SOWJET-UNION / LANDWIRTSCHAFT Die Reformkuh
Am 17. Juli veröffentlichte die parteiamtliche Moskauer »Prawda« auf zwei ihrer insgesamt sechs Druckseiten ein Interview mit dem plötzlich wieder aus der Versenkung emporgetauchten Vererbungsforscher Trofim D. Lyssenko (SPIEGEL 36/1954). Er forderte vom sowjetischen Landwirtschaftsministerium Aufmerksamkeit für seine neusten genetischen Experimente, deren Resultate in die Praxis umgesetzt werden müßten.
Chruschtschew belobigte den tüchtigen Forscher vor kurzem in der Öffentlichkeit Er will mit Lyssenkos neuen Methoden einen großen Sieg des Bolschewismus erringen.
Vor zehn Wochen bereits hatte der Parteisekretär von Leningrad aus die Völker der Sowjet - Union zu einer »Fleisch- und Milchschlacht« aufgerufen. »Intuition und Sowjet-Patriotismus«, so rief Chruschtschew, müßten mobilisiert werden, denn »wenn wir die Vereinigten Staaten in der Pro-Kopf-Produktion von Fleisch, Milch und Butter erreichen, dann haben wir den stärksten Torpedo gegen die Grundpfeiler des Kapitalismus abgefeuert. Dieser Sieg wird wirkungsvoller sein als die Wasserstoffbombe.«
Der unnachahmlich schwadronierende Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union schien zu glauben, eine satte Sowjet-Bevölkerung werde einen schier unwiderstehlichen Reiz auf die Massen dieser Erde ausüben. Er ignorierte dabei geflissentlich, daß die Arbeiter Westeuropas und Amerikas längst satt sind, daß sie das klassenkämpferische Pathos ihrer Großväter längst abgelegt haben, und er übersieht sogar ein altes russisches Sprichwort, in dem es heißt, daß fette Hunde leichter toll würden als magere.
Chruschtschew hält von der Arme-Leute-Philosophie des Marxismus kaum noch etwas. Und auch er zweifelt daran, daß heutzutage Ideen noch mitreißen. Aber er glaubt fest daran, daß mit dem schlagenden Argument des vollen Magens der Marxismus-Leninismus in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts noch siegen kann.
»Aufs neue werden wir uns einen Weg in das Bewußtsein der Unschlüssigen bahnen, die sich noch immer nicht für unsere Ideologie entschieden haben. Ich spreche nicht von den Kapitalisten, die nicht mehr umerzogen werden können - ein Buckel wird erst durch das Grab gerade gebogen. Unsere Aktion (der Produktionssteigerung von Fleisch, Milch und Butter) wird vielmehr auf die Unentschiedenen den allerstärksten Einfluß haben. Diese Menschen werden mehr und mehr auf unsere Seite treten und im Kampf gegen den Kapitalismus die Partei der marxistisch-leninistischen Theorie und der Arbeiterklasse ergreifen.«
Inzwischen hat sich herausgestellt daß der Parteichef die Wunderwaffe, mit deren Hilfe er die Wasserstoffbombe auf den Schrotthaufen zu verweisen und den weltweiten Sieg des Sowjet-Kommunismus zu sichern hofft, bereits zu besitzen vermeint: Der Vererbungsforscher Lyssenko hat diese Wunderwaffe bereitgestellt.
Jener Trofim D. Lyssenko hatte unter Stalin den Ruhm eines »Befreiers der Biologie von den reaktionären Fesseln des bourgeoisen Westens« genossen. Als Präsident der »Lenin-Akademie für Agrarwissenschaften« war er danach der Diktator der Sowjet-Biologie.
Die internationale Vererbungsforschung steht - mit gewissen Einschränkungen - bis heute auf dem Standpunkt, daß die Erbfaktoren eines Lebewesens weitgehend stabil sind und sich von der Umwelt nicht beeinflussen lassen. Im Gegensatz dazu dekretierte das Dogma des sowjetischen Biologen der Natur: Durch Umwelteinflüsse erworbene Eigenschaften der Lebewesen sind vererbbar.
Haargenau paßte Lyssenkos Theorie in das System des dialektischen Materialismus, der behauptet, daß insbesondere der Mensch nichts als ein Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse sei. Der Sowjet-Poet Ilja Ehrenburg feierte einst den Lyssenko: »Wir ändern die Natur, wir schaffen selbst wie der Herrgott.« Tatsächlich versuchte der Sowjet-Biologe aufgrund seiner Theorien, Kiefern in Rot-Tannen und Weizen in Hafer zu verwandeln.
Kaum war Stalin jedoch gestorben, da wurde Lyssenko eines der ersten Opfer der »Entstalinisierung«. Im Februar 1954 warf Parteisekretär Chruschtschew dem Biologen vor, daß die landwirtschaftlichen Betriebsmethoden, die auf seinem System aufgebaut worden waren, »gedankenlos und unökonomisch« seien, sich auf die Produktionserträge verheerend ausgewirkt hätten und das Getreide-Anbaugebiet der UdSSR um fast eine Million Hektar verringert hätten. Lyssenko wurde kaltgestellt.
Gerade zu jener Zeit führten jedoch verschiedene Experimente westlicher Biologen zu einer gewissen Revision der klassischen Vererbungslehre. Es wurde festgestellt, daß zwar der Zellkern allen Umwelteinflüssen gegenüber stabil bleibt, die Zellsubstanz jedoch ihre durch Umwelteinflüsse erworbenen Eigenschaften weitervererben kann.
Diese Forschungsergebnisse widerlegen allerdings die klassische Vererbungslehre keineswegs, sondern ergänzen sie. Lyssenko jedoch erkannte in den neuen Ergebnissen die Chance eines »come back«.
Jüngst erklärte er, es sei ihm nach langjährigen Versuchen gelungen, eine neue Rindviehrasse zu züchten, die weniger frißt, dafür aber mehr und fetthaltigere Milch und auch mehr Fleisch liefert. Lyssenkos Wunderkühe sollen nun dem Chruschtschew »den stärksten Torpedo gegen die Grundpfeiler des Kapitalismus« liefern.
Lyssenko gab an, schwere Kostroma-Kühe mit Bullen der leichteren Jersey-Rasse gekreuzt zu haben. Während der Trächtigkeit habe er die Erbanlagen des Embryos durch spezifische Fütterungsmethoden, über die er sich nicht näher ausließ, so beeinflußt, daß die Kälber das geringe Geburtsgewicht sowie den höheren Milchfettgehalt der Vaterrasse und die hohe Milchmenge sowie das größere Lebendgewicht der Mutterrasse erben. Er behauptet, daß seine Kühe bei einem Geburtsgewicht um 30 Kilogramm ein Lebendgewicht von 600 Kilogramm erreichen, jährlich 4000 bis 6000 Liter Milch mit einem Fettgehalt von über sechs Prozent geben und dabei nur 18 statt 28 Futtereinheiten benötigen.
Die Kaninchen des Lasik Roitschwanz
Chruschtschew will nun, »um Amerika zu schlagen«, die neuen Züchtungsmethoden des wiedererstandenen Lyssenko in großem Maßstab bei den Viehsowchosen einführen. Bereits 1957 soll die Butterproduktion mit Hilfe der Wunderkühe um 54 Prozent, bis 1958 die Milchproduktion um 40 Prozent und bis 1960 oder 1961 die Fleischproduktion um 216 Prozent gesteigert und damit der amerikanische Verbrauchsstandard eingeholt werden. Weil die Möglichkeiten der menschlichen Nahrungsaufnahme begrenzt sind, Korpulenz die Managerkrankheiten begünstigt und weil auch aus anderen Gründen in Amerika die schlanke Linie voraussichtlich weiterhin modern bleiben wird, hofft Chruschtschew, sein Ziel erreichen zu können.
Westliche Landwirtschaftsexperten sind allerdings skeptisch. Sie meinen, daß die »Milch-, Butter- und Fleischschlacht« zu einer sowjetischen Niederlage führen wird, denn Lyssenkos angebliche Züchtungsresultate widersprechen allen Erkenntnissen moderner Genetik. Professor John Loosli vom New-Yorker Staatsinstitut für Landwirtschaft sagte: »Die Kreuzung einer schweren Kuh mit einem leichten Bullen wird sich auf Größe und Gestalt des Kalbs auswirken. Bestimmte Fütterungsmethoden während der Trächtigkeit des Muttertieres können jedoch auf die Erbanlagen des Kalbs keinen Einfluß haben.«
Westliche Viehzucht-Experten vergleichen das Projekt des Biologen Lyssenko mit der fiktiven Kaninchenzucht des Lasik Roitschwanz. Dieser Held eines Romans von Ilja Ehrenburg meldete der Parteileitung eine astronomische Vermehrung seiner beiden Kaninchen, als das Zuchtpaar bereits ohne Nachkommenschaft verendet war.
Vererbungsforscher Lyssenko Vor dem Endsieg in der Butterschlacht?