Die Pfennigflöter - DER SPIEGEL
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SCHLAGER / SCHALLPLATTEN Die Pfennigflöter

• aus DER SPIEGEL 28/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einige Negerjungen aus den Blechhütten-Slums der südafrikanischen Goldgräberstadt Johannesburg haben in den letzten Wochen erreicht, was Hunderte von Profi-Musikern der Schlager-Branche erstreben: Der zwölfjährige Blechflöten-Amateur und Häuptling einer Horde gleichaltriger Straßenmusikanten Lemmie Mabaso (genannt »Special") sowie der kaum ältere Elias Lerole sind internationale Schallplattenstars geworden, nachdem sie das begründet haben, was im Jargon der Schallplatten-Hersteller ein »new sound« genannt wird.

Ein »new sound"* - der englische Ausdruck wurde auch in das deutsche Musiker-Vokabular übernommen - hat für das Musikkonservengeschäft die gleiche Bedeutung wie etwa ein neues Wagenmodell für die Automobil-Industrie: Die Schallplattenhersteller müssen, wenn ihr Geschäft nicht erlahmen soll, mit immer neuen musikalischen Effekten aufwarten. Da es am Klangbild der ernsten Musik, die am Plattenabsatz ohnehin nur mit knapp 20 Prozent beteiligt ist, kaum etwas zu verändern gibt, konzentrieren sich die Bemühungen der Schallplattenmanager seit je darauf, das Publikum mit neuartigen Schlagermusik-Klängen zum Plattenkauf zu verlocken.

Die Arrangeure ändern beispielsweise die Orchesterbesetzung, nehmen musikalische Anleihen bei der Volksmusik auf oder führen Instrumente ein, die zuvor in der Unterhaltungsmusik nicht gebräuchlich waren. Besonders amerikanische Firmen brachten es zuwege, beinahe regelmäßig einen »new sound« zu kreieren und auf diese Weise den Verkauf von Schlagerplatten in der ganzen Welt immer wieder anzukurbeln. Nicht selten erreichten die Verkaufszahlen von »new sound«-Platten aus den USA innerhalb weniger Wochen die Millionen-Grenze.

Als Musterbeispiel eines erfolgreichen »new sound« gilt unter Schallplatten-Experten heute noch die Musik des amerikanischen Jazzband-Leiters Glenn Miller, der im zweiten Weltkrieg mit seinem Truppenbetreuungs-Orchester berühmt wurde. Miller war ein unbedeutender Musiker, bis er schließlich das Klangbild seiner Kapelle durch einen Arrangierkniff veränderte. (Er führte zum Saxophonsatz eine Klarinetten-Oberstimme ein.) Der »Miller-Sound« wurde alsbald von der Schallplatten-Industrie groß herausgebracht Aufnahmen des Orchesters erreichten in den USA und später in allen Ländern der westlichen Welt Rekordauflagen.

Der »new sound«, den in diesem Sommer die englische Gesellschaft »E. M. I. Records Ltd.« aus dem musikalisch unterentwickelten Südafrika importierte, ist nach Meinung des E.M.I.-Managers Weingart »bereits auf dem Wege, Rock 'n' Roll und andere populäre Musikformen zu verdrängen«. Talentspürer der englischen Firma hatten vor Jahresfrist entdeckt, daß es in der Südafrikanischen Union eine eigenständige jazz-ähnliche Schlagermusik gibt, die nach ihrer Ansicht geeignet war, das Gros der Musikverbraucher in Europa und in den USA zu begeistern.

In Südafrika ist diese Musik, die von den Eingeborenen »Kwela« genannt wird, schon lange populär. Kwela-Musik wird von Gruppen aus Negerjungen gespielt, die sich gleichermaßen am Vorbild des amerikanischen Jazz und des Rock n' Roll wie an der einheimischen Volksmusik orientieren.

Die jugendlichen Musiker spielen allerdings ihre schlichten Melodien, die vom Stampfrhythmus mehrerer Jazz-Gitarren untermalt werden, auf Instrumenten, die nach europäischen Begriffen zu den Kinder-Spielzeugen gerechnet werden - auf kleinen Blechflöten, die für wenige Groschen in jedem Johannesburger Warenhaus zu haben sind. Diese »Pfennigflöten« (Pennywhistles) haben eigentlich nur einen Tonumfang von einer Oktave, aber die »Pennywhistlers« - so nennt die Schallplatten-Industrie die Jungen - verstehen es, aus den Instrumenten noch eine weitere Oktave herauszuquetschen.

Der Klang der Pennywhistles ähnelt dem Ton billiger Blockflöten. Sie sind nicht so präzise gestimmt wie die kostspieligeren Musikinstrumente, und das Blechflötenspiel der Negerjungen klingt deshalb ein wenig undiszipliniert. Dennoch scheint die schnelle rhythmische Pennywhistle-Musik genau die Wirkungen zu haben, die sich die Schallplatten-Industrie von einem »new sound« erhofft: Nachdem die Blechflöten der Negerjungen Lemmie und Elias zum ersten Male in einer Sendereihe des englischen Fernsehens ertönt waren, erlangten die absonderlichen Klänge aus Südafrika in kürzester Frist Gassenhauer-Popularität.

Inzwischen hat die Verkaufszahl der Pennywhistle-Platten bereits die 500 000-Marke überschritten; eine Blechflöten-Nummer rangiert gegenwärtig in der englischen Bestsellerliste an zweiter Stelle. Auch kontinental - europäische Radiostationen räumen in ihren Schlagerparaden dem »new sound« aus Südafrika immer öfter Platz ein, und in Deutschland ist vor vierzehn Tagen die erste Pennywhistle-Platte auf den Markt gekommen.

Das amerikanische Nachrichten-Magazin »Time« berichtete über den anrollenden Pfennigflöten-Boom: »In England wurde der Pennywhistle-Song ,Tom Harkt'* so schnell zum Spitzenschlager in den Schallplatten-Automaten, daß die Schallplatten-Hersteller sogleich ein halbes Dutzend weiterer Pennywhistle-Nummern bestellten. Selbst Prinzessin Margaret hat schon einige Kwela-Platten gekauft.«

Daß die englischen Plattenproduzenten mit dem importierten »new sound« die in ihrer Branche übliche Kettenreaktion ausgelöst haben, wurde in den letzten Tagen offenkundig. Amerikanische Firmen bemühten sich, gleichfalls Aufnahmen mit den Johannesburger Negerjungen Lemmie und Elias für ihre Repertoires zu bekommen. Sie schickten sogar einige ihrer Star-Musiker mit dem Auftrag nach Johannesburg, am Geburtsort der neuen Schlagermusik die ersten amerikanisch-afrikanischen Gemeinschaftsaufnahmen einzuspielen.

* Sound (englisch): Klang.

* In Deutschland erschienen bei Electrola/ Columbia, Nr. C 20 927.

Südafrikanische »Pennywhistlers": Spitzenschlager auf Spielzeug-Flöten

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