Die Pleite
Die Brillantringe an den Fingern des US-Schauspielers Telly Savalas funkelten. Mit einer dem Ereignis angemessenen Behutsamkeit ging »Kojak« zu Werk und versuchte dennoch, Dramatik zu erzeugen: »Now, what's that?« und »That's great«. Schwerbewaffnete Polizisten und Savalas-Assistenten in Gummihandschuhen gaben sich bedeutungsschwer.
Aber das Spektakel in der Nacht zum vergangenen Donnerstag in der »Cité des sciences et de l'industrie«, dem einstigen Superschlachthof am Rand von Paris, wurde ein Flop. 50 erlauchte Gäste und etwa 100 Millionen live angeschlossene Fernsehzuschauer in den USA, Südamerika und Australien wollten die Freilegung der legendären Schätze des vor 75 Jahren gesunkenen Luxusdampfers »Titanic« miterleben.
Doch bei der Öffnung eines Safes und einer Ledertasche, als »Erlebnis fürs Leben« angekündigt, kam statt der ersehnten Diamanten von »Titanic«-Passagieren wie den Astors und Guggenheims nur Kleinkram ans Tageslicht: Kettchen, Goldmünzen, Kleingeld, verrottete Dollars - selten hatte man Kojak so dumm dreinblicken sehen.
Ganz so dürftig wird die Beute im Endeffekt nicht sein. Dafür sorgen Medienprofis, die den »Titanic«-Mythos beim Poker um Übertragungsrechte und Lizenzvergaben mit beispielloser Dreistigkeit auszupressen suchen. Schon werden Pariser Gerichte bemüht.
ZDF und ARD hatten den Ankauf der Direktübertragung wegen der horrenden Geldforderungen abgelehnt. »Als wir dann die Pleite mit dem Schatz gesehen hatten, weinten wir vor Sparerglück«, witzelte ein TV-Gewaltiger.
Die vorwiegend amerikanischen Regisseure des »Titanic«-Spektakels machten einen prächtigen Reibach. Er diskreditierte die technische Leistung amerikanischer und französischer Wissenschaftler bei der Bergung von etwa 800 Requisiten aus dem »Titanic«-Wrack.
In 32 Tauchfahrten hatten die Greifarme des französischen Tiefsee-U-Boots »Nautile« die Objekte aus 3800 Meter Tiefe geholt: »Es war eine großartige wissenschaftliche Erfahrung«, so Patrice Lardeau vom französischen Institut für Meeresforschung (Ifremer), einer Regierungsbehörde, die neben der »Nautile« eine Flotte von zehn Forschungsschiffen unterhält.
Amerikanischer Partner der Pariser Forscher war die angesehene Woods Hole Oceanographic Institution, deren Mitglied Robert Ballard 1985 als erster das Wrack der »Titanic« geortet hatte.
Die Franzosen fanden zwar, daß die Amis zuviel Ruhm bei dieser Pioniertat beanspruchten, aber der Bund der Wissenschaftler galt als seriös.
Dagegen erwiesen sich einige Partner aus der Finanz- und Medienwelt zunehmend als zwielichtig. Die Schatztaucherei kostete 6 Millionen Dollar, von denen Ifremer 2,5 Millionen übernahm, »aus wissenschaftlichem Interesse«, so ein Sprecher. Der Rest wurde von Sponsoren aufgebracht, die jetzt, bei der Ausschlachtung des »Titanic«-Mythos, Kasse machen wollten.
Es sind die US-Medienunternehmen LBS Communications und Westgate Entertainment, ferner eine britische, nach den Gesetzen von Gibraltar gegründete Oceanic Research Exploration Ltd., und auf französischer Seite eine Taurus International.
Das juristische Hauptproblem dabei: Die Vermarktung der Photos und Filmrechte von den »Titanic«-Überresten war nicht geregelt worden. Und so begannen die Medienhaie drauflos zu verkaufen. Über die Urheberrechtslage bekamen die Kunden nur wenig oder Falsches zu hören.
Eines der Opfer wurde der Hamburger »Stern«. Der kaufte Photos für seinen jüngsten »Titanic«-Titel von der Pariser Photo-Agentur Sygma unter der Garantie, daß nur die Agentur die von den Amerikanern vergebenen Exklusivrechte veräußern dürfe.
Aber in Paris zirkulierten noch andere »Titanic«-Photos, die der »Stern« - Exklusivität ist teuer - wohl oder übel hinzukaufen mußte. Kosten für die Hamburger: eine Viertelmillion Mark. Sygma erwirkte inzwischen eine gerichtliche Entscheidung über die Exklusivität der Bilder, Westgate Entertainment beansprucht sie weiter für sich.
Den TV-Anstalten wurden mal von dieser, mal von jener Mediengruppe die Übertragungsrechte für die Live-Show teils global für 400 000 Dollar, teils in Stücken zu 100 000 Dollar angedient. Französische Sender sollten 1,5 Millionen Franc zahlen.
Geleimt wurde die Pariser TV-Station »La 5«. Westgate-Präsident John Joslyn hatte dem Sender versichert, daß der »Titanic«-Safe bereits »unter größter Geheimhaltung« geöffnet worden sei und wahre Wunder enthalte.
Daraufhin biß »La 5« nur wenige Stunden vor der Show noch an. Die »Titanic«-Funde waren in der Tat bereits inspiziert worden, der gereinigte Zustand bewies es. Mit anderen Worten: Die Verkäufer wußten, daß sie einen Flop verkauften.
Obwohl er das Spektakel nach eigenem Bekunden an 200 TV-Stationen verkauft hat, will Joslyn plötzlich nur 3,5 Millionen Dollar kassiert haben. Diese Tiefstapelei macht Sinn: Die Medienverbündeten mißtrauen einander.
Dem Schweizer Carlos Piaget, Boß der Oceanic Research, werfen sie vor, er habe sich auf Kosten der Partner bereichert. Nun wollen die anderen ihn verklagen. Da das ganz große Geld erst noch kommen soll, etwa durch den Verkauf von Büchern und Souvenirs, eilt es ihnen mit einem Prozeß.
Geeinigt werden die Wrack-Vermarkter nur noch durch die Furcht, ein »Titanic«-Überlebender könnte Besitzrechte geltend machen. Für diesen durchaus möglichen letzten »Titanic«-Epilog schwante »Le Monde« Übles: »Ein unglaublicher juristischer Wirrwarr«.