Die Offensive
der Kroaten zur Rückeroberung der von serbischen Freischärlern besetzten Gebiete hat den Krieg im ehemaligen Jugoslawien gefährlich ausgeweitet. Ende vergangener Woche nahmen kroatische Verbände im dalmatinischen Hinterland von Split den Peruca-Staudamm unter Beschuß und riskierten damit eine Überschwemmungskatastrophe.
Zuvor waren an der Küste der Flughafen von Zadar und die Bucht mit der gesprengten Maslenica-Brücke eingenommen worden. Es gab Hunderte von Toten, darunter auch zwei französische Uno-Soldaten, die ins Kreuzfeuer geraten waren. Die umkämpften Regionen standen seit Beendigung des serbischkroatischen Krieges vor einem Jahr unter dem Schutz der Uno-Friedenstruppen. Die Serben in der kroatischen Krajina erklärten die Generalmobilmachung ihrer Streitkräfte und widersetzten sich dem kroatischen Vorstoß mit Unterstützung durch Freiwillige aus Belgrad.
Der Weltsicherheitsrat verurteilte den Vormarsch der Kroaten; Briten und Franzosen entsandten Flottenverbände in die Adria. Mit seiner Militäraktion gefährdet Tudjman, 70, die Mission der 16 000 Mann starken Uno-Truppe in Kroatien wie auch die Bosnien-Friedensverhandlungen bei der Genfer Jugoslawien-Konferenz. 81 Prozent der Kroaten unterstützen nach einer Umfrage jedoch das Vorgehen ihres Präsidenten. Tudjman, während des jugoslawischen Befreiungskampfes gegen Hitlers Truppen und das kroatische Ustascha-Regime Offizier bei den kommunistischen Partisanen, avancierte in den fünfziger Jahren zu Titos jüngstem General. Nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst war er in Zagreb Dozent an der Fakultät für politische Wissenschaften, kam mit der Parteilinie in Konflikt und brach schließlich mit dem KP-Regime.
Als kroatischer »Separatist« wurde Tudjman 1972 und 1981 zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Während des jugoslawischen Zerfallsprozesses eroberte der Dissident im April 1990 mit seiner rechtsnationalen »Kroatisch-Demokratischen Gemeinschaft« die absolute Mehrheit und amtiert seither als Kroatiens Staatsoberhaupt.