TALKSHOWS »Die Nische hat Vorteile«
SPIEGEL: Frau Böttinger, mit »B. trifft ...« gehören Sie zu den dienstältesten TV-Talkerinnen, kriegen Branchenlob und haben gute Quoten - und doch sind etliche Kolleginnen an Ihnen vorbeigezogen: Sabine Christiansen, Maybrit Illner, Gabi Bauer moderieren alle Talkshows bei ARD und ZDF. Warum bleiben Sie im Dritten Programm hängen?
Böttinger: Darauf eine Antwort zu finden, das ist schwer. Sagen wir mal, ich bin so gar nicht blond, 1,80 Meter lang und sage, was ich denke. Aber glauben Sie mir: Die Nische hat auch Vorteile. Ich kann mir in meiner Sendung Freiheiten erlauben, die man mir bei ARD und ZDF noch nicht zubilligen würde.
SPIEGEL: Welche?
Böttinger: Wenn ich jemanden einlade, kümmere ich mich vor allem um die Person und nicht um irgendwelche Images. Ich brauche auch keine »Bild«-Schlagzeile. Ich bemühe mich um einen Funken Ehrlichkeit und Authentizität.
SPIEGEL: Die Aufrichtigkeit, die Sie einfordern und auch ausstrahlen, ehrt Sie. Trotzdem wirken Sie mitunter wie eine Repräsentantin des alten WDR: engagiert, aufklärerisch, politisch korrekt und moralisch.
Böttinger: Gut, ich glaube immer noch fest daran, dass auch Fernsehunterhaltung aufklären und neue Einsichten vermitteln kann. Wenn Sie meinen, das sei von gestern - meinetwegen.
SPIEGEL: Sind Ihnen die TV-Talkshows insgesamt zu soft geworden?
Böttinger: Ja. Das deutsche Fernsehen entwickelt sich immer mehr zur Unterhaltungsmaschine, der Kuschelkurs ist angesagt. Scharf sein, Witze machen im direkten Gespräch - das gehört sich heute nicht mehr.
SPIEGEL: Woran liegt's - am Zeitgeist?
Böttinger: Auch. Die Konfrontation, das In-Frage-Stellen lag den Idealen der 68er-Generation einfach näher. Außerdem können sich die gefragten Gäste heute aussuchen, von wem sie interviewt werden wollen. Getalkt wird ja auf allen Kanälen. Und natürlich gehen viele am liebsten dorthin, wo sie ihr Produkt - egal ob Film, Buch oder CD - ohne kritische Nachfrage vorstellen können.
SPIEGEL: Eine besondere Art der Konfrontation hat der Sat.1-Entertainer Harald Schmidt zu Ihnen gesucht: Er hat Sie 1996 als homosexuell geoutet.
Böttinger: Das war eine Art der Konfrontation, wie sie verletzender nicht sein konnte. Ich habe damals ernsthaft überlegt, ob ich mit dem Fernsehen aufhöre. Aber das ist Schnee von gestern.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich Schmidts Attacke?
Böttinger: Ich glaube, dass eine weit verbreitete Homophobie eine Rolle gespielt hat. Aber Schmidt ist ein Medienprofi und hätte sich eigentlich denken können, was er damit auslöst.
SPIEGEL: Sie meinen den Medienwirbel?
Böttinger: Ja. Es gab ein Rauschen im Blätterwald. Aber die Öffentlichkeit ist glücklicherweise bei jedem Zwangsouting auf der Seite des Bloßgestellten. Siehe Ole von Beust.
SPIEGEL: Wie ist Ihr Verhältnis zu Harald Schmidt heute?
Böttinger: Normal, konventionell. Ich lade ihn allerdings nicht zu meinem Geburtstag ein.
SPIEGEL: Sehen Sie sich heute manchmal Harald Schmidts Sendung an?
Böttinger: Selten. Ich schlafe meistens nach den »Tagesthemen« ein.
SPIEGEL: Haben Sie so möglicherweise Schmidts Wandlung vom Dirty Harry zu Everybody's Darling verpasst?
Böttinger: Nein. Wie er in seiner Sendung heute Fernsehen ad absurdum führt, gefällt mir auch. Trotzdem ist es kein Zufall, dass ausgerechnet derjenige als großer Enttabuisierer gilt, der sich längst als Wertkonservativer geoutet hat.