Affären Die Ratte
Polizisten, Gewerkschafter und Gangster suchten ihn, aber vermißt wurde er nur von seiner Familie: James R. Hoffa, einst mächtiger Boß der größten amerikanischen Gewerkschaft. war abhanden gekommen, wie das FBI glaubt, für immer. »Wir rechnen noch nicht einmal damit«, so ein FBI-Sprecher, »jemals seine Leiche zu finden.«
Tatsächlich tragen die Umstände, unter denen der berüchtigte Arbeiterboß plötzlich verschwand, alle Qualitätsmerkmale professioneller Mafia-Maßarbeit: Hof fa hatte am 30. Juli auf dem Parkplatz vor einem .Detroiter Nobel-Restaurant einen mysteriösen Gesprächspartner treffen wollen. Am nächsten Morgen stand sein Wagen noch immer da, er selbst war weg.
275 Detroiter FBI-Agenten irrten durch die Straße der Stadt, folgten in Ermangelung verläßlicher Spuren dubiosen Hinweisen aus der Unterwelt: Ein Anrufer wollte Hoffas Leiche in einem Getreidefeld gesichtet haben, der Parkplatzwächter. mit dem sieh Hoffa während der Wartezeit unterhalten hatte, wurde unter Hypnose von einem Psychiater verhört -- nicht eine Spur. jedoch: kein Mangel an Motiven.
Denn für Freund und Feind scheint festzustehen -- der beste Hoffa ist ein toter Hoffa. Verärgert über alte Freunde. von denen er sich im Stich gelassen fühlte, gejagt von Feinden. die mir Dynamit und Prügel losgingen, bedrängt aber auch von der Polizei, die seit 20 Jahren ununterbrochen gegen ihn ermittelt, hatte Hoffa vor einigen Wochen zur Rundumverteidigung angesetzt Fr drohte, »auszupacken«.
Und sein Gepäck wiegt schwer: 40 Jahre Funktionär in der »International Brotherhood of Teamsters«, der mächtigsten aller US-Gewerkschaften, 14 Jahre lang, von 1957 bis Juni 1971, gar als ihr Präsident. In dieser Zeit wuchs die Gewerkschaft von 1,4 auf 2,2 Millionen Mitglieder, sammelte die Pensionskasse der »Bruderschaft« rund drei Milliarden Dollar an -- und Hoffa wußte das Kapital auch privat gut zu verwenden -, bis ihm der damalige Justizminister Robert Kennedy den Prozeß machte. Ein Bundesgericht verurteilte ihn 1967 wegen Postbetrugs, Veruntreuung, Bestechung und anderer Delikte zu 13 Jahren Haft.
Alleine vier Millionen Dollar hatten verängstigte Unternehmerbosse in Hoffa-Taschen gezahlt, um sich das Wohlwollen des korrupten Gewerkschaftsführers zu sichern. Familienmitglieder kauften billige Wertpapiere ausgerechnet solcher Firmen, denen wenig später großzügige Kredite aus der Pensionskasse der Gewerkschaft eingeräumt wurden. Über 20mal hatte Hoffa wegen ähnlicher Delikte vor Gericht gestanden, ehe Kennedys Spürhunde ihm auf die Schliche kamen.
Doch Hoffa hatte Glück. Präsident Nixon erkaufte sich Anfang 1972 Wahlhilfe der gewaltigen Teamster-Organisation durch eine Sofort-Amnestie für Hoffa, gerade rechtzeitig zum Wahltermin. Niemals zuvor bekam ein republikanischer Präsidentschaftskandidat so viele Arbeiterstimmen.
Hoffa, der die Geschäfte des Gewerkschaftspräsidenten auch hinter Gittern noch über drei Jahre weitergeführt und nur ein halbes Jahr vor seiner Begnadigung seinen engen Freund Frank Fitzsimmons als Statthalter auf den Posten gehievt hatte, rechnete mit Wiedereinsetzung in Amt und Wurden. Freilich, »die Ratte Fitz« (Hoffa über seinen Statthalter) wurde durch den Begnadigungsdeal begünstigt: Bis 1980, so verordnete die Auflage. dürfe Hoffa keinen Gewerkschaftsposten mehr innehaben. Während Hoffa sich vor Gericht um die Aufhebung seines Berufsverbots mühte, setzt er alles daran, Fitzsimmons den usurpierten Chef-Job wieder abzujagen.
Krieg brach aus, heftig und brutal, wie unter Teamster-Bossen seit Jahrzehnten: Die AFL-CIO, der amerikanische Gewerkschafts-Dachverband, hatte die Teamster schon 1957 wegen ihrer offensichtlichen Mafia-Kontakte ausgeschlossen. Jetzt machte Hoffa seinen alten Ortsverband 299 in Detroit zur Zelle des Widerstandes. Als es ihm gelungen war, seinen alten Freund David Johnson auf den Chefstuhl dieser Schlüsselposition zu bringen und Fitzsimmons Sohn Richard auf den Vize-Posten abzudrängen. folgte Schlag auf Schlag: Ans 10. Juli dieses Jahres wurde die Luxuslimousine Richard Fitzsimmons von Bomben zerfetzt, während sich sein Besitzer in einer Bar erholte.
Die Gegenseite antwortete. Hoffas Intimus Johnson wurde zusammengeschlagen. Schrotsalven zerschossen die Fenster seines Büros. und seine 15-Meter-Jacht flog nach einem Bombenanschlag in die Luft. Einem anderen Hoffa-Genossen wurde die Scheune niedergebrannt, ein weiterer entging nur knapp dem Tod, als eine Bombe vor seinem Haus explodierte.
Jetzt endlich, als Hoffas Feinde bewiesen, was sie von ihrem großen Meister gelernt hatten, gingen dem die Nerven durch: Er ließ erkennen, daß ei vor der Bundespolizei über die widerrechtliche Verwendung von Geldern aus der Pensionskasse erzählen könnte -- und das sicherlich hätte er können, schon aus eigener Erfahrung.
Doch längst hatten sich auch seine Treuesten schon auf die Seite der Gegner geschlagen. Charles O'Brien, Ziehsohn des alten Hoffa seit dem vierten Lebensjahr und sein Leibwächter, wurde am vergangenen Mittwoch nach dreitägiger Fahndung vom FBI aufgespürt. Er mußte zugeben, zur Zeit Hoffas Verschwinden in der Nähe des Tatortes gewesen zu sein -- und dann noch einmal, am nächsten Morgen, als das Auto des Vermißten gefunden wurde. O"Brien, selbst Teamster-Funktionär und seit Jahren enger Vertrauter von Fitzsimmons, gab dafür keine Gründe an.