibt es noch die Zeitreise. In Halle 9 fahren die Besucher auf einem Laufband ins 21. Jahrhundert - das heißt: Sie müssen laufen, weil das Band unglückseligerweise kaputt ist - und sehen, wie auf dem Monitor über ihnen die virtuelle Reporterin Lisa langsam 110 Jahre alt wird.

Dann beginnt der Rückblick aufs 21. Jahrhundert. In einem Schaufenster leuchtet eine zerdrückte Marlboro-Schachtel, und alle, die es wissen wollen, erfahren nun, dass im Jahr 2046 ein »schmales Papierröllchen, gefüllt mit brennbarem Tabak«, gefunden wurde, genannt »Die letzte Zigarette«. Es ist schließlich so, dass 2030 die Schadenersatzforderungen der Krebskranken die Gewinne der Zigarettenindustrie überstiegen. Deshalb wurde der »Klimastängel« erfunden, der nicht krank machte, aber diverse Zustände und Emotionen simulierte: »Urlaub an der See, Party mit Prominenten, die Zigarette danach«.

Und weil es all diese zauberhaften Sachen gibt, ist die Expo 2000 die logische Weltausstellung im Internet-Zeitalter.

Expo-Kritiker hatten wegen des Internet ja gleich die ganze Veranstaltung für überflüssig erklärt; kenne man doch alles, zwei, drei, vier Klicks, und man sei da. Doch das ist Unsinn. Die Expo 2000 denkt das Internet weiter, weil sie virtuelle Realitäten fühlbar macht. Die Scheinwelt kehrt zurück in die wirkliche Welt - die Expo ist Internet zum Anfassen.

Das, so hat es der Bremer Bürgermeister Henning Scherf in den ersten Tagen erlebt, mache die Sache zu einem »zivilgesellschaftlichen Kirchentag, eher Generationentreff als Jugend-Flipp-Geschichte«. Es sei schon so, dass sich »die bundesrepublikanische, wiedervereinigte Gesellschaft, die in Europa angekommen ist, neu darstellt: ohne Nationalismus, ohne Militär«.

Einer wie Scherf, der auf der Expo-Plaza sitzt, würde, »wenn ich was zu sagen hätte«, lediglich »den Stecker rausziehen«, damit der Krach aufhört - der Krach von den Vahrenheide Street-Drummers, die auf der Plaza-Bühne auf Ölfässer einprügeln. Leider hat Scherf hier nichts zu sagen, denn sonst würde es auch den Tiefpunkt der Ausstellung nicht geben - den Deutschen Pavillon.

Dort steht man im Wesentlichen an, draußen und vor allem drinnen. Wie die Schnecken schlurfen die Touristen durch die Gänge, sehen Gipsköppe von Thomas Mann, Rupert Neudeck oder der Maus aus der Sendung und wissen nicht wieso. »Kunst ist das nicht«, sagt Scherf.

Dann geht es weiter, immer die Ellbogen des Nachbarn in der Seite. In einer dunklen Halle wird ein Filmchen von einem Gartenfest gezeigt, und von der Decke sinken echte Laternen herab. Den Deutschen Pavillon sollte man vermutlich erst im Jahre 2046 nach fünf oder sechs Klimastängeln betreten - dann kommt er sicher gut.

Doch wer jetzt wieder rauswankt, fällt immerhin ein paar Meter weiter in den Pavillon der Schweiz hinein, eine Skulptur aus aufeinander gelegten Holzbalken - ein Ort der Ruhe, ohne Gesumme, Gebrumme und Computer-Protzerei.

Und wer hier glücklich zusammenbricht, wird von einem furchtbaren Verdacht befallen: Hat das, was die Expo zur Party macht, etwa nichts mit neuer deutscher Leichtigkeit zu tun - und eine Menge mit den tausenden von Ausländern, die gekommen sind, um zu feiern?

* Mit dem Präsidenten des Internationalen Expo-Büros GillesNoghès, Ministerpräsident Sigmar Gabriel, Expo-GeneralkommissarinBirgit Breuel, Bundeskanzler Gerhard Schröder.

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