Die Ochsentour - DER SPIEGEL
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BILDUNG / DOKTORTITEL Die Ochsentour

• aus DER SPIEGEL 47/1956
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Sehr geehrter Herr«, schreibt der Lübecker Schriftsteller Frido Sachse an verschiedene Adressaten, »ich kann Ihnen heute, auch ohne Sie persönlich zu kennen, etwas vorschlagen, was Ihnen sonst niemand auf der ganzen Welt vorschlagen und bieten kann: Sie können nach relativ kurzer Vorbereitung mit meiner Hilfe ... zum Dr. cult. (Doktor der Kulturwissenschaften) promovieren.«

»Was das in Ihrer Position bedeutet, ist in jedem Falle klar«, unterstreicht Frido Sachse sein sonderbares Angebot. »Ich habe die entsprechenden Gesetze, Verordnungen und Ordnungen herausgefunden, nach denen Ihnen heute ein von nur wenigen gekannter Weg offensteht, dieses Ziel zu erreichen.«

Der Lübecker Briefschreiber hält diesen Titel eines »Dr. cult.«, der an keiner Hochschule bekannt ist, nicht für fiktiv. Zum Beweise zeigt er allen, die es genau wissen wollen, die Rubrik »Doktortitel« im Bertelsmann - Lexikon »Ich sag dir alles«. Die im Februar dieses Jahres erschienene 21. Auflage (461.-485. Tausend) dieses Handbuches verzeichnet an dieser Stelle tatsächlich einen »Dr. cult.«-Titel.

Frido Sachse verdient Nachsicht dafür, daß er der Angabe eines so populären Nachschlagewerkes, das inzwischen in mehr als einer halben Million Exemplaren verbreitet ist, blindlings vertraut. Verständnis

darf auch allen denjenigen entgegengebracht werden, die auf seinen »Dr. cult.« -Köder anbissen, verspricht Frido Sachse den Interessenten doch, daß ihnen auf ihrem Bildungsweg zum »Dr. cult.« nur Minimalkosten entstehen werden, die fünf Mark pro Woche nicht überschreiten.

Dafür geht der sonderbare Lübecker Doktor-Vater ein förmliches Vertragsverhältnis mit seinen Briefkurs-Partnern ein. Mit der Unterschrift unter das Anmeldeformular gibt der Interessent seine Absicht zu Protokoll, »zum Dr. cult. zu promovieren, nachdem ich mit der Vorbereitung durch Frido Sachse, Lübeck, die Voraussetzungen geschaffen habe«. Daraufhin erhalten die »Dr. cult.«-Kandidaten einen mehrseitigen Prospekt mit einem »Gutschein für die Teilnahme am Auskunftsdienst der Vorbereitung auf das Ziel, Dr. cult. zu werden«.

Diese Vorbereitung zu einer Promotion, die es nicht gibt, umfaßt im wesentlichen zwölf Unterrichtsbriefe nach der von Frido Sachse so genannten »Erfolgsmethodik Consilia Artis«. Welcher Art diese lateinisch verbrämte Erfolgsmethode des Frido Sachse ist, erfährt der Anwärter auf akademische Würden aus einem Passus des Verpflichtungstextes.

Danach erklärt sich der Interessent damit einverstanden, »... daß mir die nebenstehend aufgeführten für mich wertvollen Bücher an dem von mir bestimmten Termin und zu den angegebenen Zahlungsbedingungen zugesandt werden. Ich weiß, daß ich ohne diese Bücher die Vorbereitungsbriefe der Consilia Artis-Methodik nicht ausschöpfen kann, so daß es also nutzlos wäre, diese Briefe anzufordern und zu erhalten, ohne gleichzeitig im Besitze der Bücher zu sein, zu dem die Briefe den Schatzkammer-Türschlüssel bieten.«

Diese Bücher sind:

- das »Bertelsmann-Lexikon« in vier Bänden;

- »Das aktuelle Lexikon«, erschienen im Bertelsmann-Verlag;

- »Ich sag Dir alles«, ein weiteres Nachschlagewerk des Bertelsmann-Verlages.

Für diese Produkte des Gütersloher Verlags-Unternehmens zahlt der Frido -Sachse-Schüler entweder 200,60 Mark in bar oder zwölf Monatsraten zu je 18,40 Mark. Damit erfüllt Frido Sachse sein Versprechen, dem zukünftigen »Dr. cult.« nicht mehr als fünf Mark pro Woche abzuverlangen.

Andere Beträge - abgesehen vom Briefporto - kassiert Frido Sachse nicht. Sein Fernunterricht nach der »Erfolgsmethodik Consilia Artis« sowie alle Korrekturen der brieflich aufgegebenen Schularbeiten und weitere Auskünfte werden kostenlos verabreicht.

Die Ausbildung zum »Dr. cult.« beginnt damit, daß Frido Sachse sich seinen Kunden brieflich vorstellt. Seine Angaben zur Person müssen auch einem Hilfsschüler Vertrauen zur eigenen Tüchtigkeit einflößen. Frido Sachse, Jahrgang 1899, seit 1929 als Schriftsteller, Journalist und »beratender Psychologe« tätig, besuchte in Leipzig die Volksschule, nach eigenen Angaben mit mäßigem Erfolg.

Nach dem ersten Weltkrieg arbeitete er sich, ebenfalls nach eigenen Angaben, »auf der Ochsentour vom Volksschüler zum Chef der Nachrichtenabteilung einer beachtlichen Zeitung« empor.

Dann gibt Frido Sachse Episoden aus seinem früheren Leben zum besten. Als »Chef der Nachrichtenabteilung« hatte er unter seinen Mitarbeitern auch eine Dame mit dem Doktortitel. »So eine miese Ziege!« entrüstet sich Sachse seinen Briefschülern gegenüber noch aus der Rückschau. »Wenn sie sich mit mir gleichzeitig irgendwo um eine Anstellung bewirbt, dann wird sie mir vorgezogen, sie ist ja ein Fräulein Doktor, und ich - ich bin nur ein Volksschüler, der etwas kann.«

Diese leidvollen Erfahrungen mit Akademikern hätten ihn, erzählt Sachse, trotz Volksschulbildung zu dem Versuch bestimmt, zum Studium zugelassen zu werden. »Als ich diesen meinen Willen an der Hamburger Universität vorbrachte, wurde ich von den kleinen Beamten im Geschäftszimmer ausgelacht 'Haha-ha und hihi'« , so lesen die Kunden der »Erfolgsmethodik Consilia Artis« in Sachses erstem Brief. »'Der will studieren? Der hat wohl einen Vogel! Ohne Abitur! Und mit Volksschulbildung!'«

Zuletzt aber habe er, Frido Sachse, gelacht. Er habe eine Verordnung aufgestöbert, die schon im alten Kaiserreich galt und noch heute dem Inhalt nach unverändert in Kraft ist. Es handelt sich - zum Beispiel für Niedersachsen - um die »Ordnung für die Zulassung zur Prüfung zum Studium ohne Abitur«, kurz das »Begabtenabitur« genannt. Frido Sachse bestand es im Alter von 43 Jahren.

Seitdem versucht der Lübecker Erfolgsmethodiker, anderen gereiften Volksschülern den Weg durch den Engpaß dieser Prüfungsordnung zu weisen und zu ebnen. In der Verfügung zum Begabtenabitur heißt es, »daß begabte Persönlichkeiten, die in ihrer Jugend das normale Abitur besonderer Umstände wegen nicht ablegen konnten und die in ihrem Beruf oder in einem besonderen Studienfach schon Besonderes geleistet haben oder aber für ein solches Studienfach besonders begabt sind, nach Ablegung einer Prüfung zum Studium an einer Universität oder Technischen Hochschule voll zugelassen werden«.

Sachse glaubt, daß das Begabtenabitur »ein nur von wenigen gekannter Weg« zum Studium ist. Tatsächlich halten die Kultusministerien der Länder diese Hintertür zur Universität nicht gerade weit offen. Auf dem Papier allerdings mutet die Prozedur recht einladend an:

»Die Prüfung umfaßt zwei schriftliche Arbeiten, eine aus dem Fachgebiet des Anwärters, eine aus der Allgemeinbildung. Für jede sind fünf Stunden Zeit vorgesehen. Die mündliche Prüfung dauert in jeder der beiden Disziplinen eine halbe Stunde. Eine Fremdsprache wird nicht verlangt.«

Der Begabten-Abiturient erhält ohne Umstände das Recht zur Immatrikulation an der Universität. Er kann also später, wenn er es schafft, auch promovieren - und darauf spekuliert Frido Sachse mit seinem »Dr. cult.« Im Grunde beschränkt sich seine »Erfolgsmethodik« auf die fernschriftliche und gelegentlich auch mündliche Vorbereitung zu diesem Begabtenabitur. Die Semester bis zur Promotion kann auch Frido Sachse seinen Briefkurs -Absolventen nicht abnehmen. Allerdings deutet er gesprächsweise an, »daß es ja zahlreiche Möglichkeiten gibt, sich das Absitzen in den Semestern zu ersparen«.

Das schwierigste Problem bei dieser akademischen Ochsentour für Volksschüler ist die Zulassung zum Begabtenabitur. Die Prüfungsordnung schreibt vor: »Der Bewerber muß seiner Persönlichkeit und seinen geistigen Fähigkeiten nach für das wissenschaftliche Studium besonders geeignet sein und über eine angemessene Bildung verfügen.«

Zur Frage der Persönlichkeit empfiehlt Sachse seinen Schützlingen, sich ein graphologisches Gutachten zu beschaffen. Damit sind aber noch nicht alle Hürden überwunden, die laut Prüfungsordnung vor das Begabtenabitur gesetzt sind. Nach der Vorschrift ist der Antrag »in der Regel nicht von dem Bewerber selbst, sondern von einer urteilsfähigen Persönlichkeit zu stellen, die mit den Voraussetzungen und dem Wesen wissenschaftlicher Arbeit vertraut ist und den Bewerber nach seinen bisherigen Leistungen bereits kennt«.

Diese Fußangel weiß Frido Sachse zu umgehen. Wie er das macht, will er nicht preisgeben. Seine Kunden jedenfalls - »und es sind viele Hunderte« - würden alle zur Prüfung zugelassen.

Für die Prüfung erteilt Frido Sachse lehrbriefliche Ratschläge etwa dieser Güte: »Sie sollen sich vorkommen wie der listenreiche Odysseus (wer das war, wissen Sie doch? Sonst lesen Sie lieber mal im Lexikon nach oder in 'Ich sag Dir alles') ...«

Im zweiten Brief heißt es frei nach Odysseus: »Den Weg der Paukerei sollen Sie meiden. Es gibt einen zweiten Weg. Der ist bequemer: Sie reden um das Thema herum ... Fragt zum Beispiel jemand, wann das Erste Reich zu Ende ging, dann sprechen Sie zunächst so lange vom Dritten, bis Ihnen ein Licht aufleuchtet oder dem Fragenden der Sinn der Frage entfallen ist.«

»Das geht in den meisten Fällen«, glaubt Frido Sachse, der noch nicht gemerkt haben will, daß es den »Dr. cult.«-Titel, mit dem er ködert, gar nicht gibt. In der 23. Auflage von »Ich sag Dir alles« ist diese unsinnige Angabe endlich getilgt.

Frido Sachse aber fährt in seiner »Dr. cult.«-Aktion fort, besucht fleißig seine Briefkurs-Absolventen und verkauft ihnen jene Bertelsmann-Bücher. Die Reisekosten ersetzt ihm die »Vertriebsgemeinschaft Buch und Wissen« in Rheda, bei der Frido Sachse fest angestellt ist. Diese Vertriebsgemeinschaft gehört dem Bertelsmann-Verlag in Gütersloh.

Schriftsteller Frido Sachse

»Wollen Sie Dr. cult. werden?«

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